Tagesarchiv für den 6. Juni 2010

Unvergessen: Eppingen und Geislingen

6. Juni 2010

Kaka zum HSV! Das wäre doch mal was, oder? Aber an Kaka stimmt nicht so viel. Ich glaube ja, dass da genau so viel dran ist, wie an der Geschichte, dass Diego zum HSV kommen soll. Nämlich nichts. Schade, dass ich nicht den Schneid habe, solche tollen Fußball-Geschichten zu erfinden. Solche Gedanken gehen mir leider total ab. Ihr lieben „Matz-abber“ wollte News, aber was ist, wenn es mitten in der Sommerpause und dann noch an einem solchen wunderschönen Sonnentag, an dem ich in der Redaktion sitze, keine News gibt? Erfinden? Kaka wäre doch mal was. Obwohl: Der würde doch auch nicht so richtig ins Beuteschema des HSV passen: deutsch, jung, charakterfest. Und eigentlich wollte sich der HSV ja auch in erster Linie in der Defensive verstärken. Also doch Gregory van der Wiel? Es ist doch fast alles nur Spekulation, was Euch in diesen Tagen so um die Ohren und in die Augen gegeben wird. News hin, News her. Oder könnt Ihr woanders mehr News lesen?

Allerdings: Am Dienstag wird es wieder News geben. Dann tagt der Aufsichtsrat, und dann wird Tacheles gesprochen, das ist schon mal sicher. Ich rechne fest damit, dass AR-Boss Horst Becker nach klaren und vielleicht auch recht deftigen Worten seinen Rücktritt verkünden wird. Er wird im Rat bleiben, aber dann nicht mehr der erste Mann sein. Favorit auf die Becker-Nachfolge soll, so war zu hören, Professor Dr. Jörg F. Debatin sein, Außenseiterchancen soll Bernd Enge besitzen. Die Nummer eins wäre wohl der allseits anerkannte und geschätzte Alexander Otto geworden, doch der soll signalisiert haben, dass er nicht zur Verfügung steht – zu viel Arbeit. Ich schließe nicht aus, dass es neben dem Rücktritt von Becker weitere Rückzieher geben wird, denn dieser Aufsichtsrat ist in sich so mächtig zerstritten, dass es kaum noch ein vernünftiges Miteinander geben kann. Aber mal abwarten.

Das gilt ja auch für den Pokal. Torgelower SV Greif. Ein Hammer-Los! Nein, nicht wirklich. Der HSV hat ganz einfach die Pflicht, in die zweite Runde einzuziehen. Der Tabellenachte der Oberliga Nordost/Nord brachte es in dieser Saison bei 30 Spielen auf 44 Punkte und 46:35 Tore. 500 Fans im „Taubenschlag“, so heißt ein Restaurant im Ort, feierten am Sonnabend die Partie gegen den HSV wie einen Endspielsieg. Sein Pokalfinale hatte der Torgelower SV zuvor gegen den Verbandsliga-Klub Rostocker FC mit 2:1 gewonnen. Gut für den HSV: Die Reise durch den Norden kann mit dem Bus angetreten werden. Interessant: Bei den „Greifern“ spielt mit Verteidiger Andreas Brück ein Hamburger, der Kapitän kickte einst bei Altona 93. Sein Vater ist Sigi Brück, einst der stadtbekannte Terrier des TSV DuWo 08.

Bei diesem Los aber dachte ich, einigen von Euch wird es ähnlich ergangen sein, an den VfB Eppingen und des SC Geislingen, die wohl größten HSV-Blamagen in der deutschen Pokalgeschichte.

Die Sensation in Eppingen geschah am 26. Oktober 1974, es war in der zweiten Hauptrunde. Vor 15 000 Zuschauern gab es eine höchst peinliche 1:2-Pleite, die von folgenden Herren „eingefahren“ wurden: Kargus, Kaltz, Krobbach, Hidien, Björnmose, Memering, Eigl (81. Bertl), Mackensen, Sperlich, Reimann und Volkert. Trainer war damals Kuno Klötzer. Pikant daran: Ein Jahr später wurde dieser HSV mit einem 2:0 über den 1. FC Kaiserslautern Pokalsieger.

Die Partie in Geislingen lief am 1. September 1984, es war eine Partie der ersten Hauptrunde. Vor 7000 Zuschauern verlor der HSV 0:2, und diese Mannschaft war doch schon „ein wenig“ populärer, denn es waren viele Europapokal-Sieger von 1983 dabei: Stein, Kaltz, Jakobs, Schröder, Groh, Rolff (46. Wehmeyer), Magath, Milewski, von Heesen, Wuttke und McGhee. Zwei Jahre danach folgte der DFB-Pokalsieg durch einen 3:1-Erfolg über die Stuttgarter Kickers.

Aber es gab noch weitere HSV-Blamagen in der ersten Hauptrunde, doch nicht alle führten zum Aus in diesem Wettbewerb. Am 18. August 1992 trat der HSV im Ulrich-Haberland-Stadion zu Leverkusen gegen die Bayer-Amateure an. Mit von der Partie war unsere heutige „Matz-ab“-Kollege „Master of Grätsche“, Carsten Kober. Der HSV siegte 8:7 nach Elfmeterschießen.

Meinen absoluten (Pokal-)Tiefpunkt erlebte ich in Paderborn. Es war der 21. August 2004, der HSV-Trainer hieß Klaus Toppmöller. Sein Team verlor 2:4, ich stand damals fast minütlich vor einer Schlägerei, denn wir Hamburger Reporter saßen auf der Tribüne mitten unter den Paderborn-Anhängern. Unten auf dem Rasen pfiff ein Mann namens Robert Hoyzer, und er pfiff unterirdisch. Nur ein Beispiel dazu: Emile Mpenza schoss ein HSV-Tor, alle jubelten, doch der „Unparteiische“ entschied auf Abseitsstellung. Ich sehe es noch wie heute: Der Linienrichter (oder war es eine Frau? Das weiß ich nicht genau) schüttelte den Kopf, blickte ein wenig ratlos gen Tribüne, denn er (sie) hatte die Fahne nicht gehoben, denn es lag auch kein Abseits vor.

Nach dem Spiel wurden die HSV-Profis und ihr Trainer vom eigenen Anhang unglaublich böse angepöbelt, sogar angespuckt. Und ich rief am nächsten Tag beim DFB an, um mich beim Schiedsrichter-Ausschuss über diesen Herrn Hoyzer zu beschweren. Damals erhielt ich zur Antwort: „Das ist unser größtes Talent, der wird schon bald ein Fifa-Mann sein, er muss nur einen schlechten Tag erwischt haben.“ Ich erinnere ferner, wie der Sponsor der Paderborner später seine Show im aufgebauten Festzelt abzog, so als hätte er gerade dafür gesorgt, dass Paderborn Weltmeister geworden ist. Es war widerlich – wie gesagt, (m)ein Tiefpunkt.

Unrühmlich ging für den HSV auch der Pokal-Auftritt in Stuttgart aus: 9. September 2006, erste Runde. Gegen die Kickers gab es eine 3:4-Niederlage nach Verlängerung. Von der heutigen Besetzung waren damals schon Guy Demel, Joris Mathijsen, Collin Benjamin und Piotr Trochowski dabei. Gut dagegen ging das letzte Pokal-Drama des HSV aus. Am 3. August 2009 wurde die Fortuna in Düsseldorf 7:4 nach Elfmeterschießen besiegt. Dass es später auch noch das peinliche Pokal-Aus in Osnabrück gab, passte irgendwie in diese Pleiten-Pech-und-Niederlagen-Serie.

Aber Torgelower SV Greif? Ich hoffe nicht, dass dieser Oberliga-Klub ein Stolperstein für den HSV wird. Ich hoffe es sogar sehr.

19.08 Uhr

Hannes und seine Sommergeschichte

6. Juni 2010

Und schon folgt die nächste Sommergeschichte. Diesmal erzählt und geschrieben von Matz-abber “Hannes”, der sogar in der Zweiten Bundesliga gespielt hat. Viel Spaß beim Lesen.
Im Februar 1949 bin ich in Blankenese geboren worden, und im Frühjahr 1955 haben wir eine neue Wohnung am Blomkamp in Osdorf bekommen. Von unserem Wohnzimmerfenster in der zweiten Etage konnte ich die große Sandkiste und die Teppichklopfstange sehen. Ebenfalls war eine Art Auffahrt auf der rückwärtigen Seite. Wir Steppkes mit sechs, sieben Jahren spielten hier immer Fußball. Aber nur so lange, bis irgendeiner von den Parterreleuten kam und uns entweder den Ball wegnahm, oder einfach nur Radau machte, damit wir aufhören sollten, Fußball zu spielen. Dann zogen wir ein paar Straßen weiter, wir gingen in Richtung Kaserne. Dort war an der Außenwand mit Kreide ein Tor angemalt, und man spielte Torwart und Feldspieler gegeneinander. Aber auch hier gab es ein Problem: Wenn der Ball dann einmal über das Kasernengitter geschossen wurde, mussten wir so lange warten, bis ihn uns ein Soldat zurückgab. Oder wir mussten über die Wache den langen (Um-)Weg antreten, um wieder an die Pille zu kommen. Zu dem Zeitpunkt waren noch die Engländer in der Kaserne Osdorf.

In meiner Schulklasse am Rugenbarg spielten schon ein paar Jungs beim TuS Osdorf am Blomkamp in der Jugendmannschaft. Und diese Jungs animierten mich, auch einmal zum Training zu kommen. Dieses leitete seinerzeit ein Herr Behlke, sein Schwiegervater war der Platzwart. Ich wurde für gut befunden, man gab mir einen Aufnahmeschein mit nach Hause. Meine Eltern waren immer gegen den Fußball im Verein, denn es kostete Geld, und davon hatten wir nicht viel. Mein Vater war aber auch ein Großer Fußball-Fan, und so kam es, dass ich abends, als meine Eltern nicht zu Hause waren, den zerknitterten Aufnahmeschein auf den Musikschrank legte und dabei hoffte, dass mein Vater ihn mir am nächsten Morgen, bevor er dann zur Arbeit fuhr, unterschrieben in die Hand drücken würde. Aber so passierte es natürlich nicht! Abends, als mein Vater nach Hause kam, musste ich „antreten“ und ihm erklären, was das mit dem Aufnahmeschein denn sollte. Das klärende Gespräch (heute sagen wir so etwas) erfolgte, es verlief für mich aber überaus erfreulich – und ich rannte sofort zu meinen Freunden, um ihnen mitzuteilen, dass ich in den TuS Osdorf eintreten darf.

Fußballschuhe gab es aus einer großen Kiste vom Platzwart, eine Tracht musste dann beim Verein gekauft werden. Das Vereinsemblem extra. Und ich saß meiner Mutter stets im Nacken, dass sie mir ja auch zum nächsten Spiel das Vereinsabzeichen auf mein Hemd nähen würde. Wir spielten ja (wie heute der TuS Osdorf wohl noch immer) auf einem roten Schlackenplatz. als Knaben (heute D-Junioren) mussten wir über den ganzen Platz auf große Tore spielen, und ich kann mich noch gut erinnern, dass wir zwei Spieler in unseren Reihen hatten, die einen gewaltigen Schuss hatten. Einer von ihnen war Rüdiger Friedrich (ich glaube, der spielte später einmal Altona 93), der andere war Hans-Jürgen Rothenstein.

Höhepunkt in der Knaben war einmal ein Pokalspiel gegen den großen HSV. „Luxus traf Volk” am Blomkamp. Trainer Behlke trainierte mit uns noch extra ein zweites Mal in der Woche, und es kam so wie es kommen musste, wir gewannen nach Verlängerung und Elfmeterschießen gegen den großen HSV.
Später, in der B-Jugend, kam die Revanche. Wir verloren in Ochsenzoll mit 0:13 Toren. In dieser Zeit machte ich auch schon meinen Schiedsrichterschein bei Harry Ohmsen (ich glaube im Vereinsheim von Hammonia), und so pfiff ich dann schon nebenbei einige Jugendspiele.

Dabei kann ich mich erinnern, dass St. Pauli nicht nur auf dem Heiligengeistfeld spielte, sondern auch dort, wo heute die Color-Line-Arena ist. Wir haben als Jungs auch am Volksparkstadion auf den Hockeyplätzen gespielt, wenn wir vom Schwimmen aus dem Volksparkbad kamen. Unsere Besuche im Volksparkstadion waren immer damit verbunden, dass wir über den Zaun geklettert sind, um im Stadion dann die leeren Flaschen zu sammeln. Bis eines Tages ein neuer Zaun mit ganz spitzen Enden installiert wurde. Dieser Zaun war natürlich nichts für neue Schuhe, aber es kam selbstverständlich so, dass ich neue Schuhe hatte. Beim erneuten Überklettern des Zaunes holte ich mir dann prompt ein Loch in die Sohle, und dieses bemerkte mein Vater zu Hause sofort. Die logische Folge: Ich bekam von ihm eine gescheuert. So war das damals.

Im Volkspark haben wir große Spiele gesehen. HSV gegen Real Madrid, zur Flutlichteröffnung gegen (ich glaube) Racing Paris, diese Mannschaft spielte in diesen glänzenden Trikots. Nach der Meisterschaft 1960 folgten die Europacupspiele gegen Bern, Burnley und das Drama gegen den FC Barcelona. Auch das Spiel gegen FC Santos mit Pele ist mir in Erinnerung geblieben – es war schon eine tolle Zeit.

Dann wurde mein Vater leider nach Bremen versetzt, und ich war noch in dem Alter, dass ich mit musste. Hier habe ich dann beim FC Huchting in der A-Jugend gespielt, danach beim FC Roland Delmenhorst, der später SV Atlas Delmenhorst hieß. Zwischendurch spielte ich auch noch bei den Amateuren von „Ost-Delmenhorst“, die damals noch vom späteren dänischen Nationaltrainer Sepp Piontek betreut wurden.. Für mich ging es dann noch zum SV Meppen, wo wir auch gegen die Hamburger Klubs BU und Victoria in der Oberliga gespielt haben. Diese Spiele gab es später auch mit dem OSC Bremerhaven, mit dem wir – Trainer war Egon Coordes – in die Zweite Bundesliga aufgestiegen sind.

Mein Chef fragte mich aber dann, als ich 27 Jahre war, was ich denn nun wolle: Fußball oder Arbeit? Ich habe mich dann für die Arbeit entschieden . . .

Kurios war noch, dass mein ehemaliger Sitznachbar (Block 2 a) der Sohn von Hans-Jürgen Rothenstein, meinem ehemaligen Knabenmitstreiter beim TuS Osdorf, war. Dieses haben wir aber erst nach zwei Jahren festgestellt – denn wir hatten uns immer nur mit „du” und ohne den Namen des anderen zu kennen angesprochen. Als wir unsere Namen dann wussten, musste ich Mark Rothenstein aufklären, wie das alles mit seinem Vater und mir zusammenhängt. Seine Großeltern waren sogar Freunde von meinen Eltern – so klein ist die Welt zwischen Hamburg-Osdorf, Ost-Delmenhorst und unseren Dauerkarten beim HSV. Bei der Geburtstagsfeier von Mark, der 40 wurde, traf ich kürzlich die Familie Rothenstein dann wieder, die gute alte Zeit war natürlich allgegenwärtig.

Ich könnte noch sehr lange über den Fußball und seine Geschichten schreiben, aber hoffentlich ist diese Erzählung nicht schon zu lang für eine Sommergeschichte.

Alles ist gut “Hannes”, vielen Dank für Deinen Beitrag. Hoffentlich hast Du nicht zu lange auf Deine Geschichte gewartet, aber die Aktualität hat uns stets überholt. Du hast also auch unter Egon Coordes gespielt, den ich ja auch als HSV-Trainer kennen gelernt habe. Natürlich habe ich auch sofort nachgesehen, was Du gespielt, hast, wie Du gespielt hast – vor allem wie Du heißt. Ich bin nur auf zwei Namen gestoßen, die auf Dich passen würden – vielleicht hast Du ja einmal Lust, uns aufzuklären . . . Fände ich ganz spannend, wenn nach Carsten Kober und Herbert Kühl (und anderen?) hier ein weiterer Ex-Profi bekannt werden würde. Aber, ganz klar: Du wirst von mir nicht genötigt, Du musst Dich auch nicht outen.

Nochmals vielen Dank für Deine Mühe.

Aktuell ist vom HSV heute (wohl) keine Geschichte mehr zu erwarten, ich habe mich nach allen nur möglichen Transfers, Entlassungen oder auch Neueinstellungen erkundigt. An diesem schönen Sonnentag wäre eine solche Arbeit ja auch irgendwie deplatziert, oder?

15.59 Uhr

In eigener Sache
Pfeil
0  00 : 00 : 00
Tage  Std.  Min.  Sek.