Tagesarchiv für den 11. Mai 2010

Die Zeugnisse – Teil zwei

11. Mai 2010

Gibt es etwas Neues vom HSV? Die mir am meisten gestellte Frage dieser Tage. Alle wollen wissen, was beim HSV läuft. Aber läuft da was? Wenn ja: Läuft da nicht auch zuviel schief? Die Sache Sportchef ist ja ein absolut leidiges Thema. Und dann die Fragen: Wer kommt, wer geht, wer wird neuer Trainer? Ich weiß es nicht, gebe ich ehrlich zu. Ich glaube aber, dass ich damit nicht allein bin. Auch beim HSV sind sicher einige Herren genauso schlecht informiert, wie zurzeit ich. Sollte ich heute einen Tipp abgeben, wer Sportchef und wer Trainer wird, so würde ich sagen: Sportchef wird Bernd Wehmeyer, Trainer Ricardo Moniz. Das sage ich auch deshalb, weil ich ein wenig – oder auch ein wenig mehr – verzweifelt bin. Wer findet denn wen, und wie schnell? Da habe ich viel Vertrauen – vor allen Dingen in den Aufsichtsrat – verloren. Und weil gerade diese Herren schon so lange suchen, suchen und suchen, müsste es doch mit dem Teufel zugehen, wenn sie nicht auf diejenigen träfen, die schon beim HSV sind – oder?

Verzweiflung pur. Aber ich hoffe trotz allem auf ein Happy End. Ich wehre mich dagegen zu glauben, dass es beim HSV keiner mehr schafft, die Trendwende einzuläuten. Ich wehre mich dagegen und kämpfe innerlich tapfer gegen diese Krise an. Bei der Gelegenheit: Um nicht an den HSV zudenken, schlenderte ich mittags über den Rathausmarkt. Quasi zur Ablenkung. Und wer lief mir da über den Weg? Gleich mehrere Bekannte. Angefangen mit Uefa-Boss Michel Platini, DFB-Chef Theo Zwanziger, DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach, dazu Uwe Seeler und auch Bernd Hoffmann. Sie alle waren beim Soccer-Cup auf dem Rathausmarkt und ehrten die Sieger der Turniere mit Medaillen. Ein wunderschönes Bild, denn die Jugend freute sich über den prominenten Besuch „tierisch“. Die Mädchen und Jungs waren alle total aus dem Häuschen. Ja, so schön kann Fußball auch sein.

Uwe Seeler wurde dann noch interviewt. Auch dazu, dass ja eigentlich der HSV morgen im Finale stehen müsste. Das deutsche Fußball-Idol Nummer eins dazu: „So ist Fußball, es sollte eben nicht sein – wir müssen ganz schnell einen neuen Anlauf nehmen, um den Europa-League-Pokal dann auf dem Rathausbalkon präsentieren zu können.“ Schnell ist ja relativ. Ein Jahr Pause ist ja mindestens „angedacht“. Es sei denn, „uns Uwe“ stellt am Abend, beim Festbankett der Uefa im Rathaus, bei Platini ein Gnadengesuch, dass der HSV doch noch – quasi als Meister der dümmsten Verlierer – in die Europa League rutscht. Bevor Ihr wieder explodiert, sage ich auch, warum ich „dümmster Verlierer“ geschrieben habe: Uwe Seeler hatte sich beim Auslosen des Viertel- und des Halbfinals soooooooo viel Mühe gegeben, hatte den HSV, seinen HSV, nicht mit Liverpool oder anderen Größen konfrontiert, sondern hatte ihm quasi „Freilose“ in den Korb gelegt – und trotzdem ging die „Operation Rathausmarkt“ gründlich daneben. Eigentlich nicht nur immer noch traurig, sondern auch der reiste Wahnsinn. Wie war so etwas nur möglich? Das frage ich mich einige Male am Tag. Nicht nur heute. Ganz sicher auch noch morgen, übermorgen – und in der dann folgenden Zeit. Unfassbar das alles.

Wenn der HSV, seine Führung, sein Aufsichtsrat (der kaum etwas bis überhaupt nichts weiß!) und auch die Spieler wüssten, wie sehr die Fans in diesen Stunden und Tagen auf Antworten warten . . . Aber diese Leute können sich kein Bild davon machen, behaupte ich einmal. Ich werde pro Tag mit unzähligen Anrufen und sehr, sehr vielen Mails bedacht, in denen mir Fragen über Fragen zur Zukunft des, Eures HSV, gestellt werden. Es ist für mich sensationell, an was dabei gedacht wird, was Ihr alles bedenkt, was Ihr alles für möglich haltet, was Ihr alle für Vorstellungen habt. Davor ziehe ich den Hut! Ihr lebt den HSV anscheinend rund um die Uhr, es gibt für viele anscheinend nur diese drei großen Buchstaben. Ich habe mein Leben lang schon gedacht, dass ich Fußball-Verrückter sei, aber Ihr übertrefft mich um Welten. Und wenn das alle Funktionsträger und Spieler wüssten, dann würden sie sich wahrscheinlich noch viel, viel mehr ins Zeug legen – aber sie wissen es eben nicht, ich behaupte sogar, sie ahnen es nicht einmal.

Ich komme also zum Teil zwei der Zeugnis-Ausgabe. Diesmal ist das Mittelfeld dran:
David Jarolim: Note zwei.
Ich weiß, ich weiß, viele werden jetzt wieder aufschreien, aber ich werde davon nicht abweichen. Für mich ist der Kapitän einer der wertvollsten HSV-Profis überhaupt. Und er gibt in meinen Augen immer 100 Prozent. Das sehe ich übrigens nicht allein so, sondern viele Experten und ehemalige (HSV-)Profis, sie alle loben das Vorbild Jarolim über den grünen Klee. Er ist bei vielen Fans zwar in Ungnade gefallen, was ich absolut nicht nachvollziehen kann, aber das ist wohl der Lauf der Welt. Einmal in Ungnade, immer in Ungnade, da sind die HSV-Anhänger anscheinend gnadenlos. Da ich aber gerade in diesem Moment MEINE Noten (und nicht Eure) vergebe, werde ich von meiner Meinung auch nicht abweichen.

Ze Roberto: Note vier.
In der Hinrunde stand er noch auf einer glatten Eins. Für mich war er überragend. Aber in der Rückrunde ging es stetig bergab – mit ihm und dem HSV. Der Brasilianer wirkte teilweise recht lustlos, brachte sich nur halbherzig ins Spiel ein, war oft genug nur ein Mitläufer. Er hatte Streit mit dem Trainer, der ihn, den „großen Ze“ maßregeln wollte, und das ließ sich der „Muster-Profi“ nicht gefallen. Er schaltete auf stur, spielte Dienst nach Vorschrift – und trägt sich schon seit Monaten mit den Gedanken, den HSV vorzeitig zu verlassen. Darauf wird es wohl auch hinauslaufen.

Piotr Trochowski: Note vier.
Für mich absolut bewundernswürdig, wie gelassen er sämtliche Demütigungen durch den Trainer (einiger HSV-Fans!) über sich ergehen ließ. Ich hätte, das gebe ich zu, mich schon lange „ergeben“, ich hätte abgeschaltet. „Troche“ aber machte immer gute Miene zum bösen Spiel (mit ihm), er begehrte nicht auf, er schoss nicht gegen den Coach – er ließ alles mit sich machen. Das genau kreide ich ihm an. Ein Spieler wie er, mit diesen überragenden Fähigkeiten, müsste eigentlich hier mit „Note eins“ erscheinen. Er wehrte sich nicht, auch mit guten und überragenden Leistungen nicht, er setzte sich ohne großes Murren auf die Bank. Schade. Ich hoffe für ihn, dass ihn diese ungewöhnliche Einstellung (weil sie zu lange andauerte) nicht um die WM bringen wird. Und, auch das muss ich noch los werden: Ich weiß mich mit vielen Experten und ehemaligen (HSV-)Profis (siehe Jarolim) in einem Boot, die meisten konnten das Spielchen, was mit „Troche“ gespielt wurde, nicht nachvollziehen.

Eljero Elia: Note vier.
Einige überragende Spiele in der Hinrunde, dann kam nichts mehr. Die schlimme Verletzung nach dem bösen Noveski-Tritt war es wohl. Aber auch sicher nicht nur die. Irgendwie scheint Elia immer noch nicht angekommen zu sein beim HSV, die Chemie stimmt nicht so richtig. Ich weiß auch, dass er intern (mannschaftsintern) noch sehr, sehr kritisch betrachtet wird, weil er eben nicht mit vollem Herzen bei der Sache war. Woran das lag? War es eine Unerfahrenheit? Lag es am Unverhältnis zum Trainer? War er als junger Profi zu lange zu doll verhätschelt worden? Ich bin gespannt, wie es weitergehen wird mit ihm, und ob Hamburg tatsächlich noch einmal die „richtige Rakete“ namens Elia sehen wird. Insgesamt haben wir alle viel zu wenig von ich gesehen.

Robert Tesche: Note vier.
Fand in der Hinrunde kaum einmal statt, kam erst in diesem Jahr, und da muss ich ihm eine durchaus gute Leistung attestieren. Der ehemalige Bielefelder deutete mehrfach sein Können an, weshalb ihn der HSV eigentlich verpflichtet hat. Tesche gefiel mir als guter Kopfballspieler, und er deutete auch mit dem Fuß mehrfach an, dass mit ihm noch zu rechnen sein wird. Könnte nicht schaden, wenn er sich als Alternative anbietet – ich drücke ihm die Daumen.

Jonathan Pitroipa: Note drei.
Schien schon auf dem Abstellgleis, galt als Fehleinkauf – keiner achtete noch auf ihn. Und als dann Not am Mann war, schlug seine große Stunde doch noch. Völlig unvorhergesehen, aber es machte allen Spaß, großen Spaß sogar. Und nun haben einige auch schon Angst, dass „Piet“ Hamburg vorzeitig verlassen könnte, denn angeblich soll ja Lyon, das große Lyon, hinter ihm her sein. Das wäre ein Knüller: In Hamburg wollten sie ihn so schnell wie möglich loswerden, und in Frankreich reiß sich ein ständiger Gast der Champions League um ihn. Pitroipa ist ein Fall zum Nachdenken. Für Fans, für alle – auch für die Medienvertreter. Urteilen wir alle nicht oft zu schnell und zu gnadenlos? Es gibt anscheinend nur eines: Daumen hoch oder Daumen runter – kein Mittelmaß. Pitroipa ist einer, der allen die Augen öffnen könnte. Es müssten sich nur alle die Mühe machen, gelegentlich daran zu denken.

Marcell Jansen: Note zwei.
Schade, schade, dass er zuletzt wegen einer schweren Verletzung so lange aussetzen musste – er wäre für mich der beste HSV-Spieler der Saison geworden. Der Nationalspieler war einfach super drauf, spielte dynamisch, setzte sich immer voll ein, lief voller Elan von hinten nach vorne, gab viele Vorlagen und Klasse-Flanken und schoss herrliche Tore – Jansen brachte einfach nur Spaß. Und ist, ganz nebenbei, der nette Junge von nebenan, der Traum aller Schwiegermütter.

Mickael Tavares: Note fünf.
Konnte dem HSV in keiner Situation weiterhelfen, wurde an den 1. FC Nürnberg ausgeliehen – und das war auch gut so.

Romeo Castelen: ohne Note.

Sören Betram: ohne Note.
Der Nachwuchsmann brachte es nur auf wenige Minuten, deutete im Training aber sein Talent an. Müsste allerdings ruhiger am Ball werden – aber das kommt wohl noch von allein.

Morgen folgen die Zeugnisse über die Stürmer. Schon jetzt ein Satz zu Angreifer Paolo Guerrero. Seine Vertragssache sollte eigentlich am Montag, beim Treffen Aufsichtsrat/Vorstand, mit auf der Tagesordnung stehen, aber die Sache scheint negativ auszugehen. War ich am Sonntag noch optimistisch, dass der Peruaner bleiben würde, so scheint es mir nun schlecht um eine Vertragsverlängerung zu stehen. Aus dem Aufsichtsrat war zu vernehmen, dass die neue Strategie des HSV ja die sei, nur noch (oder mit Vorliebe) charakterstarke Spieler verpflichten zu wollen – und dann fängt man ausgerechnet mit einem „Flaschenwerfer“ an. Ich weiß nicht, ob die Räte in diesem Falle klug beraten sind, denn Volkes Meinung war, so denke ich, zuletzt pro Guerrero, denn die meisten Hamburger haben ihm sein Ausrasten wohl verziehen. Die meisten, aber eben nicht alle.

18.33 Uhr

Siegenthalers Fallrückzieher

11. Mai 2010

Wir erinnern uns: Als meine Kollegen vom Abendblatt kürzlich mit Urs Siegenthaler gesprochen hatten, weil es im Aufsichtsrat Bestrebungen gab, neben ihm, dem Schweizer, noch einen „echten“ Sportchef zu installieren, da sagte der 62-Jährige ganz energisch: „Wenn noch einer kommt, bin ich weg.“ Und nun? Siegenthaler legte den ersten Fallrückzieher seiner noch jungen HSV-Geschichte hin, denn: Seit Montag begibt sich der Aufsichtsrat des HSV wieder auf die Suche nach einem Sportchef. Herrlich verrückte Fußball-Welt in Hamburg, es gibt wirklich nichts, was es nicht gibt. Chaos, Tollhaus – oder doch nur ganz kühle Strategie? Wer steigt da noch durch?
Die Aufsichtsräte, die Vorstände Bernd Hoffmann und Katja Kraus und Siegenthaler, sie alle diskutierten an diesem Abend. Das Thema ist klar: Es soll ab sofort wieder steil bergauf mit dem HSV gehen, der Ausrutscher mit Platz sieben soll nur ein kleiner, unbedeutender Betriebsunfall sein. Die Absichten sind ja auch absolut okay, aber schafft es die Klub-Führung noch so rechtzeitig, dass die Weichen für eine bessere Zukunft dann auch so gestellt sind, dass der Klub wieder wie in besten Tagen marschiert?
Elf Monate nach der Demission des ehemaligen Sportchefs und Vorstandsmitglieds Dietmar Beiersdorfer ist die personelle Besetzung dieser Schaltstelle in der Führung des HSV völlig offen. Gab es bis zu diesem Montag noch die Hoffnung, dass Urs Siegenthaler in Zukunft doch dem Vorstand angehören wird, so zerschlug sich das an diesem Abend. Dass sich der Schweizer nicht mit dem Aufsichtsrat auf den Einzug in den Vorstand einigen konnte, hat offenbar mehrere Gründe. Einigen Räten missfiel, dass Siegenthaler auch nach der WM weiter für den DFB als Scout arbeiten will. Zudem gab es auch die Diskussion, ob Siegenthaler mit seinem neuen Job beim HSV seinen Wohnsitz komplett nach Hamburg verlegen müsse. Siegenthaler selbst erklärte, bevor er an diesem Montag zum Flughafen gefahren wurde, die Situation aus seiner Sicht: „Ich hatte nur angeboten, dem Vorstand beizutreten, wenn dadurch Probleme gelöst werden können. Der Titel ist völlig nebensächlich. Die Arbeit ist für mich entscheidend.“
Die Probleme sind offenbar nicht gelöst worden. Alles beginnt von vorn. Weil die Aufsichtsräte inzwischen gemerkt haben, was sie zu tun haben – und was sie in den letzten Jahren stets vernachlässigt haben? Nämlich zu kontrollieren? Dass Trainer Bruno Labbadia in Hamburg so klar gescheitert ist, war auch ein Verdienst der Räte, denn sie hätten beizeiten erkennen können und müssen, was da im Volkspark alles falsch läuft. Es fehlte, das wissen nun alle, ein Sportchef. Als Regulativ zwischen Trainer, Mannschaft und Klubführung. Und deswegen war es in den letzten Tagen kein Wunder, dass in dieser HSV-Krise der Ruf nach einem echten Sportchef im Aufsichtsrat immer lauter wurde. Wohl eher um des lieben Friedens Willen signalisierte Siegenthaler dann zwar, dass er sich auch ein Vorstandsamt vorstellen könne, aber dazu kommt es nun ja nicht mehr.
Alles beginnt von vorne. Auch weil Aufsichtsratschef Horst Becker hatte im Vorfeld der Montagssitzung das Vorstands-Modell mit Bernd Hoffmann und Katja Kraus als Sportverantwortliche für „gescheitert“ erklärt. Bei NDR 90,3 hatte Becker wörtlich gesagt: „Das muss man zugeben, das müssen wir kritisch hinterfragen.“ Nun geht die Posse weiter. Wer wird neuer Sportchef? Wer ist dem Vorstand genehm, wer dem Herrn Siegenthaler – und welcher Mann gefällt auch den Räten? Das sieht wieder nach Monaten aus . . . Becker erklärte: „Den Sportchef sucht der Aufsichtsrat, nicht der Vorstand.“ Das haben wir alle schon unzählige Male gehört, aber was passierte danach?

Nichts!
Bleibt noch eine kleine, aber nicht ganz unwichtige Frage: Wie stellt sich Urs Siegenthaler dem HSV-Theater? Wenn er am Dienstag in der Heimat Zeit zum Grübeln findet, macht er dann eventuell noch einen weiteren Fallrückzieher? Nämlich ganz auf das Abenteuer Hamburg zu verzichten? Siegenthaler ist in den nächsten Wochen bei der Weltmeisterschaft in Südafrika stark gefordert. Er wird die Gegner der deutschen Mannschaft analytisch beobachten, Bundestrainer Joachim Löw taktisch beraten. Bleibt da noch die Zeit, intensiv nach neuen Spielern für den HSV zu fahnden?
Im Interesse des HSV ist zu hoffen, dass sich alles nun blitzschnell und zum Guten fügt. Und dass dann alle Beteiligten endlich einmal (wieder) an einem Strang ziehen. Ansonsten ist das Schlimmste zu befürchten.
Ich muss, um das noch einmal klar zum Ausdruck zu bringen, gestehen, dass ich wirklich Angst um diesen Verein habe. Zu vieles ist in diesem einem Jahr schief gelaufen, einfach zuviel. Und hatte ich gehofft, dass es an diesem Montag (in der Nacht zum Dienstag) eine Baustelle weniger beim HSV geben würde, aber ich bin wieder einmal um eine Ernüchterung reicher.
Bitte, bitte, Ihr klugen Köpfe des HSV, rettet diesen Klub – bevor es zu spät ist!

0.01 Uhr

In eigener Sache
Pfeil
0  00 : 00 : 00
Tage  Std.  Min.  Sek.