Tagesarchiv für den 15. Mai 2010

Chance zur Gesundung

15. Mai 2010

Mann, war das ein Sonnabend. Ich habe viele, fast alle Beiträge zu den Themen Guerrero, Aufsichtsrat und Vorstand gelesen und dabei sehr viel Sinnvolles gefunden, bei dem ich einfach nur Nicken konnte. Die inhaltsstärkste Diskussion unter den Matz-abbern hat wohl der Beitrag zum „Selbstverschulden“ der aktuellen Führungskrise ausgelöst. Ich muss Euch an dieser Stelle mal etwas sagen: Das gefällt mir. Denn das zeigt mir, dass einige, wahrscheinlich sogar viele HSV-Fans nicht nur kritisieren, meckern und anklagen können, sondern auch bereit sind mitzuwirken – und sei es nur durch wichtige Wahlen bei Mitgliederversammlungen.

Da mir ja in den vergangenen Tagen schon unterstellt wurde, ich würde ähnlich wie fast alle anderen Medien die Krise nur noch schlimmer machen, weil ich den Finger in die Wunden lege und keine Lösungsvorschläge präsentiere, möchte ich an dieser Stelle mal sagen, dass ich in dieser Krise des HSV auch eine große Chance sehe: die Möglichkeit zur internen Gesundung.

Einige Fans und Experten und wahrscheinlich auch einige Mitarbeiter des HSV glauben ja, dass ein Abgang Bernd Hoffmanns der einzig richtige Schritt wäre, um einen Neuanfang zu starten. Lustig, beim Wort „Schritt“ habe ich mich im ersten Moment zweimal vertippt und „Schrott“ geschrieben. Das ist es aber auch, was ich von so einem Ansatz halte. Bernd Hoffmann hat in seiner Führungsarbeit mit Sicherheit den einen oder anderen Fehler gemacht. Der größte war es mit Sicherheit, dass er auf die aus meiner Sicht vor Jahren noch herrschende Balance im Vorstand (er und Katja Kraus auf der einen, Dietmar Beiersdorfer und Christian Reichert auf der anderen Seite) mit zunehmender Zeitdauer immer weniger Wert gelegt hat. Nein, ich möchte noch deutlicher werden. Ich glaube sogar, er hat den Stellenwert dieser Balance für interne und externe Wirkungen keineswegs geschätzt.

Egal. Abgehakt. Die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen und daher müssen die Verantwortlichen, die Aufsichtsräte und auch die Mitglieder nun das Beste aus der neuen Situation machen. Dass die Kontrolleure viel zu lange stillschweigend ihren Auftrag vernachlässigt haben und nun in Aktionismus verfallen, wird eh erst auf der nächsten Jahreshauptversammlung für eine Quittung sorgen. Aber seien wir doch mal ehrlich: Sollte der HSV zum Zeitpunkt der Mitgliederversammlung auf Rang 1-3 in der Bundesliga rangieren, wird das jetzt noch „drohende Gewitter“ zu maximal ein bis fünf kritischen Wortbeiträgen führen. Verantwortliche geloben Besserung, die meisten Mitglieder halten sich zum Wohle ihres Vereins zurück. Und wenn dann noch einer „Nur der HSV“ ins Mikrofon sagt, liegen sich alle in den Armen.

Zurück zur Chance für eine bessere Zukunft, die ich wirklich sehe. In Anbetracht der Tatsache, dass jetzt die meisten Amtsinhaber wissen, wo die Ursachen für die Misere liegen und auch der Vorstand sich dieser Umstände bewusst ist – besonders Katja Kraus legt viel Wert darauf, sich und ihre Umgebung zu reflektieren und gegebenenfalls auch unpopuläre Schlüsse daraus zu ziehen -, werte ich beispielsweise die jüngste Entwicklung im Fall Urs Siegenthaler als ersten Schritt in die richtige Richtung. Dass einige Räte und auch im Vorstand hin und wieder der Wort „Sauhaufen“ in Bezug auf die Mannschaft und die Verhaltensweisen einzelner Spieler gefallen sein soll, spricht auch dafür. Diesbezüglich waren und sind sich Vorstand und der Ex-Trainer Bruno Labbadia übrigens stets einig gewesen: Das Team saß am längeren Hebel, die sportlich Verantwortlichen hatten null Handhabe. Hätten sich Hoffmann und Co. für Labbadia entschieden und ihm den Rücken komplett gestärkt, hätte es noch vorm Saisonfinale eine Reihe von Profi-Verbannungen gegeben – und zwar rigoroser Natur. Das war den Bossen dann aber doch etwas zu riskant, auch wenn ihnen die Kommentare und politischen Spielchen einiger Spieler ziemlich auf die Nerven gingen.

Der „neue HSV“, der sich ab Juni mit einer neu zusammengestellten Mannschaft auf die nächste Serie vorbereiten wird, dürfte dieses Mentalitäts- oder Charakter- oder Verhaltensproblem nicht mehr aufweisen. Nein, ich behaupte sogar: Er wird es nicht mehr aufweisen, weil die Konsequenzen deutlicher denn je ausfallen werden. Wer die internen Regeln verletzt, die deutlich formuliert sein werden, den erwarten empfindliche Geldstrafen und – im Gegensatz zu dieser abgelaufenen Spielzeit – Zuschauerrollen.

Bleibt die spannende Frage, wie sich die neue Mannschaft personell zusammensetzen kann und wird. Ich teile die Auffassung, dass der HSV nicht mit der Champions-League-ausgerichteten Sturmbesetzung van Nistelrooy/Guerrero/Petric/Berg in die Zwei-Hochzeiten-Serie gehen wird. Da „van the man“ gesetzt sein dürfte und auch von seiner Art her zum gesetzten Führungskreis der Kicker zählt, bleiben die drei anderen als potenzielle Abschiedskandidaten. Ich weiß, dass die meisten von Euch (mich eingeschlossen) Berg als den schwächsten Bestandteil des Offensivbereichs im Kader betrachten und ihn lieber heute als morgen per Transfer gen Wohinauchimmer verabschieden würden. Aber gerade bei ihm spielt auch die wirtschaftliche Betrachtung eine erhebliche Rolle. Der junge Schwede hat zehn Millionen Euro gekostet und hat derzeit einen Marktwert, der deutlich unter der Hälfte dieser Summe liegt. Daher könnte es sein, dass er zwar international angeboten wird – aber nicht verramscht werden soll. Bei Mladen Petric sieht es etwas anders aus. Für den Kroaten dürfte es einige Interessenten mehr geben, und ich warte eigentlich fast täglich auf eine Nachricht aus Wolfsburg, dass dort einer der Superstürmer den Abflug macht und der Hamburger Stürmer dann dort einen Vertrag unterzeichnet. Die Personalie Guerrero ist ja eh ein Dauerthema. Doch selbst wenn Berg oder Petric, vielleicht sogar beide gehen sollten, halte ich es nicht für völlig unmöglich, dass auch der Peruaner keinen neuen Vertrag erhält – aus den zuletzt mehrfach angesprochenen Gründen.

Ich weiß, dass Eric Maxim Choupo-Moting und vor allem sein Vater die Situation in Hamburg mit Adleraugen verfolgen. Noch mehr, seitdem Choupo für Kameruns vorläufigen WM-Kader nominiert wurde. Wisst Ihr noch, wie wir alle den Kopf geschüttelt haben, als er nach Nürnberg verliehen war und hier in Hamburg plötzlich das Sturm-Lazarett prall gefüllt war, so dass er mit Sicherheit zum Stammpersonal gezählt hätte? Sollten der neue Sportchef und der neue Trainer viel von ihm halten, könnte er einen zweiten Anlauf starten und hätte meines Erachtens sogar mehr Chancen auf einen wichtige Rolle als auf einen Ergänzungsspielerstatus. Ich habe ihn jedenfalls nicht abgeschrieben, weil ich ihn technisch für wirklich begabt halte und auch aus DFB-Kreisen verstärkt gehört habe, dass er in der Bundesliga noch einen echten Durchbruch schaffen könnte.

So, heute möchte ich mich einmal etwas kürzer fassen. Nicht aus Mangel an Themen – mit der Neugestaltung des Mittelfeldes befasse ich mich morgen -, sondern weil ich keine Lust mehr auf den Krisen-Kreislauf habe. Dass Elia jetzt tatsächlich noch einmal aus der Ferne kleine Giftpfeile gen Hansestadt geschossen hat, wusste ich gestern wirklich noch nicht, bestätigt aber meine Einschätzung. Nur freuen kann ich mich darüber nicht. Jetzt irgendwann sollte Schluss sein mit Nachkarten und Schuldzuweisungen. Der HSV hat Sommerpause und die Chance zur Gesundung. Gute Besserung!

18:52 Uhr