Tagesarchiv für den 17. Mai 2010

Hoogma – Profi mit Profil

17. Mai 2010

Heute Mittag dachte ich plötzlich, es sei etwas ganz Schlimmes passiert. Ich habe im Zusammenhang mit der wahrlich unschönen Verletzung Michael Ballacks von einem „Drama“ gelesen, von einer „Tragödie“ und von einem „Schicksalsschlag“. Ganz ehrlich, so niederschmetternd diese Nachricht für die deutsche Nationalmannschaft auch ist, so fehlerhaft finde ich in diesem Zusammenhang die Wortwahl. Dramen, Tragödien und Schicksalsschläge gibt es auf der Welt leider wirklich jeden Tag, aber die Verletzung eines Fußballprofis zählt mit Sicherheit nicht zu dieser Kategorie.

Und noch etwas: Ich möchte an dieser Stelle zwar keine Lanze für Jerome Boatengs ungestümen Bruder Kevin-Prince brechen, der Ballacks WM-Träume sehr brutal beendet hat, aber ihn jetzt wie einen Schwerverbrecher darzustellen, ihn zu beschimpfen und ihm diese rüde Attacke wie einen „Mordanschlag“ anzukreiden, halte ich auch falsch. Bitte missversteht mich nicht: Ich sehe es ähnlich wie Mehmet Scholl, der forderte, dass KP Boateng so lange gesperrt werden müsste, bis Ballacks Verletzung wieder verheilt ist. Aber ich warne vor übertriebenen Verbalattacken gegen den Übeltäter. Ich behaupte erstens, dass er Ballack nicht mutwillig ins Krankenhaus getreten hat; fahrlässig ja, aber nicht mutwillig. Und zudem gefällt es mir nicht, wenn solche im Fußball nun mal vorkommenden Fouls dazu führen, dass dem „Täter“ eine Welle des Hasses entgegen schwappt. Ich liefere Euch auch gleich die Begründung dazu: Es gibt immer wieder Menschen, die mit derartigen emotional gesteuerten Hasstiraden nicht klarkommen – und dadurch entsteht immer die Gefahr eines körperlichen Gewaltausbruches. Und diesbezüglich stehen jetzt auch meine vielen Kollegen in den Medien in der Verantwortung. Sie müssen zügeln, bremsen, dafür sorgen, dass ein potenzielles WM-Aus unserer Nationalmannschaft nicht gleich an einem Menschen aufgehängt wird. Ich hoffe, Ihr versteht mein Anliegen ein wenig.

Die meisten von Euch haben wahrscheinlich gehofft, dass ich an dieser Stelle jetzt endlich mal ein Geheimnis lüften könnte. Doch ich muss Euch (mal wieder) enttäuschen. Mein Kenntnisstand in Sachen Sportdirektor ist folgender: Nico Hoogma ist die im Aufsichtsrat erklärte Nummer eins, und auch der Vorstand soll mit dieser Lösung einverstanden sein. Wie die Kooperation Hoogma/Urs Siegenthaler aussehen kann/wird, soll in den kommenden Tagen ebenso geklärt werden wie der Kompetenzbereich. Auch wenn einige von Euch jetzt möglicherweise wieder einen Krisenförderer Matz an dieser Stelle sehen, sage ich es mal so, wie ich es denke und fühle: Wird Hoogma zum Vorstand Sport gekürt, bleibt dem DFB-Spion Siegenthaler „nur“ die Chefscout- und Sichterrolle. Ich kann mir sogar vorstellen, dass er nach all dem Tohuwabohu der vergangenen Tage und Wochen dann noch seinen Rückzug erklären wird. Und wenn es so kommen sollte, ist es auch nicht mehr schlimm, finde ich jedenfalls. Mein Bauchgefühl geht in diese Richtung. Darum fragt mich bitte nicht nach Quellen.

Keine Sorge, es handelt sich heute keinesfalls um Bauchschmerzen. Ich fand es sehr informativ und mitunter auch amüsant, Eure Kommentare zur aktuellen Lage zu schreiben – die Reinstell- und Freigabeproblematik mal ausgenommen. Frankino hat eine Frage aufgeworfen, die auch mir zuletzt auf den Nägeln brannte: Wer entscheidet eigentlich was und wann? Die Antworten liegen auf der Hand: 1. Der Aufsichtsrat bestimmt den Sportchef für den Vorstand. 2. Der Vorstand bestimmt den Trainer.
Was das heißt, liegt auf der Hand: 1. Es wird keinen Trainer geben, bevor der Sportchef nicht installiert wurde. Und da das aus terminlichen Gründen erst nach Pfingsten komplett über die Bühne gehen kann – auch wenn sich derweil viele Verantwortliche um eine schnellere Lösung bemühen -, werden wir den neuen Coach wohl auch erst in der letzten Mai-Woche erfahren. Um wen es sich dabei handelt, steht noch weitgehend in den Sternen.

Meine letzten Infos zur Trainersuche besagen, dass es unabhängig vom Sportchef einen Kandidatenkreis von maximal drei Coaches gab, die im Vorstand favorisiert wurden. Bleibt zu hoffen, dass Hoogma mit einem dieser Kandidaten bereits vertraut gemacht wurde und auch ein positives Bild von ihm hätte. Denn ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen, als im WM-Monat Juni tagtäglich zu bibbern und zu hoffen, dass der HSV endlich einen neuen Coach präsentiert. Ganz abgesehen von den ganzen Personalfragen, die dann natürlich auch unbeantwortet blieben.

Es wird höchste Zeit für eine Menge Antworten. Und damit Ihr mir nicht immer vorwerft, ich würde nur die Diskussionen anheizen ohne Farbe zu bekennen. Ich hielte Hoogma als Sportdirektor für eine vernünftige Lösung. Vernünftig? Ich sehe die Wort-auf-die-Goldwaagenleger schön schmunzeln. Ja, aber vernünftig ist meines Erachtens das richtige Wort. Ob er eine gute Lösung ist, weiß man eh erst nach einer gewissen Amtszeit. Aber das Profil des Holländers passt. Er hat Führungsqualitäten (schon als Spieler gehabt), er hat im Managementbereich Erfahrungen sammeln können und ist mit Sicherheit keine „Marionette“, wie sie viele Hoffmann-Kritiker auf dieser Position befürchtet hatten/haben. Hoogma hat Profil und ist ein Vollprofi. Ob die Ehrendivision in den Niederlanden nun eine zweitklassige Liga ist oder nicht, spielt da meines Erachtens gar keine Rolle. Denn wenn man die Bewertungen vieler Experten über Stuttgarts Trainer Christian Gross liest, spielt es ja auch keine Rolle, dass er aus einer vermeintlich zweitklassigen Liga (Schweiz) in die Bundesliga gekommen und hier durchgestartet ist.

Vor allem hat Hoogma im Gegensatz zu Siegenthaler in der aktuellen Lage aber einen Vorteil: Er hätte Zeit, die wichtigen Zukunftsfragen des HSV sofort zu klären. Das hätte der Schweizer alleine aus WM-Gründen nicht. Sollte er sich entgegen meines Bauchgefühls trotzdem um die mittel- und langfristige Kaderplanung bemühen können, indem er Supertalente nach Hamburg lockt und sie auf die erste Mannschaft vorbereitet, würde ich mich verneigen. Es wird wirklich allerhöchste Zeit, dass mal wieder ein eigener Nachwuchsspieler den Weg ganz nach oben packt. Ich kann einfach nicht glauben, dass nur bei den Bayern, auf Schalke und in Stuttgart Jungspunde rumlaufen, die erstligatauglich sind.

17:50 Uhr