Tagesarchiv für den 2. Juni 2010

Oenning wird dem HSV helfen

2. Juni 2010

Es ist irgendwie schon amüsant. Armin Veh hat aus der Ferne erkannt, dass der HSV große Schwächen in der Defensive hat. Und wir haben es ja schon seit Monaten gewusst. Nun liest man aber die WM-Teilnehmer, und was sieht man dort? Guy Demel, Jerome Boateng, Joris Mathijsen und Dennis Aogo sind WM-Teilnehmer. Hallo, sie sind WM-Teilnehmer und sie sind gleichzeitig die Viererkette des HSV. Was läuft da falsch? Oder sind wir nur im falschen Film? Sind es vielleicht gar nicht diese Spieler, die die HSV-Defensive so anfällig gemacht haben? Gibt es eventuell noch ganz andere Schwachstellen beim HSV? Nebenbei gilt ja auch Marcell Jansen noch als „Defensiver“ – und sie alle klingen doch als WM-Starter schon ein wenig sonderbar. Es wäre nur noch die Krönung gewesen, wenn sich zu diesem illustren Kreis ein Spieler namens David Rozehnal gesellt hätte. Und gänzlich unmöglich wäre das ja nicht gewesen . . .

Aber wer weiß? Vielleicht gehört zu diesem Kreis ja auch schon bald ein weiterer Name aus Hamburg. Wie ich hinter vorgehaltener Hand gehört habe, steht der niederländische Abwehrspieler Gregory van der Wiel (Ajax Amsterdam) immer noch auf der Wunschliste des HSV. Er hat mir beim Testspiel am Dienstag gegen Ghana sehr gut gefallen, dieser junge Mann (22) könnte bei der Problematik HSV-Defensivschwäche durchaus helfen. Wie ich gehört habe, wäre van der Wiel fast schon zum HSV gewechselt, und zwar vor einigen Tagen, als sein Landsmann Ricardo Moniz noch als Chef-Trainer des HSV gehandelt wurde. Nun muss HSV-Sportchef Bastian Reinhardt  eben mit anderen Argumenten überzeugen, um diesen Klasse-Mann ködern zu können. Ob es noch hilft? Oder ob es schon zu spät dafür ist? Letzteres könnte ich mir schon vorstellen, denn auf einen solchen außergewöhnlich guten Profi werden ganz schnell auch die ganz großen Klubs aufmerksam – und die haben eben anz andere Argumente. Aber: Bei van der Wiel muss ich immer an „Bob Dylan“ denken, der „uns“ den Niederländer ja schon seit Monaten wärmstens ans Herz gelegt hat. „Bob“ hat eben einen guten Fußball-Geschmack.

Einen etwas bitteren Beigeschmack hinterlässt spätestens seit heute Jerome Boateng. Abgesehen davon, dass sein Vertrag bei Manchester City immer noch nicht unterschrieben ist, weil die Sporttauglichkeits-Untersuchung (!) noch nicht stattgefunden hat, setzte er sich mit seinen aktuellen Aussagen in der Sport Bild zwischen die Stühle. Wörtlich ist dort zu lesen: „Es hat mir (gemeint ist beim HSV) nicht mehr gefallen. Es ist in der Rückrunde alles auseinander gefallen. In der Mannschaft lief es auch nicht sauber ab. Der eine nutzte die Öffentlichkeit, der andere redet nur hintenrum über einen. Da sind Dinge passiert, die es mir einfacher gemacht haben, meine Entscheidung zu treffen.“ Und auch das noch: „In Hamburg gab es nur noch Grüppchenbildung.“

Ähnliches hatte ja auch schon Marcell Jansen gesagt. Ich bin auf Eure Reaktion (einige gab es ja schon) in Richtung Boateng gespannt. Jansen wurde fast zu 100 Prozent verteidigt. Motto: „Endlich sagt ein Spieler mal die Wahrheit, denn es hat eben nicht nur am Trainer gelegen, sondern auch an der Mannschaft.“ Ich fand dieses Jansen-Interview nicht gut. Aber nicht, weil er etwas Böses gesagt hat, sondern ich halte es nach wie vor nicht gut für ihn. Er war lange Zeit verletzt, prangert aber nach Saisonschluss die Kollegen an, nicht alles gegeben zu haben. Damit muss Jansen leben. Auch mit dem Echo, wenn er das erste mal wieder die HSV-Kabine betritt. Und das meine ich damit: Neue Freunde wird er sich mit sich damit nicht erworben haben – und damit fängt das Elend dann auch schon (wieder) an, denn: Diese HSV-Mannschaft sollte doch in der kommenden Saison eine echte Einheit sein, eine Gemeinschaft bilden, in der jeder den anderen anerkennt und unterstützt. Wenn aber der eine oder andere Nebenmann von Jansen dem Kollegen nun mit Argwohn begegnet, ist dieses „Wir-Gefühl“ doch schon wieder leicht getrübt.

Apropos Trübung: Einige von Euch haben den „Kollegen“ Ibrahim Afellay ja schon abgeschrieben. Irgendwie nachvollziehbar – und auch nicht. Denn bislang konnte die ominöse Untersuchung (siehe Boateng) ja gar nicht stattfinden. Nun aber haben die Niederländer ja zwei Tage frei, als ginge es wohl jetzt. Die Nachricht aber, die ich vom HSV erhalten habe: „Für heute ist auf jeden Fall keine Untersuchung vorgesehen.“ Und morgen? Wenn nicht jetzt, wann dann? Dann kann es ja nicht mehr so sein, dass der Vertrag schon unterschriftsreif in der Schublade des Schreibtisches von Bernd Hoffmann liegt. Und dann denke ich schon voller Angst an meine 99 Prozent. Und daran, dass dieses eine fehlende Prozentteilchen vielleicht doch ausschlaggebend sein könnte. Ich hoffe mal nicht. Obwohl es auch durchaus so sein könnte, dass Afellay erst einmal die WM abwarten möchte. Und wenn sich dann sein Marktwert noch erhöhen sollte, dann war es das wohl für den HSV. Ich sitze dann mit dem einen Prozent da, und er bekommt 100 Prozent mehr . . .

Ein Satz noch kurz zu Alex Silva. Einige von Euch haben nach ihm gefragt, mein Kollege Christian Pletz sah ihn kürzlich in Brasilien live – und konnte nur Positives berichten. Dennoch: Ein Thema ist der ausgeliehene Brasilianer nicht für den HSV. Und zwar weder aktuell, noch auf lange Sicht. Ich glaube (wie Devildino?), dass wir den langen Dünnen nicht mehr in Hamburg sehen werden. Schon gar nicht in diesem Jahr.

So, dann möchte ich noch zum neuen Co-Trainer kommen: Michael Oenning. Den habe ich heute kennen gelernt, und ich kann nur eines sagen: Mit ihm ist der HSV noch einmal eine Note besser aufgestellt. Der ehemalige Hochschullehrer ist ein ganz ausgeschlafener und kluger Kopf, er wird bestens zu Armin Veh, Bastian Reinhardt und Urs Siegenthaler passen. Oenning, zuletzt Chef-Coach beim 1. FC Nürnberg, wird kein Ja-Sager des Chefs sein, er wird, so schätze ich ihn seit heute ein, dann eingreifen, wenn er sieht, dass etwas falsch läuft. Dieser Michael Oenning wird dem HSV sehr gut tun. Und auch das ist keine Schleimerei, sondern meine absolute Überzeugung.

Der ehemalige Verbandssportlehrer des Württembergischen Fußball-Verbandes (1999 bis 2004) ist 44 Jahre alt und mit einer Hamburgerin verheiratet, er lebt bereits seit drei Jahren im Stadtteil Rotherbaum. Jetzt geht er vom Chef-Sessel wieder zurück ins zweite Glied. Sein Kommentar: „Ich sehe mich nicht als degradiert oder als Nummer zwei an. Die Möglichkeit, beim HSV zu arbeiten, halte ich für sehr attraktiv. Und wir sind ein Team, und ich möchte hier in einem Team mithelfen, eine schwierige Aufgabe zu lösen. Assistent bei jedem Verein konnte ich mir nicht vorstellen, aber beim HSV auf jeden Fall. Es ist vielleicht auch ein Stück von etwas Besonderem, dass man es mal so versucht. Aber es ist auch kein Geheimnis wenn ich sage, dass wenn sich die Möglichkeit ergibt, wieder nach vorne zu gehen, dann werde ich das auch machen. Ich bin noch nicht am Ende meines Weges.“ Und er ergänzt noch: „Ich habe noch nie bei einer Spitzen-Mannschaft gearbeitet, immer nur bei Abstiegskandidaten oder im Mittelmaß. Die Chance aber, mal ganz vorne dabei zu sein, die gibt es nicht so oft. Ich hätte bei einigen Klubs arbeiten können, aber von diesen Aufgaben war ich nicht überzeugt – von dieser aber bin ich es.“

Oenning weiß was er will, er strotzt, so hat es den Anschein, vor Selbstbewusstsein. Er will auch ein Auge auf die Jugend und auf die Talente werfen. Was bisher kaum jemand wusste: Im Jahr 2000 stellte er sich schon einmal – damals gemeinsam mit Horst Hrubesch – bei HSV-Sportchef Holger Hieronymus vor, legte ihm ein Konzept für die Nachwuchsarbeit vor, aber der damalige Versuch, beim HSV in Sachen Jugend zu arbeiten, verlief im Sande. Warum? Oenning: „Damals trennte sich der HSV dann gerade von Holger Hieronymus, und es gab auch keinen Präsidenten mehr, der das hätte entscheiden können.“ Sonst wäre Michael Oenning vielleicht schon seit zehn Jahren HSV-Trainer (für den Nachwuchs? Oder für mehr?).

Mit Armin Veh liegt Oenning auf einer sportlichen Wellenlänge. Der Assistent sagt: „Wichtig war für mich, dass wir dieselbe Auffassung vom Fußball haben, dieselbe Spielphilosophie. Ich bin auch ein Verfechter des Offensivfußballs, wir wollen nach vorne spielen, wir wollen das Spiel selber machen, wir wollen agieren und nicht nur reagieren – und das kommt mir schon sehr nah.“ Da kommt doch Hoffnung auf. Wer erinnert sich nicht an das ewige Quergeschiebe und Zurückgespiele in dieser Saison? Das soll abgestellt werden – hoffentlich. Oennings Worte sind für mich der erste Weg zur Besserung.

Und was ist mit den Standards? Wird sich der HSV mit dem neuen Trainer-Gespann auf diesem Gebiet (endlich) verbessern? Wird das in Zukunft intensiver geübt? Freistöße und Eckstöße waren oft eine Zumutung – und zwar seit vielen Jahren. Oennings Einstellung zu diesem Thema: „Das trifft auf alle 18 Erstliga-Vereine zu, das ist ein ewiges Thema. Das ist unglaublich schwer.“ Und: „Ich bin der letzte, der sich da verweigern würde. Es muss trainiert werden, ganz klar, aber die Erwartungshaltung, die daraus entsteht, ist bei allen zu groß. Selbst bei den Bayern sind Standards ein stetes Thema, es ist ein Dauer-Thema auch für alle Vereine in Europa – weil es wirklich sehr, sehr schwer ist, Standards in Tore umzusetzen.“

Michael Oenning ist in seiner privaten Zeit Sky-Mitarbeiter. Schon seit vielen Jahren (vorher Premiere). Er hilft die Spiele zu analysieren, mal an der Seite von Marcel Reif, mal als rechte Hand von Kai Dittmann. Er wird wohl auch Sky-Mitarbeiter bleiben, denn in der Woche, wenn Europa spielt, hat der HSV-Co-Trainer ja vermehrt frei. Aber diesen Zustand kann er ja ändern, auf jeden Fall mithelfen, es zu ändern. Damit der HSV in der Woche auch seine internationalen Spiele wieder hat. Theoretisch läuft es ja bereits sehr gut an.

18.04 Uhr