Tagesarchiv für den 22. Mai 2010

Keegan ist eine Ente

22. Mai 2010

Kevin Keegan wird es nicht. Auch wenn es ein herrliches Gerücht war. Beim HSV wurde darüber auch nur herzhaft gelacht. Endlich mal wieder! Dann hätte sich Bernd Hoffmann eigentlich gleich in der „Raute“ mit Kevin Keegan treffen können, wenn schon auf dem Präsentierteller. Nein, nein, so dumm ist nun wirklich kein Klub-Chef. Ich erinnere mich an eine Verpflichtung von Udo Lattek, der von Borussia Dortmund geködert wurde. Lattek und BVB-Präsident Gerd Niebaum trafen sich auf einer Autobahnraststätte im Raum Dortmund. Warum dort? Ganz klar: Auf einer dieser Autobahnraststätten rasten bestimmt nicht so viele Dortmunder, die später daran Interesse hätten, es einer Zeitung zu melden. Der Zweck heiligt die Mittel (danke, Björnmoser), Niebaum und Lattek wurden eventuell von dem einen oder anderen Menschen auf der Raststätte erkannt, aber keiner „verpfiff“ sie.

Zurück zu Kevin Keegan: Er ist sehr eng mit Klub-Manager Bernd Wehmeyer befreundet. Insofern hätte es passen können: Keegan Trainer, Wehmeyer Sportchef. Aber es wird definitiv nicht so kommen. Was ich ein wenig bedauere, gebe ich zu, denn ich habe Keegan als netten, gradlinigen und vorbildlichen Profi kennen gelernt. Frau M. war bei seinem „Abschiedsspiel“ am 31. Mai 1980 im Volksparkstadion (4:0 gegen Schalke 04), und als der Publikumsliebling zur Pause ausgewechselt worden war und seine Ehrenrunden dreht, hatte sie Tränen in den Augen. Ihren Kevin hat sie geliebt. War ja auch ein smarter Kerl. Der es anfangs sehr schwer beim HSV hatte, denn die Mannschaft, das steckte mir weit später ein Spieler des Teams, ließ ihn erst einmal am steifen Arm verhungern. Sie spielten Keegan nicht an, sie schnitten ihn. Weil er dem Team ein wenig zu forsch auftrat, und weil es um ihn einen riesigen Rummel gegeben hatte, als er verpflichtet wurde.

Ja, und dann war Keegan ja auch ganz schön eigen. Er aß nicht mit der Mannschaft, wenn die nach dem Training geschlossen zum Mittagessen gebeten wurde. Keegan: „Ich esse dann, wenn ich Hunger habe, aber nicht dann, wenn ich essen soll.“ Da seine Autogramme sehr begehrt waren, er immer viel Zeit durch das Schreiben verlor, kletterte er sehr oft durch ein Fenster der Sportschule, sprintete über den Rasen und an den riesigen Eichen vorbei zu seinem Auto, das er – ganz clever – als einziger HSV-Spieler nicht auf dem Parkplatz der Mannschaft abgestellt hatte, sondern auf dem Parkplatz des Restaurants Lindenhof. Was ich noch von Keegan weiß: Er wohnte damals in Itzstedt, und wenn nachmittags trainingsfrei war, dann lief er noch mit seinen Hunden durch den Wald bei Kisdorf. Einfach nur vorbildlich, dieser Kevin Keegan. Und mal ehrlich: Was er als Trainer kann (oder nicht kann), das können wir doch alle gar nicht beurteilen.

Zurück zur allgemeinen HSV-Lage. An diesem Pfingstwochenende wird es wohl keine Entscheidung geben. So sehe ich das jedenfalls. Ein Gerücht besagt ja, dass es am Dienstag eine Pressekonferenz beim HSV geben könnte, aber das konnte ich nicht erhärten. Dennoch gehen ich auch davon aus, dass es in der kommenden Woche auf jeden Fall eine Entscheidung geben wird. In Sachen Sportchef? Leider kann ich Nico Hoogma nicht erreichen. Ein gutes Zeichen? Ich werte es mal so. Gut Ding will Weile haben, vielleicht möchte Nico ja erst einmal gar nichts mehr sagen, weil in den letzten Tagen ganz sicher auch einiges zuviel gesagt wurde. Von einigen Leuten. Jetzt wird wahrscheinlich mehr im Verborgenen gearbeitet – und das ist auch gut so.

Und in Sachen Trainer? Ich werde so oft in diesen Tagen gefragt, aber ich weiß nichts. Keiner weiß etwas, sonst würdet Ihr es woanders lesen können. Mein Bauchgefühl sagt mir, und ich gebe das mal so wertfrei weiter, dass ich mit Lucien Favre zu rechnen habe. Was auch immer das (für Euch) bedeutet, ich würde den Schweizer aber keineswegs ablehnen. Ich möchte – für den Fall, dass es der ehemalige Berliner Coach wird – nur mal sagen, dass er in der Saison 2008/09 mit einer namentlich guten Hertha-Mannschaft (also mit Simunic, Pantelic und Voronin), immerhin einen ausgezeichneten, fast sensationellen vierten Platz belegte – nur sechs Punkte hinter Meister Wolfsburg.

Abseits der Trainersuche und dem Fahnden nach einem neuen Sportchef gibt es auf dem Spielermarkt kaum Neuigkeiten. Im „Fall Afellay“ ist mit dem FC Sevilla ein ernsthafter Konkurrent in den Kampf eingestiegen. Aber: Das war einst auch schon bei Nigel de Jong der Fall, als der Niederländer im Januar 2006 zum HSV geholt wurde – und sich der FC Sevilla lange Zeit sicher war, dass De Jong nach Spanien wechseln würde.

Zurück zum HSV wird wohl Eric-Maxim Choupo-Moting kommen, und im Moment sieht es so aus, dass er dann auch nicht erneut verliehen wird (wie zuletzt zum 1. FC Nürnberg). Endgültig muss und wird das natürlich der neue Trainer entscheiden, aber so sieht es im Moment aus. Mickael Tavares, ebenfalls an den 1. FC Nürnberg ausgeliehen, wird von den Franken nicht weiter benötigt, er würde ebenfalls nach Hamburg zurückkehren, doch der HSV möchte ihn (eigentlich) nicht mehr. Tavares darf (und soll wohl auch) sich einen neuen Klub suchen. Ebenso sieht die Situation bei Änis Ben-Haira aus, der vom MSV Duisburg zurückkehren würde. Der HSV will das einst so hoffnungsvolle Mittelfeld-Talent aber nicht mehr, so dass Ben-Hatira sich wohl auch einen neuen Arbeitgeber suchen muss. Es sei denn, der neue Coach entscheidet sich anders, derzeit aber sieht es bei Tavares und Ben-Hatira nach Trennung aus. Wobei ich gerne noch einmal anfüge: Ich hielt den guten Änis einst für einen sehr, sehr guten Spieler, der technisch stark ist, aber leider auch ein wenig zu verspielt. Er hätte es packen können – und vielleicht wird er es ja auch noch bei einem anderen Verein schaffen. Wer weiß?

16.53 Uhr