Tagesarchiv für den 23. Mai 2010

(M)Eine Sommer-Geschichte

23. Mai 2010

Das Wichtigste gleich am Anfang: Es ist an diesem Sonntag nichts passiert beim HSV. Ich hatte Kontakt zur Klub-Spitze, es ist an diesem Tag keiner verkauft oder verpflichtet worden, es ist noch nicht die Zeit für einen neune Trainer und auch nicht für einen Sportchef – aber es ist alles bestens im Fluss. Wir müssen abwarten.

Es ist Pfingsten. Und es ist Sommerpause. Und damit sollte es eigentlich auch ein wenig ruhiger in der Medienlandschaft zugehen. Ging es aber nicht, wir kennen alle die Gründe, ich möchte das nicht noch einmal aufwärmen. Vor Beginn der Pause gab es aus Euren Kreisen die Anregung, fußballerische Sommergeschichten von Euch zu veröffentlichen, „HK Hans“ hatte es vorgeschlagen, ich war begeistert. Und bin es immer noch, auch wenn die Resonanz bislang nicht so überwältigend war. Aber das mag noch kommen.

Ich hatte mir vor Wochen auch vorgenommen, eine ganz spezielle Geschichte von mir zu veröffentlichen, und zwar die, wie ich als kleiner Knabe zum Fußball gekommen bin. In den letzten Tagen und Wochen habe ich mit mir arg, arg gekämpft, ob ich das machen sollte, denn es herrschte hier eine sehr, sehr aggressive Stimmung, und dazu passt eine solche Geschichte, die nichts mit dem HSV und dem Profi-Fußball zu tun hat, nicht so sonderlich gut. Für die miese Stimmung im Blog war auch ich verantwortlich, denn ich habe – aus Übermut – einige Herren zu doll gereizt. Meine Schuld, das sehe ich ein, kommt nicht wieder vor.

Da ich aber hoffe (und von einigen „Matz-abbern“ weiß ich es auch), dass sich einige von Euch doch Gedanken über ihre persönliche Sommergeschichte gemacht haben, mache ich nun (doch) den Anfang. Und keine Angst: Es gibt von nun an nicht nur sommerlich-seichte Geschichten – aber eben auch mal. Wobei ich ehrlichen Herzens bekennen muss, dass ich mit meiner Geschichte vom „Trapper Doc Seitenberg“ inspiriert worden bin. Er schrieb kurz vor Heiligabend 2009 eine besonders schöne Geschichte über seine Fußball-Jugend auf. Sie ging mir so nahe, dass ich sie am 24. Dezember im Kreise meiner großen Familie vorlas. Teilweise kamen mir die Tränen, gebe ich offen und auch gerne zu, denn was der „Trapper“ erlebt hatte, das erinnerte mich total an meine Jugend. Seit dieser Geschichte sind der „Doc“ und ich „Brüder in Gedanken, Brüder im Geiste.“ Danke, lieber Trapper, noch einmal für diese tolle Geschichte, Du hast sie traumhaft aufgeschrieben und damit die Messlatte für alle folgenden Beiträge sehr hoch gelegt. War es noch einmal lesen möchte: Erschienen am 24. Dezember um 12.48 Uhr unter dem Namen „Nebraska63“. Es gab schon viele, viele tolle Beiträge und Geschichten von Euch, von vielen persönlichen Treffen weiß ich, dass Euch die Heiligabend-Geschichte des „Trappers“ immer noch am besten gefällt – völlig berechtigt.

Okay, ich weiß, es ist jetzt keine Weihnachtszeit, und trotz allem beginne ich nun, meine Geschichte zu schreiben. Aber bevor ich damit anfange, möchte ich noch einen kurzen Abstecher machen: „Willkommen zurück, lieber Jonny, Du hast mir gefehlt. Und vielen anderen auch. Es wäre schön, wenn es nicht ein einmaliger Ausrutscher war, sondern wenn Du hier wieder mitmachen würdest, aber ich möchte Dich auch ganz lieb darum bitten, geduldig und immer in netter und höflicher Form zu schreiben. Bitte, bitte. Wenn Du und wenn ich, wir beiden alten Säcke, nicht mit dem netten Matz-ab-Blog beginnen, wer soll es dann machen?

 Willkommen zurück, lieber Jonny.“

Nur einige wenige „Matz-abber“ kennen mich schon aus der Jugend, aber es gibt diese Leute. Diese Jungs haben mich erlebt, als ich in Barmbek in der Habichtstraße wohnte und aufgewachsen bin. Mir ging es ähnlich wie dem „Trapper“: Eltern geschieden, meine Mutter blieb mit drei kleinen Knaben (ich war der mittlere) allein zurück. Die Familie beschloss, dass die beiden großen Jungs in ein Internat müssen. Ich war acht Jahre alt, als es nach Tostedt ging. Und es wurde die härteste Zeit meines noch jungen Lebens, denn wir wurden unglaublich hart erzogen. Ganz nebenbei wurden wir, wenn wir etwas verbrochen hatten, mit allen möglichen Sachen ge- und verprügelt (Rohrstock, Hände, sogar mit der Bohnermaschine). Das nur am Rande. Zum Wesentlichen: Ich hatte vorher nie eine Berührung mit dem Fußball gehabt, aber dann. Mein Klassenlehrer, von dem ich nur weiß, dass er aus Salzhausen kam (von dem ich aber nicht mehr den Namen weiß), ließ dreimal die Woche in der Sportstunde auf einem Acker (halb Sand, halb Rasen) neben dem Schulhof Fußball spielen. Dort lief ich zum ersten Mal hinter einem Fußball her. Und ich kann mich noch genau an eine ganz besondere Situation erinnern: Einmal verfing sich der Ball kurz vor dem „gegnerischen“ Tor in einer Trauerweide. Als er herunter plumpste, stand ich goldrichtig. Wieso und weshalb, ich weiß es bis heute nicht, aber ich beförderte die Kugel mit einem Fallrückzieher ins Tor. Und alles war heil geblieben! Ich hatte nie Uwe Seeler gesehen, es gab im Internat kein Fernsehen,  ich hatte aber dennoch einen Fallrückzieher riskiert. Und wurde danach von allen gefeiert, mein Lehrer kam staunend und klatschend auf mich zu, nahm mich in den Arm und sagte: „Wo hast du denn das gelernt? Das habe ich hier ja noch nie gesehen . . .“

Und wenn man als Fußballer ein solches Lob erhält, lebt man auf, dann „wächst“ man. Das weiß jeder. Und ich bin „gewachsen“. Fußball war ab sofort mein Ding, Fußball wurde mein alles beherrschendes Ding. Ohne Fußball ging fortan nichts mehr. Aber: Wenn Klassenspiele angesetzt waren, durfte ich nie mitspielen, ich musste ins Internat. Da kannten die Schwestern, die wie Nonnen bekleidet durch das Internat „schwebten“, keine Gnade. Eines Tages gab es ein besonderes Klassenspiel, gegen unsere Parallel-Klasse. Die Mitschüler baten mich den ganzen Vormittag über, sie beknieten mich, sie überredeten mich: Diesmal ging ich nach der Schule nicht ins Internat, sondern gleich auf den Fußballplatz des MTV Tostedt. Dort wartete ich eine Stunde bis zum Spielbeginn. Als wir cirka zehn Minuten gespielt hatten, erschien mir plötzlich ein Geist. Nein, kein Geist, es war die nackte Realität. Meine „Schwester“ aus dem Internat kam auf dem Fahrrad angeradelt, hatte einen Rohrstock in der Hand, stieg nicht erst ab, sondern fuhr über den Platz direkt auf mich zu und befahl eiskalt: „Und ab. Schnapp dir deine Sachen und dann lauf!“ Im Schweinsgalopp wurde ich vom Acker getrieben. Die Klamotten im Sprinten aufgesammelt und dann wurde ich über einige Kilometer durch das Dorf getrieben. Und im Internat gab es dann eine Abreibung erster Güte, dazu Stubenarrest und kein Abendbrot. Da waren sich die „Schwestern“ einig. Und sie blieben eisern. Eine Erfahrung fürs Leben.

Fußball aber blieb trotz allem alles für mich. Als ich elf Jahre alt war, hatte sich der Kampfgeist meiner Mutter durchgesetzt: Mein Bruder und ich durften nach Hause, wieder zurück nach Barmbek. Und dort „bearbeitete“ ich meine Mutter jeden Tag: „Mama, ich möchte, nein ich muss unbedingt  in einen Fußballverein eintreten.“ Meine Mutter sagte aber immer wieder nein. Aus Kostengründen. Den monatlichen Beitrag konnte sie nicht aufbringen, sie konnte mir auch keine Buffer kaufen,  kein Trikot und so weiter, und so weiter. Null Kohle. Und: Wenn ich geduft hätte, dann hätten ja auch meine beiden Brüder sagen können: „Wir möchten natürlich ebenfalls in einen Fußballverein.“ So hart waren die Zeiten damals, ungefähr 15 Jahre nach dem Krieg. Also blieb ich erst einmal ohne Verein.

Aber trotz allem nervte ich meine Mutter fast täglich, denn in meiner Schulklasse drängten die Mitschüler darauf, in ihre Mannschaften zu kommen. Einige wollten mich zum Wenden SV lotsen (heißt heute SV Barmbek), einer zum Post SV, einer zum SC Urania und die anderen zu BU. Dort spielten die meisten Jungs. Und irgendwie hatte ich mich, ohne es zu sagen (weil ich ja nie durfte), für die Karriere als BU-Mann entschieden. Dann kam mein zwölfter Geburtstag (1960). Daran, dass ich in einen Verein eintreten dürfte, habe ich an diesem Tag nicht gedacht. Niemals. Aber die große Überraschung war: In einem Päckchen, dass ich von meiner Mutter erhielt, fühlte ich so etwas wie Strümpfe. Ich riss das Papier auf, und hätte mich vor Frust fast auf den Fußboden gesetzt. Meine Mutter hatte mir ein Paar Fußballstutzen geschenkt. Das allein war ja eigentlich ganz toll, aber: Es waren die Stutzen vom „falschen Verein“. Vom Wenden SV. Diese Geburtstags-Stutzen waren blau-weiß geringelt. BU-Stutzen wären blau und oben gelb gewesen. Oh Mann! Was für eine Enttäuschung! Und nun? In den Stutzen verborgen lag ein Zettel: „Dieter, du darfst in einen Fußballverein eintreten.“ Was sollte ich denn jetzt machen? Doch zum SV Wenden? Nur wegen dieser blau-weiß geringelten und falschen Stutzen? Ich ließ es offen.

Tags darauf erzählte ich in der Schule von meinem Geschenk. Für die BU-Männer stand fest: „Du kommst zu uns, dann spielst du eben erst einmal mit Wenden-Stutzen.“ So wurde es gemacht. Die Fußballstiefel, die ich von meiner Mutter bekam, waren bereits jahrelang getragen und mindestens zwei Nummern zu groß, aber egal: Ich durfte rein in den Verein, ich durfte endlich mit den Jungs spielen. BU wurde mein Klub. Bis heute ist BU meine heimliche Liebe. Weil ich dort viele, viele Freunde hatte, bis heute noch habe (allerdings nicht mehr ganz so viele, das bringt die Zeit so mit sich). Um ehrlich zu sein: Geld war und blieb knapp bei uns, aber „helfende Hände“, Betreuer und Trainer und die Jugendabteilung des Klubs, spendierten mir später Stiefel, Trikots, Trainingsanzüge,  Trikots und natürlich auch die “richtigen” Stutzen. Und – als ich 16 Jahre alt war – sogar eine Reise. Ich war Kapitän der Mannschaft, sollte aber nicht mit nach Südfrankreich – weil kein Geld bei Matzens vorhanden war. Da kam die B-Jugend von BU als erste norddeutsche Mannschaft in den Genuss, im Rahmen des neu gegründeten „Deutsch-Französischen-Jugendaustausches“ nach Ste. Maxime (bei Saint Tropez) zu dürfen – und der Kapitän durfte und konnte nicht mit. Ein Jammer. Ich war total traurig. Was heißt traurig, ich war tagelang fertig und nicht zu gebrauchen. Die Mannschaft fährt nach Frankreich, und ich mach’ Nase. Schönes Teil. Einige Tage vor der Abfahrt wurde dann aber meiner Mutter mitgeteilt, dass ich doch mit durfte. Ein bis heute mir eigentlich unbekannter Spender (Lothar, Du warst es – er schreibt hier im Blog gelegentlich mit, danke!) hatte das Geld für mich bezahlt. Es waren, so glaube ich, 150 Mark, damals, 1960, viel, unheimlich viel Geld.

Mit dieser BU-Mannschaft wurden wir übrigens noch bis zum Wechsel in den Herrenbereich dreimal Meister in Hamburgs höchster Klasse (HSV. Altona 93, Concordia, St. Pauli, Victoria) und wurden auch einmal Hamburger Meister. Meine Laufbahn bei BU endete dann aber später in einem Drama. Bei BU spielte in der Regionalliga, ich spielte bei den BU-Amateuren – und flog an einem Donnerstag nach einem Revanchefoul vom (Trainings-)Platz. Ich nach Hause, tschüs und weg. Da ich nichts gehört hatte vom Verein, ob ich dennoch aufgestellt worden bin, ging ich auch am Sonntag nicht zum Spiel. Montags las ich dann im Sport-Megaphon einen Kommentar von BU-Trainer Kalle Baureis: „Dieter Matz fehlte unentschuldigt, das wird Konsequenzen für ihn haben, so lange ich Trainer bei BU bin, wird er nicht mehr für den Verein spielen.“ Das saß. Meine Mannschaft hatte 0:5 gegen Paloma verloren. Ich trat aus, lag sieben Monate auf Eis (damals wurde man noch so lange gesperrt) – und trat danach in den Wandsbeker FC ein.

Jahre später, ach was, Jahrzehnte später, erfuhr ich von einem ehemaligen Mitspieler: „Matzer, ich sollte dir damals vor dem Paloma-Spiel sagen, dass du trotz deines Rausschmisses vom Training aufgestellt worden bist – aber ich hatte es vergessen.“ In den heutigen Handy-Zeiten wäre das wohl kaum passiert, aber so ändern sich eben die Zeiten.

Übrigens: Es ist immer noch Pfingsten. Und ich hoffe, dass Ihr mir Eure Geschichte schickt. An das Internet-Postfach des „Matz-ab“-Gewinnspiels, bitte mit dem Zusatz „Sommer-Geschichte“ vermerken. Danke.

Und am späten Pfingstmontag geht es hier weiter. Nicht mit einer Sommer-Geschichte, sondern mit dem HSV. Wenn es einen neuen Trainer oder Sportchef geben sollte, dann natürlich damit, auch wenn es einen neuen Spieler geben sollte – und ansonsten gibt es eine andere Geschichte. Die, die ich auf Geheiß des Sportchefs „bunkern“ musste.

Vielen Dank für Eure Geduld. Und lasst Pfingsten noch schön ausklingen.

22.53 Uhr