9. Juni 2010
Mein Freund Jochen sprach mir heute auf die Mailbox: “Dieter, sage mal dem HSV, dass er sich Michael Ballack holen soll – möglichst für drei Jahre.” Natürlich, Jochen, das habe ich gleich gemacht. Und ich habe dem HSV auch gesagt, dass der Joe Cole vom FC Chelsea auch gleich mitkommen sollte. Wenn schon, denn schon, wir Hamburger machen ja keine halben Sachen. Und das bisschen Geld, was für die beiden Stars zu zahlen wäre -. lächerlich, Jochen, lächerlich. Die zahlt Bernd Hoffmann aus der Portekasse. Allerdings: Auch Werder und SChalke sollen ja mitbieten. Das wundert mich schon. Besonders bei den Schalkern, denn da hatte Felix Magath ja zuletzt gefordert, dass er 30 Millionen Euro benötigt. Wenn er diese Summe tatsächlich noch erhalten hat, was ja nicht sofort feststand, danan könnte Schalke ja durchaus noch an Gregory van der Wiel und an Ibrahim Afellay denken. Oder?
Das alles klingt schon wie ein Märchen. Aber es ist Fußball. Und so denken wir Fans wohl. Wenn Cristiano Ronaldo auf dem Markt wäre, würden wir ja wohl auch sofort an den HSV denken . . . Oder wenn Messi . . . Ach, lassen wir das.
Kommen wir zu unseren Sommergeschichten. Heute stelle ich gleich vier etwas kleinere auf einem Schlag bei Matz ab rein – sie sind herrlich zu lesen und erinnern – hofentlich – nicht nur mich an frühere Tage. Vielen Dank den SAutoren. Und: Wenn noch jemand schreiben möchte, dann sollte er sich keinen Zwang antun. Bitte an die Internet-Adresse des Matz-ab-Gewinnspiels schicken, und bitte mit dem Stichwort “Sommergeschichte” versehen. Vielen Dank nochmals allen, die geschriebn haben – und vielen Dank auch allen, die sich dazu positive geäußert haben.
Und los geht es mit der ersten Geschichte:
Nur der HSV !
Von Gordon Muschalla
Nach einem fabelhaften Start in die Bundesligasaison 2009/2010, jeder Menge Tore in den ersten Spielen und einer riesigen Euphorie in Hamburg und ganz Deutschland sind wir nach der Winterpause irgendwie nicht mehr in Tritt gekommen. Sicher bedingt durch unzählige Verletzungen, die den Kader schon in seiner eigentlichen Form geschwächt haben.
Das Spiel gegen Werder Bremen am letzten Spieltag der Hinrunde war so ein guter Ausklang der ersten Halbserie. Den Nordrivalen mit null Punkten nach Hause geschickt. Selbst mit zehn Mann haben wir das 2:0 geschossen und meiner Meinung nach auch verdient gewonnen.
Was war nur los mit unserem HSV? In der Europa League immer wieder weitergekommen, in der Bundesliga dann geschwächelt. Nach dem Aus im Halbfinale der Europa League, ich hatte genau an diesem Tag meine Finalkarten im Briefkasten, schien über den HSV ein mächtiges Gewitter loszubrechen. Alle waren am Boden, die Spieler, der Vorstand, der Trainer und wir, die Fans.
Aber nun mal im Ernst. Der HSV steht seit mehr als zehn Jahren wieder in den Top10 der europäischen Klubs. Ich habe lange nicht mehr so viele Spiele im deutschen TV mit Hamburger Beteiligung gesehen. Wir haben grandiose Spiele sehen dürfen, konnten vor Anspannung in Europa-League-Spielen kaum noch geradeaus reden. Jedes mal dachte ich, nach diesem Spiel bin ich fünf Jahre älter. Beim darauf folgenden Spiel ging es mir aber stets genauso. Ich müsste bereits weit über 80 Jahre sein, wenn meine Gefühle zugetroffen wären . . .
Nun haben wir leider keinen Pokal im eigenen Stadion geholt, haben uns nicht für den europäischen Wettbewerb qualifiziert und sind entsprechend auch nicht Meister geworden.
Shit happens.
Wir sollten mit dem Erreichten auch mal zufrieden sein, soweit man(n) das sagen kann.
Im deutschen WM-Kader stehen nach langer Zeit mit Jerome Boateng, Marcell Jansen, Dennis Aogo und Piotr Trochowski mal wieder vier Hamburger Jungs, die hoffentlich eine herausragende WM spielen, vielleicht sogar Weltmeister werden und mit unheimlicher Motivation nach Hamburg zurückkehren. Zu mindestens drei von ihnen.
Auch unser neuer Trainer mit seinem Team gefällt mir in den ersten Tagen sehr gut. Ich denke auch, dass die Spieler nicht über Verbleib oder Weggang entscheiden sollten, sondern sich an vertragliche Konstrukte halten müssen. (siehe Zé Roberto oder Jonathan Pitroipa)
Ich bin trotz der durchwachsenen Saison stolz auf unseren HSV, stolz, ein Mitglied des HSV zu sein.
All diejenigen, die es nicht mehr sind bzw. nur noch auf unseren Verein schimpfen und an jeder Entscheidung zweifeln, sollten vielleicht nach einem neuen Verein Ausschau halten.
Ich bin jetzt seit 1989 Fan dieses Vereins, habe mehr Tiefen als Höhen durchgemacht. Trotz alledem schlägt mein Herz schneller, rast mein Puls und ich habe Gänsehaut, wenn ich im Stadion bin oder vor dem Bildschirm sitze.
Ich glaube das ist es, weshalb ich meine Liebe im HSV gesucht und gefunden habe.
Also, lasst uns unsere Jungs bei der WM anfeuern, auch die für Holland und die Elfenbeinküste spielen.
Auf ein neues Sommermärchen 2010 und eine grandiose Saison 2010/2011.
Nur der HSV!
Die zweite Geschichte:
Ein Tor gegen „meinen“ Klub
Von Bubi Hönig
Wir trafen uns jeden Tag nach der Schule und dem Auslassen der Schularbeiten im Eppendorfer Park zum Fußball. Oft hatten wir telefonisch verabredet, ob wir unseren HSV-Dresss tragen, oder lieber im Phantasie-Nationaltrikot auflaufen wollten. Natürlich versuchten wir auch die Spielweise unserer jeweiligen Idole nachzuahmen. Schnell waren zwei Tore markiert, Mannschaften gewählt und los ging es, meist bis zum Erreichen der Deadline gegen 18 Uhr, damit das Abendbrot zusammen mit den heimkommenden Vätern eingenommen werden konnte.
Irgendwann kam der Wunsch nach Vereinsfußball bei mir auf, leider nicht beim HSV, wegen des weiten Weges von Eppendorf nach Ochsenzoll. Nächstliegender Club war der SC Victoria, dem ich beitrat. Von Kindheit an gab es für mich nur die Raute, da mein Vater dort als Jugendbetreuer tätig war und für mich dadurch nie ein anderer Verein auch nur annähernd in Frage kam. Höhepunkte waren immer die Besuche im Volksparkstadion, in dem ich stets mit großen Augen und restlos begeistert Platz nahm, was nicht an den damaligen, sportlichen Leistungen gelegen haben kann…
Wichtig war mir damals alles, sogar ein neues Trikot in anderer Farbgebung, getragen von den HSV-Spielern, war ein besonderes Ereignis. (z.B. rotes Trikot mit weißen Ärmeln)
Rückschauend kann ich sagen, dass ich in den Vereinsspielen niemals in der Lage war, auch nur annähernd so wie beim wilden Fußball im Park zu spielen, mein Ego war leider viel zu schwach ausgeprägt.
Eines Tages hatte meine Mannschaft ein Spiel gegen den HSV. Schon vor Beginn war mir mulmig zu Mute, als ich die gegnerischen Spieler in „meinem Trikot“ auf den Platz kommen sah. Mitte der ersten Halbzeit kam ich in der gegnerischen Hälfte an den Ball und schoss diesen, in Ermangelung sinnvoller Alternativen, in Richtung des HSV-Tores. Zu meiner Überraschung konnte der Torwart des HSV den Ball nicht erreichen, so dass dieser direkt unter der Latte ins Tor flog. Allerdings lag das wohl weniger an meiner Schussgewalt, als vielmehr an der Tatsache, dass wir alle im zarten Alter von elf oder zwölf Jahren waren mit der in diesem Alter üblichen Körpergröße.
Das sich nach diesem Torschuss einstellende, merkwürdige Gefühl ist mir bis heute in lebhafter Erinnerung geblieben. Wahrscheinlich kann man es vergleichen mit einem Länderspieltor von Podolski gegen Polen, welches bei ihm nur einen sehr verhaltenen, gemäßigten Jubel auslöste.
Ich hatte ein Tor gegen meine Liebe erzielt. Die Szene liegt jetzt über 40 Jahre zurück und ich kam nie wieder auf dem Fußballplatz in einen vergleichbaren Interessenkonflikt.
Die dritte Geschichte
König von Bergedorf
Von Billtal
Als ehemaliger Jugendspieler von Bergedorf 85 (damals hießen wir ja noch Knaben, Schüler, Jugend , Jungmannen) bleibt mir eine Phase besonders in Erinnerung. Das war die Phase der Auswärts-Busfahrten. Der Verein stellte damals in Verbindung mit der VHH kostenlos einen Bus zu den Auswärtsspielen für je zwei Jugend-Mannschaften zur Verfügung.
Man stelle sich das mal vor. Ein Bus – nur für uns. Man kam sich vor wie ein König oder Nationalspieler. Ich zumindest. Treffpunkte waren wahlweise die Bergedorfer Kirche oder der Lohbrügger Markt. Da der Bus immer zuerst an der Kirche hielt, habe ich diesen Treffpunkt gewählt, obwohl ich am Lohbrügger Markt wohnte.
Bin dann immer weit vor der Zeit mit dem „Matchbeutel” über der Schulter stolz wie Oskar durch Bergedorf marschiert. Die Sache mit den freien Busfahrten hielt nicht sehr lang an. Aber es war herrlich.
Die vierte Geschichte
Mein Vater war entsetzt
Von bopsi
Es war 1979, mein Vater war (ist) Dauerkarteninhaber des VfB Stuttgart, klar, dass seine Söhne beim VfB Fußball spielen. Mein Bruder und ich waren damals in der F-Jugend. Es muss Oktober oder November gewesen sein, nach dem Jugendtraining warteten wir auf die Profis, um Autogramme zu holen. Es war eiskalt, es regnete. Nach zwei Stunden kamen die Profis endlich. Völlig durchnässt und vor Kälte zitternd streckten wir die Utensilien den Profis zur Unterschrift hin. Keiner, wirklich keiner blieb stehen, um zu unterschreiben. Hansi Müller sagte nur, dass er keine Zeit habe, es sei kalt und er will nach Hause, außerdem würde er mit einem Kugelschreiber nicht unterschreiben.
Ich war tief traurig, und von diesem Zeitpunkt an hat mich nur noch interessiert, dass der VfB verloren hat. Wenn ich mit meinem Vater im Stadion war, war es nicht wichtig gegen wen der VfB spielte, sondern dass er verliert. Über Streitereien anschließend lasse ich mich nicht weiter aus.
Im Frühjahr 1980 waren wir zu Besuch in Hamburg, es regnete. Wir sind zum Essen gegangen. Ein Paar Tische weiter saß ein großer Mann, der Kindern Autogramme gab. Ich fragte meinen Vater, wer das denn sei. Er sagte, dass sei Horst Hrubesch, Stürmer vom HSV. Ich wollte mir auch gleich ein Autogramm holen, mein Vater meinte aber, ich solle erst fertig essen, dann könne ich ja hin zu ihm.
Nach dem Essen war ich so nervös, dass ich erst mal zur Toilette musste. Als ich zurückkam, war Hrubesch nicht mehr da. Erneut war ich tief enttäuscht, das Bild aber, wie Hrubesch mit den anderen Kindern lachte und geduldig Autogramme schrieb, das habe ich nie mehr vergessen. Von dem Tag an war nicht nur wichtig, ob der VfB verloren hat, nein es war auch wichtig wie Horst Hrubesch gespielt hat.
Als Horst Hrubesch einige Monate später Deutschland in Italien zum Europameister schoss (köpfte), rannte ich montags darauf los und kaufte mir mein erstes HSV-Trikot, bestellte HSV-Bettwäsche.
Ich war nun HSV-Fan, keine Frage.
Mein Vater, VfBler durch und durch, war (ist) entsetzt.
Sein (für mich) größtes Geschenk an mich dann 1981:
DFB-Pokal, Stuttgarter Kickers gegen HSV im Neckarstadion. Er ging mit mir nicht auf die Haupttribüne, sondern in den HSV-Gästeblock. Der HSV siegte 5:1. Mein erstes HSV-Live-Spiel.
Vielen Dank an Euch, es ist herrlich zu lesen, wie Eure Beziehungen zum Fußball und auch zum HSV enstanden sind. Danke für die Mühe, die Ihr Euch gemacht habt, und danke auch für den Miut, den Ihr aufgebracht habt, hier zu schreiben – es ist einfach nur schön! Danke.
15.53 Uhr
Tags: Aogo, Boateng, Hrubesch, HSV, Jansen, Jonathan Pitroipa, Trochowski, Ze Roberto