Tagesarchiv für den 30. Mai 2010

Denkt mal an Bordon

30. Mai 2010

Die HSV-Krise ist immer noch allgegenwärtig, vielleicht ist es sogar so etwas wie ein Fluch. Das habe ich jedenfalls heute spontan gedacht, als ich die Neuigkeiten von der Nationalmannschaft erfahren habe. Kaum tauchte der Schalker Heiko Westermann auf der Kandidatenliste des HSV auf und wurde als potenzieller Nachfolgekandidat für Jerome Boateng in der Innenverteidigung gehandelt, war für ihn das WM-Aus quasi besiegelt. Kahnbeinbruch – damit dürften für den Schalker Kapitän auch die Vorbereitung und der Saisonstart 2010/11 gelaufen sein.

Das von einigen von Euch kürzlich angestimmte „Zwölf kleine Aufsichtsräte“ sollten wir besser auf die DFB-Auswahl anstimmen. Wenn es so weiter geht, braucht Joachim Löw seinen Kader vor dem WM-Start gar nicht mehr zu reduzieren – das geschieht schon von selbst. Was glaubt Ihr eigentlich, was Deutschland in Südafrika reißen kann? Eigentlich sprechen ja alle Vorzeichen gegen eine erfolgreiche Reise des Löw-Teams. Aber da wir uns ja nach dem HSV-Desaster am Saisonende auf eine optimistischere Ausrichtung verständigt hatten, halte ich mich mit sorgenvollen Einschätzungen zurück. Und da es neben dem DFB-Kader ja noch andere mit einigen Verletzungssorgen und Formschwächen gibt, möchte ich mich erst unmittelbar vor Turnierstart mit meiner endgültigen Prognose melden. Bis dahin warte ich natürlich vor allem gespannt ab, was mit unseren Hamburger WM-Fahrern passiert. „Boa“ – ja, bis 30.6. ist er noch HSVer – und Piotr Trochowski bezeichne ich mal als gesetzt. Marcell Jansen und Dennis Aogo müssen sich in den kommenden Tagen unabdingbar machen. Lassen wir uns überraschen.

Nun habe ich aber noch eine Information, die ich gerne mit Euch teilen möchte. Nicht etwa die neuesten Gerüchte in Sachen Stürmersuche. Da kursierte ja zuletzt die Nachricht, Andrej Voronin sei in Hamburg gesichtet worden. Ich will gar nicht behaupten, dass der Ukrainer nicht in der Hansestadt war. Allerdings habe ich bis heute noch keinerlei Information erhalten, dass der frühere Berliner auf dem Wunschzettel des HSV stehen soll. Dafür spräche auch wenig, sofern Neutrainer Armin Veh auf die Angreifer Paolo Guerrero, Mladen Petric und Ruud van Nistelrooy plus eine Ergänzung setzen sollte. Und genau davon gehe ich aus. Zudem würde ich wetten, dass Marcus Berg noch vor dem WM-Ende zu einem englischen Verein verliehen wird. Es soll ja einige Interessenten geben. Ich glaube jedenfalls nicht, dass er zu Saisonbeginn in Hamburg erscheinen wird.

Nun aber zurück zu meiner Information. Nachdem vorgestern ja extrem viel über Höwedes und Westermann diskutiert wurde – inhaltlich meist wertvoll, wie ich fand -, rief mich ein guter Bekannter aus Gelsenkirchen an und erklärte mir, in Hamburg seien alle auf dem Holzweg, was die potenziellen Neuzugänge aus dem Kader der Königsblauen betrifft. Ich erwiderte: Klar, am besten wäre eine Verpflichtung Rafinhas, weil damit die Rechtsverteidigerprobleme prompt behoben wären. Aber dann fiel mir die neue Charakteroffensive ein, und da passt der Brasilianer dann doch nicht.

Mein Bekannter und ich haben dann länger gesprochen und er hat mich wirklich bis zu allerletzt gereizt und versucht auf die richtige Fährte zu bringen, ehe er die Katze dann aus dem Sack gelassen hat. Und das war für mich dann doch eine Überraschung, zumal ich von ihm wirklich zu 100 Prozent immer richtige und zutreffende Infos erhalten habe. Er schwor Stein und Bein, dass sich der HSV nach Marcello Bordon erkundigt hätte.

Wirklich. Kein Scherz. Und soll ich Euch mal etwas sagen? Ich war und bin bis jetzt baff. Nun weiß ich natürlich nicht, ob sich an der Schalker Bereitschaft Bordon abzugeben etwas geändert hat, nachdem sich Westermann so schwer verletzt hat, aber alleine die Vorstellung einer Innenverteidigung Bordon/Joris Mathijsen hat mir so viele Gedanken bereitet, dass ich immer mal wieder den Kopf schütteln muss. Wer – bitteschön – sollte denn dann blitzschnelle Konterstürmer stoppen? Oder gibt es im Sommer vielleicht noch einen ganz großen Knall, bei dem sich „Matjes“ auch noch vom HSV verabschiedet? Ach was, ich mag es mir gar nicht vorstellen.

Ich lass Euch jetzt mal alleine mit diesen Informationen und werde morgen früh lesen, was Euch dazu so einfällt. Zu Khalid Boulahrouz muss ich auch noch kurz etwas sagen. Nämlich, dass ich weiß, dass er sich seit seinem Abschied aus Hamburg ständig nach seinen Ex-Kollegen, seinen Freunden und dem HSV erkundigt hat. Ich möchte sogar behaupten, dass er seinen unrühmlichen Abschied aus Hamburg damals schon mehrfach bereut hat. Vielleicht wäre er ja sogar die kostengünstigste Innenverteidigerlösung. Zumindest wäre es eine Diskussionsgrundlage. 

PS: Ein kleiner Nachtrag noch zum Junggesellenabschied von Thomas Doll. Einige von Euch dachten ja, Doll stehe vor seiner dritten Hochzeit. Das ist aber nicht so. Die Ehe mit Biljana in Zürich wird Dolls zweite Eheschließung. Mit Roberta war der frühere HSV-Trainer nicht verheiratet.

22:50 Uhr

Die große Doll-Fete

30. Mai 2010

Das Länderspiel gegen Ungarn? Das geht in meine Geschichte ein. Es ist das erste seit ganz sicher über 30 Jahren, das ich nicht gesehen habe. Erst am Tag danach die drei Tore. Der Grund für diesen „Ausfall“: ich war unterwegs. Mit Fußballern. Und im Mittelpunkt des Abends stand Thomas Doll. Der frühere HSV-Publikumsliebling, -Spieler und –Trainer feierte in Norderstedt und in Hamburg seinen Jungegesellenabschied. Es wurde eine rauschende Nacht, es wurde eine Super-Sause, es ging bis in den frühen Morgen. Gleich zu Beginn muss ich mal an dickes Kompliment machen: Torsten Walter, die meisten von Euch werden ihn noch als HSV-Manager an der Seite von Präsident Jürgen Hunke kennen, hatte sich die Aufgabe gestellt, diese Fete zu organisieren – und es lief alles perfekt. Kompliment, lieber Torsten, das war ein Meisterwerk. Und eines, was die Beteiligten mit Sicherheit noch lange, lange in Erinnerung behalten werden.

Mit von der Partie waren Dolls-Vater Klaus, viele Freunde des Bräutigams, sein Assistent Ralf „Katze“ Zumdick, Aufsichtsratsmitglied Ronald Wulff und natürlich einige Profi-Fußballer von einst: Andreas Thom, Carsten Kober, Sergej Barbarez, Rodolfo Cardoso und Torwart Andreas Reinke. Begonnen hatte der Abend beim Italiener „Barolo“ in Norderstedt, weiter ging es auf der Großen Freiheit in Susis Show Bar und es endete im East. Überall war es brechend voll, was mir besonders gefiel war die Tatsache, dass sich Chefin „Susi“ persönlich so reizend und aufmerksam um ihre prominenten Gäste kümmerte – das hatte Stil. Und Thomas Doll stand natürlich im Blickpunkt. Er wurde einmal sogar auf die Bühne geholt, wo sich drei in HSV-Klamotten bekleidete Girls erst aufmachten, ihre Trikots zu tauschen – und dann auch dem ehemaligen HSV-Trainer an die Wäsche gingen. Keine Angst, liebe Freund, es ist alles harmlos geblieben, es blieb bei Versuchen, alles war Spaß.

Resümee des „Veranstalters“ Torsten Walter: „Es war eine überragende Nacht, es hat alles gepasst – aber tief enttäuscht war und bin ich darüber, dass einige Doll-Freunde erst unmittelbar vor der Fete abgesagt haben. So etwas gehört sich nicht.“

Stimmt. Aber es trübte bei keinem Teilnehmer die gute Laune. Im Mittelpunkt des Abends stand der Fußball unter dem Motto: Weißt du noch? Thomas Doll, Trainer von Genclerbirligi in Ankara (zehnter Platz mit dem als Abstiegskandidat gestarteten Klub), und ich kamen – natürlich und wie auch immer – noch einmal auf die Uhr-Geschichte zurück. In Kurzform: Doll war zu Lazio Rom gewechselt, ich besuche ihn zum ersten Punktspiel in Italien (0:0 gegen Parma) und er erzählte mir am Tag darauf beim Essen seine ersten römischen Erfahrungen. Zu einigen Sachen sagte er: „Das darfst du aber nicht schreiben.“ Dann schilderte er eine Begebenheit in der Kabine seiner neuen Mannschaft. Die Mitspieler besahen sich seine Armbanduhr – und lachten. Sie fragten auch, ob er diese Uhr im Überraschungs-Ei gefunden hätte? Dabei war Doll so stolz: Von seinem letzten Geld in Hamburg, das er sich bei einer Autogrammstunde im Karstadt-Sporthaus unmittelbar vor einem Abflug nach Rom verdient hatte, hatte er sich diese sehr teure Uhr gekauft, aber es war eben keine Rolex (wie die Kollegen).

Übrigens verriet mir Thomas Doll noch ein römisches Geheimnis: Nachdem er in den ersten beiden Spielzeiten überragend gespielt hatte, gab es Angebote von Inter Mailand und Juventus Turin für ihn. Als Lazio sein Gehalt ein wenig anhob, blieb „Dolly“ in Rom.

Doll sagte mir an diesem Abend auch, dass er von seinem großen Vorbild Andreas Thom sehr viel gelernt hat: „Von ihm habe ich mir einige unglaubliche Tricks und Dinge abgeschaut, er war mein Lehrmeister. Besonders habe ich von ihm gelernt, dass wenn man einen Gegenspieler umdribbelt hat, nicht im Tempo nachlassen darf, sondern im Gegenteil dann erst recht Gas geben muss. Sonst wäre der Andreas früher ganz sicher oft weggegrätscht und auch an den Stöckern getroffen worden – und ich auch.“

Thom und Doll spielten ja einst, Ihr wisst es alle, beim BFC Dynamo Berlin. Der DDR-Rekordmeister galt als Stasi-Klub. Beide, Thom und Doll, erinnerten sich an viele gemeinsame Erlebnisse, große, tolle und schöne, und sie dachten auch an ein legendäres Europapokalspiel in Bremen zurück. Es ging im Landesmeister-Wettbewerb nach einem 3:0-Sieg in Berlin nur noch um das Weiterkommen, aber dann siegte Werder mit 5:0. Über das Spiel sprachen wir weniger, eher über die Begleitumstände. Thom und Doll erinnerten sich an eine Nacht im Bremer Hotel. Natürlich wurden die Dynamo-Spieler bewacht, auf dem Flur saß rund um die Uhr mindestens ein Stasi-Mitarbeiter, der darauf achtete, dass kein Profi sein Zimmer unbemerkt und unbegleitet verlassen konnte. Und vor und hinter dem Hotel lauerten Stasi-Mitarbeiter auf eventuell flüchtende Spieler. Entkommen war praktisch unmöglich. Aber Doll und Thom machten sich auch einen „flüchtenden“ Scherz. Sie verabredeten sich auf dem Flur und beschlossen, unüberhörbar und entschieden „jetzt“ zu sagen. Als sie es getan hatten, sprang der eigentlich still vor sich hin dösende Stasi-Mitarbeiter wie von der Pistole geweckt auf und sondierte die Lage. Thom und Doll lachten sich heimlich ins Fäustchen. Sie lachen noch heute darüber.

Mit Andreas Thom sprach ich auch über meine DDR-Erfahrungen. Er war überrascht. Ich war mit einem ein Jahr alten BMW 2002 über die Grenze, als eine dicke Grenzbeamtin mit einem Schraubenzieher auf mich zukam und mich aufforderte: „Ja, dann schrauben sie mal schön.“ Keinen „guten Tag“ nichts, nur diesen Satz. Ich entgegnete: „Muss ich nicht.“ Sie: „Wieso das denn nicht? Sie müssen ihre Klappen über dem Reserverad abschrauben.“ Ich: „Das habe ich schon in Hamburg erledigt, damit es an der Grenze schneller geht . . .“ Sie ging an den Kofferraum, hob den Deckel an, ließ ihn fallen, hob den Deckel erneut an und sagte voller Sarkasmus: „Das klappert ja alles, ich glaube, sie müssen sich mal wieder ein neue Auto kaufen . . .“ Herrlich, was? In der DDR wurde 18 Jahre auf einen Trabant gewartet, und ich sollte mir nach nur einem Jahr ein neues Auto kaufen. Kommentar Thom: „Davon haben wir ja gar nichts mitbekommen. Wenn wir ins Ausland flogen, ging das immer alles problemlos. Von solchen Problemen, wie du sie jetzt geschildert hast, haben wir niemals etwas mitbekommen.“

Ja, so war das. Wir haben uns aber gegenseitig gestanden: „Niemals hätte ich gedacht, dass ich den Fall der Mauer noch erleben würde. Umso schöner ist es jetzt.“ Dem ist nichts hinzuzufügen. Und ich war froh, dass ich Andreas Thom, der nach seinem Job bei Holstein Kiel (Assi von Falko Götz) wieder in der Nähe von Berlin wohnt, einmal persönlich kennen lernen durfte. Er war in seiner Glanzzeit einer der besten Fußballer Europas. 1990, nach seinem Wechsel von Berlin nach Leverkusen, hielten sich die Bayer-Mannschaft und der HSV zum Trainingslager auf Gran Canaria auf. Wir Hamburger Journalisten hatten natürlich den Auftrag, ein Thom-Interview zu führen, aber daran war zu keiner Sekunde zu denken. Leverkusen hatte Thom so gut versteckt und abgeschirmt, wie es die Stasi auch nicht besser hinbekommen hätte. Das war eine Woche ohne Thom, obwohl man ihn gelegentlich sogar trainieren sah, aber an ein Herankommen war nie zu denken. Dazu Thom: „Ich habe davon auch nichts mitbekommen, aber ich erinnere mich, dass es viel Wirbel um diesen Wechsel gab.“

So, es gab an diesem legendären Abend, Ihr könnt es lesen und sicher nach empfinden, viel zu klönen, und das wurde auch ausreichend getan.

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