Tagesarchiv für den 4. Juni 2010

Von Heesen: “Veh ist ein guter Griff”

4. Juni 2010

Er hat 368 Bundesliga-Spiele für den HSV bestritten, und er hat dabei 99 Tore erzielt – als Mittelfeldspieler. Großartige Zahlen, die Thomas von Heesen vorzuweisen hat. Seit drei Monaten lebt der Ostwestfale wieder in Hamburg, weil er als Trainer vom zypriotischen Erstliga-Klub Apollon Limassol freigestellt worden ist. Jetzt, wo der HSV alle Trainer inklusive Sportchef unter einem Dach hat, kann ich es ja zugeben: Ich bin bekennender Von-Heesen-Fan, denn der gute „Tommy“ hat mir schon sehr, sehr viel kluge, gute und teilweise überragende Sachen über den Fußball erzählt. Der Mann hat klare Vorstellungen davon, wie eine Mannschaft „funktioniert“, er hat einfach nur Ahnung von der Materie, ich halte ihn für einen erstklassigen Trainer, der aber auch ein sehr guter Manager wäre. Diese meine Einschätzung ist, das sage ich ausdrücklich, keine Bewerbung für den HSV, denn von Heesen könnte ja auch gar nicht zurück, weil alle Positionen sind besetzt. Aber, das sei auch erwähnt, im Moment wollte und könnte er auch noch gar nicht, denn sein Vertrag auf Zypern läuft noch bis Mai 2011.

Er liebt von Lotto King Karl die Kult-Hymne „Hamburg meine Perle.“ Von Heesen: „Die CD habe ich mir gekauft, sie ist, wo immer ich auch bin, stets dabei. Das Lied kann ich immer und überall hören, einfach überragend.“ Auch die Raute, gibt er zu, hat er immer noch im Herzen, der HSV ist „sein“ Verein. Und Hamburg „seine“ Stadt. Das beste Argument: „Würde ich hier sonst immer noch wohnen?“ Und natürlich denkt er noch oft an seine HSV-Zeit zurück, die 1980 begann. Damals kam er als 18-jähriges Talent aus Paderborn, Branko Zebec war sein erster HSV-Coach. Nun ist Armin Veh der aktuelle HSV-Trainer, und von Heesen hält das für eine ausgezeichnete Wahl: „Der Armin ist ein sehr guter Griff des HSV, er passt hervorragend, er ist eloquent, gradlinig und er weiß genau, um was es im Profi-Fußball geht.“ Wobei von Heesen auch sagt: „Veh kann auch nur in dem finanziellen Rahmen arbeiten, der ihm vom Klub zur Verfügung gestellt wird. In diesem Zusammenhang ist es schade, dass der HSV nicht international spielen wird.“

Geht es aber mit Veh nun auch sofort wieder bergauf? Von Heesen denkt längerfristig: „Armin Veh muss erst einmal eine neue HSV-Mannschaft entwickeln, die so spielt, wie er es sich vorstellt. Deswegen könnte es durchaus sein, dass der Start noch ein wenig holprig verläuft. Aber davor wäre mir nicht bange, denn besser ist es doch, wenn der HSV dann von hinten heraus kommt. So, wie es Borussia Dortmund in der vergangenen Saison gemacht hat.“ Vehs neuer Co-Trainer Michael Oenning war auch einst sein Assistent beim 1. FC Nürnberg. Thomas von Heesen über ihn: „Wichtig ist, dass er Menschen um sich herum hat, die auch eine hohe Fachkompetenz vorweisen können. Ricardo Moniz zum Beispiel wäre ein solcher Mann gewesen, ich halte ganz große Stücke auf den Niederländer.“

Von Heesen weiter über den bisherigen Technik-Trainer des HSV: „Er besitzt als Trainer Top-Qualitäten, er beherrscht nicht nur die Technik perfekt, sondern auch die Taktik. Es ist wirklich jammerschade für den HSV, dass Moniz gegangen ist.“ Thomas von Heesen hatte einst auch mit dem HSV einen losen Kontakt. Damals als Trainer. Ist aber schon Jahre her. In der Neuzeit haben sich keine Gespräche mehr ergeben, aber er sagt: „Was ja nicht heißen muss, dass nicht eines fernes Tages doch mal wieder eine Zusammenarbeit möglich sein wird.“

Auf Zypern wurde von Heesen nicht wegen Erfolglosigkeit entlassen. Er wollte sich nur von den Vereinoberen nicht in die Mannschaftaufstellung hinein reden lassen. Er sagt: „Das habe ich nie mit mir machen lassen, das werde ich auch nie mit mir machen lassen. Und deswegen haben wir uns eben getrennt.“ Mit ihm ging auch Apollons größter Sponsor, der ebenfalls aus Hamburg (!) kommt. Von Heesen: Als wir uns trennten, hatte ich von 27 Spielen nur zwei verloren. Wir standen mit zwölf Punkten Vorsprung auf Platz fünf an vierter Stelle.“ Und dieser vierte Platz berechtigt auf Zypern immerhin, um den Titel zu spielen – was die ersten vier Klubs am Saisonende tun. Apollon blieb auf Rang vier, kassierte in 26 Punktspielen die wenigsten Gegentore: 15.

Er nennt einen Hauptgrund für diese defensive Stärke seiner Mannschaft: „Ich hatte mir aus der Schweiz einen ehemaligen Nationalspieler geholt, der mir als Defensiv-Trainer bekannt war. Der sorgte mit seiner Arbeit für eine perfekt eingespielte Viererkette.“ Von Heesen erinnert sich noch genau: „Als dieser Mann seine Arbeit aufnahm, wurde ich in der heimischen Presse verhöhnt und verspottet. Motto: „Als nächstes lässt er auch noch einen Trainer für den Angriff einfliegen . . .“ Heute sagt er: „Als sich bei uns die defensive Erfolge einstellten, leisteten die zypriotischen Reporter aber Abbitte und entschuldigten sich bei mir.“ Und wenn Thomas von Heesen heute hin und wieder auf Zypern einschwebt, dann bestürmen ihn viele Fans, doch zurück auf die Insel zu kommen. Aber zu anderen Klubs. Er genießt eben auch auf Zypern einen erstklassigen Ruf. Ganz nebenbei: Apollon wurde Pokalsieger auf Zypern.

Zurück nach Hamburg, zu von Heesens Gedanken zum und über den HSV. Er würde, wenn er verantwortlich wäre, Rafael van der Vaart zurückholen. Koste es was es wolle: „Ich würde ihn Tag und Nacht anrufen, ich würde permanent zu ihm fliegen und ihn davon überzeugen, dass er zum HSV zurück muss. Solche Fußballer wie ihn gibt es in der Bundesliga nicht viele. Özil ist noch so einer, ein zwei andere zeigen es wenigstens ab und zu einmal, aber dann hört es schon auf. Van der Vaart ist die Schlüsselfigur im Spiel einer Mannschaft, er macht den Unterschied aus. Er ist genial.“ Dann sagt der ehemaliger HSV-Kapitän von Heesen noch: „Dass sich van der Vaart gegen die große Konkurrenz bei Real Madrid durchbeißen will, das spricht für seinen einwandfreien Charakter.“

Den HSV hat Thomas von Heesen in diesem Jahr noch nicht live gesehen, sondern nur im Fernsehen. Sein Urteil: „International hat der HSV durchweg sehr gut gespielt, bis auf das Halbfinal-Rückspiel beim FC Fulham. Da weiß man doch bis heute nicht, warum der HSV dieses Spiel noch verloren hat. Irgendwie wurde das auf das Halten des 1:0-Vorsprungs gespielt, aber ein Ergebnis verwalten wollen ist immer ein schlechter Rat.“

Dass der HSV im Jahre 2010 von oben ins Mittelfeld der Tabelle abstürzte, war für ihn keine große Überraschung, denn: „So war es doch in den vergangenen Jahren immer in Hamburg.“ Aber er hat dennoch auch einen plausiblen Grund für diesen Sturz, und den verrate ich Euch morgen. Denn Thomas von Heesen und ich, wir haben noch eine Reihe anderer Dinge besprochen, die nun noch alle zu schreiben – es würde sonst wohl ein neues Fußball-Buch geben. Geduldet Euch deshalb bitte noch bis zum Sonnabend, dann geht es mit von Heesen (übrigens schon seit vielen Monaten ein, wer hätte es gedacht, begeisterter „Matz-abber“) weiter.

Kurz noch zum WM-Test der deutschen Mannschaft gegen Bosnien-Heregowina. Überrascht war ich davon, dass Jerome Boateng nicht gespielt hat, aber er hat wohl zuletzt nicht immer fehlerfrei gekickt. Pitr TRochowski war sicherlich blass, aber so schlecht, wie ihn der Kommentator des Fernsehens gemacht hat, war er in meinen Augen auch nicht. Jetzt wird es natürlich schwer, für einen der vier Hamburger in Südafrika in der Startelf zu stehen, ich glaube nun, dass es keiner schaffen wird.

Aber dann?

Übrigens: Gehört habe ich, dass nicht Richard Golz der neue Torwart-Trainer des HSV wird. Im Gespräch ist jetzt ein Mann namens Thomas Schlieck. Der 40-jährige Diplom-Volkswirt hat bislang die Torhüter (von oben bis unten) von Arminia Bielfeld trainiert – vor einigen Jahren auch St. Paulis Nummer ein Matthias Hain.

PS: Wer im Videofenster rechts Uwe Seeler erblickt haben will, der irrt nicht. “Uns Uwe” und andere “Alt-Internationale” des HSV sprechen hier über den aktuellen Fußball – ansehen lohnt sich.

17.12 Uhr