Tagesarchiv für den 14. Mai 2010

Das Image leidet unentwegt

14. Mai 2010

Ist es nicht irgendwie verhext, in diesen Wochen Begleiter, Fan oder Sympathisant des HSV zu sein? Sobald einer anfängt über unsere Rothosen zu sprechen, wenn es denn tatsächlich einer wagt, drehen mindestens zwei Zuhörer sich ab oder schütteln mit dem Kopf oder seufzen oder winken ab. Ich habe mal die Probe gemacht und mich über die Stadtgrenzen hinaus bei einigen Erst- und Zweitligafunktionären und –Trainern und –Managern nach dem HSV umzuhören. Soll ich Euch was sagen? Da erntet man ähnliche Kommentare und Reaktionen. Dem HSV wird dieser Tage viel Mitleid und Unmut entgegengebracht. Und es gibt nicht wenige aus der Fußballbranche, die so recht kein Ende der Misere sehen wollen. „Welcher starke Trainer würde denn jetzt zum HSV kommen?“, fragten einige. „Und welche potentielle Führungskraft aus dem Managementsektor tut sich diesen HSV an, da gibt’s doch nichts zu gewinnen“, hörte ich von anderen.

Der Ruf des HSV hat mächtig gelitten. Und der von Bernd Hoffmann als Klubchef auch. Dazu passt die jüngste Debatte um die Verlängerung des Vertrages von Paolo Guerrero. Viele von Euch haben es vielleicht schon gelesen. Ich kürze das Szenario nach meinem Kenntnisstand mal ab: Guerreros Vertrag läuft aus. Der Verein wollte ihn erst eigentlich nicht halten, vor allem nach dem Trinkflaschenwurf. Mangels gleichwertiger oder besserer sportlicher Alternativen (Stürmer seiner Klasse kosten sehr viel Geld…) entschied sich der Vorstand in Person von Hoffmann und Katja Kraus dann aber doch, die Vertragsverhandlungen aufzunehmen. Ergebnis: Die Vereinsführung einigte sich mit Guerreros Beratern auf einen neuen Dreijahresvertrag. Drei Jahre – als ich das hörte, musste ich kurz schlucken, denn wenn ich mich recht erinnere, hat er sich doch vor einem halben Jahr das hintere Kreuzband gerissen und sollte sinnvollerweise lieber einen kürzeren Kontrakt unterzeichnen. Aber das ist ein anderes Thema. Nun haben sich Vorstand und Profi also über einen neuen Vertrag geeinigt. Und was passiert dann? Ratet mal: Der Aufsichtsrat funkt dazwischen. Weil einige (mehrere) Kontrolleure ein Zeichen setzen wollten, dass sie nicht jede Vorstandsentscheidung widerspruchslos hinnehmen, weil sie sich an die nun geltende Maxime – Spieler werden stärker nach ihrem Charakter beurteilt – erinnerten und da eine große Lücke sehen zwischen Anspruch („saubere Profis“) und Wirklichkeit (Guerreros Flugangst-Storys und sein Flaschenwurf). Im Klartext: Das Kontrollgremium genehmigte den Deal nicht. Hoffmann sauer, Guerrero sauer, Räte auch sauer. Das Thema wurde vertagt.

Ich kann Euch sogar sagen, bis wann. Bis zur Verpflichtung des neuen Sportvorstandes. Sollte es Hoogma(nn) werden, darf er gleich diese heikle Thematik behandeln. Jeder andere natürlich auch. Ein guter Freund aus dem Westen sagte zu mir: „Um den HSV wieder in ruhigeres Fahrwasser zu lenken, braucht man keinen guten Kapitän, man braucht gleich ein ganzes Schlepperballett dazu, um den Kahn auch in einer fixen Position zu halten.“

Ich sehe das ähnlich. Und ich bin interessiert, wie Ihr die Guerrero-Thematik seht. Ist der Flaschenwurf vergessen oder zumindest überstanden, so dass der Peruaner in Hamburg bleiben könnte? Oder sollte man ihn als Zeichen der Missbilligung nicht mehr beim HSV weiter beschäftigen?

Ich bin auch jetzt schon neugierig, wie Ihr weiterhin die Rolle des von mir zuletzt deftiger kritisierten Aufsichtsrates seht. Die Herren Kontrolleure wurden ja einst (auch von mir) zum großen Teil als „Hoffmanns treue Gefolgschaft“ bezeichnet. Meine jüngsten Infos besagen, dass das Verhältnis der Räte zum Vereinsoberhaupt an einigen Stellen ziemlich erkaltet sein soll. Da ist von Sticheleien und kritischen Untertönen auf vielen Ebenen die Rede. Ich habe da meine ganz eigene Theorie: Einigen der honorigen Hamburger, die sich besonders nach Siegen so gerne in den VIP-Räumen sehen ließen, wird das Thema HSV-Führungskrise langsam etwas zu brenzlig. Und in diesem Fall gilt das altbekannte und von mir nicht sonderlich geschätzte Wirtschaftsmotto: Jeder ist sich selbst der Nächste. Damit ihr persönliches Image nicht noch mehr leidet als zuletzt, beschreiten einige der Herren neue Wege – und dabei vergessen sie auch ihre Hoffmann-Treueschwüre.

Ich weiß, ich weiß, das klingt jetzt hochdramatisch und aufgeplustert. Es ist nach all meinen Erkundungen aber näher an der Wahrheit, als ich es selbst für möglich gehalten hätte. Ich sage es jetzt mal so: Gegen den HSV im aktuellen Zustand ist die Elbphilharmonie ein Baustellchen.

So wie ich Bernd Hoffmann kenne, wird er in diesen Tagen gemeinsam mit seinen Mitstreitern (und das sind nicht mehr geworden, sondern eher weniger) alles daran setzen, lösungsorientiert zu arbeiten. Und in diesem Punkt stehe ich voll und ganz hinter ihm. Wenn er dem HSV ein neues Gesicht verpassen will (was dieser nötig hat), mit dem man lächelnd und optimistisch in die nächste Saison gehen will, dann werden Lösungen mehr denn je benötigt. Und zwar in folgender Reihenfolge: Sportchef – Trainer – Mannschaft – Umfeld (dazu zählt auch der Aufsichtsrat).

Ich gehe fest davon aus, dass mit der Erledigung der ersten beiden Punkte auch endlich der öffentliche und ebenfalls imageschädigende Aufschrei einiger aktueller Profis enden wird, was den Zustand beim HSV, die abgeschlossene Saison und all die Verfehlungen betrifft. Joris Mathijsens jüngste Kritikwelle über eine holländische Zeitung kam für mich nicht sonderlich überraschend. Allerdings hätte ich es besser gefunden, wenn sich „Matjes“ noch ein letztes Mal auf die Zunge gebissen hätte anstatt öffentlich mit einem möglichen Abschied zu kokettieren.

Denn eines ist ja auch klar: Mathijsen ist mit untergegangen. Er ist aus meiner Sicht einer der Führungsspieler dieses HSV und hat es ebenso wie seine Kollegen nicht geschafft, den negativen Einflüssen (Trainerseite, öffentliche Schelten etc.) entgegenzuwirken. Hinzu kommt, dass er in der letzten Halbserie die aus meiner Sicht schwächsten Partien überhaupt im Trikot mit der Raute absolviert hat. So lange Vorstand und Aufsichtsrat keine neuen sportlichen Führungsfiguren für den Trainer- und für den Vorstandsjob präsentieren, werden diese für Externe unterhaltsamen und für HSV-Insider zum Teil auch schmerzlichen Kommentare aus dem Team und möglicherweise auch aus dem Verantwortlichen-Bereich kein Ende finden. Ich warte eigentlich nur noch auf Beiträge von Jerome Boateng, David Rozehnal, Eljero Elia oder auch Zé Roberto.

Alle, und da schließe ich mich ein, wollen und müssen jetzt wissen, wie es personell und strategisch weitergeht in Hamburg. Bernd Hoffmann ist zwar nach wie vor bemächtigt, Antworten zu liefern und den Weg vorzugeben. Aber ist nicht mehr so mächtig, dass ihn die Aufsichtsräte nach Belieben schalten und walten lassen. Irgendwie auch ziemlich verhext, diese Situation.

17:25 Uhr