8. Juni 2010
Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos. Allerdings ist es so, dass nicht wirklich viel passiert. Der HSV kauft weder ein, noch verkauft er einen seiner „Wackelkandidaten“. Das heißt, einer ist dann doch neu zum HSV gestoßen, und jetzt endgültig: Torwarttrainer Ronny Teuber. Ansonsten? Still ruht der See. Bis in die Abendstunden auf jeden Fall, denn dann könnte es doch ein wenig unruhiger zugehen: Der Aufsichtsrat trifft sich zu einer routinemäßigen (?) Sitzung. Obwohl, so viel Routine wird es wohl diesmal nicht geben. Wir werden es erleben.
Ein böses Erwachen, und das tut mir nun wirklich sehr, sehr Leid, gab in den vergangenen Wochen für die Gewinner im Matz-ab-Gewinnspiel. Drei User sollten ihre Trikots per Post erhalten, alle drei Trikots sind nie an den Empfänger gelangt. Wer raubt nur diese HSV-Trikots? Und, ich gebe es zu, von einigen Gewinnern habe ich nei eine Rückmeldung erhalten, ob sie ihr Trikot auch tatsächlich erhalten haben. Nun ja. Die Konsequenz, die ich aus den verschwundenen Trikots ziehe ist die, dass die Gewinner in Zukunft in die Redaktion oder zu einem HSV-Spiel kommen müssen, um ihr Trikot in Empfang zu nehmen. Auch wenn das vielleicht einige Wochen dauern wird. Aber so geht es ja offenbar nicht. Wobei ich sagen muss, dass ich selbst alle Trikots per Post auf die Reise geschickt habe. Man kann ja gar nicht so dumm denken, wie es dann kommt. „Devildino“ wird nun aufhorchen, ist doch auch sein Trikot, das von Ruud van Nistelrooy unterschrieben war, ebenfalls auf dem Postweg verschwunden. Seltsame Dinge geschehen da um die HSV-Trikots.
Und noch ein Abstecher in eigener Sache: Zum wiederholten Male habe ich festgestellt, dass Neuankömmlinge bei „Matz ab“ mit einer Adresse dabei sind, die nicht erreichbar ist. In Zukunft werden wir solche „Neulinge“, die ja immer – in jedem Internetportal – zu Beginn freigeschaltet werden müssen, mit einer kurzen Mail begrüßen. Findet diese Mail keinen neuen Matz-abber, also sie kehrt zurück, wird dieser Beitrag eben nicht freigeschaltet. Diese Idee kam aus Eurer Mitte – vielen Dank dafür. Jeder soll ruhig seinen Nickname haben, das ist überhaupt kein Problem, aber es dürfte wohl auch niemandem schwer fallen, sich mit seiner richtigen Adresse bei uns anzumelden. Oder gibt es irgendwelche Einwände?
So, nun aber zur Fortsetzung der Sommergeschichten, die nicht nur mir viel Spaß bringen, sondern auch den meisten von Euch. Ich finde diese Beiträge herrlich, wie bereits gesagt, es gibt noch viele in meinem Postfach, Ihr werdet sie alle nach und nach lesen können. Nun beginnt die heutige Sommergeschichte:
Mein Finale
England – Deutschland 1966
Von Hans Oberländer (hk-hans)
Zur Feier des Tages spendierte mein Vater Orangenbrause (der ewige TriTop-Sirup kam meinem Bruder und mir bereits zum Hals raus), es gab nicht nur Fischlis und Salzstangen, sondern obendrein dieses sündhaft teure Käseknabberzeugs. Meine Mutter hatte leckere Schnittchen gemacht. Draußen schien die Sonne und blühten die Blumen im Park, drinnen lieferte der Fernseher ein kontrastreiches Schwarz-Weiß-Bild, gelegentlich umwölkt vom Dunst der Atika-Zigaretten, die mein Vater rauchte. Der 30.Juli 1966 war ein wunderschöner Tag, um Fußballweltmeister zu werden.
Es gab nur ein Problem; und das hieß Beate. Sie war die Tochter eines norwegischen Geschäftsfreundes meines Vaters und für vier, fünf Wochen zu Gast bei uns in Kiel. Sie kam aus Lillehammer und hasste es, in Kiel zu sein. Sie hasste ihre Eltern, ihre Gastgeber, die Welt und am meisten sich selbst – sie war 16 Jahre alt und im Würgegriff der Pubertät. Soweit waren mein Bruder und ich noch nicht. Ich war zehn Jahre alt, mein Bruder neun. Ich interessierte mich zwar schon für Mädchen, aber bestimmt nicht für Beate! Bösartig hatte ich sie Beate Uhse getauft – weil sie so gar nichts mit den vollbusigen Uhse-Sexpuppen gemein hatte, für die in abgegriffenen Heften geworben wurde, die gelegentlich und äußerst heimlich auf dem Schulhof zirkulierten.
Wir alle hatten gehofft, dass sich Beate wieder einmal schmollend in ihrem Zimmer einschließen würde. Doch England gegen Deutschland, das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft 1966, wollte selbst sie sich nicht entgehen lassen. Als im Londoner Wembley Stadium die britische Nationalhymne angestimmt wurde, stand Beate auf und sang sehr laut mit – in akzentfreiem Englisch. Als die deutsche Nationalhymne gespielt wurde, setzte sie sich hin und machte ein böses Gesicht. Die Fronten waren klar.
Wir waren weder bei der englischen, noch bei der deutschen Hymne aufgestanden. Wir hatten auch nicht mitgesungen. Erstens kannten wir den Text nicht und zweitens fanden wir es übertrieben – Patriotismus, das war irgendwie peinlich. Aber natürlich war ich für Deutschland. Und wie!
Vor allem war ich für Hans Tilkowski, unseren Torwart. Er war mein Lieblingsspieler. Weil er Hans hieß. Und weil er irgendwie klasse aussah in seinem schwarzen Torwartdress (das Wort „cool“ kannte ich damals noch nicht). Wegen Hans Tilkowski war ich auch Torwart – in der 6. Knabenmannschaft von Holstein Kiel.
Endlich, der Anpfiff. Ich springe auf, setze mich wieder hin, rutsche auf dem Sessel hin und her. Mannomann, bin ich hibbelig! „Nun sei nicht so hibbelig!“ sagt meine Mutter. Die hat ja auch keine Ahnung von Fußball! Ich schaufele Käsebällchen in mich hinein, bevor es mein Bruder tut – da schießt Helmut Haller das 0:1 für Deutschland. Jubel! Jubel! Jubel! Aber ist das nicht zu schön um wahr zu sein? Habe ich nicht in der Zeitung vom „Endspielfluch“ gelesen, nach dem die Mannschaft verliert, die im WM-Finale das erste Tor schießt? Und tatsächlich: 1:1 durch Hurst, weil die deutsche Abwehr gepennt hat. Mannomann, Hans Tilkowski, da sahst Du nicht gut aus!
Halbzeit. Pinkeln. Die Orangenbrause ist alle, die muss mein Bruder heimlich weggesüffelt haben, dieses Aas! Zweite Halbzeit, 2:1 durch Peters. Beate Uhse schreit „Hurray“ und singt „God Save The Queen“, bevor ich und mein Bruder sie niederbrüllen. „Kinder, benehmt euch!“ ruft meine Mutter. Aber was weiß die von Fußball? Noch 13 Minuten bis Ultimo. „Das packen die leider nicht mehr“, sagt mein Vater. Beate grinst hämisch. „Dieser Nobbi Styles ist wirklich ein Giftzwerg“, sagt meine Mutter. Richtig, Mutti!
Noch drei, zwei, eine Minute. Ich halte es nicht mehr aus, will aus dem Zimmer rennen. Freistoß für Deutschland, die letzte Chance. Schnellinger passt quer durch den Torraum, ein Engländer wirft sich in die Bahn, aber da kommt Wolfgang Weber und macht einen riesigen Schritt. Tor, Tor, Tor! 2:2! Wir schreien es nicht, wir brüllen es nicht, wir toben es – Vater, Mutter, Kinder. Beate guckt wie versteinert.
Verlängerung. Brause alle, Chips alle, Bier und Zigaretten alle. Die 101. Minute. Hurst schießt, der Ball prallt von der Unterkante der Latte zurück ins Feld. Tor? Wir sind verwirrt. Der war doch nicht drin, oder? Was sagt der Schiri? Der geht zum Linienrichter. Da, dieser fiese Styles, diese Engländer, wie sie den Linienrichter bearbeiten. Tor. 3:2. Wegen diesem Russen mit dem hässlichen Bart. Das ist nicht wahr. Das ist so ungerecht! Es war kein Tor. Jeder hat es gesehen. Beate natürlich nicht, die kräht: It was a goal!“ Es war kein Tor. Nie im Leben.
Das 4:2 bekomme ich nicht mehr richtig mit. Mir ist zum Heulen. Ich gehe auf mein Zimmer und werfe mich aufs Bett. Wir haben verloren. Gegen England. Gegen Beate Uhse. Das ist schlimm. Aber am schlimmsten ist diese Ungerechtigkeit. Ich schaue aus dem Fenster. Ein alter Mann führt seinen Hund spazieren. Was wissen die Zwei vom Unrecht dieser Welt? Mein Kopf dröhnt, ich fühle mich leer, wie tot.
Meine Mutter klopfte an die Tür. „Abendbrot ist fertig.“ Ich hatte keinen Hunger, ging schließlich aber doch. Mein Bruder und mein Vater aßen bereits. Die Ungerechtigkeit schien ihnen nicht viel auszumachen, sie lachten sogar. Zum Glück war Beate auf ihrem Zimmer und heult mal wieder. Ich biss vorsichtig in ein Stück Wurst. Hm, schmeckte gar nicht so übel.
PS: HK-Hans ist der “Erfinder” der Sommergeschichten bei Matz ab, vielen dank für diese großartige Idee, lieber Hans, und vielen Dank auch für Deine tolle Geschichte. Ich war gleich mittendrin, in dieser tollen WM 1966, und werde demnächst noch einmal ganz kurz darauf eingehen.
14.32 Uhr
Tags: Haller, HSV, Oberländer, Schnellinger, Tilkowski, van Nistelrooy