Tagesarchiv für den 14. Juni 2010

Die lauteste WM aller Zeiten

14. Juni 2010

„Diese WM wird die beste aller Zeiten.“ Gesagt hat es Sepp Blatter, allgewaltiger Fifa-Präsident und Herrscher über alle Fußballplätze. Die beste was? Die lauteste Tröten-Veranstaltung ist es auf jeden Fall jetzt schon. Diese Tröten sorgen für jenen Lärm, den sonst ein startender Düsenjäger verursacht. Man gönnt sich ja sonst nichts! Mensch, ist das nervig. Aber wohl nicht zu ändern. Ist ja Kultur . . . Nun ja, durch diese Kultur wird sich zwar jeder Fußball-Fan stets an diese WM 2010 erinnern, nur nicht immer gut. Davon bin ich restlos überzeugt. Ich verstehe nicht, dass die Fernsehanstalten da noch kein Mittel gefunden haben, diese Vuvuzelas noch mehr zu unterdrücken, Bela Rethy, der ZDF-Reporter des Deutschland-Spiels am Sonnabend, hatte seine ganz eigene Art gefunden, die Tröten auszuschalten, aber ob das das probate Mittel war, bleibt fraglich: Der gute Bela redete 90 Minuten ohne Punkt und Komma – was Frau M. genau so auf die Nerven ging, wie diese Vuvuzelas. Um noch schnell eine Lanze für Rethy zu brechen: In meinen Augen der beste ZDF-Fußballmann, er hat Ahnung, er ist im Umfeld der Nationalmannschaft ein absolut anerkannter und geschätzter Experte – und er ist, das sei mal am Rande verraten, ein Mensch wie Du und ich. Arroganz ist ihm ein Fremdwort.

Und wo ich gerade bei den Fernsehkollegen bin: Steffen Simon von der ARD kommentierte das England-Spiel gegen die USA, und der Reporter lobte den ManU-Torjäger Rooney 90 Minuten. Klar, bei Rooney kann man als Kommentator ja eigentlich nichts falsch machen – der ist (fast) immer gut. Nur nicht diesmal gegen die USA. Und das wurde am Mikrophon leider nicht bemerkt. Zum Glück rückten Günter Netzer und Gerhard Delling nach dem Spiel die Dinge wieder ins rechte Licht. Nämlich dass Rooney nicht in das Spiel gefunden hatte. Künstlerpech – gleich zweimal.

Und wo ich gerade bei England gegen die USA bin: Die Amerikaner haben mir mächtig imponiert. Wir haben bei dieser WM schon viele, viele Grottenkicks gesehen (Algerien – Slowenien), die USA gehört für mich zu den positiven Überraschungen. Die rennen und kämpfen 90 Minuten, die scheinen auch die Kraft dafür zu haben – für mich ist das der Außenseiter, der den Großen noch am ehesten in die Suppe spucken könnte. Abwarten.

Zum 23. Mann. Ich habe oft genug Kritik von Euch einstecken müssen, weil ich den Schiedsrichter zu hart kritisiert habe. Diesmal gibt es nichts zu beanstanden. Diesmal muss ich sagen: Alle Unparteiischen sind bislang ganz hervorragend, Da pfeift ein Mann namens Rawschan Irmatow aus Usbekistan das Eröffnungsspiel, und er pfeift es unglaublich souverän. Ich hatte große Befürchtungen, aber offenbar haben die Unparteiischen ihre Lektionen sehr, sehr gut gelernt. Und dann dieser Herr Moreno aus Mexiko, der die deutsche Partie gegen Australien leitete. Aber wie! Hervorragend. Der Mann war ja fast immer auf Ballhöhe, das war ja unglaublich. Und der sah fast alles immer richtig. Nein, so gute Schiedsrichter habe ich bei einer EM oder WM noch nie gesehen. Hoffentlich lobe ich die „Schwarzkittel“ nicht zu früh, hoffentlich können sie sich ihre Bestform bewahren.

Und noch einmal kurz zurück auf England: Dass sich dieser Mister Green den deutschen Ball selbst ins Tor geworfen hat, kommt bei einem englischen Keeper schon mal vor. Dass die Briten aber dafür unseren „Jabulani“ verantwortlich machen, das ist die absolute Krönung. Haben die keinen Friseur? Das ist ja ungeheuerlich. Die sollten sich mal an andere Turniere erinnern, es gab jedes Mal einen englischen Torwart, der sich die Kugel selbst ins Netz gemarmelt hat. Und das war damals noch kein „Jabulani“, das war einfach nur Unfähigkeit pur.

Zu unseren Sorgen. Ich gebe zu, dass ich vom deutschen Spiel enorm beeindruckt war. Aber nicht uneingeschränkt, denn die Defensive stand nicht immer sattelfest. Lahm hatte einige Stellungsfehler, Mertesacker wirkte nicht immer souverän, Friedrich spielte an seinem obersten Level und Badstuber konnte gar nicht zeigen, ob er da hinten links auch wirklich gut aufgehoben ist. Meine (Hamburger) Hoffnung ist ja die: Friedrich ist irgendwann überfordert, dann rückt Badstuber zur Mitte und links spielt entweder Dennis Aogo oder Marcell Jansen.

Für mich waren Mesut Özil und Thomas Müller die beiden besten deutschen Spieler, und der Bayern-Profi brachte für mich nach dem 4:0 auch den Spruch zur Nacht. Auf die Frage des Feldreporters, ob er sich nicht gelegentlich im falschen Drehbuch wähnt, weil er doch vor einem Jahr noch für Bayern II spielte, antwortete Müller kess: „Nur weil ich erst ein Jahr in der Bundesliga spiele muss ich ja kein Blinder sein.“ Genau. Aber wieso muss ich dabei gleich an Mario Gomez denken? Der Kurz-Auftritt des Münchners muss eigentlich sein letzter bei dieser WM gewesen sein – schlechter geht es nicht, weiter neben der Spur kann gar kein anderer Spieler sein. Gomez lief ja wie ein Trimm-Traber über den Rasen, ohne eine Bindung zur Mannschaft – und zum Ball.

Aber nichts ist unmöglich, es gibt auch solche WM-Spieler. So wie es eben auch solche Torhüter gibt. Ach was, Torhüter, da sind viele, viele Fliegenfänger unterwegs. So wie der Mann eben bei Paraguay im Tor. Zum Glück für die Italiener.

Kurz noch zu Eric-Maxim Choupo-Moting. Ich hätte es wirklich, wirklich, wirklich nicht für möglich gehalten, dass der junge Hamburger einmal bei einer WM für Kamerun neben dem großen Samuel Eto’o stürmen würde. Asche auf mein Haupt. Da lag ich meilenweit daneben. Sorry. Und trotzdem muss ich sagen: Was ist aus Kamerun geworden? Und was aus Eto’o? Das war ja gar nichts, das war ja nur ein Papiertiger. Aber auch so etwas ist möglich bei dieser WM.

Bei Holland waren mit Joris Mathijsen und Eljero Elia zwei HSV-Profis am Start, Elia kam erst gegen Ende der Partie gegen Dänemark (für Rafael van der Vaart) und mischte die Jungs aus dem Norden Europas tüchtig auf. Davon, so denke ich, sollte der gute „Eli“ nicht so viele Spiele machen, sonst ist er am Ende doch noch weg. Wäre schade, wie ich finde, obwohl der HSV dann sicher einige Dollars in der Kasse hätte . . .

Schade finde ich übrigens auch die Kritik, dass ich unserer Torwart-Legende Uli Stein hier bei „Matz ab“ ein zu großes Forum eingeräumt habe. Wenn ich mit diesem großen und großartigen HSVer ein Interview in Sachen „Fliegenfänger“ mache, dann bietet es sich geradezu an, ihn auch nach „seinem“ HSV zu befragen. Und wenn dann Uli Stein den Herrn Veh lobt und den Herrn Reinhardt böse kritisiert, dann weiß ich genau, dass das nicht jedem HSVer gefällt – aber es ist meine journalistische Pflicht, diese Meinung nicht zu unterdrücken. Mir taten die Sätze gegen Bastian Reinhardt auch weh, das gebe ich zu, weil ich davon überzeugt bin, dass der „Basti“ seinen Weg gehen wird (und zwar gut), aber darf ich das einfach so mir nichts dir nichts unterdrücken? Ich sage nein. Wie wäre es denn gewesen, wenn er Reinhardt gelobt und Veh vernichtet hätte? Wäre das in Ordnung gewesen? Ich habe Journalismus nie so verstanden, dass man nur das an die Öffentlichkeit bringen darf, was auch von der Mehrheit gemocht wird.

Apropos: Im Moment sind ja zwei User wieder auf einem ganz ausgefallenen Trip bei uns (Matz ab) unterwegs. Ich bitte diese beiden Herren dringend, sich zu zügeln, sonst muss wieder eine Sperre erfolgen. Was soll die Fäkalsprache in diesem Blog, was sollen die Nazis hier? Also, hört auf mit diesem Mist!

Kurz noch zum HSV: Abwehrspieler Fabian Franke (21) wechselt von HSV II zu RB Leipzig. Und am 18. Juli trifft der HSV auf der Lübecker Lohmühle in Freundschaft auf Juventus Turin,

Noch ein Wort zu Michael Ballack: Am Dienstag (also fast heute) treffen sich einige Aufsichtsräte, die Führung und der Herr Kühne, um darüber zu beraten, ob es nicht doch eine Möglichkeit gibt, den Kapitän der deutschen Nationalmannschaft nach Hamburg zu holen. Das klingt schon mal gut, denn damit ist bewiesen, dass dieses brisante Thema immer noch nicht zu den Akten gelegt wurde. Zumal Ballacks Berater Michael Becker zugab, dass es bereits Gespräche mit dem HSV gegeben hat: „Es wurden mit dem HSV bislang lediglich Zahlen ausgetauscht.“ Na, immerhin!

23.30 Uhr

Die Buffer des Nationalspielers

14. Juni 2010

Ihr seid alle HSV-Fans. Die Mehrzahl jünger? Es ist wohl so. Mit der heutigen Sommergeschichte lernen wir einen “älteren Herren” kennen, der sich noch in den Zeiten von hans Lang und Fritz Walter bestens auskennt. Hercvorragend. Das ist sogar für mich alten Knochen noch etwas Neues. Vielen Dank, lieber “herpla”, durch Deine Geschichte wird unsere sommerliche Runde um eine weitere Erfahrung reicher. Und los geht es:

Wie ist sie entstanden, meine Begeisterung für den Fußballsport im Allgemeinen und meine ganz besondere Liebe zum HSV?

Mein Vater war im Krieg geblieben und ich war gerade erst vier Jahre alt, als meine Mutter 1946 mit meinen beiden Schwestern und mir aus dem Hamburger Stadtteil Hoheluft an die Rothenbaumchaussee umgezogen ist. Ja, nur „an“ die Rothenbaumchaussee, denn tatsächlich wohnten wir im Schlüterweg, das war (und ist) eine kleine Gasse zwischen Schlüterstraße und Rothenbaumchaussee, rechts und links eingerahmt von der Hartungstraße und dem Hermann-Behn-Weg – also direkt vor dem HSV-Platz gelegen.

Zum Schlüterweg fällt mir noch ein, das wir ihn damals auch „Stinkbüdelsgang genannt hatten, weil die Herrschaften aus den feineren Nachbarstraßen mit Vorliebe die Stuhlentleerung ihrer Hunde bei uns in der Gasse verrichten ließen. Ich kann mich noch erinnern, dass wegen dieser Unsitte so einige Straßenschlachten mit Fäusten und Holzknüppeln ausgetragen wurden, die dann zumeist durch einen herbeigerufenen „Udl“ (so nannten wir damals die Polizisten) beendet wurden.

Es muss dann wohl 1948 gewesen sein, als ich das erste HSV-Spiel am Rothenbaum zu sehen bekam. Ich hatte mich kurz vor Spielbeginn ohne Eintrittskarte in den drängelnden, immer dichter werdenden Zuschauerreihen an den Einlass-Ordnern vorbei schmuggeln können.

An das Spiel selbst kann ich mich nicht mehr erinnern, nur daran, dass ich danach – bis etwa 1960 – kaum ein HSV-Spiel mehr am Rothenbaum versäumte, und ab dann auch jeden Dienstag und Donnerstag als Zuschauer beim Training meiner Lieblinge dabei war.

Und an den Spieltagen, es war wohl in der Zeit von 1951-1953, krabbelte ich während der Halbzeitpause und nach Spielende immer unter die Sitzplatz-Holztribühne neben dem Bunker, um dort Zigarettenkippen aufzusammeln. Die Kippen brachte ich anschließend einer Nachbarin, die sich aus den Tabakresten der von mir gesammelten Stummel dann Zigaretten drehte. Als Jupp Posipal zum HSV kam, hatte ich mir ganz schnell einen besonderen Liebling auserkoren, der Jupp wurde mein Idol, mein absolutes Vorbild. Nach jedem Spiel trommelte ich noch Freunde zu einem Spiel auf unserem Bolzplatz (Trümmergrundstück am Grindelhof) zusammen, und dort versuchte ich dann all die Dinge umzusetzen, die ich mir im Spiel zuvor von meinem Vorbild so abgeschaut hatte.

Nach der WM 1954, die Fernsehübertragungen unserer National-Mannschaft hatte ich mir alle durch das Schaufenster der damaligen Abendblatt-Geschäftsstelle am Gänsemarkt ansehen können, war ich natürlich sehr stolz, dass mit Jupp Posipal und Fritz Laband auch zwei Spieler von meinem HSV Weltmeister waren. Aber ich hatte durch die WM auch ein neues Idol für mich entdeckt – Fritz Walter.
Ich fing an zu Träumen, so einer wie der Fritz wollte ich auch werden, unbedingt. Fortan lag ich meiner Mutter in den Ohren, Mitglied beim HSV werden zu dürfen. Es nutzte alles nichts, für den Vereinsbeitrag und die Fahrten mit der U-Bahn zum Trainingsgelände in Ochsenzoll war einfach kein Geld da. Also wurde erst einmal weiter „nur“ Straßenfußball gespielt, der Trümmerplatz wurde dann irgendwann gegen den Grandplatz an der Gustav-Falke-Straße getauscht, dort hatte ich dann auch meine ersten Spiele mit der Klassenmannschaft, später auch mit der Schulmannschaft.

1954, mit 12 Jahren, hatte ich noch immer keine Fußballschuhe. Das sich zu Hause immer wieder abspielende Drama wegen der vom Bolzen kaputten Straßenschuhe veranlasste meine Mutter, die mir trotz dieser ständigen Schelte aber nie das Fußballspielen verbot, mir Stoff-Turnschuhe zu besorgen. Diese hatten einerseits den Vorteil, dass ich mir nach und nach ein recht passables Ballgefühl aneignete, aber die Tritte der zwischenzeitlich mit richtigen Buffern ausgestatteten Gegenspieler schmerzten doch sehr. Ich erinnere mich noch, dass sich das Mitleid meiner Mutter ob meiner ramponierten Füße in Grenzen hielt.

Doch zum Weihnachtsfest 1954 dann die große Überraschung, auf dem Gabentisch lagen für mich Fußballschuhe. Zwei riesengroße braune Treter aus Leder, mit einer breiten Schnalle über dem Spann, vorne eine unwahrscheinlich hohe Stahlkappe und bestückt mit Zwillingsstollen. Die Dinger waren mindesten noch drei bis vier Nummern zu groß für mich, aber vorne mit Zeitungspapier ausgestopft habe ich damit dann noch eine Weile rumgebolzt.

Ich hätte diese, meine ersten Fußballschuhe sicher etwas besser behandelt und wohl auch für immer behalten, wenn mir meine Mutter nicht erst sehr viel später „gestanden“ hätte, wer einmal, lange Zeit vor mir, mit diesen Stiefeln gespielt hatte:
Von einer Freundin aus dem benachbarten Hermann-Behn-Weg hatte meine Mutter die Fußballstiefel für mich geschenkt bekommen, nachdem sie ihr von meiner Leidenschaft berichtete. Diese hatten ihrem im Krieg gefallenen Ehemann gehört, dem Nationalspieler des HSV – Hans Lang.

Aus mir ist dann weder ein Hans Lang noch ein Fritz Walter geworden, aber mit viel Freude an unserem Sport habe ich über 40 Jahre Fußball gespielt, wenn auch nur in der Kreis- und Bezirksliga.

14.37 Uhr

In eigener Sache
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