Tagesarchiv für den 27. Mai 2010

Becker wehrt sich – “Basti” greift an

27. Mai 2010

Ruhe? Hatte ich etwas von Ruhe geschrieben? Sorry! Stimmt mal wieder nicht. So wie die 90 Prozent, die einstmals 99 Prozent waren. Ihr seid aber auch pingelig. Dann ist eben dieses eine Prozent ausschlaggebend, wenn es mit dem guten Ibrahim Afellay noch in die Hose geht. Geht es aber meines Wissens immer noch nicht, denn Bastian Reinhardt, der neue Sportchef, hat heute bei seinem Vorstellungsgespräch verraten: Afellay steht bei uns im Wort.“ Und was ein echter Hanseat werden will, der steht dann auch zu selbigem. Das ist Tradition in Hamburg. Wo ich gerade dabei bin: Wenn ich in solchen Fällen von 99 oder 90 Prozent schreibe, so ist das keine Sensationsgier, sondern es ist mein Bedürfnis, Euch so schnell wie möglich mit einer Nachricht zu versorgen. Das läuft natürlich auch mal verkehrt. So wie am Montag, als ich von Armin Veh und Bastian Reinhardt gehört hatte. Ich durfte es nur noch nicht schreiben. Das gibt es ja oft. Und als ich es dann schreiben durfte, waren alle anderen schon damit draußen. Pech gehabt. Aber gut, einen „Fall van Nistelrooy“ erlebt Mann in seinem Journalistenleben auch nicht allzu häufig. Meine Lehre daraus: Mann muss auch verlieren können.

PS: Wer jetzt wieder mal vermutet, dass ich natürlich hinterher viel wusste, der darf sich gerne bei mir erkundigen, ich gebe ihm dann den Matz-abber-Namen, dem ich am Nachmittag des montags die beiden Namen Veh und Reinhardt schon mal anvertraute. Wie gesagt, bei Bedarf.

Ansonsten hat sich heute beim HSV nichts in Sachen Neuverpflichtungen getan. Es wird, so wurde mir von vielen Seiten Mut gemacht. Nun gut, es muss ja auch noch nicht sofort, wir haben Trainer und Sportchef nun eingefangen, Spieler werden noch genügend kommen, da habe ich keine Sorge. Zumal es ja auch Beispiele gibt, wie es auch auf der letzten Minute laufen kann: Als 2008 Rafael van der Vaart verkauft wurde, kamen während der laufenden Saison noch Marcell Jansen, Mladen Petric, Alex Silva und Thiago Neves noch hinzu. Muss ja nicht jedes Mal so laufen, könnte aber.

Bevor ich auf Bastian Reinhardt komme, möchte ich noch schnell einige Sätze über Marcell Jansen und zum Aufsichtsrat verlieren. Erst Jansen. Ich war wie vom Schlag getroffen, als er über den HSV und seine Kollegen ablederte. Was will dieser mann damit bezwecken? Seinen Abschied provozieren? Er kann sich damit doch nur unbeliebt machen, wenn nicht bei den Fans, dann bei seiner Mannschaft. Es ist so bitter, warum halten die Jungs nicht einmal ihren Mund?

Ich komme zu Horst Becker. Der Mann an der Spitze des Aufsichtsrates hat ja in den vergangenen Wochen am meisten (von allen zwölf Räten) gelitten. Er hat viel um die Ohren bekommen, er wurde verdammt, in die Wüste geschickt und er ist teilweise richtig vernichtet worden. Er trägt sich deshalb, was schon bekannt ist, mit Rücktrittsgedanken, und viele von Euch werden jetzt vor Freude in die Luft springen, aber ich möchte trotz allem mal (auch wenn ich weiß, dass es vergebliche Liebesmühe ist) die andere Seite beleuchten.

Becker hat ja kürzlich gesagt, dass dieser zwölfköpfige Aufsichtsrat nicht handlungsfähig ist. Der Grund ist, wie er sagt: „Mit zwölf Männern ist schwer zu arbeiten.“ Becker hätte gerne einen kleineren Rat, aber das verhindern (noch) die Satzungen. Er sagt: „Ich bleibe dabei, mit zwölf Leuten ist es schwer, man bekommt nie alle unter einen Hut.“ Dann nennt er den Hauptgrund für seinen Frust als Chef des Aufsichtsrates: „Es gab zuletzt permanent Indiskretionen, es wurde alles, wirklich alles nach draußen getragen. So, als hätte die Presse an unseren Satzungen teilgenommen. Und so geht es natürlich nicht. Das wollte und will ich ansprechen, ich will den Finger in die Wunde legen, auch wenn ich mich damit, das weiß ich sehr wohl, unbeliebt mache.“

Horst Becker ist nicht nur genervt, er ist auch verbittert und enttäuscht, denn: „Ich bin von meinen Aufsichtsratskollegen beauftragt worden, in der und in der Sache nach vorne zu gehen, und als ich das wie abgesprochen gemacht habe, haben mich alle im Regen stehen lassen. Was ist das für eine Art der Zusammenarbeit?“ Das war früher offensichtlich mal besser. Zu Udo Bandows und Jürgen Hunkes Zeiten. Obwohl es auch dort schon einige Indiskretionen gegeben hat. Becker: „Aber noch nie war es so schlimm und so extrem wie heute.“ Auch deswegen denkt er über Konsequenzen nach. In zwei bis drei Wochen gibt es die nächste AR-Sitzung, dann dürfte Tacheles gesprochen werden, denn noch nie waren die Herren Räte so zerstritten, wie in diesen Wochen.

Wie aber sind die Schäden, die zweifellos entstanden sind, noch zu beheben? Horst Becker dazu: „Reparieren kann man das alles mit Erfolg.“ Dann aber fügt er noch hinzu: „Aber auch mit Erfolgen ist das Grundübel nicht zu beseitigen.“ Nämlich diese dauernden Indiskretionen. Das wird nur zu unterbinden sein, wenn dieser Aufsichtsrat neue Köpfe bekommt – und vielleicht auch irgendwann einmal verkleinert wird.

Wobei ich mich über eine ganz besondere Indiskretion dieser Tage schon sehr, über die Maßen gewundert habe: Da spricht Horst Becker mit Felix Magath, und tags darauf steht es im Hamburger Abendblatt. Wer hat da geplaudert? Ja, auch der Kollege, der das geschrieben hat, schweigt. Natürlich. Käme es heraus, wer da geplaudert hat, kann er diese Quelle getrost vergessen. Ich weiß nur so viel: Becker selbst war es nicht, und Magath auch nicht. Aber: So viele Menschen mehr waren kaum eingeweiht von diesem Gespräch. Becker sagt: „Von meiner Seite aus wussten das zwei Menschen, und für die lege ich meine Hände ins Feuer.“ Ich habe auch mit Felix Magath gesprochen, und der sagte auch nur: „Von mir kommt das nicht, welches Interesse hätte ich wohl haben sollen, dass dieses Gespräch öffentlich wird?“ Ja, welches? Das frage ich mich auch? Denn der gute Felix wird nun bestimmt einigen Ärger auf Schalke bekommen . . . Aber vielleicht hilft das ja auch dabei, dass er eines Tages zurückkehren wird nach Hamburg. Zumal er ja, wie „Eiche Nogly“ hier ja aus dem Abendblatt (geschrieben von meinem Kollegen Rainer Grünberg) zitierte, dass Magath an der Elbe ein Haus für sich und seine Familie sucht. Das heißt doch nichts anderes, als dass er eines Tages (der ja noch fern sein kann) noch einmal HSV-Trainer wird, oder? Oder sogar HSV-Vorstandsvorsitzender? Wenn Bernd Hoffmann einmal müde werden sollte?

Oh, wo ich gerade bei dem Thema bin: Wenn ich Ärger mit Euch bekommen habe, weil ich Urs Siegenthaler schon wieder habe abspringen sehen, so muss ich einmal sagen dürfen: Viele von Euch haben Armin Veh und auch Bastian Reinhardt ein schnelles Scheitern vorher gesagt. Nur darauf bezog er sich, mein Blick in die Zukunft. Ich könnte mir vorstellen, dass Siegenthaler eher geht, als Veh oder Reinhardt – weil ich beiden zutraue, dass sie das Schiff wieder flott kriegen.

Wobei ich bei „Basti“ Reinhardt angelangt bin. Der Mann stellte sich am Donnerstag in seiner neuen Funktion den Medien. Und ich glaube alle, die dabei waren, sind in mit den Gedanken in ihre Redaktionen gefahren: „Oha, ein Mitläufer wird der Basti eher nicht, wahrscheinlich ist genau das Gegenteil davon viel richtiger.“ Warten wir es ab. Ich habe aber von Anfang an gesagt, dass ich davon überzeugt bin, dass er seinen Weg gradlinig und ohne große Kompromisse gehen wird. Anschmecker für diese Theorie gefällig?

„Ich bin ein Teamplayer. Ich war und bin weniger auf mich bedacht, sondern eher auf Ergebnisse, das ist auch jetzt so“, sagte der ehemalige Innenverteidiger. Und: „Ich habe beim HSV ein gutes Team, jeder bringt eine Menge Erfahrung mit, sportlich habe ich eine Menge gesehen und erlebt, gut vernetzt bin ich zudem im Verein und in dieser Stadt.“ Reinhardt dann weiter: „Ich habe schon meine Vorstellungen, wie ein solcher Verein wie der HSV funktioniert. Am Ende ist es wichtig, dass es eine Mannschaft gibt, die immer alles gibt. Ich möchte eine Mannschaft haben, die den HSV nach innen und nach außen gut vertritt.“ Da wurde auch noch konkretisiert: „Ich erwarte von den Spielern, dass sich loyal dem Verein gegenüber verhalten.“

Der neue Sportchef erwartet. Wie toll das klingt. Ich bin begeistert, Basti Reinhardt, denn das sind doch durchaus forsche Töne. Ich erkenne da keine Abtastphase, sondern schon den Chef. Bravo! Das macht mir Hoffnung, dass es nun ein wenig straffer wird beim HSV – sportlich gesehen. Reinhardt übers eine Rolle: „Ich habe einige SMSsen bekommen von den Mitspielern, ich kann mir vorstellen, dass einige von ihnen zusammengezuckt sind, als sie vom Sportchef Reinhardt erfuhren.“ Natürlich könnte Bastian Reinhardt nun aus der Schule plaudern, er hat mit Sicherheit einige Dinge in der Kabine gehört, die dem Verein und dem Vorstand wehtun würden. Er sagt aber auch, dass er solche Dinge nie verwenden würde. Reinhardt zu diesem brisanten Thema: „Ich gebe jedem Menschen eine neue Chance, man muss das Ganze jetzt auch erst einmal anlaufen lassen.“ Und: „Die Mannschaft ist immer eine Ansammlung von Individualisten, das weiß ich sehr wohl, aber auch die können eine Mannschaft formen. Sollte das nicht so sein, wird es in dem einen oder anderen Fall Konsequenzen geben. Man muss den Spielern schon aufzeigen, wo ihre Grenzen sind.“

Oha. Das wird bei einigen Herren doch ein Umdenken erfordern. Und damit meine ich nicht nur die Spieler allein.

„Basti“ Reinhardt gibt aber (noch) zu, dass ihm solche Konsequenzen sicherlich nicht leicht fallen würden: „Es wäre schon besser, wenn die Spieler das von allein machen würden.“ Was er dabei oder dafür tun könne, das verriet der Sportchef aber auch gleich: „Der Zusammenhalt muss wieder gestärkt werden, und dafür wird es viele, viel Maßnahmen geben. Ganz dringend ist es für mich, dass die Familie wieder mehr eingebunden wird, es ist in der vergangenen Saison zu wenig mit den Familien gemacht worden, es gab auch keine Mannschaftsabende, was vielleicht auch an den englischen Wochen lag. Nun aber gibt es die Zeit, und deswegen müssen wir etwas tun.“

Bastian Reinhardt wird bei den Spielen nicht im VIP-Bereich sitzen, sondern entweder hinter der Bande am Spielfeldrand stehen, oder auf der Bank beim Trainer sitzen. Das müsse aber Armin Veh entscheiden, wie er das gerne hätte.

Was ihn, Bastian Reinhardt, zu dieser neuen Rolle befähigt? Er antwortet selbstbewusst: „Ich habe mich als Profi immer vorbildlich verhalten, ich kenne die Mannschaft sehr gut, kenne das Umfeld sehr gut, habe eine Menge Erfahrung sammeln können und ich bin ein konsensfähiger Typ, das halte ich nicht für unwichtig.“ Er über sich: „Ich war als Spieler nie so überragend talentiert, ich musste immer hart an mir arbeiten, doch trotz dieser Tatsache habe ich als Späteinsteiger 288 Bundesliga-Spiele gemacht.“

Schlusswort von Reinhardt: „Mittel – und langfristig müssen wir unter die erste drei kommen.“ Und: „Wir müssen in allen Bereichen stabiler werden, gerade mental. Wir haben in den letzten Jahren immer wieder entscheidende Spiele verpasst – und das ärgert mich. Weil ich weiß, dass wir viel mehr Potenzial haben. Aber dafür brauchen wir mehr mentale Härte.“

Am besten klappt das nun mit dem Aufschwung so schnell wie möglich, nicht lang- und auch nicht mittelfristig.

18.14 Uhr