Tagesarchiv für den 19. Mai 2010

Barbarez wird es wohl auch nicht

19. Mai 2010

Das moderne Fußball-Chaos hat drei große Hamburger Buchstaben. Obwohl – das ist der verkehrte Einstieg zur heutigen Geschichte. Dem guten „Eiche Nogly“ hatte ich versprochen, so zu beginnen: „Außer Hermann könnt ihr alle gehn!“ Dieser legendäre Ruf der HSV-Fans geistert mir schon seit Montag gegen 22 Uhr durch den Kopf. Weil die Jungs aus Rostock ja so etwas Ähnliches mit ihrem Torwart Walke skandiert hatten. Und am Montag war beim HSV ja eigentlich noch überhaupt nichts los – außer dem ganz normalen Chaos. Jetzt aber herrscht an Elbe und Alster ja mittlerweile das totale Chaos. Der Teufel ist los. Das erinnert mich alles an den früheren FC St. Pauli oder auch an Schalke 04 in den komödiantischen Jahren. Quo vadis, HSV?

Warum hat der HSV eigentlich so lange gewartet, einen neuen Sportchef zu installieren? Wohl deswegen, weil alle Verantwortlichen im Klub gedacht hatten: „Den brauchen wir nicht, das Geld können wir sparen, dass bisschen Sportchef können wir nebenbei . . .“ Denkste! Das wissen inzwischen alle, wirklich restlos alle. Ein Fehler, der nicht gutgemacht werden kann. Das wissen sie auch. Aber plötzlich herrscht hier totaler Aktionismus. Erst lief alles auf Nico Hoogma heraus, nun soll es Sergej Barbarez werden. Ich sage es aber ein wenig anders: Einige Räte möchten Barbarez, einige, und das ist meiner Ansicht nach die Mehrheit im Rat, wollen Barbarez nicht. Und deswegen gehe ich ganz verstärkt davon aus: Barbarez wird es auch nicht.

Wieso denn auch? Ich habe nichts gegen Sergej, im Gegenteil, ich schätze ihn sehr, mag ihn sehr, fand ihn als Fußballer immer super – besonders beim HSV. Die Frage, die ich mir stelle: Wieso entdeckt ihn der Aufsichtsrat erst jetzt? Schließlich sitzt Barbarez schon seit über einem Jahr im Kreise der Räte. Und genau in diesen Zeitraum fiel auch die Trennung von Sportchef Dietmar Beiersdorfer. Seit über einem Jahr also hätten die Räte schon auf Barbarez kommen können, sie wurden sogar von einigen Teilen der Presse damals darauf hingewiesen, dass es Barbarez durchaus werden könnte – aber niemand sprang darauf an. Wieso nicht? Und wieso sagten einige Räte hinter vorgehaltener Hand: „Bei aller Liebe zu Sergej, aber ein Sportchef ist er nicht . . .“

Wer aber dann? Hinter vorgehaltener Hand wird beim HSV auch erzählt, dass Urs Siegenthaler nicht zum HSV gekommen wäre, wenn es Nico Hoogma geworden wäre, denn der Niederländer soll dem Schweizer zu stark gewesen sein. Soll. Denn der gute Scout hält sich derzeit ja in Italien auf und genießt sizilianische Nächte. Bliebe die Frage, wie sich Siegenthaler wohl zu Barbarez stellen würde? Aber diese Frage wird dem DFB-Chefscout wohl nie gestellt werden. Weil es, wie schon geschrieben, keine Mehrheit für ihn geben wird.

Ein Satz noch zu Sergej Barbarez. Natürlich wäre er als Sportchef ein Neuling, er hat noch nie in einer derartigen Position gearbeitet, aber: Auch der gute Dietmar Beiersdorfer kam damals als „Neuling“ zum HSV, und danach hat er sich doch, so glaube ich, ganz gut gemausert. Bei der Gelegenheit: Ich werfe immer mal wieder und auch sehr gerne den Namen Richard Golz in den Ring. Ein cleveres Kerlchen, einer mit viel Grips, mit HSV-Vergangenheit und mit HSV-Zukunft, weil er ja derzeit der Assi von Rodolfo Cardoso ist. Golz würde ich in die Kategorie Oliver Bierhoff, Marco Bode, Beiersdorfer einordnen. Nur mal so als Denkanstoß.

Und wo ich gerade bei „innerbetrieblich“ bin: Ricardo Moniz steht ja immer noch „Gewehr bei Fuß“. Und ich möchte sagen, dass mir wohler wäre, wenn ich wüsste, dass er es wird. Trainer. HSV-Coach. Um es mal so zu formulieren: Viele von Euch schlagen die Hände über den Köpfen zusammen, wenn sie den Namen Lucien Favre, der urplötzlich nun doch wieder ein heißer HSV-Trainer-Kandidat sein soll, hören. Und wieder einige jubeln, wenn sie den Namen Lucien Favre hören. Einige würde aus dem HSV austreten, wenn Martin Jol wieder zurückgeholt werden würde, andere würden ihm einen roten Teppich auslegen. Anderen würden auswandern, wenn es Michael Skibbe werden sollte, andere würden es begrüßen. So ist es nun einmal. Es wird immer ein Für und Wider geben, egal für welchen Kandidaten auch immer.

Deswegen wäre ich für Moniz, weil ich bei ihm wüsste (wie die meisten von Euch auch): Der Mann ist heiß, der denkt Tag und Nacht an Fußball und den HSV, der lebt Fußball, ganz einfach. Und auf einen Nenner gebracht: Bei Moniz weiß man was man hat. Zudem seit festgestellt, Ihr könnt es in diesen Tagen überall rauf und runter lesen: Der große Jose Mourinho, der fantastische Inter-Trainer, der zurzeit als bester Trainer der Welt gilt, war einst Co-Trainer von Louis van Gaal. Man glaubt es ja nicht. Mourinho war auch mal Assistent. Nun gut, er ist kein Technik-Trainer gewesen, wie Moniz, aber Assistent ist ja auch nicht viel mehr. Übrigens: Auch Felix Magath war mal Co-Trainer. Wisst Ihr noch bei wem?
Genau, bei Benno Möhlmann. Selbst der große Magath hat mal ganz klein angefangen, man glaubt es kaum.

Und auch Nico Hoogma hat erst bei Heracles Almelo gespielt, bevor er – quasi über Nacht – Sportchef des Klubs wurde. Nun wissen wir ja auch, dass der gute Nico ein starker HSV-Kapitän war. Der hat seine Meinung immer konsequent vertreten. Ob ihn das nicht letztlich nicht doch um den Posten in Hamburg gebracht hat? Weil er den Herren zu unbequem geworden wäre? Es ging, das ist sicher, um „läppische“ 70 000 Euro. Daran soll der Deal gescheitert sein? Das ist einfach nur lächerlich in einem Metier, wo mit Millionen nur so um sich geschmissen wird. Es ging um 70 000 Euro im ersten Jahr. Hätten sich dann Erfolge eingestellt, wäre es etwas teurer für den HSV geworden. Aber das erst nach einem Jahr, und erst nach einem erfolgreichen Jahr.

Ich habe mich auch gefragt, wie es denn Heracles aufgenommen hat, dass der Sportchef Hoogma mit dem HSV verhandelte? Und diese Frage habe ich auch dem ehemaligen HSV-Abwehrchef selbst gestellt: „Die haben sich für mich gefreut, die waren stolz darauf, dass ich ein solches Angebot aus Hamburg hatte. Und nun freuen sie sich, dass ich bleibe, es gibt keinerlei Probleme zwischen dem Verein und mir.“ Also zwischen Heracles Almelo und Hoogma, nicht dass das missverstanden wird.

Zum Sportlichen: Diese Nachricht verbreitete sich in Windeseile: Ibrahim Afellay, 24-jähriger Mittelfeldspieler des PSV Eindhoven, kommt zum HSV. Der niederländische Nationalspieler kommt für neun Millionen Euro. Wer hat diesen Transfer in diesem Chaos nur über die Bühne gebracht? Und ist es Zufall, dass der Name ausgerechnet jetzt ans Tageslicht kommt? Egal, wenn es denn stimmt (und es soll, ich wiederhole es soll, stimmen!), dann hat sich der HSV einen herausragenden Spieler geangelt. Für Ze Roberto? Es ist zu vermuten.

Einer kommt, der andere geht: Sidney Sam, zuletzt an den 1. FC Kaiserslautern ausgeliehen, hat für fünf Jahre bei Bayer Leverkusen unterschrieben. Wieder hat Hamburg ein Talent (an die Konkurrenz) verloren. Es musste, so denke ich, so kommen, denn: Der junge Mann bringt Ablöse und damit Geld ins Haus (ganz wichtig in diesen wenig spaßigen Tagen!), und er genoss seit seiner Zeit im HSV-Internat nicht mehr den allerbesten Ruf. Weil dort einiges vorgefallen sein soll, was mit dem Sport und dem HSV vereinbar gewesen wäre. Schon damals hieß es in HSV-Führungskreisen: „Sam nie für uns in der Bundesliga.“ Nun ab er gegen. Abwarten, wie er sich im Westen macht.

17.27 Uhr