Tagesarchiv für den 13. Juni 2010

Uli Stein über die “Kirschen” der WM

13. Juni 2010

Nun kommen, sie, die Großen des Welt-Fußballs. Angeblich buhlen nun auch Real Madrid und Manchester United um Michael Ballack. Welche Chancen soll da noch der HSV haben? Eine ganz kleine (nur) noch, aber die gibt es immerhin: Ballack will mindestens einen Zwei-Jahres-Vertrag unterschreiben, die Großen sollen aber nur jeweils ein Jahr anbieten. Nun ja, abwarten und englischen Tee trinken. An diesem Sonntag ist WM, und am Montag ist auch WM – und an den folgenden Tagen ebenfalls. Da wird sich nicht allzu viel tun, in Sachen HSV-Neuerwerbungen, obwohl ich an diesem Sonntag aus der HSV-Führungsetage vernommen durfte: „Wir basteln weiter eifrig an der Zukunft des HSV.“ Das klingt gut.

Und zur WM? Ich bin entsetzt –wie Ihr – über diese Leute, die zwischen den Pfosten stehen. Das darf doch nicht wahr sein. Beim Engländer war ich von Beginn an skeptisch, weil der auf mich einen total unsicheren – oder besser verunsicherten Eindruck gemacht hat. Wie der in der Anfangsphase einen harmlosen Ball aufnahm, das war eine Kunst für sich. Das Knie sorgfältig hinter den anrollenden Ball, damit er nicht durch die Beine rutschen kann. So aber macht das kein Torwart mehr, so haben sich früher, als die Kugel noch aus reinem Leder bestand, Torhüter wie Toni Turek, Heiner Stuhlfauth oder Günter Sawitzki die Kugel vom Boden gegriffen. Aber: Was läuft da falsch in den anderen Nationen?

Ich sprach mit Uli Stein, der lebenden Torwart-Legende des HSV. Der frühere Nationalkeeper (sechs Länderspiele) ist heute Torwarttrainer von Aserbaidschan, wo Berti Vogts der Nationaltrainer ist. Uli Stein wurde vor vier Tagen in Berlin am Knie operiert, der 55-Jährige erhielt links ein neues Gelenk. Natürlich verfolgt Uli Stein vom Krankenbett aus diese WM, und er hat die „Kirschen“, die sich die Herren aus England und Algerien da eingefangen haben, gesehen und belächelt. Steins Resümee: „Die beiden Dinger hätte ich auch mit nur einem Knie noch gehalten.“

Ob sich die beiden Torhüter diese Aussetzer geleistet haben, weil sie erst kurz vor ihren Einsätzen von ihren Nominierungen erfahren hatten? Für Uli Stein kein Grund, sich solche Fehler zu erlauben: „Egal, wann du von deinem Einsatz erfahren hast, das hat damit nichts zu tun. Eine gewisse Verunsicherung, die dadurch entstanden sein könnte, dürfte höchstens zu einer gewissen Unsicherheit in der Strafraumbeherrschung führen, aber nicht mit einer Parade auf der Torlinie.“ Steins Vorstellungen, warum diese Fehler passiert sind: „Wahrscheinlich haben sie die Bälle im Geiste schon als gefangen verbucht, haben sich damit beschäftigt, wohin sie die Kugel spielen wollen, ob sie das Spiel schnell oder doch eher langsamer machen wollen – das war eine reine Konzentrationssache, das waren einfach nur Blackouts.“

Wird das nun eine WM der Torwartfehler? Stein glaubt es nicht: „Dass so etwas innerhalb von ein paar Stunden gleich zweimal passiert, ist eine absolute Rarität, so etwas passiert nur alle 100 Jahre einmal. Jetzt werden sich alle Keeper noch mehr zusammenreißen.“ Und noch nervöser werden? Die Frage, die nun sicherlich häufig gestellt werden dürfte, ist die: Wieso hat Deutschland immer so gute Torhüter? Liegt das nur an der Ausbildung? Stein: „Das hat auch etwas damit zu tun, dass wir ja schon seit Menschengedenken immer überragende Keeper hatten. Und die nimmt sich dann die Jugend zum Vorbild, so wollen ihren Helden nacheifern und schlagen deshalb eine Torwartlaufbahn ein. Deswegen haben wir auch eine so große Auswahl.“

Und? Was macht Manuel Neuer heute im deutschen Gehäuse? Uli Stein ist sich da ganz sicher: „Ihm wird ein solcher Fehler nicht unterlaufen.“ Stein zur deutschen Nummer eins: „Nach dem Ausfall von Rene Adler war Neuer mein Tipp als neue Nummer eins. Ich hätte es genau so gemacht, wie es Jogi Löw entschieden hat: Neuer die eins, Wiese als Nummer zwei, dahinter Jörg Butt. So haben wir drei verschiedene Charaktere in der Mannschaft: Einen ruhigen und souveränen Torwart, einen der euphorisch zur Sache geht und einen, der genügend Erfahrung besitzt, um sich an die jungen Leute vor ihm weiter zu geben. Das ist perfekt so.“ Wobei Stein besonders von Butt angetan ist: „Er hat beim FC Bayern die Saison seines Lebens gespielt, so stark wie zuletzt habe ich ihn noch nie gesehen.“

Wobei wir durch Jörg Butt beim HSV angelangt sind. Sorgt sich Uli Stein, den viele „Matz-abber“ für den besten HSV-Keeper aller Zeiten halten, um seinen ehemaligen Klub? Er sagt wie aus der Pistole geschossen: „Man muss sich doch ernsthafte Sorgen um den HSV machen, denn was dort zuletzt in Sachen Personalpolitik abgelaufen ist, das ist doch unfassbar. Sieben Trainer in sieben Jahren, das ist doch nicht normal.“ Dann geht Uli Stein ins Detail: „Es ist ja okay, wenn versucht wird, mal einen jüngeren Trainer, mal einen routinierten Trainer einzusetzen, aber alles hat seine Grenzen. Wenn ich dann sehe, dass zwei gestandene Trainer wie Huub Stevens und Martin Jol von allein den Klub verlassen, so spricht das doch eine deutliche Sprache. Es kann mir keiner erzählen, dass die aus privaten Gründen gegangen sind, die haben diese Gründe doch nur vorgeschoben, damit sie auch gehen können. Nein, nein, es muss intern beim HSV das reine Chaos regieren, sonst kann das alles nicht angehen.“

Zu den Personalentscheidungen der Führung für die neue Saison hat Uli Stein auch seine eigene Ansicht: „Armin Veh halte ich für einen guten Trainer. Ich frage mich nur, ob er jetzt zu einem richtigen Zeitpunkt zum HSV kommt. Man muss ihm Zeit geben, diese Mannschaft zu entwickeln, grundsätzlich halte ich ihn für erfahren und gut, dass er diese Aufgabe auch lösen kann.“ Und zu Sportchef Bastian Reinhardt? Da wird Uli Stein dann doch ungnädig: „Das ist eine Farce, das ist eine Lachnummer, das kann man nicht mehr ernst nehmen. Aber zu diesem Thema haben so prominente HSVer wie Uwe Seeler, Manfred Kaltz und einige andere mehr ja auch schon genug gesagt, dem muss ich gar nichts mehr hinzufügen. Wie gesagt, ich mache mir Sorgen um den HSV.“

In diesem Zusammenhang gab es heute im ZDF die Meldung, dass der HSV Interesse an Wolfsburgs Algerier Karim Ziani, ein Mann für die rechte Offensive im Mittelfeld, zeigt. Das ist aber frei erfunden, das ist eine Voll-Ente – und die ist bereits abgehakt.

17:55 Uhr

Rautenträgers Sommergeschichte

13. Juni 2010

Wie hat es einst Sepp Herberger formuliert? Die nächste Sommergeschichte ist immer die schönste. Heute, am Tag der deutschen Mannschaft in Südafrika, schreibt der Rautenträger über seine lange und innige Liebe zum HSV, die einen ganz besonderen Ursprung hat. Vielen Dank. lieber Rautenträger, für Deine Mühe – und allen Matz-abbern viel Spaß beim Lesen.

Schuld hat Opa

Meine Beziehung zum HSV ? Eine lange und doch so einfache Geschichte. Meine Großeltern lebten früher in Hamburg-Eppendorf in der Kegelhofstraße. Zu den Kindergeburtstagen meiner Mutter, wenn die Erwachsenen sich trafen, kam auch immer ein Bekannter meiner Eltern. Erwin hieß er und arbeitete im Hamburger Hafen. In seiner Freizeit kickte er für den HSV und deshalb wurde mein Opa damals HSV-Fan. Mein Vater lebte mit seiner Familie ebenfalls in Eppendorf, gleiche Straße, gleiches Haus. Mein Vater (Jahrgang 1934) spielte damals oft mit Erwins Sohn Dieter auf der Straße Fußball. Dessen kleiner Bruder Uwe durfte Anfangs nicht mitspielen – zu klein. Aber das änderte sich schnell, so dass Uwe dann auch mitspielen durfte.

So, damit dürfte schon mal klar sein, dass unsere Familie nur einem Verein anhing, nämlich dem HSV.
Ich selbst wurde dann rechtzeitig von meinem Opa infiziert – es war Anfang der siebziger und ich, Baujahr ´67, hatte keine große Ahnung, was am Samstagabend außer der Sportschau im TV ablief, aber der einzige Fußballer, den ich erkannte, hatte schon lichtes Haar und hieß Uwe. Und seit dem, also im Grunde genommen so lange wie ich denken kann, bin ich HSVer. Opa war es auch, der im Mai 1977 mit mir mitten in der Woche zum Flughafen Fuhlsbüttel fuhr. Er hatte frei genommen und es war ein toller Trip. Wir begrüßten die HSV-Spieler, die gerade mit dem Sieg gegen Anderlecht ihren ersten Europapokal-Sieg eingefahren hatten. Und in Zeiten des Media-Hypes mag man es kaum glauben – es waren damals nur cirka 30 Leute dort erschienen (und nur ein, zwei Journalisten), und ich habe Autogramme bekommen ohne Ende. Das alles ging so schnell, dass ich zum Teil gar nicht wusste von wem, aber keiner hat verweigert.

Dann, zwei Jahre später, es war wohl im August 1979, der HSV hatte sein erstes Saisonspiel gegen Borussia Mönchengladbach – und ich durfte live dabei sein. Natürlich mit Opa. Und dazu auch noch Onkel Günther. Wir gewannen 3:0, ich glaube Manni Kaltz und Hans-Günter Plücken schossen zumindest zwei der drei Tore.

Es folgte die große Zeit des HSV, Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre. Ich, wir wohnten inzwischen in Ostholstein, verbrachte alle meine Ferien bei Oma und Opa (inzwischen nach Lohbrügge umgezogen) und am Samstag ging es immer per Bus und Bahn in den Volkspark und für fünf DM in die Westkurve, Block F. („E“ habe ich mich nicht getraut…), Schülerkarte. Viele tolle Spiele habe ich gesehen, auch die eine oder andere bittere Niederlage miterleben müssen. Allerdings gewankt habe ich nie.

1987 dann ein persönliches Highlight für mich: Das Spiel HSV – Stuttgarter Kickers, ausgetragen im Berliner Olympiastadion – und ich war live dabei. Auf der Hinfahrt stundenlang im Stau an der Grenze gestanden, mit tausenden anderen HSVern. Auf der Rückfahrt irgendwann nachts voll abkassiert von den Grenzern, weil ich einen Parkplatz nur für Busse benutzte – aber egal – wir hatten den Pokal, alles andere war egal.

Szenenwechsel: Es war, so glaube ich, im Jahr 2005. Ich arbeitete damals bei einer Softwarefirma im schönen Ostholstein und wir hatten damals eines der weltbesten Managerspiele im Angebot. Es hieß „Fußballbundesligamanager” und war der Renner. In dem Zusammenhang eröffneten wir in St. Peter Ording auch eine Fußballschule und unser Leiter dort wurde Jimmy Hartwig. Mir war es vergönnt, ihm seinen ersten PC zu “verkaufen”, zu liefern und zu installieren. Ihm die ersten Schritte zu erklären usw. Wir sind dann auch in Hamburg ein paar Mal zusammen um die Häuser gezogen, gemeinsam mit unseren Frauen, und wir haben auch in St. Peter Ording mal ein tolles Wochenende zusammen verbracht. Und ich muss sagen, Jimmy ist ein netter und total unkomplizierter Typ. Aufgrund von Ortswechseln hat sich das dann zwar etwas verlaufen aber auch heute noch lasse ich nichts auf ihn kommen.

Im gleichen Zusammenhang, also mit dem Vertrieb dieser Spiele, habe ich dann auch einmal das Vergnügen gehabt Sepp Maier „kennen zu lernen”. Kein Vergleich zu Jimmy. Sepp ist was Besseres. Lässt sich sein Gepäck auf dem Flughafen zum Auto tragen, benimmt sich von oben herab und wenn er dann auch unserer Showbühne stand (er war unser Stargast auf einer Spiele-Messe in Köln), dann legt er den Schalter um und ist der lustige Typ aus dem TV. In den Pausen saß er nur maulig hinter der Bühne und machte drei Kreuze als alles vorbei war. Verabschiedet sich auch nicht, wenn man ihn zurück zum Flughafen fährt usw. Er hat bei mir keine Pluspunkte sammeln können.

So, das war ein kleiner Abstecher zu Prominenz. Zurück zum HSV. Ich bin verheiratet, habe Familie, dadurch sind Besuche in der Arena doch seltener geworden. Fast jeden Sonnabend ist dafür Premiere, heute Sky, angesagt. Meine Tochter, auch schon erwachsen, ist zum Glück für mich fußballinteressiert. Begeistert wäre besser, aber man kann ja nicht alles haben. Und ihr Verein trägt natürlich auch unsere Raute auf der Brust. So kommt es, dass ich trotz des Fußball-Desinteresses meiner Frau sonnabends oft Gesellschaft beim Zusehen habe.

Und natürlich gibt es auch in Ostholstein viele HSVer, mit denen man die Spiele zusammen schauen kann. Aber ein-, zweimal pro Saison ist es Pflicht. Fahrt zur Arena mit „Geh-Wurst“ und „Geh-Bier“ um das Ganze stimmungsvoll einzuläuten und dann einfach nur genießen. Lotto ist Kult – und der HSV sowieso.

Und nur durch das nicht vorhandene Interesse meiner Frau ist folgende Situation zu erklären, die sich Anfang des Jahrtausends einmal bei uns zu Hause abspielte. Ich saß wieder einmal zu Tode betrübt vor dem TV, der HSV hatte wieder einmal verloren. Und meine Frau sagte todernst zu mir: „Ich kann das gar nicht mehr mit ansehen, wie du jedes Wochenende enttäuscht wirst. Such dir doch mal einen anderen Verein. Werder zum Beispiel, die Bremer gewinnen doch immer.“ Seitdem weiß ich, dass Sie nicht nur keine Ahnung hat, sondern überhaupt gar keine.

Einen Verein, den man liebt kann man sich nicht aussuchen. Der wird einem in die Wiege gelegt, so wie mir. Und ich bin sicher, wenn Ihr bis zu diesem Punkt gelesen habt, gebt Ihr mir Recht – bei dieser Historie kann ich nur HSV-Fan sein. Und deshalb verstehe ich auch nicht, wie manche hier verbal auf den HSV einschlagen, wenn es mal nicht so läuft. Denkt mal über die Alternativen nach. Delmenhorst-Ost ? Bitter Vizekusen oder Schlakke 05?

Leute, ich sag es Euch: NUR DER HSV.

Und der, den man liebt, der hat auch immer wieder jede Nachsicht verdient. Und deshalb gehen wir auch alle voller Optimismus in die Saison 2010 / 2011 – und ich setze auch wieder beim Buchmacher zehn € auf den Deutschen Meister 2011 – irgendwann wird es klappen. Das weiß ich.

Euer Rautenträger

13.14 Uhr

In eigener Sache
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