Monatsarchiv für Mai 2010

Es kehrt Ruhe ein

26. Mai 2010

Gefahr erkannt, Gefahr gebannt? Armin Veh hat ja die Defensive des HSV als Schwachstelle entlarvt, deshalb sollen auch mindestens zwei Abwehrspieler verpflichtet werden. Allerdings glaube ich niemals, dass ein Mann wie Fabio Cannavaro von Juventus Turin eine Chance hat, beim HSV unterzukommen. Wir erinnern uns: Vor ein paar Tagen hieß es noch beim HSV, dass ab sofort junge, charakterstarke und möglichst auch deutsche Spieler unter Vertrag genommen werden sollten. Als zwei, drei Tage nach dieser Verkündung der Vertrag mit Paolo Guerrero verlängert werden sollte, beschloss der Aufsichtsrat, dieses Thema nach hinten zu schieben. Weil es ja dann doch irgendwie nicht so richtig gepasst hätte. Inzwischen ist der Vertrag mit Guerrero perfekt gemacht worden, quasi als Mitgift der HSV-Hochzeit mit Armin Veh. Aber deswegen noch eine zweite Ausnahme? Glaube ich nie. Zumal der gute Cannavaro, der 132 Länderspiele für Italien bestritten hat, ncht mehr so ganz taufrisch ist, denn er ist immerhin schon 36 Jahre alt ist. Und der deutschen Sprache soll er auch (noch) nicht mächtig sein. Nein, nein, ich denke mal, dass der HSV aus dem „Fall Sorin“ doch einiges gelernt hat.

Da passt Ibrahim Afellay doch schon (ein bisschen) besser. Ich habe mich gestern sehr weit aus dem Fenster gelehnt, indem ich behauptet habe, dass sein Kommen für mich zu 90 Prozent sicher ist. Davon bin ich auch immer noch überzeugt, aber: Wenn jetzt an den „Fall Hoogma“ erinnert wird, als ich auch zu 90 Prozent sicher war, dann muss ich sagen, dass ich die zehn Prozent ja nicht ohne Begründung für mich behalte. Es kann immer noch etwas dazwischen kommen. Bei Afellay aber soll (fast) alles perfekt sein, nur noch die Sporttauglichkeits-Untersuchung soll (soll!) eine Vertragsunterzeichnung noch verhindern. Und diese Untersuchung scheitert daran, dass sich Afellay derzeit mit der niederländischen Nationalmannschaft auf die WM vorbereitet. Da hat es kein Trainer der Welt gerne, wenn sich ein Spieler von der Truppe entfernt, um einen Vertrag bei einem Klub zu unterzeichnen. Deswegen: Gut Ding will Weile haben. Habt Geduld. Und sollt dann während dieser Wartezeit noch ein anderer Klub die eine oder andere Million Euro mehr bieten, und sollte Afellay dann diesem Angebot erliegen – dann ist das Pech. Und dann waren das die fehlenden zehn Prozent . . .

Übrigens: Wenn in unserem Kreise schon über die angeblichen neun Millionen Ablöse diskutiert wurde. Selbst wenn der Niederländer neun Millionen kosten würde, so sind diese neun Millionen nie auf einmal zu zahlen. Es ist in der heutigen Zeit der Fußball-Sklaverei so üblich, dass eine solche Summe in Raten gezahlt wird. Hier ein Sümmchen, dort ein Sümmchen, und dazu kommt noch hier eine Prämie und dort eine Prämie – oder auch nicht. Gelegentlich wird in den Vertrag auch eingebaut: „Sollte der HSV in der Champions League spielen, kostet der Spieler die Summe X mehr, in der Europa League kostet er nur die die Hälfte der Summe X.“ Und bei Nicht-Erreichen eines internationalen Startplatzes könnte der HSV eventuell, je nachdem was verhandelt und festgeschrieben wurde, eine Summe X vom Gesamtpreis wieder abziehen. Also: Neun Millionen sind nicht sofort zu zahlen, sondern über Jahre gesplittet.

Um eine ganz andere Summe ging es ja in diesen Tagen, um die Kevin Keegan beim HSV gekämpft haben soll. Soll (!). Auch wenn es immer noch ein kleines Thema in der Hansestadt ist, es war für den HSV absolut keines. Um Euch das Gerücht einmal in Ausführlichkeit zu schildern: Am Freitag erhielt ich kurz vor Mitternacht zwei SMS – von zwei Freunden, die nichts von dem jeweiligen anderen SMS-Geber wussten. Darin stand unisono: „Hier sitzen Bernd Hoffmann und Kevin Keegan. Sie verhandeln wohl, Keegan soll wohl neuer HSV-Trainer werden.“

Ich wurde wach. Und dann gab es einige SMSsen hin und zurück. Dabei erfuhr ich, dass keiner von den beiden Herren es mit eigenen Augen gesehen hatte, sondern es sich lediglich durch einen anderen Freund des Freundes herumgesprochen hatte. Deswegen habe ich bei „Matz ab“ auch kein Fass davon aufgemacht, sondern bin ganz ruhig ins Bett gegangen und habe mir gesagt: „Abwarten.“ Morgens ging dann mein Handy. Einer der beiden Informanten war am anderen Ende und sagte: „Ich hatte das von einem Freund gehört, und der war zuvor von seinem Freund angerufen worden, dass Hoffmann und Keegan dort sitzen. Heute aber, am Morgen danach, gibt der Freund zu, dass er sich auch getäuscht haben könnte. Weil er gar nicht genau weiß, wie Keegan aussieht.“ Aha. Das klingt nach Ente. Und das klingt nicht nur danach, es ist eine stattliche, ausgewachsene Ente, die 24 Jahre Flugerfahrung hat, die 1962 ein DDR-Visum besessen hat und die 1984 am Meniskus operiert worden ist. Keegan war kein Thema, und wer diese ominösen drei Millionen Gage, die der Engländer gefordert haben soll, erfunden hat, das weiß nun wirklich niemand mehr.

Jetzt ist die Sache ohnehin gegessen, denn Armin Veh ist ja da. Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass Ruhe in den HSV einkehrt. Ganz oben und auch im Aufsichtsrat. Zeit zum Durchatmen. Und trotz allem geht es natürlich heiß weiter. Ich habe in den letzten Stunden oft die eine Frage gehört: „Wie stehst du denn zu Veh?“ „Dittsche“ würde sagen: „Ich will mal so sagen. So jetzt: Es gibt viele Trainer-Töpfe auf der Welt. In Topf eins liegen Kollegen wie Mourinho, Hiddink, Ferguson und Wenger und einige andere mehr. Unbezahlbar für einen Verein wie den HSV. In Topf zwei liegen Trainer wie Bernd Schuster. Oder wie Martin Jol. Nicht ganz an der Spitze, aber einen guten Ruf. Und ganz sicher auch nicht gerade billig. Der HSV leistete sich mit ihm in der vorletzten Saison den teuersten Coach der Vereinsgeschichte. Und dann gibt es Topf drei. In dem lagen Veh, Marcel Koller, Friedhelm Funkel, Lucien Favre und, und und. Und aus Topf drei hat sich der HSV bedient – und den besten Trainer genommen. So denke ich.

An jedem Trainer hängt ja, das hat die Bundesliga-Neuzeit bewiesen, immer auch ein ganz anständiger Trainer-Stab. Und alle Leute wollen bezahlt werden. Deshalb ist ein solcher Trainerwechsel nicht immer nur an einem Mann (finanziell) festzumachen, sondern an mehreren. Und das geht ins Geld.

Im Fall Veh ist es nun so, dass sogar ein ehemaliger Bundesliga-Trainer der Assi werden soll: Michael Oenning (1. FC Nürnberg). Und der hat ganz gewiss auch seinen Preis. Auch wenn ihn viele hier als sehr gut willkommen heißen. Ich auch. Und ich teile auch die Hoffnung vieler, dass Oenning den Herren HSV-Profis den Hintern aufreißen wird, denn: So sehr ich Veh auch schätze, ein Manko hat er sich bei mir durch sein Engagement in Wolfsburg auch erarbeitet: Wolfsburg unter Felix Magath marschierte, 90 Minuten lang, wenn es sein musste auch 120 Minuten lang. Und unter Veh war das irgendwie anders. Nun wird beim HSV (hinter vorgehaltener Hand) davon gesprochen, dass Magath das Letzte, nein, das Allerletzte aus den VfL-Profis herausgeholt hat – und dass die Mannschaft danach platz gewesen sei. Und dann aber in die Dreifach-Belastung gehen musste.

Abwarten, wie sich das nun beim HSV entwickelt. In der vergangenen Saison hatte mir die Mannschaft viel zu wenig Kondition, ich hoffe nur für die Spieler, den Klub und für die Fans, dass das der neue Trainer (und sein Team) erkannt haben, und dass deswegen entsprechend trainiert wird. Alles steht und fällt mit der Kondition, da muss ganz sicher viel, viel mehr getan werden, als in der Saison 2009/10.

Bitte, Herr Veh, nehmen Sie sich dieser Baustelle an, scheuchen Sie Ihre Männer, damit sie 90 Minuten und länger laufen können. Bitte, Herr Veh!

Meine Hoffnung ist in diesem Punkt ja auch Bastian Reinhardt. Da in der vergangenen Saison kein Sportchef dem Training zusah (weil es keinen gab), wird sich der „Neue“ wohl doch einige Male mehr im Volkspark sehen lassen, um sich davon zu überzeugen, wie und in welcher Art dort trainiert wird. Ohnehin bin ich gespannt darauf, wie sich „Basti“ Reinhardt seiner Aufgabe nähern wird. So wie ich ihn kenne, wird er kein Duckmäuser sein, gegen wen auch immer. Das wird auch der Herr Siegenthaler bald schon merken. Und wenn er es dann bemerkt hat, dann kommt es für mich darauf an, ob er es auch toleriert. Da kommen mir doch leichte Zweifel. Und diese sagen mir eher, dass Veh und Reinhardt diese Saison – ohne in Bedrängnis gekommen zu sein – überstehen, dass aber der Noch-DFB-Scout eventuell damit liebäugelt, doch ein wenig eher beim HSV aufzugeben. Aber, wie schon geschrieben: abwarten. Erst einmal muss der Ball in der neuen Spielzeit ja wieder mal rollen . . .

Ganz interessant zum Thema neuer HSV-Trainer. In der Wettbranche wurde diese Vorlage gleich und dankbar aufgenommen. In einer Mitteilung eines Wettanbieters heißt es: „Der Trainerstuhl beim HSV gleicht einem Schleudersitz. Kein Coach sitzt bei den Rothosen lange auf der Bank. Mit Arnim Veh wurde bereits der siebte Trainer in sieben Jahren verpflichtet, den die große Mehrheit der Fans bei Umfragen in den Foren als Fehlbesetzung einschätzt. Auch auf dem Wettmarkt ist der neue Trainer des HSV bereits ein heißes Thema. Ist Armin Veh auch noch in der Rückrunde der kommenden Saison Trainer des HSV, fragen die Buchmacher des internationalen Sportwettenbieters „myBet“. Die Quoten sprechen dabei für eine erfolgreiche Arbeit von Veh. Wer wettet, dass er auch zu Beginn Rückrunde noch im Amt sein wird, erhält deshalb nur eine Quote von 1.07 (10,70 Euro für zehn). Wer allerdings darauf setzt, dass Veh dann schon wieder gefeuert sein wird, kassiert die hohe Quote von 6.00 (60 Euro für zehn).“

So, zum Abschluss noch eine erfreuliche und eine nicht so erfreuliche Nachricht. Die nicht so erfreuliche zuerst: Bastian Reinhardt wird keine Kolumne mehr für „Matz ab“ schreiben. Er hat nach seiner Vorstellung gesagt: „Ich bin jetzt im ernsten Fach angekommen.“ Stimmt ja auch, wir sollten Verständnis aufbringen – ich bringe schon. Und die erfreuliche Nachricht: Wenn der HSV schon nicht Meister wird, dann eben wir. Das heißt, nicht ich, sondern mein Kollege Christian Pletz. Es ist schon ein paar Tage her, jetzt aber habe ich ein Foto – mit einem ganz speziellen Trikot. Das sollte hier veröffentlicht sein, wenn nicht, habt Geduld (wie so oft in diesen Tagen). Es ist das Sieger-Trikot für die Meistermannschaft des Eidelstedter SV II, das Team wurde Sieger in der Kreisliga Staffel sieben und steigt in die Bezirksliga auf. Ich habe zwei Trikots davon abgestaubt – und, ich habe beide (XL und L) noch an seinem (vorerst) letzten Tag in Hamburg von Ze Roberto unterschreiben lassen. Wer eines der beiden Trikots haben möchte, solle sich bitte melden, alle Eingänge werden bis zur Veröffentlichung des nächsten Beitrags von mir gesammelt und dann wird ausgelost. Ich schreieb Euch dann an, Ihr müsst mir dann Eure Adresse mailen. Perfekt – so machen wir es!

Übrigens: Perfekt ist auch ein Ausleihgeschäft des HSV. Stürmer-Hoffnung Maximilian Beister wird an den Zweitliga-Klub Fortuna Düsseldorf ausgeliehen. Leider. Ich hätte ihn hier gerne mal unter dem neuen Trainer erlebt. Aber das kann ja dann noch später etwas werden.

17.09 Uhr

Gemeinsam sind wir stark!

25. Mai 2010

Armin Veh hat sich vorgestellt, Bastian Reinhardt ebenfalls, der Vertrag mit Paolo Geurrero wurde jetzt doch noch um vier Jahre verlängert – und der Aufsichtsrat atmet tief durch. Grund dafür: Endlich ist der Sportchef installiert, jetzt muss nicht mehr gesucht werden, ab jetzt muss nur noch kontrolliert werden, und das wohl besser in aller Stille und im Verborgenen. Die Lage beim HSV scheint sich zu entspannen, nun dürfte endlich wieder Ruhe einkehren, damit es mit vereinten Kräften in der nächsten Saison wieder nur bergauf geht. Es ist an diesem Dienstag viel gesprochen worden, es ist auch einiges versprochen worden, aber ein Satz erscheint mir besonders erwähnenswert. Als ich Klub-Boss Bernd Hoffmann die Frage stellte, ob denn nun Bastian Reinhardt, der Manager-Neuling, der Vorgesetzte von Urs Siegenthaler ist, antwortete Hoffmann: „Wir sind ein Team, wir werden alles gemeinschaftlich vertreten.“ Herr Hoffmann, das klingt super. Wenn Sie das tatsächlich beherzigen in die Tat umsetzen können, dann ist dieser HSV, Ihr HSV, unser HSV, ganz sicher wieder auf einem guten Weg. Gemeinsam sind wir stark, bitte nehmen Sie diesen Leitsatz ab jetzt als oberstes Gebot dieses Klubs.

Die Pressekonferenz mit den Vorstellungen von Armin Veh und Bastian Reinhardt könnt Ihr Euch in aller Ruhe nach auf Abendblatt TV ansehen, deswegen werde ich davon keine Dialoge veröffentlichen. Veh machte auf mich genau den Eindruck, den ich schon vor diesem Tag von ihm gewonnen habe: Ruhig, sachlich, ausgeglichen, fachkundig und nett, auch wenn der Begriff „nett“ bei einigen von Euch schon wieder negativ besetzt ist, mit „nett“ ist vor allen Dingen „menschlich“ gemeint. Veh steht mit beiden Beinen auf dem Boden, er ist nicht aggressiv, er ist nicht knurrig, auch wenn er gelegentlich den Anschein erwecken könnte, er ist nicht arrogant oder überheblich, er ist kooperativ und – was ich für die nächste Trainer-Ära beim HSV für ganz wichtig halte – er leidet nicht unter Verfolgungswahn. Er erzählt frisch, fromm, fröhlich, frei über sich und über die Dinge, die ihn bewegen. Das kommt bei mir sehr, sehr gut an.

Bernd Hoffmann und seine Mitstreiter haben sich die Sache „Trainer-Findung“ nicht leicht gemacht. Ganz sicher nicht. Es wurde in den letzten Wochen mit sechs, sieben Trainern gesprochen. Darunter war sogar auch ein Mann namens Bernd Schuster, von dem Hoffmann nach drei, vier Stunden einen sehr guten Eindruck gewonnen hatte. Letztlich war aber entscheidend, dass Armin Veh von allen Kandidaten die beste Lösung für Hoffmann und Co war. Der Vorstands-Vorsitzende bekannte später, dass in diesem Fall auch „das Bauchgefühl“ mit entschieden hat. Was zudem Fakt ist – und Bernd Hoffmann hat es ausgesprochen: Der HSV hat seit Ernst Happel keinen Trainer mehr gehabt, der den Titel des Deutschen Meisters gewonnen hat – Armin Veh kann einen solchen Titel vorweisen, er weiß, wie es geht (oder gehen könnte).

Gemeinsam sind wir stark. Das stimmt mich in der Tat sehr hoffnungsvoll. Wenn Veh, Siegenthaler und Reinhardt tatsächlich, so wie es der neue HSV-Coach andeutete, auf einer Wellenlänge liegen, wenn sie tatsächlich ihre fußballerischen Vorstellungen unter einen Hut bringen können, dann muss das HSV-Vorhaben „Aufschwung“ ganz einfach erfolgreich sein. Veh hat in 20 Trainer-Jahren reichliche Erfahrungen gesammelt, und er hat in Gesprächen mit Siegenthaler erkannt, dass sein Gegenüber ebenfalls ein großer Fußball-Experte ist (zu hören bei der PK). Und: Er hat es offensichtlich nicht nur erkannt, er akzeptiert es auch. Das ist viel wichtiger. Nicht dass es den einen oder anderen Mann im HSV gibt, der dem eigentlichen Kollegen, mit dem er Hand in Hand das Beste für den HSV bewirken sollte, nichts Gutes gönnt und deswegen eher kontraproduktiv mit ihm zusammen arbeitet.

Ein Hauptaugenmerk der neuen HSV-Führung wird auch sein, frischen Wind nach Ochsenzoll zu bringen. Siegenthaler hat schon Maß genommen, ich glaube, dass ich nicht zuviel verspreche wenn ich behaupte, dass es in Zukunft rund gehen wird im Jürgen-Werner-Leistungszentrum. Denn alle Herren haben sich zum Ziel gesetzt, dass es endlich „richtig“ guten Nachwuchs für die Bundesliga geben muss. Vorbild FC Bayern, bei dem, ich erwähnte es schon, sechs „Eigengewächse“ im Halbfinale der Champions League standen. Ein Traum. Auch in der Realität. Ein Traum von Siegenthaler, Veh, Reinhardt und Hoffmann. Und ich kann nur sagen: Bitte, die Herren, packen Sie es an. Es kann doch eigentlich nichts Schöneres geben, als wenn der HSV eine Tages melden kann: Wir spielen im Champions-League-Finale gegen Real Madrid mit einer Mannschaft, in der ebenfalls sechs Spieler, die in Ochsenzoll zum ersten Mal ein Trikot mit der Raute trugen. Man, was wäre das herrlich!

Noch ein kurzer Schwenk zu „Basti“ Reinhardt. Er ist, wie auch Armin Veh, im Vorfeld dieser Vorstellung arg niedergemacht worden. Ich kann verstehen, dass einige das aus Enttäuschung darüber, dass Nico Hoogma kein Sportchef geworden ist, von sich gegeben habe. Wie gesagt, ich versteh ihre Enttäuschung, aber die Wortwahl war teilweise unterirdisch und unmenschlich, so etwas werde ich nie im Leben tolerieren und akzeptieren, ich werde es immer verurteilen. So etwas gehört sich ganz einfach nicht, man muss auch mal verlieren können.

Und einer wie „Basti“ Reinhardt hat eine solche Vernichtung schlicht und einfach auch nicht verdient. Er ist ein ganz kluger Kopf, er wird im Zusammenspiel mit Veh und Siegenthaler schnell lernen, von ihm wird der HSV ganz sicher noch profitieren. Da lege ich mich mal ganz weit aus dem Fenster, aber ich bin von Reinhardts Qualitäten restlos überzeugt – schließlich laufen wir schon einige Jährchen parallel nebeneinander her. Interessant dürfte aber in der Tat sein, wie die Mannschaftskollegen (die bisherigen) auf den neuen „Vorgesetzten“ reagieren. Ich weiß es noch genau: 1986 fuhr Felix Magath als HSV-Spieler zur WM nach Mexiko, und kam als HSV-Manager aus Mexiko zurück. Und gleich einer seiner allerersten Aufträge war mehr als heikel. Magath sollte den Vertrag von Manfred Kaltz, mit dem er befreundet war, mit dem er auch privat durch viel Dick und viel Dünn gegangen ist, verlängern. Es kam wie es kommen musste – Kaltz und Magath konnten sich nicht einigen und lagen sich in den nächsten Monaten total überquer. So kann es auch gehen.

Fünf Bemerkungen (fast) am Rande: Der ehemalige Nürnberger Chef-Coach Michael Oenning wird, das ist fast hundertprozentig, neuer Co-Trainer des HSV. Der Transfer des niederländischen Nationalspielers Ibrahim Afellay ist auch (zu 99 Prozent) als sicher zu vermelden, zudem wird der HSV noch mindestens zwei Abwehrspieler unter Vertrag nehmen. Weil Veh erkannt hat, Ihr werdet es bei der PK gehört haben, dass die Schwächen des HSV in der Defensive lagen und noch liegen. Und dann noch zu Kevin Keegan. Es hält sich ja immer noch hartnäckig das Gerücht, dass der Engländer zu Verhandlungen (mit Bernd Hoffmann) in Hamburg war. Hoffmann dementiert das aber energisch und sagt: “Ich habe vor Jahren ein einziges Mal mit Kevin Keegan gesprochen. Ansonsten habe ich keinen anderen Kontakt mit ihm gehabt.” Alles heiße Luft.

Keine heiße Luft ist allerdings der Abschied von Ricardo Moniz aus Hamburg – der steht fest. Der Niederländer wird zu Red Bull Salzburg wechseln, obwohl ihn der HSV gerne gehalten hätte. Moniz wollte aber nur als Chef-Trainer bleiben, doch als ein solcher hatte er den Verantwortlichen ein bisschen zu wenig Erfahrung. Ein Standpunkt, den man (vor allem in der jetzigen HSV-Situation) vertreten kann.

Schlusseinschätzungen von Bernd Hoffmann: „Wir waren uns sicher, dass Armin Veh in dieser Situation, in der sich Mannschaft und Verein derzeit befinden, genau zum richtigen Zeitpunkt der richtige Trainer für uns ist. Er hat damals eine ähnliche Situation, wie wir sie jetzt haben, einst in Stuttgart vorgefunden, hat mit Stuttgart und Wolfsburg langjährige Erfahrungen auf einem Niveau gesammelt, auf dem auch der HSV spielt, und er bringt neben seiner nachgewiesenen Kompetenz die Souveränität und Freude mit, die ich mir von unserem Cheftrainer gewünscht habe. Wir haben mit ihm exakt die richtige Wahl getroffen.“

Das hoffen wohl – auch in diesem Jahr wieder – alle HSVer.

18.03 Uhr

Gebt allen eine faire Chance!

25. Mai 2010

Wie schön, dass der HSV diese Nachrichten zur Nacht herausgegeben hat, sonst hätte es wohl eine Spontan-Demo gegeben. Und eventuell hätten einige sogar die Arena dem Boden gleich gemacht. Ich bin wirklich fassungslos! Es ist unmenschlich, was hier abgeht. Was sind hier für tolle HSV-Fans unterwegs!? Die halten zu ihrem Verein wie Pech und Schwefel. Einer geht sogar gleich zum FC St. Pauli rüber, andere werden ihm vielleicht folgen – abwarten. Aber wirklich tolle Fans. Was wäre wohl passiert, wenn es tatsächlich Lucien Favre geworden wäre? Oder Koller? Oder Funkel? Oder ein ganz anderer Trainer ohne jeden Namen? Dann wäre die Hälfte der HSV-Mitgliedschaft wahrscheinlich noch in dieser Nacht an die Weser gewechselt. . . Es ist unfassbar für mich, was hier los ist. Und Ihr seid HSV-Fans?

Jose Mourinho war nun leider schon von Real weggefischt worden, sonst hätte ihn der HSV ganz sicher bekommen. Und unter Mourinho hätten es ja die, die jetzt meckern und Kübel voller Häme über den Vorstand und „ihren Verein“ auskippen, ja gar nicht erst gemacht. Dem besten Verein den besten Trainer – natürlich, selbstverständlich, was kostet die Welt?

Habt Ihr, die jetzt meckern, eigentlich mal nachgedacht, wie viel Geld der HSV noch in der Tasche hat? Und was an Kohle noch in der nächsten Saison noch rein kommt? Einen Monat hätte sich der HSV einen Jose Mourinho leisten können, wenn überhaupt. Es war klar, dass es kein Wenger, kein Ferguson, kein Hiddink und kein Sonstwer werden würde. Für einen ganz Großen der Trainerzunft ist schlicht und ergreifend kein Geld da. Ich würde es am liebsten, ach, was rege ich mich auf . . . Es wurde doch auch schon an dieser Stelle oft genug betont. Oft genug: Vor Beginn der angelaufenen Saison hatte der HSV eigentlich nur 15, 16 Millionen Euro zur Verfügung, ausgegeben wurden aber über 32. Das geht einmal, aber das geht kein zweites Mal.

Ich bitte deshalb jetzt alle, erst einmal eine Nacht darüber zu schlafen. Diese beiden Entscheidungen richtig sacken lassen, und dann zu dem Schluss kommen: Okay, wir geben ihnen eine faire Chance. Denn was ist dann bloß los, wenn der HSV auf einmal nicht nur den besten Saisonstart hinlegt, sondern auch am Ende seine beste Saison? Bitte dann alle diejenigen, die Veh jetzt vernichtet haben, um Verzeihung?

Ihr habt B.L. auch eine Chance gegeben, also haltet zu Eurem Verein. Bernd Hoffmann hat das Versprechen abgegeben, den HSV wieder ganz nach oben in die europäische Spitze führen zu wollen – er trifft doch nicht aus Jux und Dollerei solche Entscheidungen, wohl wissend, dass am Ende dabei nichts heraus kommt. Für so dumm sollte ihn nun wirklich keiner halten. Und wenn es hier bei „Matz ab“ dennoch einige für gut befinden, Hoffmann und Co zu vernichten, dann fallt bitte nicht darauf rein:

GEBT IHNEN ALLEN EINE FAIRE CHANCE.

Nur darum bitte ich jeden von Euch. Sonst könnt Ihr doch den Laden vollends zumachen.

Noch ein Satz zu Basti Reihardt. Ich finde es klasse, dass der HSV den Mut hat, ihm den Job zu geben. Ich glaube Ihr wisst alle ganz genau, was für ein schlaues Kerlchen der bisherige Innenverteidiger ist. Der Basti hat nicht einmal zuviel geköpft, der ist helle, ausgeschlafen, clever und schneidig. Er wird es packen, da bin ich mir sicher. Und denkt doch bitte einmal zurück: Als Dietmar Beiersdorfer verpflichtet wurde, war er KEIN Bundesliga-Manager. Er war, wie „Devildino“ richtig bemerkte, ein Wirtschaftsfachmann, der vorher Profi-Fußballer war. Genau. Keiner hat gegen ihn protestiert, oder kaum einer. Und der Didi hat den Job gewuppt. Also, habt Vertrauen, der Basti macht das ebenfalls, ganz, ganz sicher.

Sein Vorteil: Er hat einen Fachmann wie Urs Siegenthaler an seiner Seite. Ich bin davon restlos überzeugt, dass dieses Gespann funktionieren wird.

GEBT IHNEN ALLEN EINE FAIRE CHANCE.

Und wem das schon wieder zuviel Schleim ist, dem sei gesagt: Es geschieht hier alles mit Bedacht. Hier lesen Bundesliga-Trainer (und solche die es noch werden wollen!) mit, hier lesen Bundesliga-Manager (und solche, die es noch werden wollen) mit, hier lesen ganz normale Profis und auch die Herren Nationalspieler mit, hier lesen auch sämtliche Nationaltrainer der Welt mit. Bei allen diesen Personen möchte ich mich mit diesem Geschreibsel anschleimen. Bei den meisten hatte ich ja auch schon allergrößte Erfolge.

So, ich habe fertig. Für heute. Aber ich gehe jetzt auch ins Bett. Bis Mitternacht wird hier noch freigegeben, alle anderen, die sich morgen beschweren wollen (oder auch in der Nacht) muss ich leider vertrösten: Es geht am Dienstag erst um 9 Uhr wieder los. Das schreibe ich nur für die, die sonst in der Nacht in die Luft gehen würden. Und für die, die es immer noch nicht gelernt haben: Wir mussten und müssen diese Kontrolle (den Filter) einrichten, denn sonst wird hier munter beleidigt, gepöbelt und geoutet, dass es für viele, viele Strafprozesse reichen würde. So ist es in der heutigen Zeit leider um das anonyme Internet bestellt – die Kehrseite der Medaille.
Gute Nacht.

0.02 Uhr

Veh und Reinhardt sind es

24. Mai 2010

Die größten Rätsel sind gelöst. Zum Schluss ging es doch etwas schneller als gedacht. Der HSV hat mit Armin Veh einen neuen Trainer für die Bundesliga-Mannschaft gefunden, und er wird mit Bastian Reinhardt einen Nachfolger für den zuletzt vakanten Sportchef-Posten installieren.

Um Euch meine Meinung dazu mitzuteilen: Ich bin mit beiden Person sehr einverstanden. Ich habe Veh als kompetenten und ruhigen Trainer kennen gelernt, und über Basti Reinhardt hier noch Worte zu verlieren, ist völlig überflüssig. Ich wünsche beiden Herren sehr viel Glück und viele glückliche Händchen im Sinne des HSV.
21.45

Interview mit Willi Schulz

24. Mai 2010

Morgen Kinder wird’s was geben . . . Vielleicht aber auch nur. Auf jeden Fall treffen sich die Herren des Aufsichtsrates. Und dann wird beraten, wer es wird – der neue Sportchef. Einer wird es auf keinen Fall mehr: Nico Hoogma. Ich sprach am Sonntag mit dem ehemaligen HSV-Kapitän, er sagte mir eindeutig: „Ganz sicher ist, dass ich nicht Sportchef des HSV werde.“ Der HSV hatte seine Chance, er hat sie amateurhaft verspielt, nun blocken die Niederländer. Der Präsident von Heracles Almelo hat dem HSV-Aufsichtsrat eine deutliche Absage erteilt: „Wir brauchen Nico Hoogma jetzt hier, es wird nicht mehr über eine Freigabe diskutiert.“ Und Ende.

Hoogma muss beim Tabellensechsten eine neue Mannschaft aufbauen, denn: Martin Pieckenhagen hat seine Karriere beendet, und auch der Mittelstürmer und Torjäger verlässt den Klub in Richtung Heerenveen. Hoogma: „Und wir werden auch in der kommenden Saison den kleinsten Etat aller Klubs der ersten Liga in den Niederlanden haben, da muss nicht viel mit Geld, sondern mit offenen Augen gekauft und verpflichtet werden.“

Ein tolles Motto – könnte auch wunderbar auf den HSV übertragen werden. Vielleicht übernimmt es ja der neue Sportchef. Der dürfte meines Wissens spätestens Mittwoch feststehen, eventuell sogar eher.

Über die derzeitige Lage beim HSV sprach ich unterdessen mit dem ehemaligen Stopper der Nation, Willi Schulz, der einst im Aufsichtsrat des HSV war. Hier folgt das Interview, aber für alle, die so gespannt sind wie ein Flitzbogen, gebe ich noch eine kleine Information am Rande: Guckt doch bitte noch einmal gegen Mitternacht bei “Matz ab” hinein, es könnte doch noch etwas Neues geben, denn ich bin weiter – trotz Tatort – am recherchieren. Bis dann also.

Das Interview:

Matz ab: Herr Schulz, der Aufsichtsrat steht in diesen Tagen heftig in der Kritik, sind Sie froh, dem Gremium nicht mehr anzugehören?
WILLI SCHULZ: Ich will in diesem Punkt nicht nachkarten. Grundsätzlich gibt es ein Problem, wenn man im Aufsichtsrat ist. Man muss sich darüber klar sein, dass man nur eine Stimme hat. Also muss man versuchen, sich mit den anderen Mitgliedern irgendwie arrangieren. Deswegen ist diese Aufgabe nicht leicht, denn einige, die eine andere Meinung vertreten als die Mehrheit, laufen die Gefahr, unter die Räder zu kommen.

Matz ab: Im Moment scheint der ganze Rat unter die Räder gekommen zu sein, denn noch nie war die Kritik so heftig.
SCHULZ: Der HSV ist ein ruhmreicher Verein, da werden natürlich gewisse Ansprüche gestellt. Unsere Mitgliedschaft ist nicht mit einem durchwachsenen Ergebnis zufrieden. Wenn wir Platz sieben belegen, sind die meisten natürlich unzufrieden. Der Aufsichtsrat berät den Vorstand, urteilt über den Vorstand, aber dann muss man natürlich wissen, über was man da redet. Man sollte dann schon über Fußball Bescheid wissen.

Matz ab: Das aber fehlt wohl offensichtlich den meisten Räten, oder?
SCHULZ: Wie ich eingangs schon sagte, ich möchte nicht nachkarten. Fest steht aber für mich, dass außer Sergej Barbarez und Ronald Wulff kein anderes Aufsichtsratmitglied den großen Fußball kennt. Man muss aber im heutigen Profi-Fußball wissen, was da läuft. Das geht nicht mehr zu wie im Amateurfußball, und deswegen sage ich: das Gewerbe muss man kennen.

Matz ab: Aber bei Bayern München sitzen auch viele, viele Wirtschaftsfachleute im Rat, wieso geht das dort?
SCHULZ: Der FC Bayern ist anders strukturiert, dort gibt es keinen Aufsichtsrat, dort gibt es einen Wirtschaftsrat, und dieser Wirtschaftsrat ist kleiner. Aber, und das ist wichtig: Beim FC Bayern sitzt die geballte Fußball-Kompetenz im Vorstand. Das ist der gravierende Unterschied. Da kann ich von oben bis in die Jugendabteilung gehen, bis ich da ganz unten ankomme, muss ich an acht Weltmeistern vorbei marschieren.

Matz ab: Apropos FC Bayern. Als Sie in den HSV-Aufsichtsrat gewählt wurden, wollten Sie in einigen Jahren auf Augenhöhe mit dem FC Bayern sein. Wie weit ist der HSV heute von den Münchnern entfernt?
SCHULZ: Der FC Bayern ist das Vorbild für Deutschland, eventuell für ganz Europa. Deswegen musste es unser Ziel sein, zu ihnen aufzuschließen. Bayern ist im sportlichen und wirtschaftlichen Bereich die Nummer eins, daran sollten wir uns orientieren. Und dabei müssen wir den Fußball nicht neu erfinden, die Sache ist ganz einfach. Ich würde immer sagen: Macht es wie die Bayern. Und zwar auf allen Ebenen. Wenn wir das machen, dann sind wir vorne.

Matz ab: Aber wie weit ist der HSV vom FC Bayern denn jetzt entfernt?
SCHULZ: Das ist eine Momentaufnahme. Man muss ganz fair feststellen, dass wir im Moment weiter vom Rekordmeister entfernt sind, als dass wir näher an sie herangerückt sind. Wir haben uns schon weiter entfernt, mein damals angepeiltes Ziel haben wir leider weit verfehlt.

Matz ab: Gibt es dafür Gründe?
SCHULZ: Die Gründe dafür sind vielschichtig. Ein Punkt ist zum Beispiel die Nachwuchsarbeit. Wir haben eines der besten Leistungszentren der Bundesliga, aber bei uns gibt es keinen A-Jugend-Meister, keinen B-Jugend-Meister, keinen U-19-Meister – es kommen aus unserem Nachwuchsbereich keine Spieler für unsere Bundesliga-Mannschaft heraus. Bei den Bayern sieht das so aus: Die haben ihr Zwei-Säulen-System: Es werden fünf Weltklasse-Spieler gekauft, und sechs Spieler kommen aus dem eigenen Nachwuchs. Da muss der HSV erst noch hin, aber wie gesagt, wir sind weiter entfernt denn je.

Matz ab: Sorgen Sie sich derzeit um den HSV?
SCHULZ: Im Grunde gibt es für mich keinen Grund zur Sorge. Der HSV ist vielschichtig genug, um auch diese gewiss nicht schöne Situation zu überstehen. Es wird immer mal ein Auf und Ab geben. Die Frage ist doch die: War diese Saison nur ein Ausrutscher, oder ist diese Schwäche von Dauer? Das wird die neue Spielzeit zeigen. Nur wir müssen uns auch fragen, was wollen wir eigentlich? Unser Ziel muss sein, wieder einmal Meister zu werden, und da kann es nicht sein, dass wir eine fast komplette Mannschaft, die das Zeug gehabt hätte zum Titelgewinn, dass wir die verkaufen. Ob das Olic ist, van Buyten, Boulahrouz, van der Vaart, Kompany, de Jong und, und, und. Dann muss man versuchen, diese Leute zu halten, um auch wirklich um die Meisterschaft spielen zu können. Grundsätzlich aber muss Platz sieben eine Warnung für alle sein.

Matz ab: Dennoch habe ich jetzt den Eindruck, als würden Sie der Zukunft des HSV noch ganz optimistisch entgegenblicken, oder täuscht das?
SCHULZ: Platz sieben kann eine Eintagsfliege sein, aber es könnte auch schneller bergab gehen, als jetzt noch so mancher glaubt. Vorstand und Aufsichtsrat müssen enorm wachsam sein. Oben dran zu bleiben ist eigentlich relativ leicht, denn unsere Infrastruktur ist hervorragend: Wir haben hervorragende Trainingsanlagen, wir haben ein wundervolles Stadion, es ist eines der schönsten in Deutschland, wir haben unglaublich treue und tolle Fans, und wir haben eine der schönsten Städte der Welt im Rücken – das alles wird uns auch weiterhin Punkte bescheren.

Matz ab: Als Sie im Aufsichtsrat waren, haben Sie, als der HSV in Abstiegsgefahr geraten war, öffentlich gewarnt und gefordert, den Trainer zu wechseln. Wieso durften Sie das damals, und wieso haben sich in der vergangenen Saison alle Räte aus dem sportlichen Bereich herausgehalten?
SCHULZ: Wir sind ja nie wieder in eine solche Situation gekommen, wir standen ja nie wieder auf dem 18. Platz. Platz sieben ist eine Delle, das sagt noch nichts. Aber siehe Hertha BSC: Man muss schon höllisch aufpassen. Man muss nur mal zwei, drei Spiele hintereinander verlieren, und man ist unten drin. Dann greift die Nervosität um sich, und dann kann es ganz, ganz schnell gehen, dass man auf einem Platz steht, auf dem es sehr gefährlich werden könnte. Und zu meinem Vorstoß damals: Dafür habe ich ja auch von allen Seiten reichlich um die Ohren bekommen, ich bin auch innerhalb des Aufsichtsrats scharf gemaßregelt worden. Gott sei Dank ist es gut gegangen damals, dank Huub Stevens. Aber es gibt ja auch heute immer noch Fantasten, die behaupten, dass der HSV damals niemals abgestiegen wäre – aber für diese Menschen habe ich nur ein müdes Lächeln übrig.

Matz ab: Vielfach wird im HSV eine zu enge Nähe des Aufsichtsrates zum Vorstand kritisiert. Ist das auch Ihr Empfinden?
SCHULZ: Die Möglichkeiten des Aufsichtsrates sind ja sehr begrenzt, denn alles was sich im sportlichen bereich bewegt, das gehört zum operativen Geschäft. Da muss ich den Aufsichtsrat auch mal in Schutz nehmen, da kann er nur wenig Einfluss nehmen, das ist einfach so.

Matz ab: War es ein großer Fehler, in dieser Saison keinen Sportchef installiert zu haben?
SCHULZ: Lassen Sie es mich mal so formulieren: Die Aufgaben eines Sportchefs beim HSV sind so vielschichtig, die kann ein Mensch allein eigentlich gar nicht bewältigen. Ich habe damals schon Dietmar Beiersdorfer gesagt, dass er sich dringend eine rechte Hand anschaffen sollte, weil er es allein gar nicht packen konnte. Die Schlussfolgerung daraus: Wenn es ein Sportchef schon nicht schaffen kann, dann kann es ohne Sportchef erst recht nicht gehen. Das ist die Wahrheit. Ohne Sportchef waren Bernd Hoffmann und Katja Kraus, die auf ihren Gebieten wirklich sehr gute Arbeit leisten, schlicht überfordert, denn sie haben ja noch jede Menge großer Aufgaben zu erledigen. Einen Bundesliga-Verein wie den HSV zu führen, das ist ja unheimlich schwer. So nebenbei geht da gar nichts, ohne Sportchef ist es unmöglich, unbeschadet über die Runden zu kommen.

Matz ab: Jetzt ist der FC St. Pauli aufgestiegen, droht dem HSV vom Millerntor eine Gefahr?
SCHULZ: Wir müssen aufpassen. Wenn wir die Erwartungen in der neuen Saison wieder nicht erfüllen, dann könnte es passieren, dass die Stimmung in der Stadt umschlägt, dass uns St. Pauli von der Stimmungslage her auf einmal recht wehtut.

Matz ab: Ist Urs Siegenthaler der richtige Mann für den HSV?
SCHULZ: Ich kenne seine Aufgaben nicht. Grundsätzlich meine ich aber, dass der HSV als Zweitstation neben dem DFB nicht zu schaffen ist. Mit halber Kraft geht da gar nichts, dazu ist der HSV zu komplex. Da gibt es den HSV, HSV-Ochsenzoll und den DFB. Das alles ist für einen Mann nicht zu schaffen. Es wäre schön, wenn er sich auf eine Aufgabe, also nur den HSV, konzentrieren würde. Es ist doch auch so: Jetzt ist Urs Siegenthaler acht Wochen mit der Nationalmannschaft unterwegs, anschließend geht er in den wohlverdienten Urlaub – und wenn er dann in Hamburg ist, läuft die Saison schon. Ich weiß nur: Mehreren Herren dienen geht selten gut.

Matz ab: Plädieren Sie denn auch dafür, dass dem Herren Siegenthaler noch ein Sportchef, der dem Vorstand angehört, vorgesetzt wird?
SCHULZ: Es gibt ja eine Hierarchie in diesem Verein. Und ist der Vorstandvorsitzende der erste Mann. Und wenn es dann dort den Sportchef gibt, und das muss ja so sein, dann ist dieser Sportchef auch ganz automatisch der Vorgesetzte von Siegenthaler. Letztlich muss ich aber auch sagen: Egal wie das läuft, ich will nur eines: Erfolg für den HSV. Ich will nicht Platz sieben, sondern der HSV soll oben stehen und in die Champions League kommen – nur das will ich, nur das zählt für mich.

Matz ab: Sie bekennen sich immer sehr deutlich zum HSV, obwohl Sie aus dem Ruhrpott kommen – die Frage ist Ihnen sicher schon oft gestellt worden, aber ich wage sie noch einmal: Wieso sind Sie so ein Vollblut-HSVer geworden?
SCHULZ: Ich war als junger Bursche, aufgewachsen in Wattenscheid-Günnigfeld, schon HSV-Fan. Viele um mich herum waren Schalke-Fans, und ich nicht. Wenn wir in die Schalker Glückauf-Kampfbahn gefahren sind, um zum Beispiel Spiele um die Zonen-Meisterschaft zu sehen, dann habe ich den HSV schon bewundert. Und zwar wegen einer Sache: die Stutzen. Die blauen Stutzen, die oben senkrecht schwarz-weiß abgesetzt sind, die sind einmalig in Europa. Und als ich später bei den Lehrgängen der Nationalmannschaft war, fühlte ich mich immer besonders zu den HSV-Spielern wie Uwe Seeler, Charly Dörfel, Jürgen Kurbjuhn und all den anderen hingezogen. Und als ich Angebote von einigen Klubs erhielt, habe ich mich aus Sympathie für den HSV entschieden. Der HSV war schon immer meine heimliche Liebe. Der HSV ist ein ruhmreicher, exklusiver, anerkannter und auf der ganzen Welt bekannter Fußball-Verein mit großer Tradition. Und er ist in der Bundesliga immer eine führende Adresse, ist lohnt sich immer wieder, sich für diesen Verein zu streiten.

Matz ab: Würden Sie eigentlich noch einmal ein Amt innerhalb des HSV übernehmen?
SCHULZ: Das müsste ich mir überlegen. Ich bin jetzt 71 Jahre alt, habe viele Geschäfte, um die ich mich zu kümmern habe. Aber, das sage ich auch, wenn man seinen Klub liebt, und wenn es dem Klub dann einmal nicht mehr so gut gehen würde, dann darf sich kein Mitglied verschließen, dann muss angepackt werden, wenn es erforderlich ist.

Matz ab: Zum Abschluss gefragt: Blicken Sie der sportlichen Zukunft des HSV optimistisch entgegen?
SCHULZ: Ja, ganz sicher. Wir haben zwar sehr unter dem Abgang von Dietmar Beiersdorfer gelitten, sein Fehlen in dieser Saison hat ein großes Loch gerissen, aber wenn man in der Lage ist. Einen adäquaten Ersatzmann zu finden, dann können wir gut und gerne zur alten Stabilität zurückfinden, das ist keine Frage für mich.

Matz ab: Was muss sich aber in der Mannschaft verändern?
SCHULZ: Wir müssen darüber nachdenken, wie unsere Mannschaft zusammengestellt ist. Wir haben einige Spieler, die über 30 Jahre alt sind, wie Rost, Ze Roberto, Jarolim, Mathijsen und van Nistelrooy. Und wenn diese ältesten Spieler ununterbrochen die besten und stabilsten Kräfte in diesem Team sind, dann ist das ein Alarmsignal, das ist höchst ungesund. Es muss nämlich umgekehrt sein: Die Jungen müssen marschieren, und die Alten halten den Laden zusammen, die müssen die Zügel in der Hand halten. Aber da bin ich dann wieder bei diesem leidigen Thema: Wir müssen darauf achten, die junge Spieler zu halten, das ist ganz, ganz wichtig. Ganz einfach auf einen Nenner gebracht: Wir müssen es machen wie die Bayern.

Matz ab: Ihr persönliches Schlusswort?
SCHULZ: Ich hatte mal einen sehr, sehr guten und klugen Trainer. Das war Sepp Herberger. Der hat einst zu uns Spielern immer gesagt: Jungs, spielt was ihr könnt. Ein ganz weiser Spruch. Der gilt auch für unseren Vorstand und für unseren Aufsichtsrat, der gilt für alle. Macht das, wovon ihr Ahnung habt – so heisst das auf Deutsch.

20.34 Uhr

(M)Eine Sommer-Geschichte

23. Mai 2010

Das Wichtigste gleich am Anfang: Es ist an diesem Sonntag nichts passiert beim HSV. Ich hatte Kontakt zur Klub-Spitze, es ist an diesem Tag keiner verkauft oder verpflichtet worden, es ist noch nicht die Zeit für einen neune Trainer und auch nicht für einen Sportchef – aber es ist alles bestens im Fluss. Wir müssen abwarten.

Es ist Pfingsten. Und es ist Sommerpause. Und damit sollte es eigentlich auch ein wenig ruhiger in der Medienlandschaft zugehen. Ging es aber nicht, wir kennen alle die Gründe, ich möchte das nicht noch einmal aufwärmen. Vor Beginn der Pause gab es aus Euren Kreisen die Anregung, fußballerische Sommergeschichten von Euch zu veröffentlichen, „HK Hans“ hatte es vorgeschlagen, ich war begeistert. Und bin es immer noch, auch wenn die Resonanz bislang nicht so überwältigend war. Aber das mag noch kommen.

Ich hatte mir vor Wochen auch vorgenommen, eine ganz spezielle Geschichte von mir zu veröffentlichen, und zwar die, wie ich als kleiner Knabe zum Fußball gekommen bin. In den letzten Tagen und Wochen habe ich mit mir arg, arg gekämpft, ob ich das machen sollte, denn es herrschte hier eine sehr, sehr aggressive Stimmung, und dazu passt eine solche Geschichte, die nichts mit dem HSV und dem Profi-Fußball zu tun hat, nicht so sonderlich gut. Für die miese Stimmung im Blog war auch ich verantwortlich, denn ich habe – aus Übermut – einige Herren zu doll gereizt. Meine Schuld, das sehe ich ein, kommt nicht wieder vor.

Da ich aber hoffe (und von einigen „Matz-abbern“ weiß ich es auch), dass sich einige von Euch doch Gedanken über ihre persönliche Sommergeschichte gemacht haben, mache ich nun (doch) den Anfang. Und keine Angst: Es gibt von nun an nicht nur sommerlich-seichte Geschichten – aber eben auch mal. Wobei ich ehrlichen Herzens bekennen muss, dass ich mit meiner Geschichte vom „Trapper Doc Seitenberg“ inspiriert worden bin. Er schrieb kurz vor Heiligabend 2009 eine besonders schöne Geschichte über seine Fußball-Jugend auf. Sie ging mir so nahe, dass ich sie am 24. Dezember im Kreise meiner großen Familie vorlas. Teilweise kamen mir die Tränen, gebe ich offen und auch gerne zu, denn was der „Trapper“ erlebt hatte, das erinnerte mich total an meine Jugend. Seit dieser Geschichte sind der „Doc“ und ich „Brüder in Gedanken, Brüder im Geiste.“ Danke, lieber Trapper, noch einmal für diese tolle Geschichte, Du hast sie traumhaft aufgeschrieben und damit die Messlatte für alle folgenden Beiträge sehr hoch gelegt. War es noch einmal lesen möchte: Erschienen am 24. Dezember um 12.48 Uhr unter dem Namen „Nebraska63“. Es gab schon viele, viele tolle Beiträge und Geschichten von Euch, von vielen persönlichen Treffen weiß ich, dass Euch die Heiligabend-Geschichte des „Trappers“ immer noch am besten gefällt – völlig berechtigt.

Okay, ich weiß, es ist jetzt keine Weihnachtszeit, und trotz allem beginne ich nun, meine Geschichte zu schreiben. Aber bevor ich damit anfange, möchte ich noch einen kurzen Abstecher machen: „Willkommen zurück, lieber Jonny, Du hast mir gefehlt. Und vielen anderen auch. Es wäre schön, wenn es nicht ein einmaliger Ausrutscher war, sondern wenn Du hier wieder mitmachen würdest, aber ich möchte Dich auch ganz lieb darum bitten, geduldig und immer in netter und höflicher Form zu schreiben. Bitte, bitte. Wenn Du und wenn ich, wir beiden alten Säcke, nicht mit dem netten Matz-ab-Blog beginnen, wer soll es dann machen?

 Willkommen zurück, lieber Jonny.“

Nur einige wenige „Matz-abber“ kennen mich schon aus der Jugend, aber es gibt diese Leute. Diese Jungs haben mich erlebt, als ich in Barmbek in der Habichtstraße wohnte und aufgewachsen bin. Mir ging es ähnlich wie dem „Trapper“: Eltern geschieden, meine Mutter blieb mit drei kleinen Knaben (ich war der mittlere) allein zurück. Die Familie beschloss, dass die beiden großen Jungs in ein Internat müssen. Ich war acht Jahre alt, als es nach Tostedt ging. Und es wurde die härteste Zeit meines noch jungen Lebens, denn wir wurden unglaublich hart erzogen. Ganz nebenbei wurden wir, wenn wir etwas verbrochen hatten, mit allen möglichen Sachen ge- und verprügelt (Rohrstock, Hände, sogar mit der Bohnermaschine). Das nur am Rande. Zum Wesentlichen: Ich hatte vorher nie eine Berührung mit dem Fußball gehabt, aber dann. Mein Klassenlehrer, von dem ich nur weiß, dass er aus Salzhausen kam (von dem ich aber nicht mehr den Namen weiß), ließ dreimal die Woche in der Sportstunde auf einem Acker (halb Sand, halb Rasen) neben dem Schulhof Fußball spielen. Dort lief ich zum ersten Mal hinter einem Fußball her. Und ich kann mich noch genau an eine ganz besondere Situation erinnern: Einmal verfing sich der Ball kurz vor dem „gegnerischen“ Tor in einer Trauerweide. Als er herunter plumpste, stand ich goldrichtig. Wieso und weshalb, ich weiß es bis heute nicht, aber ich beförderte die Kugel mit einem Fallrückzieher ins Tor. Und alles war heil geblieben! Ich hatte nie Uwe Seeler gesehen, es gab im Internat kein Fernsehen,  ich hatte aber dennoch einen Fallrückzieher riskiert. Und wurde danach von allen gefeiert, mein Lehrer kam staunend und klatschend auf mich zu, nahm mich in den Arm und sagte: „Wo hast du denn das gelernt? Das habe ich hier ja noch nie gesehen . . .“

Und wenn man als Fußballer ein solches Lob erhält, lebt man auf, dann „wächst“ man. Das weiß jeder. Und ich bin „gewachsen“. Fußball war ab sofort mein Ding, Fußball wurde mein alles beherrschendes Ding. Ohne Fußball ging fortan nichts mehr. Aber: Wenn Klassenspiele angesetzt waren, durfte ich nie mitspielen, ich musste ins Internat. Da kannten die Schwestern, die wie Nonnen bekleidet durch das Internat „schwebten“, keine Gnade. Eines Tages gab es ein besonderes Klassenspiel, gegen unsere Parallel-Klasse. Die Mitschüler baten mich den ganzen Vormittag über, sie beknieten mich, sie überredeten mich: Diesmal ging ich nach der Schule nicht ins Internat, sondern gleich auf den Fußballplatz des MTV Tostedt. Dort wartete ich eine Stunde bis zum Spielbeginn. Als wir cirka zehn Minuten gespielt hatten, erschien mir plötzlich ein Geist. Nein, kein Geist, es war die nackte Realität. Meine „Schwester“ aus dem Internat kam auf dem Fahrrad angeradelt, hatte einen Rohrstock in der Hand, stieg nicht erst ab, sondern fuhr über den Platz direkt auf mich zu und befahl eiskalt: „Und ab. Schnapp dir deine Sachen und dann lauf!“ Im Schweinsgalopp wurde ich vom Acker getrieben. Die Klamotten im Sprinten aufgesammelt und dann wurde ich über einige Kilometer durch das Dorf getrieben. Und im Internat gab es dann eine Abreibung erster Güte, dazu Stubenarrest und kein Abendbrot. Da waren sich die „Schwestern“ einig. Und sie blieben eisern. Eine Erfahrung fürs Leben.

Fußball aber blieb trotz allem alles für mich. Als ich elf Jahre alt war, hatte sich der Kampfgeist meiner Mutter durchgesetzt: Mein Bruder und ich durften nach Hause, wieder zurück nach Barmbek. Und dort „bearbeitete“ ich meine Mutter jeden Tag: „Mama, ich möchte, nein ich muss unbedingt  in einen Fußballverein eintreten.“ Meine Mutter sagte aber immer wieder nein. Aus Kostengründen. Den monatlichen Beitrag konnte sie nicht aufbringen, sie konnte mir auch keine Buffer kaufen,  kein Trikot und so weiter, und so weiter. Null Kohle. Und: Wenn ich geduft hätte, dann hätten ja auch meine beiden Brüder sagen können: „Wir möchten natürlich ebenfalls in einen Fußballverein.“ So hart waren die Zeiten damals, ungefähr 15 Jahre nach dem Krieg. Also blieb ich erst einmal ohne Verein.

Aber trotz allem nervte ich meine Mutter fast täglich, denn in meiner Schulklasse drängten die Mitschüler darauf, in ihre Mannschaften zu kommen. Einige wollten mich zum Wenden SV lotsen (heißt heute SV Barmbek), einer zum Post SV, einer zum SC Urania und die anderen zu BU. Dort spielten die meisten Jungs. Und irgendwie hatte ich mich, ohne es zu sagen (weil ich ja nie durfte), für die Karriere als BU-Mann entschieden. Dann kam mein zwölfter Geburtstag (1960). Daran, dass ich in einen Verein eintreten dürfte, habe ich an diesem Tag nicht gedacht. Niemals. Aber die große Überraschung war: In einem Päckchen, dass ich von meiner Mutter erhielt, fühlte ich so etwas wie Strümpfe. Ich riss das Papier auf, und hätte mich vor Frust fast auf den Fußboden gesetzt. Meine Mutter hatte mir ein Paar Fußballstutzen geschenkt. Das allein war ja eigentlich ganz toll, aber: Es waren die Stutzen vom „falschen Verein“. Vom Wenden SV. Diese Geburtstags-Stutzen waren blau-weiß geringelt. BU-Stutzen wären blau und oben gelb gewesen. Oh Mann! Was für eine Enttäuschung! Und nun? In den Stutzen verborgen lag ein Zettel: „Dieter, du darfst in einen Fußballverein eintreten.“ Was sollte ich denn jetzt machen? Doch zum SV Wenden? Nur wegen dieser blau-weiß geringelten und falschen Stutzen? Ich ließ es offen.

Tags darauf erzählte ich in der Schule von meinem Geschenk. Für die BU-Männer stand fest: „Du kommst zu uns, dann spielst du eben erst einmal mit Wenden-Stutzen.“ So wurde es gemacht. Die Fußballstiefel, die ich von meiner Mutter bekam, waren bereits jahrelang getragen und mindestens zwei Nummern zu groß, aber egal: Ich durfte rein in den Verein, ich durfte endlich mit den Jungs spielen. BU wurde mein Klub. Bis heute ist BU meine heimliche Liebe. Weil ich dort viele, viele Freunde hatte, bis heute noch habe (allerdings nicht mehr ganz so viele, das bringt die Zeit so mit sich). Um ehrlich zu sein: Geld war und blieb knapp bei uns, aber „helfende Hände“, Betreuer und Trainer und die Jugendabteilung des Klubs, spendierten mir später Stiefel, Trikots, Trainingsanzüge,  Trikots und natürlich auch die “richtigen” Stutzen. Und – als ich 16 Jahre alt war – sogar eine Reise. Ich war Kapitän der Mannschaft, sollte aber nicht mit nach Südfrankreich – weil kein Geld bei Matzens vorhanden war. Da kam die B-Jugend von BU als erste norddeutsche Mannschaft in den Genuss, im Rahmen des neu gegründeten „Deutsch-Französischen-Jugendaustausches“ nach Ste. Maxime (bei Saint Tropez) zu dürfen – und der Kapitän durfte und konnte nicht mit. Ein Jammer. Ich war total traurig. Was heißt traurig, ich war tagelang fertig und nicht zu gebrauchen. Die Mannschaft fährt nach Frankreich, und ich mach’ Nase. Schönes Teil. Einige Tage vor der Abfahrt wurde dann aber meiner Mutter mitgeteilt, dass ich doch mit durfte. Ein bis heute mir eigentlich unbekannter Spender (Lothar, Du warst es – er schreibt hier im Blog gelegentlich mit, danke!) hatte das Geld für mich bezahlt. Es waren, so glaube ich, 150 Mark, damals, 1960, viel, unheimlich viel Geld.

Mit dieser BU-Mannschaft wurden wir übrigens noch bis zum Wechsel in den Herrenbereich dreimal Meister in Hamburgs höchster Klasse (HSV. Altona 93, Concordia, St. Pauli, Victoria) und wurden auch einmal Hamburger Meister. Meine Laufbahn bei BU endete dann aber später in einem Drama. Bei BU spielte in der Regionalliga, ich spielte bei den BU-Amateuren – und flog an einem Donnerstag nach einem Revanchefoul vom (Trainings-)Platz. Ich nach Hause, tschüs und weg. Da ich nichts gehört hatte vom Verein, ob ich dennoch aufgestellt worden bin, ging ich auch am Sonntag nicht zum Spiel. Montags las ich dann im Sport-Megaphon einen Kommentar von BU-Trainer Kalle Baureis: „Dieter Matz fehlte unentschuldigt, das wird Konsequenzen für ihn haben, so lange ich Trainer bei BU bin, wird er nicht mehr für den Verein spielen.“ Das saß. Meine Mannschaft hatte 0:5 gegen Paloma verloren. Ich trat aus, lag sieben Monate auf Eis (damals wurde man noch so lange gesperrt) – und trat danach in den Wandsbeker FC ein.

Jahre später, ach was, Jahrzehnte später, erfuhr ich von einem ehemaligen Mitspieler: „Matzer, ich sollte dir damals vor dem Paloma-Spiel sagen, dass du trotz deines Rausschmisses vom Training aufgestellt worden bist – aber ich hatte es vergessen.“ In den heutigen Handy-Zeiten wäre das wohl kaum passiert, aber so ändern sich eben die Zeiten.

Übrigens: Es ist immer noch Pfingsten. Und ich hoffe, dass Ihr mir Eure Geschichte schickt. An das Internet-Postfach des „Matz-ab“-Gewinnspiels, bitte mit dem Zusatz „Sommer-Geschichte“ vermerken. Danke.

Und am späten Pfingstmontag geht es hier weiter. Nicht mit einer Sommer-Geschichte, sondern mit dem HSV. Wenn es einen neuen Trainer oder Sportchef geben sollte, dann natürlich damit, auch wenn es einen neuen Spieler geben sollte – und ansonsten gibt es eine andere Geschichte. Die, die ich auf Geheiß des Sportchefs „bunkern“ musste.

Vielen Dank für Eure Geduld. Und lasst Pfingsten noch schön ausklingen.

22.53 Uhr

Keegan ist eine Ente

22. Mai 2010

Kevin Keegan wird es nicht. Auch wenn es ein herrliches Gerücht war. Beim HSV wurde darüber auch nur herzhaft gelacht. Endlich mal wieder! Dann hätte sich Bernd Hoffmann eigentlich gleich in der „Raute“ mit Kevin Keegan treffen können, wenn schon auf dem Präsentierteller. Nein, nein, so dumm ist nun wirklich kein Klub-Chef. Ich erinnere mich an eine Verpflichtung von Udo Lattek, der von Borussia Dortmund geködert wurde. Lattek und BVB-Präsident Gerd Niebaum trafen sich auf einer Autobahnraststätte im Raum Dortmund. Warum dort? Ganz klar: Auf einer dieser Autobahnraststätten rasten bestimmt nicht so viele Dortmunder, die später daran Interesse hätten, es einer Zeitung zu melden. Der Zweck heiligt die Mittel (danke, Björnmoser), Niebaum und Lattek wurden eventuell von dem einen oder anderen Menschen auf der Raststätte erkannt, aber keiner „verpfiff“ sie.

Zurück zu Kevin Keegan: Er ist sehr eng mit Klub-Manager Bernd Wehmeyer befreundet. Insofern hätte es passen können: Keegan Trainer, Wehmeyer Sportchef. Aber es wird definitiv nicht so kommen. Was ich ein wenig bedauere, gebe ich zu, denn ich habe Keegan als netten, gradlinigen und vorbildlichen Profi kennen gelernt. Frau M. war bei seinem „Abschiedsspiel“ am 31. Mai 1980 im Volksparkstadion (4:0 gegen Schalke 04), und als der Publikumsliebling zur Pause ausgewechselt worden war und seine Ehrenrunden dreht, hatte sie Tränen in den Augen. Ihren Kevin hat sie geliebt. War ja auch ein smarter Kerl. Der es anfangs sehr schwer beim HSV hatte, denn die Mannschaft, das steckte mir weit später ein Spieler des Teams, ließ ihn erst einmal am steifen Arm verhungern. Sie spielten Keegan nicht an, sie schnitten ihn. Weil er dem Team ein wenig zu forsch auftrat, und weil es um ihn einen riesigen Rummel gegeben hatte, als er verpflichtet wurde.

Ja, und dann war Keegan ja auch ganz schön eigen. Er aß nicht mit der Mannschaft, wenn die nach dem Training geschlossen zum Mittagessen gebeten wurde. Keegan: „Ich esse dann, wenn ich Hunger habe, aber nicht dann, wenn ich essen soll.“ Da seine Autogramme sehr begehrt waren, er immer viel Zeit durch das Schreiben verlor, kletterte er sehr oft durch ein Fenster der Sportschule, sprintete über den Rasen und an den riesigen Eichen vorbei zu seinem Auto, das er – ganz clever – als einziger HSV-Spieler nicht auf dem Parkplatz der Mannschaft abgestellt hatte, sondern auf dem Parkplatz des Restaurants Lindenhof. Was ich noch von Keegan weiß: Er wohnte damals in Itzstedt, und wenn nachmittags trainingsfrei war, dann lief er noch mit seinen Hunden durch den Wald bei Kisdorf. Einfach nur vorbildlich, dieser Kevin Keegan. Und mal ehrlich: Was er als Trainer kann (oder nicht kann), das können wir doch alle gar nicht beurteilen.

Zurück zur allgemeinen HSV-Lage. An diesem Pfingstwochenende wird es wohl keine Entscheidung geben. So sehe ich das jedenfalls. Ein Gerücht besagt ja, dass es am Dienstag eine Pressekonferenz beim HSV geben könnte, aber das konnte ich nicht erhärten. Dennoch gehen ich auch davon aus, dass es in der kommenden Woche auf jeden Fall eine Entscheidung geben wird. In Sachen Sportchef? Leider kann ich Nico Hoogma nicht erreichen. Ein gutes Zeichen? Ich werte es mal so. Gut Ding will Weile haben, vielleicht möchte Nico ja erst einmal gar nichts mehr sagen, weil in den letzten Tagen ganz sicher auch einiges zuviel gesagt wurde. Von einigen Leuten. Jetzt wird wahrscheinlich mehr im Verborgenen gearbeitet – und das ist auch gut so.

Und in Sachen Trainer? Ich werde so oft in diesen Tagen gefragt, aber ich weiß nichts. Keiner weiß etwas, sonst würdet Ihr es woanders lesen können. Mein Bauchgefühl sagt mir, und ich gebe das mal so wertfrei weiter, dass ich mit Lucien Favre zu rechnen habe. Was auch immer das (für Euch) bedeutet, ich würde den Schweizer aber keineswegs ablehnen. Ich möchte – für den Fall, dass es der ehemalige Berliner Coach wird – nur mal sagen, dass er in der Saison 2008/09 mit einer namentlich guten Hertha-Mannschaft (also mit Simunic, Pantelic und Voronin), immerhin einen ausgezeichneten, fast sensationellen vierten Platz belegte – nur sechs Punkte hinter Meister Wolfsburg.

Abseits der Trainersuche und dem Fahnden nach einem neuen Sportchef gibt es auf dem Spielermarkt kaum Neuigkeiten. Im „Fall Afellay“ ist mit dem FC Sevilla ein ernsthafter Konkurrent in den Kampf eingestiegen. Aber: Das war einst auch schon bei Nigel de Jong der Fall, als der Niederländer im Januar 2006 zum HSV geholt wurde – und sich der FC Sevilla lange Zeit sicher war, dass De Jong nach Spanien wechseln würde.

Zurück zum HSV wird wohl Eric-Maxim Choupo-Moting kommen, und im Moment sieht es so aus, dass er dann auch nicht erneut verliehen wird (wie zuletzt zum 1. FC Nürnberg). Endgültig muss und wird das natürlich der neue Trainer entscheiden, aber so sieht es im Moment aus. Mickael Tavares, ebenfalls an den 1. FC Nürnberg ausgeliehen, wird von den Franken nicht weiter benötigt, er würde ebenfalls nach Hamburg zurückkehren, doch der HSV möchte ihn (eigentlich) nicht mehr. Tavares darf (und soll wohl auch) sich einen neuen Klub suchen. Ebenso sieht die Situation bei Änis Ben-Haira aus, der vom MSV Duisburg zurückkehren würde. Der HSV will das einst so hoffnungsvolle Mittelfeld-Talent aber nicht mehr, so dass Ben-Hatira sich wohl auch einen neuen Arbeitgeber suchen muss. Es sei denn, der neue Coach entscheidet sich anders, derzeit aber sieht es bei Tavares und Ben-Hatira nach Trennung aus. Wobei ich gerne noch einmal anfüge: Ich hielt den guten Änis einst für einen sehr, sehr guten Spieler, der technisch stark ist, aber leider auch ein wenig zu verspielt. Er hätte es packen können – und vielleicht wird er es ja auch noch bei einem anderen Verein schaffen. Wer weiß?

16.53 Uhr

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