Tagesarchiv für den 9. Juni 2010

Doch noch was zum Thema Ballack

9. Juni 2010

Manchmal in der abgelaufenen Saison hatte ich „so nen dicken Hals“, weil ich mich über die Spiele des HSV so dermaßen aufgeregt habe. Heute hatte ich offenbar „so dicke Finger“, dass ich beim Reinstellen der Sommergeschichten einige Doppeldrücker bei den Buchstaben zu verzeichnen hatte. Ehe ich mir von einigen von Euch Unterstellungen oder ähnliches anhören muss, stelle ich hiermit klar: Ich wollte mich bei den Autoren bedanken, aus denen wirklich nur aus Versehen SAUtoren geworden sind. Das war keine Absicht. Entschuldigt bitte.

Auch wenn ich mich eigentlich nicht an den wilden Personalspekualtionen beteiligen möchte, die ja derzeit die gesamte Bundesliga betreffen, ist eine Thematik durchaus angebracht. Wenn Michael Ballacks Vertragsende bei Chelsea jetzt sogar schon der Tagesschau verkündet wird (heute geschehen), dreht natürlich die gesamte deutsche Fußballbranche durch. Geht da was bei Werder? Will Schalke zugreifen? Und was ist eigentlich mit dem HSV, war da nicht gerade von dem Anstoß hoch drei Ding die Rede?

Mir wurde ja schon häufiger unterstellt, dass ich mich bei Namen der Kategorie Ballacks zu abfällig über den HSV äußern würde. Nach dem Motto: Solche Stars würden eh nicht zu uns an die Elbe wechseln. Ich möchte dieser These mal ganz klar widersprechen. Ich weiß, dass der HSV auch auf internationaler Ebene längst wieder ein deutlich besseres Image genießt als vor fünf oder zehn Jahren. Und ich weiß auch, dass der HSV vor keinem Namen zurückschreckt und sich „zu klein“ fühlt. Aber – und jetzt kommt eben mein entscheidender Einwand -, ich weiß auch, dass der HSV nicht die Kronjuwelen von England im Vereinstresor hat um sie zu verscherbeln. Nach dem sportlichen Desaster der jüngsten Spielzeit ohne Einzug in einen internationalen Wettbewerb ist die wirtschaftliche Lage des Vereins mit Sicherheit nicht die rosigste. Und das heißt, dass sich der HSV vor allem in Gehaltsfragen keinen weiteren Profi der Kragenweite Ruud van Nistelrooys leisten kann. Sollte Ballack also tatsächlich in der Bundesliga unterkommen, erwarte ich ihn eher in Wolfsburg oder auf Schalke, sofern Felix Magath doch noch irgendwo eine Goldschatulle hingestellt bekommt.

Heute habe ich einige Anrufe von Freunden und Bekannten bekommen, die sich nach dem Wahrheitsgehalt der Sport-Bild-Geschichte erkundigen wollten, nach der Armin Veh im Grunde genommen nicht mehr große Stücke auf David Jarolim hält und entsprechend andere Profis eher im Vordergrund sieht. Ich sage es, wie es ist: Ich weiß nicht, ob da tatsächlich etwas dran ist. Ich weiß aber, dass „Jaro“ seine zuletzt auch von Bruno Labbadia immer mal wieder angekratzte Rolle versuchen wird zu verteidigen. Und wie. Jarolim ist ein so genannter Aufsteher, einer, der für seinen aus meiner Sicht extrem hohen Stellenwert hart arbeiten musste und sich nicht wegen irgendwelcher Geschichten aus der Bahn werfen lässt.

Ich persönlich habe zwar auch schon häufiger mit Bekannten und Experten über Jarolims Spielweise kontrovers diskutiert – die Frage nach seiner Verschleppung des Spieltempos war dabei immer ein Kernpunkt -, aber in Abwägung aller Für und Wider finde ich, dass Jarolim ein wertvoller und zuverlässiger und charakterlich einwandfreier Profi dieser Mannschaft ist, der diese Bezeichnung auch zurecht trägt. Jarolim lebt untadelig, er hält nichts von großen Sprüchen in der Öffentlichkeit, er sagt seine Meinung lieber intern und diskutiert lieber sachlich als Effekthascherei zu betreiben.

So, das war es für heute. Dass Ronny Teuber zum HSV als Torwarttrainer zurückkehrt, habt Ihr ja sicherlich schon mitbekommen. Nun erklärt sich auch, warum Teuber in den vergangenen Wochen und Monaten immer mal wieder am Trainingsgelände auftauchte und sich die Einheiten mit Frank Rost besonders genau anschaute.

Der Trainerstab dürfte damit nahezu komplett sein. Ich erwarte noch die Verpflichtung eines neuen Technik-Trainers, und dann kann das „Unternehmen sportliche Rehabilitation“ beginnen.

Morgen gibt’s wieder mehr.

21:57 Uhr

Vier Sommergeschichten

9. Juni 2010

Mein Freund Jochen sprach mir heute auf die Mailbox: “Dieter, sage mal dem HSV, dass er sich Michael Ballack holen soll – möglichst für drei Jahre.” Natürlich, Jochen, das habe ich gleich gemacht. Und ich habe dem HSV auch gesagt, dass der Joe Cole vom FC Chelsea auch gleich mitkommen sollte. Wenn schon, denn schon, wir Hamburger machen ja keine halben Sachen. Und das bisschen Geld, was für die beiden Stars zu zahlen wäre -. lächerlich, Jochen, lächerlich. Die zahlt Bernd Hoffmann aus der Portekasse. Allerdings: Auch Werder und SChalke sollen ja mitbieten. Das wundert mich schon. Besonders bei den Schalkern, denn da hatte Felix Magath ja zuletzt gefordert, dass er 30 Millionen Euro benötigt. Wenn er diese Summe tatsächlich noch erhalten hat, was ja nicht sofort feststand, danan könnte Schalke ja durchaus noch an Gregory van der Wiel und an Ibrahim Afellay denken. Oder?

Das alles klingt schon wie ein Märchen. Aber es ist Fußball. Und so denken wir Fans wohl. Wenn Cristiano Ronaldo auf dem Markt wäre, würden wir ja wohl auch sofort an den HSV denken . . . Oder wenn Messi . . . Ach, lassen wir das.

Kommen wir zu unseren Sommergeschichten. Heute stelle ich gleich vier etwas kleinere auf einem Schlag bei Matz ab rein – sie sind herrlich zu lesen und erinnern – hofentlich – nicht nur mich an frühere Tage. Vielen Dank den SAutoren. Und: Wenn noch jemand schreiben möchte, dann sollte er sich keinen Zwang antun. Bitte an die Internet-Adresse des Matz-ab-Gewinnspiels schicken, und bitte mit dem Stichwort “Sommergeschichte” versehen. Vielen Dank nochmals allen, die geschriebn haben – und vielen Dank auch allen, die sich dazu positive geäußert haben.

Und los geht es mit der ersten Geschichte:

 

Nur der HSV !

Von Gordon Muschalla

Nach einem fabelhaften Start in die Bundesligasaison 2009/2010, jeder Menge Tore in den ersten Spielen und einer riesigen Euphorie in Hamburg und ganz Deutschland sind wir nach der Winterpause irgendwie nicht mehr in Tritt gekommen. Sicher bedingt durch unzählige Verletzungen, die den Kader schon in seiner eigentlichen Form geschwächt haben.

Das Spiel gegen Werder Bremen am letzten Spieltag der Hinrunde war so ein guter Ausklang der ersten Halbserie. Den Nordrivalen mit null Punkten nach Hause geschickt. Selbst mit zehn Mann haben wir das 2:0 geschossen und meiner Meinung nach auch verdient gewonnen.

Was war nur los mit unserem HSV? In der Europa League immer wieder weitergekommen, in der Bundesliga dann geschwächelt. Nach dem Aus im Halbfinale der Europa League, ich hatte genau an diesem Tag meine Finalkarten im Briefkasten, schien über den HSV ein mächtiges Gewitter loszubrechen. Alle waren am Boden, die Spieler, der Vorstand, der Trainer und wir, die Fans.

Aber nun mal im Ernst. Der HSV steht seit mehr als zehn Jahren wieder in den Top10 der europäischen Klubs. Ich habe lange nicht mehr so viele Spiele im deutschen TV mit Hamburger Beteiligung gesehen. Wir haben grandiose Spiele sehen dürfen, konnten vor Anspannung in Europa-League-Spielen kaum noch geradeaus reden. Jedes mal dachte ich, nach diesem Spiel bin ich fünf Jahre älter. Beim darauf folgenden Spiel ging es mir aber stets genauso. Ich müsste bereits weit über 80 Jahre sein, wenn meine Gefühle zugetroffen wären . . .

Nun haben wir leider keinen Pokal im eigenen Stadion geholt, haben uns nicht für den europäischen Wettbewerb qualifiziert und sind entsprechend auch nicht Meister geworden.

Shit happens.

Wir sollten mit dem Erreichten auch mal zufrieden sein, soweit man(n) das sagen kann.

Im deutschen WM-Kader stehen nach langer Zeit mit Jerome Boateng, Marcell Jansen, Dennis Aogo und Piotr Trochowski mal wieder vier Hamburger Jungs, die hoffentlich eine herausragende WM spielen, vielleicht sogar Weltmeister werden und mit unheimlicher Motivation nach Hamburg zurückkehren. Zu mindestens drei von ihnen.

Auch unser neuer Trainer mit seinem Team gefällt mir in den ersten Tagen sehr gut. Ich denke auch, dass die Spieler nicht über Verbleib oder Weggang entscheiden sollten, sondern sich an vertragliche Konstrukte halten müssen. (siehe Zé Roberto oder Jonathan Pitroipa)

Ich bin trotz der durchwachsenen Saison stolz auf unseren HSV, stolz, ein Mitglied des HSV zu sein.

All diejenigen, die es nicht mehr sind bzw. nur noch auf unseren Verein schimpfen und an jeder Entscheidung zweifeln, sollten vielleicht nach einem neuen Verein Ausschau halten.
Ich bin jetzt seit 1989 Fan dieses Vereins, habe mehr Tiefen als Höhen durchgemacht. Trotz alledem schlägt mein Herz schneller, rast mein Puls und ich habe Gänsehaut, wenn ich im Stadion bin oder vor dem Bildschirm sitze.

Ich glaube das ist es, weshalb ich meine Liebe im HSV gesucht und gefunden habe.

Also, lasst uns unsere Jungs bei der WM anfeuern, auch die für Holland und die Elfenbeinküste spielen.

Auf ein neues Sommermärchen 2010 und eine grandiose Saison 2010/2011.

Nur der HSV!

Die zweite Geschichte:

Ein Tor gegen „meinen“ Klub

Von Bubi Hönig

Wir trafen uns jeden Tag nach der Schule und dem Auslassen der Schularbeiten im Eppendorfer Park zum Fußball. Oft hatten wir telefonisch verabredet, ob wir unseren HSV-Dresss tragen, oder lieber im Phantasie-Nationaltrikot auflaufen wollten. Natürlich versuchten wir auch die Spielweise unserer jeweiligen Idole nachzuahmen. Schnell waren zwei Tore markiert, Mannschaften gewählt und los ging es, meist bis zum Erreichen der Deadline gegen 18 Uhr, damit das Abendbrot zusammen mit den heimkommenden Vätern eingenommen werden konnte.

Irgendwann kam der Wunsch nach Vereinsfußball bei mir auf, leider nicht beim HSV, wegen des weiten Weges von Eppendorf nach Ochsenzoll. Nächstliegender Club war der SC Victoria, dem ich beitrat. Von Kindheit an gab es für mich nur die Raute, da mein Vater dort als Jugendbetreuer tätig war und für mich dadurch nie ein anderer Verein auch nur annähernd in Frage kam. Höhepunkte waren immer die Besuche im Volksparkstadion, in dem ich stets mit großen Augen und restlos begeistert Platz nahm, was nicht an den damaligen, sportlichen Leistungen gelegen haben kann…
Wichtig war mir damals alles, sogar ein neues Trikot in anderer Farbgebung, getragen von den HSV-Spielern, war ein besonderes Ereignis. (z.B. rotes Trikot mit weißen Ärmeln)

Rückschauend kann ich sagen, dass ich in den Vereinsspielen niemals in der Lage war, auch nur annähernd so wie beim wilden Fußball im Park zu spielen, mein Ego war leider viel zu schwach ausgeprägt.

Eines Tages hatte meine Mannschaft ein Spiel gegen den HSV. Schon vor Beginn war mir mulmig zu Mute, als ich die gegnerischen Spieler in „meinem Trikot“ auf den Platz kommen sah. Mitte der ersten Halbzeit kam ich in der gegnerischen Hälfte an den Ball und schoss diesen, in Ermangelung sinnvoller Alternativen, in Richtung des HSV-Tores. Zu meiner Überraschung konnte der Torwart des HSV den Ball nicht erreichen, so dass dieser direkt unter der Latte ins Tor flog. Allerdings lag das wohl weniger an meiner Schussgewalt, als vielmehr an der Tatsache, dass wir alle im zarten Alter von elf oder zwölf Jahren waren mit der in diesem Alter üblichen Körpergröße.

Das sich nach diesem Torschuss einstellende, merkwürdige Gefühl ist mir bis heute in lebhafter Erinnerung geblieben. Wahrscheinlich kann man es vergleichen mit einem Länderspieltor von Podolski gegen Polen, welches bei ihm nur einen sehr verhaltenen, gemäßigten Jubel auslöste.
Ich hatte ein Tor gegen meine Liebe erzielt. Die Szene liegt jetzt über 40 Jahre zurück und ich kam nie wieder auf dem Fußballplatz in einen vergleichbaren Interessenkonflikt.

Die dritte Geschichte

König von Bergedorf

Von Billtal

Als ehemaliger Jugendspieler von Bergedorf 85 (damals hießen wir ja noch Knaben, Schüler, Jugend , Jungmannen) bleibt mir eine Phase besonders in Erinnerung. Das war die Phase der Auswärts-Busfahrten. Der Verein stellte damals in Verbindung mit der VHH kostenlos einen Bus zu den Auswärtsspielen für je zwei Jugend-Mannschaften zur Verfügung.
Man stelle sich das mal vor. Ein Bus – nur für uns. Man kam sich vor wie ein König oder Nationalspieler. Ich zumindest. Treffpunkte waren wahlweise die Bergedorfer Kirche oder der Lohbrügger Markt. Da der Bus immer zuerst an der Kirche hielt, habe ich diesen Treffpunkt gewählt, obwohl ich am Lohbrügger Markt wohnte.

Bin dann immer weit vor der Zeit mit dem „Matchbeutel” über der Schulter stolz wie Oskar durch Bergedorf marschiert. Die Sache mit den freien Busfahrten hielt nicht sehr lang an. Aber es war herrlich.

Die vierte Geschichte

Mein Vater war entsetzt

Von bopsi

Es war 1979, mein Vater war (ist) Dauerkarteninhaber des VfB Stuttgart, klar, dass seine Söhne beim VfB Fußball spielen. Mein Bruder und ich waren damals in der F-Jugend. Es muss Oktober oder November gewesen sein, nach dem Jugendtraining warteten wir auf die Profis, um Autogramme zu holen. Es war eiskalt, es regnete. Nach zwei Stunden kamen die Profis endlich. Völlig durchnässt und vor Kälte zitternd streckten wir die Utensilien den Profis zur Unterschrift hin. Keiner, wirklich keiner blieb stehen, um zu unterschreiben. Hansi Müller sagte nur, dass er keine Zeit habe, es sei kalt und er will nach Hause, außerdem würde er mit einem Kugelschreiber nicht unterschreiben.
Ich war tief traurig, und von diesem Zeitpunkt an hat mich nur noch interessiert, dass der VfB verloren hat. Wenn ich mit meinem Vater im Stadion war, war es nicht wichtig gegen wen der VfB spielte, sondern dass er verliert. Über Streitereien anschließend lasse ich mich nicht weiter aus.

Im Frühjahr 1980 waren wir zu Besuch in Hamburg, es regnete. Wir sind zum Essen gegangen. Ein Paar Tische weiter saß ein großer Mann, der Kindern Autogramme gab. Ich fragte meinen Vater, wer das denn sei. Er sagte, dass sei Horst Hrubesch, Stürmer vom HSV. Ich wollte mir auch gleich ein Autogramm holen, mein Vater meinte aber, ich solle erst fertig essen, dann könne ich ja hin zu ihm.

Nach dem Essen war ich so nervös, dass ich erst mal zur Toilette musste. Als ich zurückkam, war Hrubesch nicht mehr da. Erneut war ich tief enttäuscht, das Bild aber, wie Hrubesch mit den anderen Kindern lachte und geduldig Autogramme schrieb, das habe ich nie mehr vergessen. Von dem Tag an war nicht nur wichtig, ob der VfB verloren hat, nein es war auch wichtig wie Horst Hrubesch gespielt hat.

Als Horst Hrubesch einige Monate später Deutschland in Italien zum Europameister schoss (köpfte), rannte ich montags darauf los und kaufte mir mein erstes HSV-Trikot, bestellte HSV-Bettwäsche.

Ich war nun HSV-Fan, keine Frage.

Mein Vater, VfBler durch und durch, war (ist) entsetzt.
Sein (für mich) größtes Geschenk an mich dann 1981:
DFB-Pokal, Stuttgarter Kickers gegen HSV im Neckarstadion. Er ging mit mir nicht auf die Haupttribüne, sondern in den HSV-Gästeblock. Der HSV siegte 5:1. Mein erstes HSV-Live-Spiel.

Vielen Dank an Euch, es ist herrlich zu lesen, wie Eure Beziehungen zum Fußball und auch zum HSV enstanden sind. Danke für die Mühe, die Ihr Euch gemacht habt, und danke auch für den Miut, den Ihr aufgebracht habt, hier zu schreiben – es ist einfach nur schön! Danke. 

15.53 Uhr

Das neue Miteinander der Räte

9. Juni 2010

Welch ein Werk! Und welch ein abschließendes Bild! Am Ende des Tages, es war genau 22.55 Uhr, setzten sich die Herren Aufsichtsräte in die Raute an einen Tisch mit Blick in die Arena – und dann Prost! Sie alle stießen auf ihren Neubeginn mit einem Bier an, diese seltene Eintracht könnte symbolisch für einen Neubeginn des HSV-Aufsichtsrates stehen. Es bleibt alles anders! Horst Becker ist nicht als Chef der Räte zurückgetreten, es rollte auch kein anderer Kopf, sie alle wollen es nun noch einmal miteinander versuchen. Diesmal aber mit einem viel größeren Miteinander, diesmal ohne den Jahrmarkt der Eitelkeiten, diesmal eventuell nur zum Wohle des HSV. Zu wünschen wäre es.

Seit Wochen, ach was, seit Monaten war dieses Kontrollgremium in sich mächtig zerstritten. Es wurde stets nur gegeneinander und oftmals voller Häme hinter der vorgehaltenen Hand gearbeitet und gesprochen. Da zog niemand mehr am selben Strang, da wollte jeder nur seine Haut retten – und vergaß darüber die eigentliche Aufgabe, nämlich für den HSV zu ackern und da zu sein.

Viele Stunden haben die Räte zusammen gesessen und heiß diskutiert. Offenbar wurde alles schonungslos angesprochen, was die Arbeit in den zurückliegenden Monaten so schwierig und fast unmöglich gemacht hatte. Um 22.30 Uhr wurden HSV-Boss Bernd Hoffmann und Katja Kraus, seine rechte Hand, in den Sitzungssaal gerufen. Dort wurde ihnen in fünf Minuten das Ergebnis verkündet. Kraus sowie Hoffmann wirkten zufrieden.

Dann wurden die Medienvertreter gerufen. Um 22.36 Uhr erhob sich der ehemalige Verteidiger der Meistermannschaft von 1960, Gerhard Krug, von seinem Stuhl und verkündete (im Wortlaut):

„Vor Ihnen steht der Alterspräsident des Aufsichtsrates. Der Aufsichtsrat ist um diese Zeit nicht mehr ganz vollständig, aber die Mehrzahl sitzt hier am Tisch. Und er will damit auch zum Ausdruck bringen, was nun verkündet wird: Wir haben nun vier Stunden diskutiert, wir haben über alle Probleme gesprochen, die sich hier in den letzten Wochen und Monaten angehäuft hatten. Wir wissen selbst, dass wir selbst, dass wir nach außen hin nicht immer die beste Performance geboten haben, das ist innerhalb und auch außerhalb des Vereins deutlich geworden. Das war Anlass für uns, alles auf den Tisch zu legen. Wir haben über alles offen und ehrlich diskutiert, und haben zu verkünden, dass entgegen der Meinung, die in den letzten Tagen schon in der Presse zu lesen war, der Aufsichtsrat in der gleichen Formation bestehen bleibt, wie er war. Das heißt mit dem Vorsitzenden Horst Becker. Horst Becker hat das Vertrauen des Aufsichtsrats insgesamt. Natürlich gibt es unterschiedliche Meinungen, es gibt auch unterschiedliche Meinungen über die Fehler, die gemacht worden sind, und nicht nur Horst Becker hat dieses und jenes in dieser Richtung kommentiert, auch die beteiligten Aufsichtsräte haben noch einmal alles Revue passieren lassen, und zwar alles, was vorgefallen ist. Und nicht wenige haben sich danach vor die Brust geklopft und gesagt: Wir haben große Fehler gemacht und wir werden sicherlich in Zukunft versuchen, alles besser zu machen – soweit es in unserer Macht steht. Wir sind mit den letzten Personalentscheidungen sehr zufrieden, und dazu wird Horst Becker gleich noch mehr sagen, zudem wird er noch eine persönliche Erklärung abgeben. Auf jeden Fall von mir mit den Kollegen – alles Vertrauen bei Horst Becker an diesem Dienstagabend.“

Dann ergriff Becker das Wort (auch im Wortlaut):
„Vielen Dank, Gerd, für die einleitenden Worte. Es ist in den vergangenen Tagen ja bekannt geworden, dass ich nach verschiedenen Veröffentlichungen und verschiedenen Berichten ernsthaft über einen Rücktritt nachgedacht habe. Insbesondere auf verschiedene erfolgte Indiskretionen, die ja in der Presse zu lesen waren. Dies haben wir, wie Gerd Krug eben schon sagte, jetzt aufgearbeitet, haben das über drei Stunden kontrovers und sehr ernsthaft diskutiert. Wir haben in diesen Diskussionen habe ich Fehler eingeräumt, aber die Kollegen auch. Wir sind entschlossen, in Zukunft noch mehr den Aufsichtsrat als Team zu sehen, indem wir vielleicht auch in kleinere Arbeitsgruppen bilden, damit wir nicht immer in diesem großen Kreis, was ja auch mein Anliegen ist, was auch schwer genug ist, zwölf Aufsichtsräte immer auch zeitlich unter einen Hut zu bringen, mit Terminen und ähnlichen Dingen – damit wir in einem kleineren Kreis manche Entscheidungen und manche Dinge zur Entscheidung vorbereiten. Das Vertrauen werden diese kleinen Gruppen haben, damit wir in Zukunft im gesamten Aufsichtsrat nicht mehr so langatmig arbeiten, wie es sonst so oft war.
Nach dieser Diskussion, und nachdem mir der Aufsichtsrat das Vertrauen ausgesprochen hat, habe ich mich entschlossen, weiter den Aufsichtsratsvorsitz beizubehalten – mit dem Versprechen meiner Kollegen, mich dabei tatkräftig zu unterstützen. Es gibt viel zu tun, aber auf der anderen Seite möchte ich auch sagen, dass wir den größten Teil unserer Arbeit hinter uns. Wir haben endlich einen Sportchef, was lange genug gedauert hat, was uns ja auch Wochen und Monate beschäftigt hat. Wir haben mit Urs Siegenthaler schon seit einigen Monaten, und er wird am 1. August anfangen, eine sehr kompetente Person für das Scouting, für Nachwuchsarbeit und für strategische Dinge. Und wir haben einen Trainer, auch relativ schnell gefunden, zur Überraschung mancher Pressevertreter wie ich weiß, aber insofern sind wir, so glaube ich, ganz gut aufgestellt. Und wir werden jetzt nach vorne sehen, und wir hoffen, dass wir mit Trainingsbeginn am 28. Juni eine schlagkräftige Mannschaft haben, das Potenzial ist ohne Frage vorhanden, um dann in eine erfolgreiche Saison zu gehen.“

Auf die Frage, ob Horst Becker an diesem Abend die Vertrauensfrage gestellt habe, antwortete er: „Ich habe sie nicht gestellt, aber aus der Diskussion heraus ergab sich, dass Kollegen – ich will nicht sagen bedrängt haben – mir gesagt haben: Du musst unbedingt weiter machen, Du bist unser Mann, Du hast das so lange gemacht, Du hast Erfahrung, und wir haben auch keinen Grund, einen anderen zu nehmen. Und das hat mich letzten Endes überzeugt, dass ich diese Aufgabe, die sicherlich nicht einfach ist, die ich jetzt aber immerhin seit dreieinhalb Jahren inne habe, dass ich das weiter machen möchte. Es gab Probleme in der Vergangenheit, aber die wollen wir nun hinter uns lassen, wir wollen nach vorne gucken.“

Wurde Horst Becker von seinen Kollegen überredet, musste er überredet werden? Becker: „Nicht überredet, ich bin überzeugt worden. Das ist ein kleiner Unterschied, überreden kann man mich schlecht. Ich hatte vorher gewisse Vorstellungen, aber die Diskussion heute, die hat mich letzten Endes überzeugt, und auch der Zuspruch meiner Kollegen hat mich überzeugt, dass ich diese Aufgabe weitermache, obwohl die Aufgabe nicht leicht ist, weil man dort immer im Fokus ist.“

Das Schlusswort hatte Professor Dr. Jörg F. Debatin: „Wir haben im letzten Jahr sicher eine sehr starke Lernkurve hinter uns gebracht, was unsere Tätigkeit im HSV-Aufsichtsrat angeht, das trifft auf alle Kollegen hier zu, und wir haben alle begriffen, dass es hier wie beim Fußball um einen Teamsport geht. Entweder wir haben gemeinsam Erfolg, oder keiner von uns hat Erfolg. Und insofern war diese Aussprache heute sehr wichtig, dass wir hier die Grundlage gelegt haben für eben dieses Miteinander, was wir in Zukunft pflegen wollen. Wobei man auch ehrlich sagen muss, dass nicht alles so furchtbar schlecht war. Und dann möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass die neue sportliche Leitung, die wir hier berufen haben, bislang zumindest sehr überzeugt hat. Und insofern sind wir ganz guter Dinge, dass wir als Team, gemeinsam als Mannschaft nach vorne gucken und als Mannschaft die Herausforderungen der Zukunft bestehen werden.“

Wow! Welch ein Schlusswort. Wie in Stein gemeißelt. Hoffentlich halten sich die Herren Aufsichtsräte in Zukunft an diese stolzen Sätze. Sie alle sind in der Wirtschaft überaus erfolgreiche, sehr erfolgreiche Männer, eine solche Elite müsste eigentlich in der Lage sein, der Arbeit eines HSV-Aufsichtsrates gerecht zu werden. Diese Herren haben nun den einen oder anderen Schuss vor den Bug erhalten, hoffentlich nehmen sie diese Warnung ernst und handeln nun endlich so, wie es die Mitglieder und Fans des HSV erwarten. Bislang war die Arbeit dieser zwölf Herren mehr als blamabel. Packt es endlich an, Ihr Räte, es steht viel auf dem Spiel. Auch für Euch!

0.32 Uhr