Tagesarchiv für den 1. Juni 2010

Vehs klare Vorstellungen

1. Juni 2010

Der Mann ist Realist. Armin Veh, der neue HSV-Coach, spricht alle Dinge, die ihm durch den Kopf gehen, klar und deutlich an. Offen, ehrlich, direkt, sympathisch. Auch dann, wenn er von seinem eigenen „Schleudersitz“ spricht. Natürlich weiß Veh, was in Hamburg in den vergangenen Jahren in Sachen Trainern passiert ist. Er blickt den Tatsachen ins Auge und befindet ohne den kleinsten Anflug von Traurigkeit: „Die Haltbarkeit eines Trainers, und nicht nur die eines HSV-Trainers, die wurde mal auf 13 Monate beziffert. Das ist eigentlich Wahnsinn, erst recht wenn man bedenkt, dass Thomas Schaaf schon zehn Jahre bei Werder Bremen ist.“ Veh weiß, wovon das Überleben eines Trainers abhängig ist: „Man muss Erfolge haben. Da kann man noch so nett zueinander sein, das hilft alles nichts, man muss erfolgreich sein.“ Am Mittwoch begibt er sich auf Wohnungssuche in Hamburg. Er sagt lachend: „Mit einem kurzen Mietvertrag, das ist ja klar . . .“

Armin Veh weiß genau, was Trumpf ist. Er hat auch mitbekommen, was in der Stadt los war, als bekannt wurde, dass die Wahl auf ihn gefallen war. „Ich bin ja schon lange im Geschäft, obwohl ich gerade jetzt auch viel gelesen habe, als wenn ich gerade anfangen würde. Ich glaube  aber trotzdem, dass wir eine gute Zusammenarbeit hinbekommen werden.“ Er sagt viele Dinge stets mit einem gewissen Augenzwinkern, der Mann hat Humor, Witz, besitzt Schlagfertigkeit und kann auch ganz offensichtlich über sich selbst lachen. Letztere Eigenschaft wird ihm das Überleben in Hamburg sicher leichter fallen lassen. Um noch einmal kurz auf seinen Vorgänger zu kommen – ach was. Das lasse ich lieber. Lasst Euch selbst davon überraschen, wie und wo die Unterschiede zwischen Veh und Labbadia liegen. Ginge es nur um die menschliche Komponente, läge Veh aber  in meinen Augen schon jetzt um Längen vorn. Und das, lieber Herr Veh, falls Sie hier mitlesen sollten, ist keine Schleimerei. Das gilt auch für Matz-ab-Kritiker: Ich schreibe das auf, was die meisten Kollegen von mir heute ebenfalls festgestellt haben und wohl auch schreiben werden. Die Eigenschaften, die ich oben über Veh verkündet habe, die sind es, dass ich mit optimistischen Gedanken in die neue Saison gehe. Es wird ein ganz anderer Wind durch den Volkspark wehen, davon gehe ich ganz fest aus – und hoffe natürlich, dass ich mit dieser Prognose nicht wieder daneben liegen werde.

Ihr könnt Euch von Armin Veh beim ersten Training am 28. Juni überzeugen. Zwei Tage lang trainiert der HSV im Volkspark, dann geht es für vier Tage (von Donnerstag bis Sonntag) nach Sylt, auf der Rückfahrt soll möglichst noch ein Testspiel ausgetragen werden. Danach geht es ins österreichische Trainingslager nach Längenfeld (nicht am 19. Juli, wie eigentlich geplant, sondern etwas später, ein genauer Termin wurde aber noch immer nicht festgelegt). Von Längenfeld geht es dann zum großen Schalke-Turnier nach Gelsenkirchen, und am 4. August findet in Hamburg die offizielle Saisoneröffnung mit dem Spiel gegen den FC Chelsea statt. Das klingt nach Fußball – hoffentlich geht die Zeit bis dahin durch eine gute oder überragende WM schnell vorüber.

„Bis auf die Nationalspieler werden alle Spieler da sein, und auf Sylt wollen wir uns alle dann kennen lernen“, sagt Armin Veh und fügt über diese Abtastphase hinzu: „Es wird keine reines Lauftrainingslager, ich kombiniere das immer sehr gerne.“ Kennen gelernt hat Veh bereits seine beiden sportlichen Mitstreiter: Urs Siegenthaler und Bastian Reinhardt. Diese drei Herren arbeiten schon Hand in Hand, Veh verriet: „Mit Urs habe ich den ganzen Montag verbracht, wir sind uns schon in vielen Dingen einig.“

Offensichtlich wird der HSV 2010 nicht gravierend umgekrempelt. Die Verantwortlichen setzen auf die bewährten Kräfte, und dennoch wird es gezielt Verstärkungen geben. Ein oder zwei Abwehrspieler. Dazu auch noch Ibrahim Afellay auf der Sechser-Position. Wobei Armin Veh die Unruhe, die es unter den HSV-Fans gibt („Keine Namen, keine Verpflichtungen – wann passiert endlich etwas?“), durchaus verstehen kann: „Ich glaube, dass in Hamburg derzeit keine positive Stimmung herrscht. Nach außen hin, das kann ich jedem nur sagen, genießt der HSV in der gesamten Republik ein gutes Images. Da ist der HSV eine große Nummer. In Hamburg aber herrscht Frustration, weil man nur Platz sieben belegt hat. Aber sich sehe das anders: Man hat, wenn man nicht international spielt, die Chance, sich nur auf die Bundesliga und auf den Pokal zu konzentrieren.“ Armin Veh hat dann auch Beispiele parat: „Wie gut das gehen kann, das haben in der vergangenen Saison Dortmund, Leverkusen und auch Schalke 04 gesehen. Natürlich muss man dazu dann auch eine qualitativ gut besetzte Mannschaft haben.“

Er arbeitet daran, und nicht nur er. Wobei vielen HSV-Fans die Hängepartie mit Afellay schon ein wenig (mehr) auf die Nerven zu gehen scheint. Geht die ganze Sache noch kaputt? Veh: „Ich habe immer dann Bedenken, so lange nichts entschieden ist. Und in der heutigen Zeit geht es immer ganz schnell, dass es dann nicht klappt.“ Oha. Ich sehe meine 99 Prozent (nicht 90!) schon dahin schmelzen . . .

Aber: Entweder spielt Afellay auf der Sechs neben David Jarolim, oder dort spielt Ze Roberto. Armin Veh ist davon überzeugt, dass der Brasilianer bleiben wird (bzw. zurückkommen wird): „Er hat doch noch einen Vertrag mit dem HSV. Deshalb sind wir es doch, die es bestimmen, ob er noch weiter für den HSV spielen wird. Das kann man ja sonst knicken, wenn hier jeder macht, was er will, das kann man ja sonst vergessen.“ Dann erklärt der HSV-Trainer die Vorzüge von Ze Roberto: „Er hat eine riesige Vorrunde gespielt, er hat es körperlich absolut drauf, er ist ein erstklassiger Fußballer, der uns gut zu Gesicht steht, der uns wirklich helfen kann – und ich bin überzeugt davon, dass er uns in der nächsten Saison auch helfen wird. Ich will ihn hier beim HSV sehen.“

Generell erklärt Veh einmal sein „Verhältnis“ zu vertraglichen Dingen: „Wir müssen dahin kommen, dass das keine Einbahnstraße ist, wenn man einen Vertrag geschlossen hat. Wenn der Spieler dann nicht mehr will, geht er weg. Und wenn einen keiner will, dann bleibt man eben da. Wenn ein Vertrag vorhanden ist, dann sollten wir als Verein auch darauf pochen, dass er eingehalten wird. Und es ist wichtig, dass man klar Stellung dazu bezieht.“

Dieses Thema passt auch bestens zu Jonathan Pitroipa. Der Flügelflitzer hatte vor Wochen und Monaten noch Wechselabsichten bekräftigt, aber Armin Veh ließ keinerlei Zweifel aufkommen, dass er „Piet“, der sich zuletzt von seiner besten Seite gezeigt hatte, behalten will: „Er hat auch noch einen Vertrag, er wird bleiben – fertig.“

Klare Vorstellung, deutliche Worte. Armin Veh hat ja mit Michael Oenning bereits den ersten Co-Trainer neben sich, es folgt noch ein zweiter Mann, der aber namentlich noch nicht genannt werden kann. Veh will mit ihm noch sprechen. Fest steht, dass es nicht sein bisheriger Assistent Alfons Higl sein wird. Der 49-jährige Veh: „Er möchte sich auf seine Familie konzentrieren, ich will mal etwas anderes machen, will mal andere Ideen einfließen lassen.“ In Sachen Torwarttrainer ist auch noch keine Entscheidung gefallen. Veh will und wird mit den Kandidaten sprechen. Immer wieder wird der Name Richard Golz genannt, aber auch der bisherige Torwartcoach Claus Reitmaier, der von Labbadia für die neue Saison nicht mehr berücksichtigt worden war, soll noch im Gespräch sein. Bleiben sollen auf jeden Fall Reha-Trainer Markus Günther und auch Leistungsdiagnostiker Manfred Düring. Kommentar Veh: „Wenn gute Leute da sind, und ich bin überzeugt davon, dass sie gut sind, dann macht es Sinn, sie zu behalten.“

Der Trainerstab steht also (fast). Über den Angriff ist noch nicht gesprochen worden. Für Armin Veh steht aber fest: „Ich möchte keine fünf Stürmer, die sind mir zuviel, vier genügen mir.“ Da sich der Coach auf Ruud van Nistelrooy, Mladen Petric und Paolo Guerrero schon festgelegt hat, ist entweder Eric-Maxim Choupo-Moting oder Marcus Berg über. Das sieht nach einem Ausleihgeschäft aus – wer erhält das lukrativste Angebot?

Auch um den Nachwuchs wird sich Armin Veh besonders kümmern, gleich zu Beginn der Vorbereitung wird er einige Talente mit zu den Profis nehmen, um sich so ein Bild von den nachrückenden Spielern zu machen. Der Coach will besseren HSV-Nachwuchs, vertraut da ganz auf Urs Siegenthaler. „Beim FC Bayern spielen viele Eigengewächse in der Bundesliga, beim VfB Stuttgart war das auch eine Domäne – beim HSV ist da in der Vergangenheit relativ wenig passiert, das soll geändert werden“, sagt Armin Veh. Hoffentlich bleiben das keine leeren Versprechungen, denn davon hat es in den zurückliegenden Jahren viel zu viele gegeben. Ich sage ganz klar: Der HSV hat seit Jahrzehnten für das Leistungszentrum Ochsenzoll (mit seinem Internat) viel, viel Geld zum Fenster hinaus geworfen.

Dieses Thema muss unter allen Umständen angegangen werden, und zwar sofort. Und profihaft. Auch wenn Armin Veh sagt: „Wenn man heute damit startet, kann man nicht schon morgen Wunderdinge erwarten.“ Ich behaupte aber, man kann. Als Dietmar Beiersdorfer einst seinen Job beim HSV antrat, wurden Strukturen geschaffen, so dass die Konkurrenz aufhorchte. Und Angst hatte, der HSV könnte über Nacht aufgeholt haben. Ich kann mich an ein Interview (vor einigen Jahren geführt) mit Thomas Schaaf erinnern, als der Werder-Trainer den HSV und Beiersdorfer in höchsten Tönen ob der geleisteten Arbeit lobte. Nur was kam am Ende dabei heraus? Nichts. Und genau an diesem Armutszeugnis muss gearbeitet werden. Wie sagte kürzlich unsere Stopper-Legende Willi Schulz: „Macht es wie die Bayern, dann habt ihr auch Erfolg.“

Erst einmal wird aber beim HSV wie „der große Veh“ gemacht. Und wir alle dürfen gespannt sein, ob er den Verein wieder ganz nach oben bringen kann – und wird. Vorurteile hat es schon genügend gegeben, doch alles das, was der neue HSV-Trainer so von sich gibt, klingt gut in meinen Ohren. Doch grau ist alle Theorie. Die Mannschaft muss mitziehen und teamfähig sein, auch daran wird – ab sofort – tüchtig zu arbeiten sein.

20.01 Uhr