Tagesarchiv für den 16. Mai 2010

Dauerthema Trochowski

16. Mai 2010

Manchmal wundere ich mich ja doch noch. Da habe ich in meinem gestrigen Beitrag extra Abstand von der „Totengräberstimmung“ genommen und versucht, das Positive aus den verkorksten letzten Wochen zu ziehen und nicht mehr auf den vielen Fehlern, Versäumnissen und so weiter herumzureiten, und ausgerechnet nach solchen Kommentaren wird mir unterstellt, ich unterstütze die Krise auch noch. Nun gut, jeder darf seine Meinung haben und sie auch kundtun, aber da haben ein paar User meine Beiträge wohl missverstanden oder nur bruchstückhaft gelesen. Egal.

Ich fand es dafür umso interessanter, die vielen Bemerkungen und Lösungsvorschläge für die Angriffsgestaltung zu lesen. Letztlich lief es bei den meisten von Euch unabhängig von Ruud van Nistelrooy und Mladen Petric und Paolo Guerrero auf eine Diskussion mit der Kernfrage hinaus: Marcus Berg oder Eric Maxim Choupo-Moting abgeben? Ich gebe zu, dass die Betrachtung und die Bewertung dieser beiden Stürmer unheimlich schwer ist, weil sie natürlich auch vom Vorwissen geprägt ist. Berg, der Zehn-Millionen-Mann, hat – über die gesamte Saison betrachtet – enttäuscht und sich trotz des langfristigen Ausfalls von Guerrero nie nachhaltig für einen Platz im Stammsturm empfehlen können. Dass er von den Scouts des HSV vor seiner Verpflichtung mehr als 20 Mal (!) beobachtet worden war, ohne Kaufempfehlung für die besagte Summe, habe ich dabei längst versucht zu verdrängen. Choupo-Moting hat das Problem wie fast alle Talente, die aus dem eigenen Stall kommen. Er genießt zu wenig Vertrauen. Daher könnte es ihm ganz gut tun, wenn er jetzt im Sommer unter einem neuen Sportchef und unter einem neuen Trainer zurückkehrt und dann ja von den neuen Verantwortlichen wie ein Neuzugang betrachtet wird.

Natürlich wird alles davon abhängen, wie der Angriff sonst besetzt sein wird. Ich sehe es ähnlich wie einige von Euch: Um den eigenen Ansprüchen in der Liga gerecht werden zu können, wird der HSV vier Stürmer brauchen. Es können aber auch drei gestandene plus Jonathan Pitroipa sein. Das hängt ja alles von der Spielphilosophie des neuen Taktgebers und von den personellen Einschätzungen ab. Ein Beispiel: Ich glaube nicht, dass ein Trainer im Falle eines Verkaufs von Mladen Petric mit van Nistelrooy, Guerrero und beispielsweise Berg in die Saison gehen würde, weil es dann mit dem Niederländer und dem Peruaner zwei unkalkulierbare Risikofaktoren geben würde. Denn wer kann jetzt schon mit Sicherheit sagen, wie lange Guerreros Knie hält? Und van Nistelrooy mag ich in seinem Alter und aufgrund seiner Verletzungsvorgeschichte auch nicht zutrauen, dass er fest für 25-34 Ligaspiele plus Pokal eingeplant werden kann.

Nun aber wie versprochen zum Mittelfeld, das die meisten, nein, fast alle von Euch ja als Problemzone auserkoren haben. Das Herzstück des HSV-Spiels braucht meines Erachtens zwar keine Runderneuerung, aber eine Neusortierung wäre doch sinnvoll. Stand heute und ungeachtet der Besetzung des Trainer- und Sportdirektorenpostens gehe ich fest von einem Abschied Zé Robertos aus und hoffe, dass der Rest des Kaders (zumindest die Stammformation) erhalten bleibt. Ob Mickael Tavares als Rückkehrer aus Nürnberg ernsthafte Chancen hat, in Hamburg spielen zu können, bezweifle ich. Nicht wegen seines Potenzials, das durchaus vorhanden ist und das man zu Beginn seiner Vertragszeit beim HSV im Training auch sehen konnte, aber mit seiner Reservistenrolle ist er schlecht klargekommen. Da passt der Vergleich mit Tomas Rincon. Während der Venezolaner ohne auch nur den Hauch einer echten Chance fast genau ein Jahr lang ackerte und rackerte, im Training fast nie den Kopf hängen ließ und auf seine Einsatzmöglichkeit lauerte, ließ Tavares viel zu schnell den Kopf hängen und fiel dermaßen deutlich in den Trainingseinheiten ab, dass er nicht fürs zweite Glied zu taugen scheint. Und ob er die Qualität für eine Stammelf hat (in einem nach wie vor gut besetzten HSV-Team), wage ich dann doch zu bezweifeln.

Ich stelle jetzt mal eine These auf, die einige von Euch sicherlich zum Kopfschütteln und Meckern animieren wird, die aber nicht völlig aus der Luft gegriffen ist: Der HSV braucht einen 1-A-Rechtsverteidiger, einen 1-A-Innenverteidiger und ein Talent mit Geduld für die Linksverteidigerposition. Links hinten, warum denn das, werdet Ihr jetzt denken. Ich sage es Euch: Sollte sich das tatsächlich vorhandene Interesse des AC Mailand für Dennis Aogo weiter verstärken und der Neu-Nationalspieler nach Italien gehen (aus wirtschaftlichen Gründen vielleicht sogar empfehlenswert), könnte Marcell Jansen in die Verteidigungsreihe zurückkehren und Eljero „Motzki“ Elia den von ihm geliebten Part davor einnehmen. Da Jansen aber alles andere als beständig ist, was seinen körperlichen Zustand betrifft, müsste da ein konkurrenzfähiges Talent als Ersatz aufgebaut werden.

Ob in diesem Konstrukt ein Platz für den Lauterer Überflieger Sydney Sam ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Sicherlich könnte er als Allrounder links und rechts mit einspringen. Aber eines ist auch klar: Zwischen Zweitligaspitze und angestrebter Erstligaspitze liegen nicht nur 15 Ligapositionen, sondern auch erhebliche Qualitätsdifferenzen. Trotzdem könnte Sam eine positive Überraschung werden, wenn er (ähnlich wie vorhin bei Choupo beschrieben) als „Neuzugang“ zum Team stößt.

Was bleibt, ist das Dauerthema Piotr Trochowski. Ich möchte an dieser Stelle noch ein letztes Mal beschreiben, wie ich den Nationalspieler sehe. Erstens: Ich halte ihn mit seiner Schusstechnik, seinen Dribblings, seinen „Haken“ und seiner Handlungsgeschwindigkeit für absolutes Bundesliga-Spitzenniveau. Zweitens: Ihm fehlt es an Konstanz bei seinen Auftritten, an gutem Defensivverhalten und an einem stimmigen Verhältnis zwischen verbaler Präsenz nach Partien und Leistungen, durch die er als DFB-A-Nationalspieler DEN Unterschied ausmacht. Drittens, und das darf bei „Troche“ nicht außer Acht gelassen werden, empfinde ich die Bewertung seiner Person von den meisten Beobachtern (gelegentlich auch von mir) als unangemessen. Trochowski will am liebsten zentral spielen, er soll Führungsfigur sein, das Offensivspiel des HSV lenken – dabei bringt er für diese Regierolle gar nicht die notwendigen fußballerischen und mentalen Fähigkeiten mit. Für mich ist er kein Leadertyp, er ist ein außergewöhnlich guter „Mitläufer“. Das klingt despektierlich, ist es aber ganz und gar nicht. Ich würde mich sehr freuen, wenn Trochowski beim HSV bleibt, weil er ein herausragender Mittelfeldspieler sein kann. Aber ihm darf nicht die Rolle zugedacht sein, das alleinige Herzstück zu sein.

So, das war es erst einmal von mir. Ich denke, es liegt eine spannende Woche vor uns – mit mindestens einer richtungweisenden Personalentscheidung.

Nachtrag: In Sachen Sportdirektor und Trainergab/gibt es (Stand jetzt) noch keine Entscheidung, sonst hätte ich sie natürlich längst mitgeteilt. Ich gehe aber weiterhin von Hoogma als Sportchef aus.

15:05 Uhr