Tagesarchiv für den 13. Mai 2010

Die Zeugnisse – Teil vier

13. Mai 2010

Stand jetzt gehe ich davon aus, dass der HSV in der kommenden Woche einen neuen Sportchef vorstellen wird. Alles spricht für Nico Hoogma, den die Herren Aufsichtsräte von Heracles Almelo loseisen wollen. Der ehemalige HSV-Kapitän ist ein großartiger Sportsmann, er ist gradlinig, ein feiner Mensch, er genießt in und um Hamburg herum einen erstklassigen Ruf – und genau deswegen passt er nun bestens zum HSV. Klar, die Herren brauchen doch jetzt ein Erfolgserlebnis, um die Negativ-Schlagzeilen zu stoppen, und das passt ein Held wie Hoogma bestens ins Beuteschema der Räte. Dann man los.

Übrigens: Eben hatte ich mich vertippt. Ihr hattet es nicht mitbekommen, aber ich habe gelacht. Stand dort doch der Name Hoogman. Besser wäre es noch gewesen, wenn ich Hoogmann geschrieben hätte – erinnert mich fatal an Kurt Jara. Der ehemalige HSV-Trainer kam am 8. Oktober 2001 als Nachfolger von Frank Pagelsdorf (okay, ein paar Tage auch noch Holger Hieronymus) nach Hamburg und glänzte mit erschreckendem Wissen, denn: Jara sprach nicht nur am ersten Tag von seinem „Kapitän Hoogmann“, sondern auch noch Wochen danach. Fand ich höchst peinlich, finde es immer noch höchst peinlich, es gab davor oder danach auch kaum etwas Vergleichbares. Mal abgesehen davon, dass sich Kurt Jara auch mal in einer Pressekonferenz über seinen Co-Trainer „Armin Reutershagen“ geäußert hatte – kann ja mal passieren. Dürfte aber eigentlich trotz allem nicht. Ist jedoch schon vergessen. Es gibt Wichtigeres.

Bevor ich zu den letzten Zeugnissen komme, schnell noch ein Anekdötchen in Sachen Torhütern. Ich wurde in den letzten Tagen oft gefragt, wen ich denn ins Tor der Nationalmannschaft stellen würde? Wiese oder Neuer? Da erinnerte ich meine Gesprächspartner stets an die Saison 1997/98. Damals standen HSV-Trainer Frank Pagelsdorf drei Torhüter zur Verfügung: Richard Golz, der aus Südkorea geholte Sascha Ilic (kam vom Klub Daewoo Soccer) und Jörg Butt, den Felix Magath noch vom damaligen Manager Bernd Wehmeyer beobachten und dann vom VfB Oldenburg holen ließ. Butt, der beim Zweitiga-Klub VfB kein Stammkeeper war, hatte keiner auf dem Zettel. In den Testspielen vor der Saison spielten Golz, Ilic und Butt in bunter Reihenfolge. Dann der Hammer: Am 26.Juli fand im Volkspark das Ui-Cup-Halbfinale gegen den SC Bastia statt. Die Medienwelt war sich einig: Zu diesem Spiel müsste Pagelsdorf in Sachen Nummer eins endlich Farbe bekenne: Golz oder Ilic? Und wer spielte? Genau: Butt. So kann es auch gehen. Wobei ich diesmal, da bin ich ehrlich, nicht dran glaube, dass Butt an Wiese und Neuer vorbeipreschen wird.

So, zu den letzten HSV-Zeugnissen der verkorksten Saison 2009/10.
Zuerst die Trainer:

Bruno Labbadia: Note fünf.
Ich, inzwischen längst als Wendehals geoutet, bekannt und geschätzt, schreibe mir jetzt die Wahrheit von der geschundenen Seele: Ich war skeptisch, als Labbadia verpflichtet wurde, denn die Kollegen aus Leverkusen berichteten mir in jenen Tagen nicht viel Gutes über den künftigen HSV-Trainer. Da der Vorstand um Bernd Hoffmann aber sogar eine Ablöse an Bayer gezahlt hatte, tröstetet ich mich damit: Es wird schon passen, die Sache mit dem Bruno, der HSV hat sich erkundigt und ihn auch beobachten lassen. Es muss ganz einfach klappen.
Und es klappte dann ja auch bestens. Ich lobte Labbadia, weil der ein gutes Training machte, weil er unheimlich viel mit den Spielern sprach, oft korrigierte. Und er ließ Dinge, die zuvor in einem Spiel nicht optimal funktioniert hatten, gleich danach im Training üben, damit sich die Fehler nicht wiederholen. Gute Sache, hatte ich so zuvor noch von keinem anderen HSV-Trainer gesehen.
Dann kam der Herbst, es kamen die vielen Verletzte – und Labbadia wich von seiner Linie ab, er wirkte ein wenig verunsichert, ich hatte auch den Eindruck, dass sein Selbstbewusstsein statt bei 100 Prozent nur um die 60 Prozent hatte. Irgendwie litt Bruno Labbadia auch immer ein wenig unter “Verfolgungswahn“. Dinge, die ihm in den Zeitungen zu negativ dargestellt wurden, die aber eigentlich total harmlos waren, stellte er stets – völlig humorlos – richtig. Seine Begründung: „Das lief damals in Leverkusen genau so, und es war der Anfang vom Ende für mich. Deswegen will ich das gar nicht erst einreißen lassen.“ Okay.
Der HSV spielte trotz der vielen Verletzten eine hervorragende Hinrunde, hatte sogar den besten Saisonstart der Vereinsgeschichte hingelegt. Und dennoch lief es nicht mehr rund. Das Training wurde in meinen Augen eintönig – aber niemand von den Spielern meckerte. Also alles normal? Der eine Trainer hat seine Methode, ein anderer Coach eben eine andere. So lange der Erfolg da ist, so lange gibt es kaum etwa zu kritisieren. Und in der Winterpause stand der HSV ja noch in Sichtweite zur Spitze.
Was Labbadia wohl unterschätzt hat, ich eventuell auch, was die Distanz zu den Spielern. Es gab nie eine Einheit Mannschaft/Trainer. In keiner Phase der Saison. Das wurde mir von vielen Spielern bestätigt. Es gab kaum Einzelgespräche auf dem Platz, ich habe es nicht einmal gesehen, dass Labbadia seinen Arm auf die Schulter eines seiner Spieler gelegt hätte – nicht einmal. Oft habe ich bei dieser Distanz so bei mir gedacht: Der Coach könnte seinen Jungs, die nicht seine waren, eigentlich ein Trainingslehrbuch mit auf den Platz geben, mit der klaren Anweisung: „Heute trainiert ihr die Seiten 238 bis 249. Und wenn ihr dann fertig seid, könnt ihr in die Kabine.“ Es war keine Herzlichkeit da, es war immer nur frostig, eine total unpersönliche Atmosphäre.
Und das Training wurde noch einen Tick schlechter. Kiebitze und Fans standen draußen, bei teilweise minus zehn Grad, und die Spieler standen zu oft. Sie froren, während Labbadia seine Vorträge hielt. Aber, was ich den Spielern ankreide: Sie sagten es uns, dass sie unzufrieden seien, sie beschwerten sich nicht, sie fanden es nur gut, dass wir draußen das genauso sehen würden, wie sie auf dem Platz. Aus der Sport Bild habe ich erfahren, dass die Mannschaft sehr wohl mit dem Trainer über den „Standfußball“ bei Minusgraden gesprochen hat, aber es wurde nicht besser. Labbadia schaltete für mich auf stur, er war beratungsresistent – und zwar total.
Am 6. März schrieb, ich komme immer wieder darauf zurück (und Ihr könnt es im Blog zu jeder Zeit nachlesen), unser „Matz-abber“ Benno Hafas in der Art: „Dieter, wann trainiert die Mannschaft eigentlich mal Kondition? Laufen die nachts durch den Volkspark? Laufen sie heimlich, wenn keiner der Fans zusehen kann? Das ist doch zu wenig, was dort gemacht wird.“
Zu der Zeit hatte sich der Trainer schon mit vielen „Häuptlingen“ in der Mannschaft angelegt. Dazu hatten verschiedenste Aktionen geführt. Das Verhältnis Mannschaft/Trainer wurde immer angespannter, auch immer distanzierter. Wenn Bernd Hoffmann ganz langsam darauf hingewiesen wurde, dass da doch etwas nicht stimmen könne, antwortete er immer stereotyp: „Wir können immer noch die beste und erfolgreichste Saison seit 1983 spielen.“ Ja, das war zu jener Zeit nicht von der Hand zu weisen. Was hätten wohl Journalisten von ihren Lesern gehört, wenn sie zuvor alles in Grund und Boden geschrieben hätten – und der HSV wäre Gewinner der Europa League geworden und hätte zudem noch Platz sechs (mindestens) eingenommen? Der Beruf des Journalisten wäre doch von denen, die jetzt jammern, wir alle hätten viel zu spät oder gar nicht reagiert, noch mehr verdammt und durch den Schmutz gezogen worden. Motto: Die Sensationsschreiberlinge müssen doch immer nur alles schlecht sehen, sonst sind sie nicht zufrieden . . .
Der HSV steht aber nach dieser Saison mit total leeren Händen da. Danke für nichts. Ich kann aber nicht erkennen, dass ich oder das auch meine Kollegen die Schuld daran tragen, denn: Der Verein hätte handeln müssen. Und die Mannschaft auch. Die Spieler hätten zum Vorstand gehen müssen, um über diese Missstände zu berichten. Und der Vorstand, vielleicht auch der Aufsichtsrat, hätte sich mindestens ein paar Mal im Monat beim immer schlechter werdenden (ich schrieb es bereits) Training sehen lassen. Aber: null! Entweder war ich beim Training, oder es war mein Kollege Christian Pletz da. Vom Vorstand habe ich nie jemanden gesehen, von den zwölf Räten auch nichts. Und wenn der Aufsichtsrat nun sagen würde, dass sei ja „operatives Geschäft“, so würde mein Hals blitzschnell wieder auf das Doppelte (mindestens) anschwellen, denn: Wenn ich als Rat sehe, dass der Verein abstürzt, dann mache ich mir Gedanken, woran das liegen könnte. Und dann erkundige ich mich (auch bei dem einen oder anderen Journalisten), oder ich lasse mich mal beim Training sehen. Aber: Dazu gehört natürlich auch, dass man als Rat erkennt, was da im Training passiert – beziehungsweise nicht passiert. In diesem Punkt haben alle versagt, restlos.
Und zum Abschluss noch einmal zu Bruno Labbadia: Ändert er sich nicht, bleibt er als Trainer bei seiner unnahbaren Art, dann wird er in Liga eins (Deutschland) wohl nie wieder eine Chance bekommen. Selbst der knurrige und oft finster drein schauende Huub Stevens war mehr Mensch und Freund der Spieler, und das soll schon etwas heißen.

Co-Trainer Eddy Sözer: Note fünf.
Zu schwach, zu linientreu, zu unkritisch seinem „Chef“ gegenüber. Er hätte regulieren können, aber er gehorchte immer nur. Und was bei den Spielern nicht besonders gut ankam (weiß ich von ihnen): Er korrigierte sie mitunter auch sehr lautstark und entschieden. Was ganz sicher auch nicht verkehrt ist, aber da ist im Gesamt-Verhältnis Mannschaft/Trainer nicht stimmte, hätte sich Sözer besser einige Male mehr zurückhalten sollen. Schließlich befehligte er gestandene Nationalspieler, die wesentlich mehr in ihrem Fußballerleben erlebt haben als der Labbadia-Assi. Da würde ich dem Eddy Sözer mal empfehlen, einen Blick nach Schalke zu riskieren. Wie sich dort ein Seppo Eichkorn als Assi von Felix Magath geschickt zurückhält, ohne dabei aber keineswegs nichts zu machen, das ist großartig.

Techniktrainer Ricardo Moniz: Note drei.
Er hat nie etwas Böses oder Negatives über seinen Chef gesagt, und ich glaube auch, er würde es nicht einmal in 30 Jahren tun. Der Mann ist loyal – und ertrug alles mit Fassung. Er hat eine ganz andere, viel offenere Art als Labbadia, und damit kam er schon während der Saison immer sehr gut an. Schade, dass Moniz wohl zu Red Bull wechseln wird.

Torwarttrainer Claus Reitmaier: Note drei.
Okay, der ehemalige Bundesliga-Torwart schlich oftmals wie anteilnahmslos über den Rasen, aber er hat meines Erachtens ein gutes Training gemacht. Ich weiß nicht, wie Frank Rost darüber denkt, aber sollte er anderer Meinung sein als ich, so könnte ich das wohl akzeptieren, würde aber darauf verweisen, was für ein Programm alles vorherigen Torwarttrainer des HSV hier abgespult haben – und das war gar nichts. Da hatte Reitmaier schon einiges mehr zu bieten.

Reha-Trainer Markus Günther und Leistungsdiagnostiker Manfred Düring bleiben ohne Note.

Dem Vorstand um Bernd Hoffmann gebe ich die Note fünf.
Zu wenig um die wichtigste Sache gekümmert, die es im HSV gibt: die Mannschaft. Von einem Vorstand erwarte ich, dass er rechtzeitig gewisse Strömungen erkennt, das aber wurde hier total versäumt, verharmlost, verniedlicht, verdrängt. Die Zahlen, die Wirtschaftlichkeit des HSV sind okay, aber das ist nur die eine Sache, der Sport die andere Seite der Medaille. Und wenn der Vorstand nicht die Zeit gehabt hat, um sich zu kümmern, dann hätte es spätestens der (fehlende) Sportchef machen müssen. Auf den aber wurde verzichtet, weil es wohl den Gedanken gab: „Das bisschen Sportchef können wir auch – nebenbei.“ Der absolut größte Fehler.

Dem Aufsichtsrat gebe ich die Note sechs.
Zu wenige gekümmert, zu wenig kontrolliert, zu wenig, nein, viel zu wenig Ahnung von der Materie, zu viele ahnungslose Leute, die sich nur bei den Spielen im Volkspark sehen ließen. So stelle ich mir den Aufsichtsrat des HSV auf jeden Fall
NICHT
vor. Und, wie oben bereits geschrieben: Die Herren sollen mir nicht wieder, wie schon so oft, mit der Ausrede „operatives Geschäft“ kommen, in das sie nicht eingreifen dürfen. Wenn etwas falsch läuft, dann gehe ich der Sache auf den Grund – das aber hat niemand getan. Ich habe nie einen Aufsichtsrat beim Training gesehen (abgesehen von Horst Eberstein vor langer Zeit) – aber ich habe in den Jahren zuvor sehr wohl Dietmar Beiersdorfer entdeckt, der dem Training beiwohnte. Ich behaupte einmal: Hätte ein Sportchef das Training erlebt, hätte er gesehen, welche Strömungen es zwischen Mannschaft und Trainer gibt – er hätte eingegriffen, er hätte eingreifen müssen. Oder er hätte seinen Job verfehlt.

Aber es wird jetzt ja alles besser. Weil Urs Siegenthaler den absoluten Blick für Fußball hat, und weil der neue Sportchef (Nico Hoogma?) auch einen Blick für die wichtigen Dinge im Alltag eines Profi-Sportvereins haben wird. Das ist keine Satire, das ist die Wahrheit, ich bin von der nun kommenden Trendwende überzeugt. Weil es gar nicht anders sein kann. Und weil Bernd Hoffmann vor Jahren ein Ziel verkündet hat, nämlich den HSV wieder in die Spitze Europas führen zu wollen. Der Vorstandsvorsitzende hat Fehler gemacht, diese Fehler wird er sich sicher auch im stillen Kämmerlein oft genug selbst vorgeworfen haben, aber er wird auch seine Lehren daraus ziehen. Weil er Erfolg haben will, weil er sein Versprechen einhalten möchte.

Noch zwei kurze Anmerkungen:

Zur Veranstaltung am Mittwoch im Volkspark von mir weiterhin kein Wort. Obwohl mir Freunde berichtet haben, dass sie es sehr gut gefunden hätten, wenn die gesamte HSV-Mannschaft nicht schon im Urlaub, sondern dabei gewesen wäre. Alle schwören: Den Spielern wären die Tränen gekommen.

Und zum “Länderspiel” Deutschland gegen Malta (3:0): Super war die Premiere von Dennis Aogo, ganz herzliche Glückwünsche aus Hamburg zum ersten A-Länderspiel – und auch zu einer sehr guten Leistung. Großartig war, dass zwei weitere HSV-Spieler (Jerome Boateng löste Aogo ab) dabei waren, wenn sich auch Piotr Trochowski nicht so unbedingt in den Vordergrund spielen konnte.

20.24 Uhr