Tagesarchiv für den 16. Juni 2010

Der “Fall Ballack” spitzt sich zu

16. Juni 2010

Der größte Trumpf in der Pokerrunde mit Michael Ballack heißt Hamburg. Die Stadt. Die Alster, die Elbe, der Hafen, das Tor zur Welt – die liebenswürdigen Menschen hier. Davon bin ich fest überzeugt. Ich habe ja die Vermutung und auch die leise Hoffnung, dass der HSV den „Fall Ballack“ bewusst ein bisschen herunterspielt, um noch keine Euphorie aufkommen zu lassen. Irgendwie „sagt“ mir mein Bauch, dass da schon mehr dran ist, als wir ahnen, ohnehin als wir wissen. Und so lange der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft noch bei keinem anderen Klub zugesagt hat, so lange denke ich: Ballack wird Hamburger.

Die Sache mit der Immobilie. Es geschah im November, als Michael Ballack in Hamburg war, um sich mit der Firma Engel&Völkers über eine Wohnung (meines Wissens, und kein Haus) zu unterhalten, zu verhandeln. Einen Tag vor der Beerdigung von Nationaltorwart Robert Enke saßen Ballack und der Engel&Völkers-Mitarbeiter abends im Restaurant „Palazzo“, als dort der ehemalige HSV-Trainer Thomas Doll, Kult-Sänger Lotto King Karl und der frühere HSV-Manager Torsten Walter (in der Ära von Präsident Jürgen Hunke) einliefen. Natürlich wurde sich gegenseitig begrüßt. Und Torsten Walter ließ sich mit Michael Ballack fotografieren, fragte dabei nach dem Grund, weshalb der Chelsea-Profi in Hamburg sei. Walter erinnert sich: „Ich bin hier wegen eines Immobilien-Kaufes, Hamburg ist eine schöne Stadt.“ Und dann sagte, so Walter, sagte Ballack auch scherzhaft: „Und wer weiß es schon, vielleicht spiele ich ja in der nächsten Saison für den HSV.“

Damals konnte er sicherlich noch nicht wissen, dass Chelsea ihn ablösefrei gehen lassen wird. Aber Ballack wusste, dass der HSV schon im Sommer 2009 hinter ihm her war. So wie jetzt. Was die Sache für den HSV (und seine Fans) noch ein wenig interessanter macht: Ballack hat in der Hansestadt einige dicke Freunde wohnen, der Nationalspieler war in der Vergangenheit schon oft auf eine kurze Stippvisite an der Elbe. Deswegen wohl auch der Kauf der Immobilie.

Und, ich kann es nicht oft genug (nur für mich) wiederholen: Denkt an die Sache mit der Rückennummer 13 . . .

Was auch für einen Ballack-Wechsel zum HSV sprechen könnte: Angeblich ist der Milliardär Klaus-Michael Kühne (73) von der Spedition Kühne&Nagel bereit, dem HSV eine stattliche Summe im zweistelligen Millionen-Bereich zur Verfügung zu stellen. Meines Wissen, das soll jetzt kein Scherz und auch keine Spitze sein, soll er damit aber nicht darauf pochen, Mitspracherecht in Sachen Aufstellung zu haben, auch soll er keinerlei Führungsanspruch innerhalb des HSV stellen. Er soll dieses Geld geben, weil er ein großer HSV-Fan ist, und weil er „seinem“ HSV auf die Sprünge helfen möchte. Wenn das tatsächlich alles so sein sollte, dann rufe ich dem Herrn Kühne ein herzliches Willkommen zu. Aber mal abwarten, was sich daraus noch entwickelt.

Ein Satz in diesem Zusammenhang auch noch zu Bernd Hoffmann: Sollte die Sache mit Klaus-Michael Kühne wirklich so laufen, dann hat er einmal mehr bewiesen, dass er wirtschaftlich einer der besten Leute in der Bundesliga ist. Und bevor nun alle Hoffmann-Gegner laut aufheulen und mich zum Teufel wünschen, sage ich auch: Ich bin kein Hoffmann-Fan, ich bin aber auch kein Hoffmann-Gegner. Wenn sich der HSV-Vorstandsvorsitzende nur stets und ständig darauf beschränken würde, den HSV wirtschaftlich (und nicht sportlich!) auf die Beine zu stellen (was ihm ja bislang gut gelungen ist), dann ist Bernd Hoffmann der richtige Mann für den Klub.

Ich weiß genau, dass ich mir mit diesen Aussagen wieder einmal einen Satz roter Ohren abholen werde, aber ich stehe dazu. Wenn es Bernd Hoffmann gelingen sollte, den Herrn Kühne zu dieser riesigen Finanzspritze für den Klub zu bewegen, und wenn dazu der Herr Kühne keinerlei Ansprüche stellt, die den Verein in seiner Form in irgendeiner Weise beeinträchtigen könnte, dann muss, so denke ich (zu naiv?), jeder HSVer damit eigentlich nur einverstanden sein. Es sei denn, er hätte einen noch besseren Mann an der Spitze des Klubs zu bieten, und dieser Mann würde dann auch noch bereit sein, noch viel, viel mehr Geld in den HSV zu schießen.

So, zum Fußball: Die Schweiz besiegt erstmals Spanien, die Spanier verlieren erst zum zweiten Mal seit 2006 ein Länderspiel – und der Verlierer bot dabei noch das vielleicht beste Spiel dieser WM. Diese 95 Minuten (!) waren sehenswert, spannend und dramatisch. Und sie werden den anderen Nation als Beispiel dienen, wie der Europameister doch einmal zu schlagen ist.

Übrigens: Wenn Euch der Name Reto Ziegler aufgefallen ist, dann liegt Ihr richtig mit Euren Vermutungen, dass dieser Schweizer einst auch ein HSV-Spieler war. Er spielte vom 1. September 2005 bis zum 20. Januar 2006 für Hamburg, um dann wieder zurück nach Tottenham zu gehen. So schlecht aber kann Ziegler doch gar nicht gewesen sein, denn er spielt schon seit längerem für das Nationalteam der Schweiz. Und beim HSV hat er es damals nur auf acht kümmerliche Bundesliga-Einsätze gebracht. Rätselhaft. Trainer war zu jener Zeit Thomas Doll.
So, noch einmal nach Südafrika. Dort, und wohl nicht nur dort, ist die Balldiskussion ja gehörig im Gange. Der frühere Nationalspieler Mehmet Scholl befand heute „Irgendwie weiß ich es nicht ganz genau, aber es muss auch am Ball liegen. . .“ Er bemängelte dabei, dass zu viele Schüsse über die Tore fliegen. Was ich, tut mir Leid Herr Scholl, für geradezu lächerlich halte. Es ist gerade so, als würde die Firma Adidas zum ersten Mal einen WM-Ball herstellen. Mein Eindruck ist eher der: Der italienische Torwart Buffon (kein Adidas-Mann) hat vor der WM schon auf den Jubilani geschimpft, und plötzlich stimmten viele Experten in diese Meckerei mit ein. Ich habe diese Pille auch schon einmal in der Hand und auch am Fuß gehabt, ich hatte zuerst den Eindruck, als hätte ich da einen Strand-Ball, den man am Kiosk für fünf Euro kaufen kann, vor mir – aber er war für mich nicht anders als alle anderen seiner Vorgänger. Nur das Aussehen – aber das muss ja auch so sein, wenn es einen „neuen“ WM-Ball gibt.
Dann noch zu einer kuriosen Sache: Eine Gruppe junger und charmanter Damen aus den Niederlanden sorgt bei diesem Turnier für mehr Rummel als die gestrengen Herren der Fifa erlauben. Beim WM-Spiel ihrer Mannschaft gegen Dänemark saßen die Damen in ihren orangenen Mini-Kleidern auf der Tribüne, und an ihren Shirts prangte ein kleiner Aufnäher mit dem Namen Bavaria. Ein Bier aus den Niederlanden. Doch genau dieses Bier ist kein Fifa-Sponsor. Also Schleichwerbung im Sinne der Fifa!? Es soll Anzeige gegen die Brauerei erstattet worden sein, zudem wurden offenbart zwei dieser jungen Damen festgenommen, sie müssen sich nun vor dem Untersuchungsrichter wegen Verstoßes gegen die Fifa-Marketing-Regeln verantworten. Es gibt ja nichts, was es nicht gibt.
Und: Wer gesehen hat, wie die Europäische Fußball-Union Uefa beim Europa-League-Finale (Fulham – Atletico Madrid) unsere schöne Hamburger Arena von links auf rechts gekrempelt hatte, um ja keine fremde Werbung zu gestatten, der weiß dann auch, wie kleinlich, penetrant und energisch die Fifa bei einer WM zu Werke geht. Hoffentlich werden die Damen aus den Niederlanden nicht zu mehrjährigen Freiheitsstrafen verurteilt. Und in dem Zusammenhang: „Unser“ Anwalt, Alexander von Reden, hält sich ja zurzeit in Südafrika auf. Hoffentlich wagt er es nicht, das Stadion in einem T-Shirt von Puma zu betreten. Obwohl: Wenn der gute „Alex“ dann verhaftet werden sollte, dann wüsste er sich wohl schon zu verteidigen.

22.20 Uhr

Trappers Sommergeschichte

16. Juni 2010

Das war ein schlimmer Traum, den ich heute Nacht hatte: Der HSV empfängt zum ersten Bundesliga-Spiel der Saison 2010/11 den FC Bayern. Und ich habe keine Pressekarte. Ich habe gar keine Karte. Das Spiel ist seit Wochen ausverkauft, ich renne vor der Arena wie ein Tiger auf und ab, höre die Schüss, höre die Fans “ah” und “oh” schreien – komme aber nicht rein. Erst in den ersten Minuten der zweiten Halbzeit bin ich in der Arena – wie auch immer mir das gelungen ist. Aber: Ich sehe nichts vom Spiel, ich sehe nicht einmal das Spielfeld. Die Leute stehen (!) so dicht gedrängt, wie man es nur noch von alten Fußball-Filme aus den frühen Nachkriegsjahren kennt. Ich bitte die Fans, mich durch zu lassen, ich sage ihnen, dass ich darüber schreiben müsste – nichts. Ich laufe wie gegen eine Wand. Erst Sekunden vor Schluss entdecke ich eine Lücke; ich sehe den Rasen. Und just in diesem Moment schießt der FC Bayern das 1:0. Kopfball Schweinsteiger an die Latte, und den Abpraller versenkt Oliver Kreuzer (!) aus einem Meter. Ihr erinnert Euch: Kreuzer war vor einem Jahr als Sportchef des HSV im Gespräch. Und spielt schon seit Jahren keinen Fußball mehr.

Was will mir dieser Traum sagen? Auf jeden Fall wohl eines: Ich träume wieder von der Bundesliga. Denn von dieser WM bekommt man ja (noch) nur Albträume. Aber: Wir “Matz-abber” haben ja noch unsere Sommergeschichten, und ich kann nicht damit aufhören, mich bei Euch für all diese grandiosen Werke und für die Mühe und für die Unterstützung und für den Mut, den Ihr Autoren aufgebracht habt, zu bedanken. Das ist sensationell, das ist einmalig – und, das solltet Ihr alle wissen, es wird gelesen und gelobt. Oft gelobt. Diese vielen Lob-Hudeleien kann ich nur weitergeben, denn es war “HK Hans”, der diese Super-Idee hatte. Danke, danke, danke an ihn und an alle. Es geht weiter.

Heute kommt bei uns ein Autor zu Wort, auf den ich lange “gelauert” habe. Der Trapper schreibt. Er schreibt lang, und er schreibt toll. Ich wünsche Euch viel Spaß mit seiner fußabllerischen Sommergeschichte. Es geht los:

Andere Zeiten, andere Sitten

Athen 1983. Endspiel des Europapokals der Landesmeister. Ein Missverständnis zwischen Manni Kaltz und Jürgen Groh. Zum Glück ist kein Italiener in der Nähe, also bleibt es ohne Folgen. Joschi Groh holt sich den Ball, passt auf Magath. Felix nimmt 25 Meter vor dem linken Strafraumeck Anlauf. Er zieht zum Strafraum, ein Italiener springt ins Leere. Dann zieht Felix mit dem linken Fuß ab. Der Ball fliegt als Bogenlampe in Richtung der langen Ecke des von Dino Zoff gehüteten Tores. Da geschieht es: Die Turiner Spieler, in schwarzen, fußknöchellangen, untaillierten Baumwollkleidern, an denen weiße Seidenschleier unter den Armen befestigt sind, beginnen ein Verschwörungsritual. Sie tanzen eurythmisch um den eigenen Strafraum herum und formen mit den Armen die Buchstaben „J-U-V-E“. Der Schlenzer von Felix wird immer länger, fliegt über den verdutzten Zoff hinweg und schlägt im langen Eck des Tores ein. Der Schiri pfeift. Doch was ist das? Auch der Schiri trägt ein Eurythmie-Gewand – natürlich schwarz! Seine Arme formen das Wort „A-B-S-E-I-T-S“. Skandal: Er gibt das Tor nicht! Das war doch ein klares Tor!

Ich höre Fritz Kleins nüchternen Kommentar fürs Fernsehen: „Tja, Abseits. Pech für den Hamburger Sport-Verein. Kein Tor, mein Damen und Herren. Lassen Sie sich einfach mal auf diese Entscheidung des Schiedsrichters ein . . .“ Die Kamera schwenkt auf die Tribünen. Unfassbar: Alle Zuschauer tragen pastellfarbene Batik-T-Shirts und schwenken selbstgehäkelte Fahnen mit schwarz-weißen Längsstreifen. Wie von Zauberhand und auf ein geheimes Kommando holen sie Blockflöten hervor, die anthroposophische Variante der südafrikanischen Vuvuzela, und spielen Mozarts „Kleine Nachtmusik“. Gute Nacht, HSV.

Mit Schrecken realisiere ich: Dies ist eine Verschwörung! Jahre später wird sie mit Matt Damon in der Rolle des Felix Magath verfilmt werden: „Die Waldorf-Verschwörung“! Schockiert beginne ich zu verstehen: Wir haben keine Chance. Wir werden am Ende verlieren. Alle, die Juventus-Spieler, die Zuschauer und der Schiedsrichter sind Rudolf-Steiner-Jünger.

Schweißgebadet wache ich auf. Ein dünner Faden Speichel rinnt mir aus dem Mund und hat mein zerwühltes Kopfkissen benetzt. Angeekelt krieche ich aus den Federn. Der Kopf dröhnt, als hätte ich in unmittelbarer Nähe der Schnellbahnstrecke Hamburg-Berlin geschlafen. Was für ein Albtraum.
Am Frühstückstisch denke ich an die mir verhasste „DEMETER“-Vollkornkost meiner Schulzeit und beiße lustvoll in ein konventionell produziertes Salamibrötchen. Da fällt mir ein, dass ich neulich in einem Artikel über Traumatisierungsopfer las, dass mit zunehmendem Alter die Hemm-Mechanismen des Gehirns nachlassen. Schöne Aussichten.

Ja, ich gestehe: Ich war Waldorfschüler. Ein Faktum, welches normalerweise nicht der Rede wert wäre, ohne dessen Erwähnung meine Geschichte jedoch unverständlich bliebe. Rudolf-Steiner-Schule Wandsbek. Das volle Programm. Von der Einschulung bis zum Abitur. „Abbe-Ecken“ (den Räumen von Waldorfschulen werden von jeher – aus mir unverständlich gebliebenen Gründen – mittels baulicher Maßnahmen die rechten Winkel genommen), Wachsstifte und eine Neigung zu pastellartigen Farbverläufen.

Und natürlich Eurythmie. Gewöhnlich als eine Art Ausdruckstanz beschriebene Bewegungsform, bei der mit bestimmten Armbewegungen die Buchstaben des Alphabets nachgebildet werden. Mindestens ein Mal pro Woche Eurythmie-Unterricht. Ich kann bis heute meinen Vornamen „tanzen“. Ein Schicksal, das ich – wie ich jüngst erfuhr – mit Kurt Krömer teile, auch ein traumatisiertes „Opfer“ anthroposophischer Pädagogik.

Warum wir ausgerechnet Eurythmie machen mussten? Eine Frage, die wir als Schüler immer wieder den Lehrern stellten – und nie eine wirkliche Antwort erhielten. „Das ist gut für euch. Lasst euch einfach darauf ein! Dann werdet ihr schon darauf kommen.“ So, oder so ähnlich, lautete die gebetsmühlenartig wiederholte Antwort. Also tanzte ich jahrelang und wartete auf die Erleuchtung. Nicht, dass ich nicht eine gewisse meditative Ruhe empfand, doch die hätte ich wohl auch empfunden, wenn Tai-Chi Pflichtfach gewesen wäre -allerdings wäre das „cooler“ gewesen.

Genauso rätselhaft wie das Eurythmie-Gebot blieb uns Schülern das Fußball-Verbot an unserer Schule. Denn Fußballspielen war nicht nur verpönt, nein, es war ausdrücklich verboten! Natürlich unternahmen wir Schüler mehrere Versuche, um den Grund für dieses Verbot zu erfragen. Doch merkwürdigerweise konnte oder wollte uns so recht niemand aufklären (auch in einem anderen Zusammenhang fühlte sich für Aufklärung niemand wirklich zuständig an unserer Schule, doch dies wäre eine andere Geschichte). Meist wurde uns lapidar beschieden, wir seien noch nicht in dem Alter, um dies zu verstehen, und wir sollten es einfach „so hinnehmen“. Diejenigen Lehrer, die auf die Einhaltung des Verbots achteten, machten dabei ein Gesicht, als verfügten sie über ein Wissen, das nur wahrhaft Eingeweihten zugänglich war. Aus dieser Zeit muss mein tief verwurzeltes Bedürfnis nach aussagekräftigen, rationalen Argumenten rühren. Und mein Misstrauen gegenüber jeder Form von Esoterik . . .

Natürlich kümmerte uns das Verbot wenig. Die meisten von uns waren Fans des HSV, und natürlich traten wir gerne und bei jeder Gelegenheit selbst gegen den Ball. Nur waren wir eben gezwungen, dies heimlich zu tun. Da traf es sich gut, dass das Schulgelände um einen zweiten Schulhof erweitert wurde, der abseits des Hauptgebäudes (und des dort befindlichen Lehrerzimmers) auf der anderen Seite der Wandsbeker Allee lag und nicht ohne weiteres einzusehen war. Lehrer, die vom Hauptgebäude kamen, mussten den neuen Schulhof durch einen schmalen Durchlass zwischen der Turnhalle und einigen seitlich gelegenen Baracken betreten. Etwaiges Unheil in Gestalt einer Autoritätsperson drohte also nur aus einer Richtung.

Einen zweiten Vorzug besaß dieser Hof: Er war asphaltiert und er hatte die richtige Größe. Er eignete sich hervorragend dazu, um dort nach der Schule mit einigen Klassenkameraden noch eine Partie „Fußi“ zu spielen. Natürlich nur auf kleine, provisorische Tore aus Schulranzen und Klamotten und mit „fliegendem Keeper“, denn keiner von uns verspürte normalerweise das dringende Bedürfnis, sich als Torwart auf den Asphalt zu werfen. Es sei denn, es tauchte überraschend eine der von uns angehimmelten weiblichen Schönheiten aus der Parallelklasse auf, welche selbstredend in ein außerordentlich wichtiges Gespräch mit ihren Freundinnen vertieft, uns allein durch ihr Erscheinen zu mancher tollkühnen Aktion anspornte.

Es war an einem warmen Sommertag in den späten Siebzigern. Zu einer Zeit, als der Sommer noch warm, der Herbst jedoch später heiß genannt werden sollte. Wir waren Jungdachse, bisweilen übermütig und stolz. Bei dem einen oder anderen spross der erste Bart. Und zu unserer größten Genugtuung mussten uns die Lehrer nun „siezen“. Ein Privileg, auf dessen Einhaltung wir gewöhnlich sorgsam achteten. Es sei denn, einer unserer Lieblingslehrer – auch die gab es! – erlaubte uns, ihn oder sie zu duzen. Dann lag der Fall selbstverständlich gänzlich anders. Unsere „Lieblinge“ waren einst meist selbst Schüler der Schule gewesen, wussten also zwischen theoretischer Anthroposophie und Realität, so wie sie sich für uns Schüler darstellte, aus eigenem Erleben zu unterscheiden. Diese Lehrer waren – in fast jeder Hinsicht – undogmatisch.

Während wir also spielten, versuchten wir mit einem Auge den Durchgang zum Schulhof im Blick zu behalten. Schließlich ging es nicht darum, dass ein Lehrer den Durchgang betrat, sondern welcher Lehrer dort auftauchte! Denn unsere Lieblingslehrer taten gewöhnlich so, als bemerkten sie unser verbotenes Spiel gar nicht, oder gingen gar winkend und grinsend vorbei. Bei den Dogmatikern jedoch war Vorsicht geboten. So konnte es vorkommen, dass wir urplötzlich gezwungen waren, unser Spiel zu unterbrechen, um dann zusammenzuströmen, als sei der einzige Anlass unserer Zusammenkunft die Besprechung unserer Hausaufgaben.

An diesem Tag passierte, was irgendwann kommen musste. Wir waren in ein hitziges Spiel vertieft und hatten für einen Augenblick den Durchgang aus den Augen verloren. Plötzlich schrie eine weibliche Stimme: „Aufhören, sofort aufhören!“. Überrascht sahen wir eine, uns in jeder Hinsicht als sittenstreng bekannte Lehrerin mittleren Alters, die mit zornrotem Gesicht am Spielfeldrand stand. „Alle sofort zu mir!“ befahl sie, und so trotteten wir schuldbewusst zu ihr. Als wir, reuige Sünder mimend, im Halbkreis vor ihr standen, sagte Frau B. im vorwurfsvollen Ton: „Ihr wisst doch, dass ihr nicht Fußball spielen sollt. Ihr hört jetzt sofort auf damit und dann will ich das“, sie verzog dabei angewidert den Mund, „hier nie wieder sehen!“

Ich habe während meiner Schulzeit, ich gebe es zu, so manchen Lehrer an den Rand seiner nervlichen Belastbarkeit getrieben, da ich von Haus aus einen liberalen Erziehungsstil gewohnt war. Ich war es gewohnt, Dinge zu diskutieren und zu hinterfragen. Also witterte ich meine Chance. Mit interessierter Mine blickte ich daher Frau B. in die Augen und sagte mit dem leutseligsten Ton, der mir zur Verfügung stand: „Oh, Frau B., natürlich wissen wir, dass wir nicht Fußball spielen sollen, – doch leider hat uns nie jemand erklären können, warum dieses Verbot besteht. Vielleicht wären Sie so freundlich und könnten uns dies erklären? Sie verstehen sicher, dass es nicht einfach ist, ein Verbot zu akzeptieren, dessen Sinn man nicht versteht…“.

Frau B. schien sich über mein Interesse zu freuen. Zu meiner Überraschung willigte sie ein und begann zu erklären: „Nun, stellt Euch vor“, verlangte sie, „der Ball ist rund wie unsere liebe Erde. Wenn ihr also den Ball mit Füßen tretet, dann ist das so, als würdet ihr unsere liebe Erde mit Füßen treten. Das ist nicht schön!“ Ich war angemessen beeindruckt. So war das also. Doch so einfach gab ich mich natürlich nicht geschlagen.
„Frau B.“, entgegnete ich, „nur damit ich das richtig verstehe: Handball dürfen wir doch spielen, nicht wahr?“ Sie nickte zustimmend und meinte, Handball sei „etwas ganz anderes“.
„Stellen Sie sich vor, Frau B.“, fügte ich seelenruhig hinzu, „ein Handball, der ist rund – wie unsere liebe Erde. Richtig?“
Sie nickte wiederum.
„Nun, wie wäre es, wenn ich einen Handball nähme und dort drüben in den Mülleimer würfe. Selbstverständlich nur aus Versehen. Aber wäre dies nicht so, als würde ich unsere liebe Erde in den Müll befördern?“
Entgeistert schaute sie mich an, dann kehrte augenblicklich die Zornesröte in ihr Gesicht zurück.
„Sie verstehen das anscheinend einfach nicht.“, befand sie in schrillem Ton. „Sie sind einfach noch zu unreif. Es wird hier kein Fußball gespielt und damit Ende der Diskussion!“ Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und rauschte davon.

Kaum war sie gegangen, tippten wir uns an den Kopf. Um jedoch keinen weiteren, unnötigen Ärger zu bekommen, spielten wir von diesem Tage an auf einem nahe gelegenen öffentlichen Rasengrundstück, welches sich außerhalb des Schulgeländes befand. Und da zu jener Zeit der HSV die schönsten Erfolge feierte, spielten wir dort einzig ein Spiel, und dies leidenschaftlicher denn je: Fußball.

Vor cirka zwei Jahren suchte ich eines Tages meine Schule im Internet und fand tatsächlich eine Homepage. Hauptsächlich wollte ich wissen, welche Lehrer aus meiner Zeit noch an der Schule arbeiteten. Der letzte, der mir persönlich bekannt war, war – wie ich bei dieser Gelegenheit herausfand – gerade in den Ruhestand verabschiedet worden. Dann aber las ich dort – zu meinem größten Erstaunen – folgenden Eintrag:

„Die erfolgreichen Absolventen des Abiturjahrganges traten zu dem schon traditionellen (sic!) Fußball-Match gegen eine Lehrer-Auswahl an“.
Ich war schockiert. Welch ein Verfall der Sitten! Für einen kurzen Augenblick erwog ich die Möglichkeit, eine Protest-Mail an das Schulsekretariat zuschreiben. Kein Wunder, dass sich das Klima in unseren Breiten ändert. Die „liebe Erde“ schlägt zurück.

Danke, Frau B.! Endlich bin ich reif genug und habe verstanden.

13.01 Uhr