Tagesarchiv für den 20. Mai 2010

Interview mit Supporters-Chef Bednarek

20. Mai 2010

Es brodelt beim HSV. Noch. Aber in der kommenden Woche soll es schon wieder viel besser aussehen, dann soll endlich wieder Ruhe einkehren. Mit einem neuen Sportchef? Hinter den Kulissen wird fleißig daran gearbeitet. Nicht nur daran, sondern auch an einem neuen Trainer. Und einer neuen Mannschaft – aber es ist gut zu wissen, dass das Chaos nicht für die totale Lähmung sorgt. Übrigens: Mich würde es nicht wundern, wenn der Beiersdorfer-Nachfolger doch noch Nico Hoogma heißen würde. Um ehrlich zu sein: Mich würde es sogar riesig freuen. Der richtige Mann, stark, entschlusskräftig und mit Stallgeruch. Und wenn er nun doch noch käme, so würde das ja heißen, dass der Aufsichtsrat dann doch noch (gelegentlich) über seinen Schatten springen kann. Es gibt ja das Gerücht, dass Horst Becker mit der Installierung von Nico Hoogma vom Posten des Aufsichtsrats-Chefs zurücktreten würde – aber das müsste er in meinen Augen dann nicht mehr. Er und seine Mit-Räte hätten dann doch gezeigt, dass sie durchaus in der Lage sind, die richtigen Lehren aus einer falschen Entscheidung zu ziehen.

Wie gesagt, hinter den Kulissen herrscht eifriges Treiben. Die „Sache Afellay“ ist noch nicht in trockenen Tüchern, soll aber werden. Und wenn ich hier den einen oder anderen „Matz-abber“ höre und lese, so sind als Trainer wieder einmal Bernd Schuster (bitte nicht, da bin ich ganz ehrlich) und Martin Jol in den Kreis derer aufgenommen worden, die den HSV  nach oben bringen sollen. Da es aber außer diesen Gerüchten im Moment nichts Handfestes gibt, halte ich mich nun an dieser Stelle mit weiteren Spekulationen zurück.

Konkretes aber gibt es dennoch. Ich habe mich mit dem Supporters-Chef Ralf Bednarek über die aktuelle Lage bim HSV unterhalten, und das Ergebnis könnt Ihr nun hier lesen:

Matz ab: Ralf, die Situation des HSV ist in diesen Tagen besonders schlimm – war sie jemals schlimmer für Dich?
RALF BEDNAREK: Man muss da immer zwischen dem Sportlichen und dem Vereinspolitischen trennen. Sportlich war es natürlich viel schlimmer, als wir vor Jahren auf einem Abstiegsplatz überwinterten. Vereinspolitisch ist das derzeitige Desaster aber kaum noch zu steigern.

Matz ab: Wie spürst Du das an der Basis, was geht bei den Supporters ab?
BEDNAREK: Es ist noch nicht so wie vor einem Jahr, als Dietmar Beiersdorfer entlassen wurde, aber wir bekommen schon sehr, sehr viele Mails und Anrufe, die teilweise schon äußerst emotional sind, die über den Aufsichtsrat und den Vorstand intensiv meckern, die uns auch auffordern, dass wir eine außerordentliche Mitgliederversammlung einberufen sollen. Ich erhalte Mails privat und in meine Kanzlei, ich werde mit Anrufen bombardiert – es kocht alles schon ziemlich hoch.

Matz ab: Stichwort außerordentliche Mitgliederversammlung?
BEDNAREK: Hat die Abteilungsleitung derzeit nicht geplant. Die Frage ist doch die, was wir damit erreichen? Ich glaube, dass die Mitgliedschaft und die Fan-Szene zurzeit total unzufrieden sind, aber das ist dem Vorstand ohnehin schon bewusst. Aber wenn es so weitergeht, dann wird ein Zeitpunkt kommen, an dem eine außerordentliche Mitgliederversammlung nicht mehr zu vermeiden sein wird.

Matz ab: Es gibt aber doch ohnehin Bestrebungen einiger Supporters, diese Mitgliederversammlung zu forcieren, oder?
BEDNAREK: Ja, die gibt es. Die haben sich formiert und zusammengetan, haben eine richtige Initiative gestartet, das läuft schon noch.

Matz ab: Wie ist Deine Meinung zum derzeitigen Vorstand?
BEDNAREK: Mit dem Vorstand haben wir momentan nicht viel zu tun. Der Oliver Scheel ist ein Klasse-Typ, der steht für mich im Vorstand für das schwarz-weiß-blaue Herz im Verein. Und mit Herrn Hoffmann und Frau Kraus gab es den letzten Kontakt beim Europa-League-Finale, das läuft alles in vernünftigen Bahnen ab.

Matz ab: Und Deine Meinung zum Aufsichtsrat?
BEDNAREK: Teils, teils. Bei aller Kritik darf man natürlich nicht übersehen, dass Horst Becker, der nun in die Schusslinie geraten ist, ein HSVer ist und man mit ihm vernünftigen reden kann. Trotzdem muss man gerade an seiner Arbeit heftigste, aber sachliche Kritik äußern. Dieses Hin und Her, das ist schon nicht sonderlich schön. Welcher Verein leistet sich, zwölf Monaten keinen Sportchef zu haben? Wenn es wenigstens am Anfang eine bewusste Entscheidung gewesen wäre, dann könnte man das noch nachvollziehen, aber so wird lange herumgeeiert, und alle zwei Monate gibt es eine neue Marschrichtung – da kann ich kein Konzept und gar nichts erkennen, dann muss sich Horst Becker auch schon mal selbst ganz stark hinterfragen.

Matz ab: Aber gab es nicht das Konzept in der HSV-Führung, dass man „das bisschen Sportchef“ auch quasi nebenbei erledigen könne?
BEDNAREK: Horst Becker und ich stimmen in einer Sache total überein, ich unterstütze das Becker-Zitat: „Das Projekt Hoffmann-Kraus ist gescheitert.“

Matz ab: Das ist mir zu leicht dahergesagt, denn dieses Projekt gab es doch nur mit Unterstützung des Aufsichtsrates. Der hätte das nicht dulden müssen, sondern ganz klar einen neuen Sportchef suchen müssen. Oder liege ich da falsch?
BEDNAREK: Ich will jetzt nicht alte Wunden aufreißen, aber da gibt es im Aufsichtsrat ein Kompetenz-Team von vier Personen, die Wirtschaftsweisen, die herein gewählt worden sind, mehrere verdiente HSVer, die das Vereinsleben kennen – da dachte doch jeder, jetzt geht es bergauf. Da gibt es eine stringente, starke Führung mit jeder Menge Kompetenz, und wenn ich mir dann ansehe, dass nur unser Delegierter Björn Floberg der einzige Mann war, der das Konzept ohne Sportchef abgelehnt hat, dass dieses Konzept aber mit 11:1 Stimmen angenommen wurde, dann müssen sich sicherlich viele Aufsichtsräte die Frage gefallen lassen, ob sie sich wirklich genau informiert haben, ob sie das System HSV wirklich verstehen.

Matz ab: Was läuft Deiner Meinung nach derzeit falsch beim HSV?
BEDNAREK: Ich will noch einmal auf die Strukturen zurückkommen. Als Dietmar Beiersdorfer gegangen ist, da ging er nicht, weil irgendjemand sportlich mit ihm unzufrieden war oder weil die Strukturen nicht vorhanden waren oder sie nicht funktionierten. Er hatte über sieben Jahre sehr gute Arbeit in diesem Vorstand geleistet, eigentlich hätte demnach nur eine neue Person für ihn gefunden werden müssen. Nichts anderes, es ging doch nur darum, einen kompetenten, guten und starken Sportchef und Vorstand zu installieren – mehr nicht.

Matz ab: Aber es war immer zu hören, dass dieser neue Mann gerade nicht stark sein durfte . . .
BEDNAREK: Das kann ich nicht beurteilen, aber jeder im Verein müsste doch glücklich sein, dass da eine kompetente Persönlichkeit sitzt, die eine eigenen Meinung hat, die mit allen Kollegen prima und kooperativ zusammenarbeitet, und die weiß was sie will.

Matz ab: Zurück noch einmal zu den Fehlern. Welche sind Deiner Meinung nach gemacht worden?
BEDNAREK: Da kann man dem aktuellen Vorstand eigentlich keinen großen Vorwurf machen, dass es sportlich so schlecht gelaufen ist, sie konnten es einfach nicht, sie haben sportlich nicht die Erfahrung und die Kompetenz. Deswegen darf man eigentlich gar nicht so böse sein.

Matz ab: Aber im Vorstand wurde ganz sicher gedacht, dass es dort die sportliche Kompetenz gäbe, sonst hätte es dieses Modell ja wohl gar nicht erst gegeben?
BEDNAREK: Das stimmt wohl. Wenn man am Interesse des Vereins orientiert ist, dann hätte man darauf drängen müssen, dass ein Sportchef installiert wird.

Matz ab: Haben die Supporters diesen Punkt nicht einmal angesprochen?
BEDNAREK: Wir haben in dieser Zeit, als beschlossen wurde, keinen Sportchef zu installieren, das war Januar oder Februar, mit dem Aufsichtsrat intensive Gespräche geführt und gewarnt. Dabei war auch Horst Becker, die Frage wurde lebhaft diskutiert – aber wir wurden ausgelacht.

Matz ab: Fehlt Dir nicht auch die sportliche Kompetenz im Aufsichtsrat?
BEDNAREK: Mir fehlt vor allem Herzblut. Ich will da keinem unterstellen, dass er nicht mit dem Herzen bei der Sache ist, aber es macht eben den Unterschied, ob man erst vor zwei, drei Jahren angefangen hat, sich für Fußball zu interessieren, oder ob man schon seit 20, 30 Jahren alle HSV-Spiele begleitet hat, ob man schon seit Jahrzehnten das Bundesliga-Geschäft miterlebt hat und es ganz gut kennt. Wenn man das alles hat, dann ist man tief drin in diesem Thema, man kennt die Mechanismen – und das fehlt diesem Aufsichtsrat ganz offensichtlich.

Matz ab: Aber das wird nicht das einzige Manko des AR sein, oder?
BEDNAREK: Stimmt. Der Aufsichtsrat muss die Frage aufarbeiten, inwiefern der Aufsichtsratsvorsitzende eigentlich eher im Vorstand agiert, oder im eigenen Gremium arbeitet. Im Kernpunkt: Wie klar ist die Trennung zwischen Vorstand und Aufsichtsrat?

Matz ab: Das ist ein Thema, das ich schon seit über einem Jahr immer wieder gehört habe, aber offensichtlich hat niemand Einspruch erhoben.
BEDNAREK: Ich will ja gar nicht, dass eine schlechte oder missgünstige Stimmung zwischen Aufsichtsratsvorsitzendem und Vorstand herrscht, das ist nicht das Thema, aber es muss doch eine gewisse Form von Distanz vorhanden sein, um eine vernünftige, kollegiale und gute Zusammenarbeit hinzubekommen. Und dieser Eindruck ist bei vielen Mitgliedern entstanden, dass es diese Distanz gar nicht gibt.

Matz ab: Das klingt alles nicht sehr schön. Deswegen meine Frage: Sorgst Du Dich um Deinen HSV?
BEDNAREK: Und ob! Und zwar im erheblichen Umfang. Wir müssen uns mal die Situation vor Augen führen: Wir haben doch jetzt die Phase, wenn es nicht schon zu spät dafür ist, in der die kommende Saison geplant werden muss. Wir stehen aber ohne sportlichen Leiter da, wir wissen nicht, welchen Trainer wir bekommen, der einzige Mann, der sportliche Kompetenz hat, das ist der Urs Siegenthaler, und dessen Vertrag beginnt erst am 1. August – auch wenn er jetzt schon teilweise mitgearbeitet hat. Jetzt aber verbringt er viele Wochen mit der Nationalmannschaft – natürlich mache ich mir Sorgen um den HSV, ganz große sogar. Wie soll es denn weitergehen mit dem HSV? Ich hoffe, dass es gut geht, aber ein bisschen schwarz sehe ich schon.

Matz ab: Kannst Du denn eine Empfehlung geben, damit es nun wieder besser wird?
BEDNAREK: Ja, das kann ich: Der Aufsichtsrat soll aufhören, rumzueiern. Die sollen nun eine vernünftige Lösung im Vorstand finden, die sollen sich dazu bekennen, dass dieses Vorstandsmitglied der Vorgesetzte von Urs Siegenthaler wird. Ich kenne Siegenthaler nicht persönlich, habe aber viele sehr gute Sachen von ihm gehört, ihm vertraue ich, ich denke, dass er eine Menge kann. Aber er wollte nicht in den Vorstand, und deswegen muss er akzeptieren, dass es einen Vorstand in Sachen Sport gibt, mit dem er kollegial zusammenarbeiten muss. Das ist doch das Beste, wenn alle im HSV und für den HSV kollegial zusammenarbeiten.

Matz ab: Ist der Aufsichtsrat mit zwölf Personen zu groß?
BEDNAREK: Nein, nein, man darf nicht die Größe eines Organs mit der Stärke der Führung verwechseln. Wenn eine vernünftige Führung da ist, sind zwölf Aufsichtsräte überhaupt kein Problem.

Matz ab: Aber gibt es nicht zu viele Fußball-Laien in diesem Aufsichtsrat?
BEDNAREK: Das ist ja keine Frage der Größe des Organs, sondern eine Frage der Besetzung. Wenn da zwölf Leute sitzen, die sich mit dem HSV gut auskennen, die sich auch mit dem Profi-Fußball bestens auskennen, dann ist das ein ganz anderes Thema. Dann würde niemand über die Größe reden. Dieser Aufsichtsrat hat Angst, Entscheidungen zu treffen, das ist das Thema. Seit einem Jahr lassen die Herren Horst Becker am langen Arm verhungern, indem sie jede Entscheidung von ihm blockieren. Gleichzeitig aber trauen sie sich nicht, einen anderen Aufsichtsratsvorsitzenden zu wählen. Da muss der Aufsichtsrat dann auch mal klare Entscheidungen treffen, aber stattdessen wird da schon seit einem Jahr nur hin und her geschoben. Wo ist denn da eine klare, ordentliche Linie mit einer starken Führung?

Matz ab: Trauerst Du noch Jürgen Hunke hinterher?
BEDNAREK: Ich trauere ihm schon deswegen nicht hinterher, weil Jürgen Hunke immer ein HSVer bleiben wird. Ich würde mich natürlich grundsätzlich freuen, wenn Jürgen Hunke wieder mehr Einfluss bekommen könnte, denn er hat immer eine klare Meinung gehabt und konnte damit umgehen, dass man dadurch auch hin und wieder einmal aneckt.

Matz ab: Wird es seitens der Supporters im Januar einen neuen Anlauf geben, mit mehreren Leuten in den Aufsichtsrat zu kommen?
BEDNAREK: Das müssen wir sehen. Ich frage mich vielmehr, ob der Aufsichtsrat nicht so konsequent sein sollte, um darüber nachzudenken, den Weg für Neuwahlen frei zu machen. Momentan ist die Stimmung doch so, dass nur ganz wenige Räte noch eine Mehrheit für sich bekommen würden. Da gehört dann vielleicht auch mal der Mut dazu, das auch einzusehen.

Matz ab: Kurzfristig oder erst im Januar?
BEDNAREK: Na ja, kurzfristig wäre wohl das totale Debakel für den HSV, obwohl ich auch denke, dass der eine oder andere Aufsichtsrat derzeit Überlegungen in diese Richtung anstellt.

Matz ab: Hättest Du Dir im Herbst 2009 denken können, dass diese Saison in einem solchen Dilemma endet?
BEDNAREK: Nein, ich bin HSVer, ich gehe immer davon aus, und hoffe es auch, dass alles gut wird. Wir haben aber auch oft genug unsere Bedenken geäußert und wurden dafür abgewatscht. Wir haben intern lange genug auf den fehlenden Sportchef hingewiesen, haben gesagt: „Leute, wacht auf!“ Aber wir wurden nicht ernst genommen – jetzt sagen wir es öffentlich und das ist auch nicht gut.

Matz ab: Was wünscht Du Dir für die Zukunft des HSV?
BEDNAREK: Dass wir wieder vernünftige Strukturen bekommen, dass wir alle wieder zusammenhalten, dass wir alle zusammen anpacken, dass wir alles für den HSV geben. Davon sind wir leider momentan weit weg, aber ich wünsche mir, dass daran alle wieder arbeiten – zum Wohle des HSV.

17.48 Uhr