Tagesarchiv für den 24. Mai 2010

Veh und Reinhardt sind es

24. Mai 2010

Die größten Rätsel sind gelöst. Zum Schluss ging es doch etwas schneller als gedacht. Der HSV hat mit Armin Veh einen neuen Trainer für die Bundesliga-Mannschaft gefunden, und er wird mit Bastian Reinhardt einen Nachfolger für den zuletzt vakanten Sportchef-Posten installieren.

Um Euch meine Meinung dazu mitzuteilen: Ich bin mit beiden Person sehr einverstanden. Ich habe Veh als kompetenten und ruhigen Trainer kennen gelernt, und über Basti Reinhardt hier noch Worte zu verlieren, ist völlig überflüssig. Ich wünsche beiden Herren sehr viel Glück und viele glückliche Händchen im Sinne des HSV.
21.45

Interview mit Willi Schulz

24. Mai 2010

Morgen Kinder wird’s was geben . . . Vielleicht aber auch nur. Auf jeden Fall treffen sich die Herren des Aufsichtsrates. Und dann wird beraten, wer es wird – der neue Sportchef. Einer wird es auf keinen Fall mehr: Nico Hoogma. Ich sprach am Sonntag mit dem ehemaligen HSV-Kapitän, er sagte mir eindeutig: „Ganz sicher ist, dass ich nicht Sportchef des HSV werde.“ Der HSV hatte seine Chance, er hat sie amateurhaft verspielt, nun blocken die Niederländer. Der Präsident von Heracles Almelo hat dem HSV-Aufsichtsrat eine deutliche Absage erteilt: „Wir brauchen Nico Hoogma jetzt hier, es wird nicht mehr über eine Freigabe diskutiert.“ Und Ende.

Hoogma muss beim Tabellensechsten eine neue Mannschaft aufbauen, denn: Martin Pieckenhagen hat seine Karriere beendet, und auch der Mittelstürmer und Torjäger verlässt den Klub in Richtung Heerenveen. Hoogma: „Und wir werden auch in der kommenden Saison den kleinsten Etat aller Klubs der ersten Liga in den Niederlanden haben, da muss nicht viel mit Geld, sondern mit offenen Augen gekauft und verpflichtet werden.“

Ein tolles Motto – könnte auch wunderbar auf den HSV übertragen werden. Vielleicht übernimmt es ja der neue Sportchef. Der dürfte meines Wissens spätestens Mittwoch feststehen, eventuell sogar eher.

Über die derzeitige Lage beim HSV sprach ich unterdessen mit dem ehemaligen Stopper der Nation, Willi Schulz, der einst im Aufsichtsrat des HSV war. Hier folgt das Interview, aber für alle, die so gespannt sind wie ein Flitzbogen, gebe ich noch eine kleine Information am Rande: Guckt doch bitte noch einmal gegen Mitternacht bei “Matz ab” hinein, es könnte doch noch etwas Neues geben, denn ich bin weiter – trotz Tatort – am recherchieren. Bis dann also.

Das Interview:

Matz ab: Herr Schulz, der Aufsichtsrat steht in diesen Tagen heftig in der Kritik, sind Sie froh, dem Gremium nicht mehr anzugehören?
WILLI SCHULZ: Ich will in diesem Punkt nicht nachkarten. Grundsätzlich gibt es ein Problem, wenn man im Aufsichtsrat ist. Man muss sich darüber klar sein, dass man nur eine Stimme hat. Also muss man versuchen, sich mit den anderen Mitgliedern irgendwie arrangieren. Deswegen ist diese Aufgabe nicht leicht, denn einige, die eine andere Meinung vertreten als die Mehrheit, laufen die Gefahr, unter die Räder zu kommen.

Matz ab: Im Moment scheint der ganze Rat unter die Räder gekommen zu sein, denn noch nie war die Kritik so heftig.
SCHULZ: Der HSV ist ein ruhmreicher Verein, da werden natürlich gewisse Ansprüche gestellt. Unsere Mitgliedschaft ist nicht mit einem durchwachsenen Ergebnis zufrieden. Wenn wir Platz sieben belegen, sind die meisten natürlich unzufrieden. Der Aufsichtsrat berät den Vorstand, urteilt über den Vorstand, aber dann muss man natürlich wissen, über was man da redet. Man sollte dann schon über Fußball Bescheid wissen.

Matz ab: Das aber fehlt wohl offensichtlich den meisten Räten, oder?
SCHULZ: Wie ich eingangs schon sagte, ich möchte nicht nachkarten. Fest steht aber für mich, dass außer Sergej Barbarez und Ronald Wulff kein anderes Aufsichtsratmitglied den großen Fußball kennt. Man muss aber im heutigen Profi-Fußball wissen, was da läuft. Das geht nicht mehr zu wie im Amateurfußball, und deswegen sage ich: das Gewerbe muss man kennen.

Matz ab: Aber bei Bayern München sitzen auch viele, viele Wirtschaftsfachleute im Rat, wieso geht das dort?
SCHULZ: Der FC Bayern ist anders strukturiert, dort gibt es keinen Aufsichtsrat, dort gibt es einen Wirtschaftsrat, und dieser Wirtschaftsrat ist kleiner. Aber, und das ist wichtig: Beim FC Bayern sitzt die geballte Fußball-Kompetenz im Vorstand. Das ist der gravierende Unterschied. Da kann ich von oben bis in die Jugendabteilung gehen, bis ich da ganz unten ankomme, muss ich an acht Weltmeistern vorbei marschieren.

Matz ab: Apropos FC Bayern. Als Sie in den HSV-Aufsichtsrat gewählt wurden, wollten Sie in einigen Jahren auf Augenhöhe mit dem FC Bayern sein. Wie weit ist der HSV heute von den Münchnern entfernt?
SCHULZ: Der FC Bayern ist das Vorbild für Deutschland, eventuell für ganz Europa. Deswegen musste es unser Ziel sein, zu ihnen aufzuschließen. Bayern ist im sportlichen und wirtschaftlichen Bereich die Nummer eins, daran sollten wir uns orientieren. Und dabei müssen wir den Fußball nicht neu erfinden, die Sache ist ganz einfach. Ich würde immer sagen: Macht es wie die Bayern. Und zwar auf allen Ebenen. Wenn wir das machen, dann sind wir vorne.

Matz ab: Aber wie weit ist der HSV vom FC Bayern denn jetzt entfernt?
SCHULZ: Das ist eine Momentaufnahme. Man muss ganz fair feststellen, dass wir im Moment weiter vom Rekordmeister entfernt sind, als dass wir näher an sie herangerückt sind. Wir haben uns schon weiter entfernt, mein damals angepeiltes Ziel haben wir leider weit verfehlt.

Matz ab: Gibt es dafür Gründe?
SCHULZ: Die Gründe dafür sind vielschichtig. Ein Punkt ist zum Beispiel die Nachwuchsarbeit. Wir haben eines der besten Leistungszentren der Bundesliga, aber bei uns gibt es keinen A-Jugend-Meister, keinen B-Jugend-Meister, keinen U-19-Meister – es kommen aus unserem Nachwuchsbereich keine Spieler für unsere Bundesliga-Mannschaft heraus. Bei den Bayern sieht das so aus: Die haben ihr Zwei-Säulen-System: Es werden fünf Weltklasse-Spieler gekauft, und sechs Spieler kommen aus dem eigenen Nachwuchs. Da muss der HSV erst noch hin, aber wie gesagt, wir sind weiter entfernt denn je.

Matz ab: Sorgen Sie sich derzeit um den HSV?
SCHULZ: Im Grunde gibt es für mich keinen Grund zur Sorge. Der HSV ist vielschichtig genug, um auch diese gewiss nicht schöne Situation zu überstehen. Es wird immer mal ein Auf und Ab geben. Die Frage ist doch die: War diese Saison nur ein Ausrutscher, oder ist diese Schwäche von Dauer? Das wird die neue Spielzeit zeigen. Nur wir müssen uns auch fragen, was wollen wir eigentlich? Unser Ziel muss sein, wieder einmal Meister zu werden, und da kann es nicht sein, dass wir eine fast komplette Mannschaft, die das Zeug gehabt hätte zum Titelgewinn, dass wir die verkaufen. Ob das Olic ist, van Buyten, Boulahrouz, van der Vaart, Kompany, de Jong und, und, und. Dann muss man versuchen, diese Leute zu halten, um auch wirklich um die Meisterschaft spielen zu können. Grundsätzlich aber muss Platz sieben eine Warnung für alle sein.

Matz ab: Dennoch habe ich jetzt den Eindruck, als würden Sie der Zukunft des HSV noch ganz optimistisch entgegenblicken, oder täuscht das?
SCHULZ: Platz sieben kann eine Eintagsfliege sein, aber es könnte auch schneller bergab gehen, als jetzt noch so mancher glaubt. Vorstand und Aufsichtsrat müssen enorm wachsam sein. Oben dran zu bleiben ist eigentlich relativ leicht, denn unsere Infrastruktur ist hervorragend: Wir haben hervorragende Trainingsanlagen, wir haben ein wundervolles Stadion, es ist eines der schönsten in Deutschland, wir haben unglaublich treue und tolle Fans, und wir haben eine der schönsten Städte der Welt im Rücken – das alles wird uns auch weiterhin Punkte bescheren.

Matz ab: Als Sie im Aufsichtsrat waren, haben Sie, als der HSV in Abstiegsgefahr geraten war, öffentlich gewarnt und gefordert, den Trainer zu wechseln. Wieso durften Sie das damals, und wieso haben sich in der vergangenen Saison alle Räte aus dem sportlichen Bereich herausgehalten?
SCHULZ: Wir sind ja nie wieder in eine solche Situation gekommen, wir standen ja nie wieder auf dem 18. Platz. Platz sieben ist eine Delle, das sagt noch nichts. Aber siehe Hertha BSC: Man muss schon höllisch aufpassen. Man muss nur mal zwei, drei Spiele hintereinander verlieren, und man ist unten drin. Dann greift die Nervosität um sich, und dann kann es ganz, ganz schnell gehen, dass man auf einem Platz steht, auf dem es sehr gefährlich werden könnte. Und zu meinem Vorstoß damals: Dafür habe ich ja auch von allen Seiten reichlich um die Ohren bekommen, ich bin auch innerhalb des Aufsichtsrats scharf gemaßregelt worden. Gott sei Dank ist es gut gegangen damals, dank Huub Stevens. Aber es gibt ja auch heute immer noch Fantasten, die behaupten, dass der HSV damals niemals abgestiegen wäre – aber für diese Menschen habe ich nur ein müdes Lächeln übrig.

Matz ab: Vielfach wird im HSV eine zu enge Nähe des Aufsichtsrates zum Vorstand kritisiert. Ist das auch Ihr Empfinden?
SCHULZ: Die Möglichkeiten des Aufsichtsrates sind ja sehr begrenzt, denn alles was sich im sportlichen bereich bewegt, das gehört zum operativen Geschäft. Da muss ich den Aufsichtsrat auch mal in Schutz nehmen, da kann er nur wenig Einfluss nehmen, das ist einfach so.

Matz ab: War es ein großer Fehler, in dieser Saison keinen Sportchef installiert zu haben?
SCHULZ: Lassen Sie es mich mal so formulieren: Die Aufgaben eines Sportchefs beim HSV sind so vielschichtig, die kann ein Mensch allein eigentlich gar nicht bewältigen. Ich habe damals schon Dietmar Beiersdorfer gesagt, dass er sich dringend eine rechte Hand anschaffen sollte, weil er es allein gar nicht packen konnte. Die Schlussfolgerung daraus: Wenn es ein Sportchef schon nicht schaffen kann, dann kann es ohne Sportchef erst recht nicht gehen. Das ist die Wahrheit. Ohne Sportchef waren Bernd Hoffmann und Katja Kraus, die auf ihren Gebieten wirklich sehr gute Arbeit leisten, schlicht überfordert, denn sie haben ja noch jede Menge großer Aufgaben zu erledigen. Einen Bundesliga-Verein wie den HSV zu führen, das ist ja unheimlich schwer. So nebenbei geht da gar nichts, ohne Sportchef ist es unmöglich, unbeschadet über die Runden zu kommen.

Matz ab: Jetzt ist der FC St. Pauli aufgestiegen, droht dem HSV vom Millerntor eine Gefahr?
SCHULZ: Wir müssen aufpassen. Wenn wir die Erwartungen in der neuen Saison wieder nicht erfüllen, dann könnte es passieren, dass die Stimmung in der Stadt umschlägt, dass uns St. Pauli von der Stimmungslage her auf einmal recht wehtut.

Matz ab: Ist Urs Siegenthaler der richtige Mann für den HSV?
SCHULZ: Ich kenne seine Aufgaben nicht. Grundsätzlich meine ich aber, dass der HSV als Zweitstation neben dem DFB nicht zu schaffen ist. Mit halber Kraft geht da gar nichts, dazu ist der HSV zu komplex. Da gibt es den HSV, HSV-Ochsenzoll und den DFB. Das alles ist für einen Mann nicht zu schaffen. Es wäre schön, wenn er sich auf eine Aufgabe, also nur den HSV, konzentrieren würde. Es ist doch auch so: Jetzt ist Urs Siegenthaler acht Wochen mit der Nationalmannschaft unterwegs, anschließend geht er in den wohlverdienten Urlaub – und wenn er dann in Hamburg ist, läuft die Saison schon. Ich weiß nur: Mehreren Herren dienen geht selten gut.

Matz ab: Plädieren Sie denn auch dafür, dass dem Herren Siegenthaler noch ein Sportchef, der dem Vorstand angehört, vorgesetzt wird?
SCHULZ: Es gibt ja eine Hierarchie in diesem Verein. Und ist der Vorstandvorsitzende der erste Mann. Und wenn es dann dort den Sportchef gibt, und das muss ja so sein, dann ist dieser Sportchef auch ganz automatisch der Vorgesetzte von Siegenthaler. Letztlich muss ich aber auch sagen: Egal wie das läuft, ich will nur eines: Erfolg für den HSV. Ich will nicht Platz sieben, sondern der HSV soll oben stehen und in die Champions League kommen – nur das will ich, nur das zählt für mich.

Matz ab: Sie bekennen sich immer sehr deutlich zum HSV, obwohl Sie aus dem Ruhrpott kommen – die Frage ist Ihnen sicher schon oft gestellt worden, aber ich wage sie noch einmal: Wieso sind Sie so ein Vollblut-HSVer geworden?
SCHULZ: Ich war als junger Bursche, aufgewachsen in Wattenscheid-Günnigfeld, schon HSV-Fan. Viele um mich herum waren Schalke-Fans, und ich nicht. Wenn wir in die Schalker Glückauf-Kampfbahn gefahren sind, um zum Beispiel Spiele um die Zonen-Meisterschaft zu sehen, dann habe ich den HSV schon bewundert. Und zwar wegen einer Sache: die Stutzen. Die blauen Stutzen, die oben senkrecht schwarz-weiß abgesetzt sind, die sind einmalig in Europa. Und als ich später bei den Lehrgängen der Nationalmannschaft war, fühlte ich mich immer besonders zu den HSV-Spielern wie Uwe Seeler, Charly Dörfel, Jürgen Kurbjuhn und all den anderen hingezogen. Und als ich Angebote von einigen Klubs erhielt, habe ich mich aus Sympathie für den HSV entschieden. Der HSV war schon immer meine heimliche Liebe. Der HSV ist ein ruhmreicher, exklusiver, anerkannter und auf der ganzen Welt bekannter Fußball-Verein mit großer Tradition. Und er ist in der Bundesliga immer eine führende Adresse, ist lohnt sich immer wieder, sich für diesen Verein zu streiten.

Matz ab: Würden Sie eigentlich noch einmal ein Amt innerhalb des HSV übernehmen?
SCHULZ: Das müsste ich mir überlegen. Ich bin jetzt 71 Jahre alt, habe viele Geschäfte, um die ich mich zu kümmern habe. Aber, das sage ich auch, wenn man seinen Klub liebt, und wenn es dem Klub dann einmal nicht mehr so gut gehen würde, dann darf sich kein Mitglied verschließen, dann muss angepackt werden, wenn es erforderlich ist.

Matz ab: Zum Abschluss gefragt: Blicken Sie der sportlichen Zukunft des HSV optimistisch entgegen?
SCHULZ: Ja, ganz sicher. Wir haben zwar sehr unter dem Abgang von Dietmar Beiersdorfer gelitten, sein Fehlen in dieser Saison hat ein großes Loch gerissen, aber wenn man in der Lage ist. Einen adäquaten Ersatzmann zu finden, dann können wir gut und gerne zur alten Stabilität zurückfinden, das ist keine Frage für mich.

Matz ab: Was muss sich aber in der Mannschaft verändern?
SCHULZ: Wir müssen darüber nachdenken, wie unsere Mannschaft zusammengestellt ist. Wir haben einige Spieler, die über 30 Jahre alt sind, wie Rost, Ze Roberto, Jarolim, Mathijsen und van Nistelrooy. Und wenn diese ältesten Spieler ununterbrochen die besten und stabilsten Kräfte in diesem Team sind, dann ist das ein Alarmsignal, das ist höchst ungesund. Es muss nämlich umgekehrt sein: Die Jungen müssen marschieren, und die Alten halten den Laden zusammen, die müssen die Zügel in der Hand halten. Aber da bin ich dann wieder bei diesem leidigen Thema: Wir müssen darauf achten, die junge Spieler zu halten, das ist ganz, ganz wichtig. Ganz einfach auf einen Nenner gebracht: Wir müssen es machen wie die Bayern.

Matz ab: Ihr persönliches Schlusswort?
SCHULZ: Ich hatte mal einen sehr, sehr guten und klugen Trainer. Das war Sepp Herberger. Der hat einst zu uns Spielern immer gesagt: Jungs, spielt was ihr könnt. Ein ganz weiser Spruch. Der gilt auch für unseren Vorstand und für unseren Aufsichtsrat, der gilt für alle. Macht das, wovon ihr Ahnung habt – so heisst das auf Deutsch.

20.34 Uhr

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