Tagesarchiv für den 11. Juni 2010

Kollauers Sommergeschichte

11. Juni 2010

 

Die WM beginnt, aber die Sommergeschichte nehmen weiter ihren Lauf. Vielen Dank für Eure Mühen, vielen Dank dafür, dass Ihr Euch so rege beteiligt. Und mein ganz spezieller Dank geht heute an den “Kollauer”, der nicht nur seine Geschichte erzählt hat, sondern auch sonst viele, viele nette Worte begleitend zu seinem Text gefunden hat, die mir persönlich galten, die Ihr deswegen nicht lesen könnt. Aber glaubt mir: Da kommt Freude auf!

Hier nun der Beitrag des “Kollauers”:

“Charly” Dörfel hat mich faszimiertwar mein Held

Geboren wurde ich im Jahr 1952 – also schon etwas nach den Nachkriegswirren aber doch noch vor den Wirtschaftswunderzeiten. Ich bin der älteste von 3 Brüdern und meine Kindheit lässt sich am besten mit dem Wort „abwechslungsreich“ umschreiben. Mein Erzeuger war nicht so ganz unproblematisch und so war es meiner Mutter nicht zu verdenken, dass sie sich scheiden ließ. Da sie aber zu dem Zeitpunkt (meine Brüder waren gerade 1 und 2 Jahre alt) nicht arbeiten konnte, war es mit dem Geld bei uns nicht zu üppig -um nicht zu sagen: es war keines da! Leider wurde daher die Anmeldung in einen Fußballverein oder aber auch nur um ein Paar Buffer wurde – logischerweise – abgelehnt. Damals verbrachte ich jede freie Minute auf den Sparbierplätzen an der Bundesstraße. Den normalen Straßenschuhen war das nicht so recht zuträglich und der Ärger mit meiner Mutter ebenso unvermeidlich.

Zu dieser Zeit war ich ständiger Gast der Spiele des HEBC. Jeden Sonntagmorgen (sofern Heimspiele anstanden) war ich um 10:45 Uhr auf dem heiligen Grand des Reinmüllerplatzes. Es gab wohl keinen Zaun rund um den Platz über den ich nicht geklettert bin. Denn Geld für den Eintritt hatte ich keines – siehe oben. Das Idol meiner ersten Fußballerzeit war Günther Mollenhauer. Molli war damals der Mittelstürmer von HEBC und ein echter Torjäger. Das einzig „schlechte“ an ihm war: man wusste nie, ob er aufläuft oder nicht. Erzählt wurde damals, dass er im Hafen arbeiten würde und wenn er Sonntags zur Schicht musste, war es eben nichts mit Kicken. Später kam mir dann mal die Idee, dass es vielleicht auch an der 4. Schicht in der Kneipe gelegen haben könnte. Denn der Schlankste war er nicht! Es waren immer wieder ungeheuer spannende Spiele dort und ich durfte auch erste Erfahrungen mit nörgelnden Rentnern am Spielfeldrand (das würden Benno und Jonny nie tun J) machen.

So gingen die Jahre ins Land und ich fing an, mich auch für den HSV zu interessieren. Da ich durch meine HEBC-Erfahrungen recht talentiert im Überwinden von Zäunen war, versuchte ich dann mein Glück am Turmweg. Und es klappte. So ganz genau kann ich mich an die Spiele, die ich dort verfolgte, nicht mehr erinnern. Nur ein Spieler – außer Uwe – hat mich immer fasziniert: Charly Dörfel! Seine Gespräche mit den Zuschauern während der Spiele waren und sind legendär. Aber Uwe war mein „Grund“, weshalb ich mich für den HSV und nicht z.B. für St. Pauli interessierte. Seine Art zu spielen und wie er sich in Öffentlichkeit verhält hat mich immer begeistert und ist auch heute noch für mich absolut authentisch. Einen Spruch von ihm habe ich während meiner aktiven Zeit als Erwachsener und später als Jugendtrainer immer befolgt und weiter gegeben: Siegen wollen – Verlieren können.

Ich kam dann in das Alter, in dem „man“ zum Konfirmationsunterricht gehen musste. Was bedeutete das für mich? Jeden Dienstag stand ich vor der Entscheidung: „Konfer“ oder Sparbierplatz? Nicht so schwer zu erahnen, wofür ich mich entschied. Wochen und Monate vergingen nach demselben Muster: ich verließ die Wohnung mit Gesangsbuch und Bibel und dem Arm und ging Richtung Bethlehem-Kirche. Allerdings driftete ich bereits an der ersten Kreuzung nach rechts ab und marschierte Richtung Sparbierplätze. Das ging dann auch einige Wochen und Monate gut. Bis zu diesem verhängnisvollen Tag: dieser überaus neugierige Pastor rief bei meiner Mutter an und fragte sie, ob es mir denn nicht allmählich nicht einmal besser gehen würde. Oh, vergaß ich zu erwähnen? Ich hatte im Pastorat angerufen, als meinen Vater ausgegeben und krank vom Konfirmandenunterricht abgemeldet. Mein Erzeuger hatte zu dieser Zeit mal für ein paar Jahre wieder zur Familie zurückgefunden. Also kam ich an diesem Nachmittag froh gelaunt vom „Konfirmandenunterricht“ auf dem Sparbierplatz zurück und lief in eine gestochene Gerade meiner Mutter. Ups! Meine Mama ist immerhin 163 cm groß und ich bin heute immer noch 190 cm hoch. Damals war ich wohl noch etwas kleiner aber normal hätte die Gute mich nicht erwischt. Erschwerend für ihre „Heimtücke“ sei erwähnt, dass ich mich nur an ganz wenige körperliche Züchtigungen von ihr erinnere. Meine Bonsai-Löwin hat immer nur für ihre Kinder gekämpft und nie mit ihnen. Nicht nur dafür liebe ich sie noch heute – sie ist jetzt 86 Jahre alt und immer noch fit.

Kurz bevor ich zum Dienst an der Waffe antreten durfte, habe ich meine damalige Verlobte geheiratet. Noch heute behauptet meine Frau, dass wir glücklich verheiratet seien. Und das nach jetzt 36 Jahren.

Während meiner Jugend war es mir also nie vergönnt einem Fußballverein beizutreten. Das schaffte ich erst als Erwachsener nach der Zeit beim Bund. Zunächst habe ich beim SC Egenbüttel gekickt und dann ist die gesamte Mannschaft zum TuS Germania Schnelsen gewechselt. Dort habe ich im „Unteren-Herren-Bereich“ lange Jahre mit wechselndem Erfolg gespielt. Das war damals in den 70’er bis 90’er Jahren noch eine etwas andere Geschichte als heute. Es gab die A, B und C-Leistungsklassen und die HU-Staffeln. Wir haben uns damals aus dem HU-Bereich bis in die HB hoch gekämpft und gespielt.

Was mir immer wichtig war und was ich heute leider so nicht mehr sehe: nach dem Spiel hat man mit seinem Gegner zusammengesessen und ein Bier getrunken. Wir haben uns im Spiel sicher nichts geschenkt und manches Mal auch richtig was auf die Stöcker gegeben. Aber es gab fast nie Hinterhältigkeit und Heimtücke.

Dann wurde unser Sohn geboren und auch der wurde – zur Verzweiflung seiner Mutter – vom Fußballvirus infiziert. Als kleiner Buttje war er zunächst Fan von Borussia Dortmund – warum auch immer. Das wuchs sich dann aber recht schnell wieder zu Recht und er konvertierte zu unserem Club. Das ist auch bis heute so geblieben. Die beste Ehefrau von allen schlägt immer wieder die Hände über dem Kopf zusammen, wenn sie die HSV-Devotionalien bei ihren Männern sieht. Was hat sie gelacht als ich mir mein RvN-Trikot gekauft habe – aber da stehe ich drüber!

Nun denn, es kam wie es kommen musste: Sohnemann wollte mit 5 Jahren in den Fußballverein! Und so geschah es! Da sei – damals noch Papi – heute: Vaddie für! Also ab in die G-Jugend des NTSV. Zunächst gab es auch noch Trainer – aber die verkrachten sich dann irgendwann und zusätzlich gab es dann auch noch die Problematik mit den Jahrgangstrennungen. Lange Rede – kurzer Schluss: ich durfte als Trainer der Mannschaft meines Filius antreten. Motto: wer so lange Fußball gespielt hat, muss auch trainieren können. Na – logo! War aber nicht so. Also habe ich mir in einem plötzlichen Anfall von Selbstkritik gesagt: das lernst Du mal besser erst. Infolgedessen: Anmeldung beim HFV zum Jugendtrainer und daran anschließend zur C-Lizenz. Das lief auch all die Jahre gut. Wir waren immer die 2. Mannschaft unseres Jahrganges und mehr dem Breitensport als dem Leistungsfußball verpflichtet. Ich habe die Mannschaft bis zum Ende der A-Jugend trainiert und dann war auch gut mit Trainer sein.

In all den Jahren war ich immer noch praktizierender HSV-Fan. Was habe ich für geile Spiele im Volkspark gesehen:

Pokalspiel gegen Mönchengladbach: die Geburtsstunde des Elfmeter-Killers Rudi Kargus. Ich sitze auf Tribüne der Gegengeraden des alten Stadions. Um mich herum so gut wie keine Menschen – das gab es damals noch!!!!! In das Stadion hatte ich ein paar Dosen Bier mitgenommen. Auch das ging damals noch!! Wer will schon Bier von einem Fußballspiel wieder nach Hause mitnehmen. Ich nicht! Also sitze ich da kurz vor dem Elfmeterschießen und mit mir die Frage: gehst Du jetzt zur Toilette?! Und nun stehe ich vor der Entscheidung: Platzen – Toilette – Plastiktüte. Wie war das damals ausgegangen? Ein kleiner Tipp: ich habe keinen Schuss verpasst.

Nächste Szene: Europapokal HSV – Real Madrid 1980.

Meine ehemalige Verlobte – die beste Ehefrau von allen – hat und wird sich nie für Fußball interessieren. Damals war ich noch so naiv zu glauben, dass die Atmosphäre im Stadion jeden – wirklich jeden – faszinieren müsse. Also kaufe ich unter etlichen Mühen und Kosten für uns beide Karten in der Ostkurve. Das Spiel läuft und alle, wirklich alle, sind von dem Spiel in den Bann geschlagen. Alle – wirklich alle? Oh, nein – weit gefehlt. Eine Frau – meine – steht MIT DEM RÜCKEN ZUM SPIELFELD UND SCHAUT SICH DIE LEUTE AN!!!! Kommentar von ihr: das muss ich einfach sehen, wie die hier alle durchdrehen. Danach habe ich sie nie wieder mit ins Stadion genommen und: sie vermisst es auch nicht!

Auch beim – vorerst letzten – Erfolg des HSV war ich in Berlin gewesen. Das Spiel gegen die Stuttgarter Kickers war zwar nicht so der Hit gewesen. Aber wenn ich damals gewusst hätte, wie lange ich auf einen neuen Erfolg warten muss: ich hätte es wohl noch mehr genossen.

Und wann bin ich das letzte Mal so richtig glücklich aus dem Volkspark nach Hause gekommen? Na klar: am 20. Dezember 2009. 2:1 gegen Grün-Weiß – und das mit zehn Mann.

16.03 Uhr

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