Tagesarchiv für den 12. Mai 2010

Die Zeugnisse – Teil drei

12. Mai 2010

Am Tag nach dem 1:1 bei Werder Bremen, es war der 9. Mai, ein Sonntag. Ich erinnere mich genau: Ze Roberto kam aus der Arena und ging zu seinem Auto, und alle umstehenden Medien-Vertreter gingen auf ihn zu. Der Brasilianer stieg in sein Auto, ließ die Seitenscheibe herunter und stellte sich den Fragen. Die vordringlichste Frage war die: „Wirst du auch in der nächsten Saison noch für den HSV spielen?“ Der „große Ze“ sackte in seinem Sitz zusammen und wurde zum „kleinen Ze“. Er suchte nach den passenden Worten. Motto: „Wie sage ich’s meinem Kinde – und sage ich am besten so viel, dass ich am Ende nichts gesagt habe?“ Ze Roberto druckste herum. Eindeutig wollte er nicht mit der Sprache heraus. Auf mehrfache Nachfrage hin versteifte er sich schließlich auf einen Schlusssatz: „Ich glaube wir werden uns wieder sehen.“ Dann brauste er davon. Und die umstehenden Kollegen waren sich alle einig: „Es gib kein Wiedersehen mit Ze.“ So sieht es nun wohl aus. In einer brasilianischen Zeitung „eiert“ er zwar auch wenig rum, aber das alles liest sich so, als gäbe es für ihn kein Zurück mehr an die Elbe. Erwartungsgemäß. Obwohl er noch einen Ein-Jahres-Vertrag mit dem HSV zu erfüllen hätte.

Es ist zu diesem Thema schon viel spekuliert worden, Und auch schon einiges geschrieben. Alles deutete darauf hin, dass Ze Roberto nur einen Sommer in Hamburg tanzte. Seit Monaten hielt sich auch ein Satz, den Ze Roberto im Kreise einiger Teamkollegen gesagt haben soll. Ich habe ihn für mich verinnerlicht, sprach er doch für die gesamte und verfahrene Situation. Wie gesagt, wir haben diesen Satz von HSV-Profis gehört. Demnach soll Ze Roberto gesagt haben: „Wenn dieser Trainer-Lehrling auch in der nächsten Saison noch HSV-Trainer ist, dann bin ich weg.“ Nun ist der Coach zwar nicht mehr da, aber ich glaube doch, dass Ze Roberto die Nase voll hat von Hamburg. Und auch dem HSV. Und, was ich noch glaube: Er wird nicht der letzte HSV-Profi sein, der zwar noch einen Vertrag besitzt, der aber trotzdem die Kurve kratzen wird.

Wobei ich, das muss ich mal deutlich sagen, nicht in Panik machen möchte. Ich möchte Euch nicht nach unten ziehen, ich möchte hier nicht als Schwarzseher auftreten, dem alle zu folgen haben. Ich habe mich in diesen Tagen und Wochen bemüht, die gewiss nicht rosige Situation realistisch zu betrachten. Und so bin ich für mich zu dem Schluss gekommen: Ich sorge mich um diesen HSV.

Ich sage auch, warum: Der HSV 2010 hat in der Bundesliga nicht besser gespielt, als die Absteiger oder die Abstiegskandidaten. Das ist für mich Fakt. Davon rücke ich auch nicht ab. Und die Situation wird ja nicht besser, indem es in der nächsten Saison keinen internationalen Fußball in Hamburg gibt – es wird Geld fehlen, das wurde hier an dieser Stelle schon sehr richtig erkannt. Und wenn dann noch einige Spieler gehen sollten, wenn dazu ein Trainer geholt wird, der es wieder nicht bringt, dann ist mir, das gebe ich zu, echt Bange um den HSV.

Aber es muss ja auch nicht so kommen. Obwohl, wie Frank Rost in Bremen zuletzt gesagt hat, „einiges an Zwischenmenschlichem in dieser Saison auf der Strecke geblieben ist“. Die Aufräumarbeiten sind im vollen Gange, das weiß ich, hinter den Kulissen wird fleißig gearbeitet – obwohl ich gerade im Fernsehen gesehen habe, dass Urs Siegenthaler bei der Nationalmannschaft in Aachen (morgen Länderspiel gegen Malta) „herumturnt“. Muss ja an sich nichts Schlechtes zu bedeuten haben . . . Oder?

Ich glaube, dass die HSV-Führung aus den vielen Fehlern der völlig missratenen Saison schon ihre Lehren gezogen hat. Das gilt für den Vorstand, das gilt aber auch für den viel und herbe gescholtenen Aufsichtsrat. Die Herren Räte wollen sich offenbar etwas beeilen, so habe ich das Gefühl, beeilen mit dem leidigen Thema Sportchef-Suche. Nagelt mich bitte nicht darauf fest, aber ich vermute ganz stark, dass der neue Sportchef entweder Nico Hoogma oder Stefan Beinlich heißen wird. Die Räte machen nun Nägel mit Köpfen, sie nehmen jetzt den direkten Weg zum Tor – und wählen nicht einen Umweg von Monaten. Bravo, die Herren! Mann lernt eben doch nie aus. Wobei ich mir dennoch eine Sorge nicht ersparen kann: Dieser Aufsichtsrat gibt trotz der Tatsache, dass sich nun im Eile bemüht wird, ein ganz, ganz miserables Bild ab. Die zwölf Herren sind restlos zerstritten, was mir von drei Sitzen auch bestätigt wurde. Ein Schauplatz der persönlichen Eitelkeiten, denn jeder glaubt offenbar, dass er es besser gekonnt hätte als der Nebenmann.

Wenn durch diese AR-Krise endlich Bewegung und Tempo einstellen, hätten diese Streitigkeiten ja auch noch einen ganz positiven Nebeneffekt. Und, wo ich gerade bei Krise bin: Viele von Euch werden sich noch an jene Zeit erinnern, als Jürgen Hunke noch im Kreise der Räte arbeiten durfte. Damals wurde stets ihm unterstellt, die geheimen Dinge, die bei den Sitzungen besprochen wurden, an die Zeitungen weitergegeben zu haben. Hunke wurde verdächtigt – und sogar angeprangert. Und? Heute? Hunke ist weit weg, aber im Aufsichtsrat wird weiter fleißig geplappert. Sehr zur Freude der Zeitungen (oder der Zeitung?). Ein Rat schimpfte sogar still vor sich hin: „Wir bräuchten eigentlich keinen Protokollführer, denn was bei uns hinter verschlossenen Türen gesprochen wurde, steht schon am nächsten Tag brühwarm in den Zeitungen.“ Warum wohl? Jeder ist seines Glückes Schmied, und wer mit vorgehaltener Hand plappert, der hofft darauf, dass eine Hand die andere wäscht. So funktioniert das Geschäft. Schon immer. Und auch beim HSV.

Komme ich nun zur Zeugnis-Ausgabe Teil drei, diesmal sind es die Offensivkräfte, die rückblickend betrachtet werden:

Mladen Petric: Note drei.
Natürlich könnte er wesentlich mehr, selbstverständlich war das keine sehr gute Saison von ihm, aber er war immerhin meistens dann da, wenn er mit seinen Tore gebraucht wurde. Der Kroate hat einige spektakuläre Treffer erzielt, und einige ganz wichtig zudem. Das machte ihn in dieser Spielzeit so wichtig. Dass er nicht immer einer der Fleißigsten war, wird er wohl auch wissen, ich schiebe es der Tatsache zu, dass er des Öfteren verletzt oder angeschlagen war. Grundsätzlich denke ich, dass ein Stürmer seiner Qualität etwas mehr arbeiten müsste, um sich auch selbst Torchancen zu kreieren. Um dieses (kleine?) Manko aber beheben zu können, braucht es auch einen starken Trainer, der selbst einem „Star“ wie Petric sagt, wo es lang geht. Aber vielleicht kommt der ja in der nächsten Saison. Und noch ein Wort zu Petric: Er verstand sich nicht immer besonders gut mit Ruud van Nistelrooy. Oder, wenn man böswillig ist: Er lag nie mit seinem niederländischen Sturm-Kollegen auf einer Wellenlänge. Was ich nicht nur als sehr schade empfand, sondern auch als störend. Akzeptiert ein Star einen Weltstar, suchen sich die beiden Stars dann im Spiel und versuchen alles, damit die Mannschaft zu Toren kommt, das heißt, dass sich jeder in seinem Ego auch zurücknimmt, dann muss das im Erfolg enden. Petric und van Nistelrooy aber haben sich kaum einmal gesucht, haben auch kaum einmal vernünftig zusammengespielt – es blieb meistens nur Stückwerk. Auch daran muss gearbeitet werden, wenn die beiden Stars in der nächsten Saison noch für den HSV stürmen sollten. Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn das nicht noch klappen sollte, denn die Vernunft haben beide Spieler. Fehlt nur noch der gute Wille, und den muss ein (neuer) Trainer wecken.

Marcus Berg: Note fünf.
Wenn mir ein Wendehals attestiert wurde, dann stimmt es bei dem jungen Schweden auf jeden Fall. Zuerst war ich sehr hoffnungsfroh und angetan von seinen Qualitäten, dann habe ich an nichts mehr Gutes geglaubt, bei einem (sehr kurzen) Zwischenhoch hatte ich doch wieder Hoffnung, doch von der ist nun, nach Saisonende, kaum noch etwas geblieben. Nein, ich lehne mich so weit aus dem Fenster dass ich sage: Ich habe die Hoffnung bei Marcus Berg aufgegeben. Für mich kann nur der neue Trainer noch eine Art Wunderheilung erzwingen – und das ist auch die einzige Hoffnung, die ich noch habe. Warum das so ist? Ich sehe bei Berg kein Entsetzen, wenn er eine „Hundertprozentige“ vergeben hat, ich sehe keinen Ärger, wenn ihm ein Ball versprungen ist – ich sehe eigentlich kaum mal eine Gefühlsregung. Weder im Spiel gibt es mal einen Gefühlsausbruch „Made in Sweden“, noch im Training. Null. Chance vergeben, umdrehen, zurücklaufen, neuen Anlauf nehmen. Ist das gesund? Ich habe früher als Amateur (bis zur Verbandsliga) für den Fall, dass ich etwas Gutes versemmelt hatte, Schlaftabletten neben dem Bett, damit ich vor lauter Grübeln doch noch in den Schlaf finde – so hatten mich die miesen Situationen noch lange beschäftigt. Natürlich, jeder Mensch ist anders, aber wenn ich wenigstens einmal sehen würde, dass es Marcus Berg wurmt, weil er ein dickes Ding ausgelassen hat – wie gesagt, nichts. Deswegen ist meine Hoffnung gestorben.

Tunay Torun: Note vier.
Der Türke, den es nun mit einem Kreuzbandriss ganz böse erwischt hat, war die Entdeckung der Saison. Torun absolvierte einige gute Spiele, zeigte Selbstbewusstsein, mischte auch im Training eindrucksvoll mit – schien so auf dem besten, auf dem allerbesten Wege. Dann dachte er, so sehe ich das, wohl zu oft zu lange darüber nach, was er schon geschafft hat, und das wirkte sich leistungshemmend aus. Stark sogar. Oftmals ging er auch harten Zweikämpfen (Kopfballduellen) aus dem Wege, so dass auf den Tribünen die Meinung vorherrschte, dass sich der Stürmer eher ein wenig zurück entwickelt hätte. Es ist nicht ganz von der Hand zu weisen, aber vielleicht wirkt auch in diesem Fall ein neuer Trainer Wunder. Zu wünschen wäre es Torun.

Ruud van Nistelrooy: Note drei.
Bei „Van the man“ schwanke ich, das gebe ich zu. Auf der einen Seite bin ich angetan davon, dass er noch sechs Bundesliga-Tore gebracht hat, auf der anderen Seite gebe ich aber auch zu, dass ich mir noch etwas mehr erhofft hatte. Obwohl ich, wenn ich das ganz realistisch betrachte, auch zugeben muss, dass ich gar nicht erwartet hatte, dass van Nistelrooy noch so viele Spiele für den HSV bestreiten würde. Erst für die nächste Saison hatte ich mit ihm so richtig (und mit „Schmackes“) gerechnet. Und ich hoffe auch immer noch darauf. Zudem hoffe ich auf einen Trainer, der mit den Vorzügen eines Welttorjägers umzugehen versteht, das soll heißen: Ruud van Nistelrooy in die Box, und dann tüchtig füttern lassen von allen Seiten. Abwarten, ob das noch ein Mann hinbekommt? Leichte Zweifel habe ich zudem, dass der im Juni 34 Jahre alt werdende Niederländer noch einmal so hundertprozentig fit wird, dass er uneingeschränkt spielen und trainieren kann. Ich glaube das nicht.

Paolo Guerrero: keine Note.
Der Peruaner war zu lange und zu böse verletzt. Was deshalb besonders schade war, weil er zu Saisonbeginn stets zu den besten oder gar zu den überragenden Hamburger gehört hatte. Das hätte Guerreros Saison werden können, doch der Kreuzbandriss machte alles zunichte. Nun können seine Fans nur hoffen, dass es doch noch zu einer Vertragsverlängerung kommen wird, ich würde diese auf jeden Fall sehr begrüßen – aber ich trage mich mit großen Zweifeln. Der Aufsichtsrat müsste schon wieder einmal über seinen Schatten springen . . . Von wegen charakterfeste Spieler.

Tolga Arslan: keine Note.
Kam als Mittelfeldspieler aus Dortmund zum HSV, wird auch im HSVlive-Stadionheft als Mittelfeldspieler geführt, doch der ehemalige Trainer hatte sich früh festgelegt: „Tolgay ist Stürmer.“ Das aber konnte es nicht unter Beweis stellen. Leider. Aber vielleicht zeigt er dem neuen Coach ja auf, wie es mit ihm als Mittelfeldspieler funktionieren könnte.

Maximilian Beister: keine Note.
Für mich nach wie vor DAS Talent des HSV. Ihn hätte ich gefordert und gefördert, ohne jede Einschränkung. Ich denke sogar heute noch: Hätte Beister die Chancen bekommen, die Berg zugestanden wurden, dann hätten wir schon einen guten Stürmer hinzugewonnen – und endlich einmal wieder einen aus dem eigenen Nachwuchs zudem. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

So, für heute bin ich wieder einmal bis ans Ende vorgedrungen. Heute findet ja im Volkspark noch ein etwas größeres Spiel statt, aber Ihr werdet an dieser Stelle keine Zeile davon lesen, ich weigere mich, darüber zu berichten. Weil es einfach immer noch
ZU WEHTUT.

Morgen, am Vatertag, sollten die männlichen HSV-Anhänger trotzdem ein (!) Bier auf den Klub, der ihre Herzensangelegenheit ist, trinken. Kein Frust-Saufen, sondern einfach nur ein kleines Bierchen – auf die Zukunft, auf eine rosige Zukunft natürlich. Es kann nur besser werden.

PS: Die Zeugnis-Ausgabe wird fortgesetzt, morgen stehen die Leute im Fokus, die die Verantwortung für das Gebilde tragen.

17.10 Uhr