Tagesarchiv für den 10. Juni 2010

Elias Fauxpas

10. Juni 2010

Eljero Elia muss noch viel lernen. Wusstet Ihr längst, ich weiß. Aber dass der niederländische Offensivspieler mit dem Raketenantrieb das auch immer wieder unter Beweis stellt, hätte wahrscheinlich niemand erwartet. Erinnert Euch mal an die vergangene Bundesligasaison (einmal noch, wirklich nur einmal, auch wenn es noch immer weh tut). Erst legte Elia einen Superstart hin und begeisterte uns alle, dann ließ er merklich nach, verletzte sich, moserte ein paar Mal, dass er von Bruno Labbadia auf rechts statt auf links eingesetzt wurde – und dann entpuppte sich seine eigentlich ausgestandene Verletzung doch als wesentlich schlimmer, und dann ging das Theater richtig los.

Elia meckerte dann nicht mehr nur intern (und damit meine ich: unter vertrauten Kollegen, nicht gegenüber Vorgesetzten), sondern machte seinem Frust auch über niederländische Medien Luft. Dass er wegen seiner Kritik am Trainer, am Verein und auch oder vor allem an der medizinischen Abteilung zum Rapport beim Vorstand musste, war klar. Und dass er sich angeblich gar nicht so dramatisch geäußert hatte, auch. Es ist wirklich kurios, dass es derartige Geschichten heute immer noch gibt. Wir leben doch eigentlich im Kommunikationszeitalter, in einer Zeit der Blogs, Nachrichtensender, Ticker, Twitter-Dinger und so weiter – und trotzdem scheint auch Elias Generation in einer erstaunlichen Vielzahl nicht begriffen zu haben, dass zwischen sachlicher Kritik und unüberlegten Kommentaren Welten liegen können. Und, ganz ehrlich, meiner Meinung nach sollten sich die Berater solcher Spieler gleich einmal mit hinterfragen. Beratung heißt nämlich nicht nur Vermittlung von Spielern und Abkassieren exorbitanter Provisionen, sondern möglichst auch Beratung der Profis in Fragen des Verhaltens in der Öffentlichkeit.

Wer weiß, vielleicht hat Elia ja sogar Tipps bekommen. So wie ich HSV-Pressesprecher Jörn Wolf kenne, wird er ihm bestimmt ein paar Hinweise mit in die Sommerpause gegeben haben. Bei Elia meine ich natürlich nicht Sommerpause, sondern WM-Zeit. Doch siehe da: Entweder die Tipps sind in ein Ohr rein und aus dem anderen wieder heraus gerauscht, oder aber Elia überdenkt sich und seine Äußerungen gar nicht.

Denn nun tritt er mit seinen Oranjes in Südafrika an und will den Titel holen, doch das Erste, womit der Hamburger Spieler auf sich aufmerksam macht, ist eine Art Mini-Skandal, weil er in einem YouTube-Video mit dem Kommentar „Krebs-Marokkaner“ auftaucht. Und ausgerechnet einer der Kollegen hatte das Video aufgenommen, ein anderer hatte von der Existenz getwittert. Ich habe mir erklären lassen, dass dieses Twittern, also Zwitschern, inzwischen ganz groß in Mode gekommen ist.

Nun brauche ich Euch wohl nicht zuzuzwitschern, dass Elias Äußerung – übrigens während eines Computerspiels – in den Niederlanden einen Aufschrei der Entrüstung zur Folge hatte. Und ich brauche wahrscheinlich auch nicht zu erwähnen, dass sich Elia in aller Form bei den vielen Marokkanern in den Niederlanden entschuldigt hat.

Aber so dämlich sein verbaler Aussetzer auch war – auch wenn ich betonen möchte, dass Elia ganz bestimmt kein Rassist ist oder ein Problem mit Marokkanern hat (viele seiner Freunde kommen von dort) -, mindestens genauso bescheuert ist es doch, dass seine Kollegen solche Privatvideos aus dem intimsten Bereich einer Mannschaft, aus den Zimmern, aus den einzelnen Gruppen und Privatsphären, auf ein öffentlich zugängiges Portal stellen und das dann auch noch zwitschern, äh, twittern. Damit haben sie nämlich nicht nur Elia einen Bärendienst erwiesen, sondern auch ihrem Team, das nun wieder von spitzfindigen Experten und auch von vielen meiner Kollegen auf irgendwelche Auffälligkeiten durchleuchtet wird. Gab es bei Oranje nicht mal Rassen-Probleme im Nationalteam? Wieso reden diese Spieler so ungehobelt und benutzen Schimpfwörter für Menschen anderer Herkunft? Wenn die Niederlande Pech haben und schlecht ins Turnier starten, kann diese Twitternummer sogar eine ganze Krise heraufbeschwören. Ihr lacht mich jetzt vielleicht aus, aber denkt mal länger darüber nach. Gab es alles schon, ist gar nicht so abwegig.

Ich möchte trotz meiner eingangs sehr kritischen Worte über Elia an dieser Stelle für ihn sprechen und auch verdeutlichen, dass er auch nur ein junger Mann ist, der Fußball spielt, der in seiner Gruppe Spaß haben will, und der gelegentlich eben auch mal etwas derbere Sprüche von sich gibt. Solche Kommentare gibt es in jeder Mannschaft, in jedem Team. Sie gehören dorthin, wo sie ausgesprochen werden. Und dort sollten sie auch bleiben – im Hotelzimmer, in der Kabine, im Mannschaftsbus. Wenn sich jemand daran stört, wird es intern ohnehin angesprochen. Und in jeder Mannschaft gibt es Wege, um jemanden für unüberlegte und unpassende Wortwahl zu sanktionieren. Das muss nicht immer über die Öffentlichkeit laufen.

Elia wird hoffentlich seine Lehren aus dem Fauxpas ziehen. Und demnächst vorsichtiger sein, da nicht einmal mehr im inneren Kern einer Mannschaft Geheimnisse, Vertraulichkeiten oder Späße irgendeiner Art verbleiben. Ich betrachte ihn als einen der potenziellen Newcomer bei dieser WM. Und ich hoffe, dass Bondscoach van Maarwijk diesen Fehler seines Spielers nicht überbewerten wird.

Dem HSV wünsche ich, dass er sich in Person von Bastian Reinhardt nach der WM und vor der Vorbereitung einmal ein längeres Gespräch mit Elia gönnen wird. Ich glaube fest an seine fußballerischen Qualitäten. Er kann in Bestform für den HSV eine Rolle spielen fast wie Franck Ribery für die Bayern. Doch dazu muss er den Ärger, den Frust und auch diesen Twitter-Quatsch vor der WM komplett hinter sich lassen.

So, das war jetzt mal ein etwas ausführlicherer Kommentar zu einer WM-Geschichte, die hoffentlich nicht so große Wellen schlagen wird wie ich es hier skizziert habe. Aber da ein HSV-Spieler beteiligt war, dachte ich, es sei mal angemessen.

23:02 Uhr

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