Tagesarchiv für den 10. Mai 2010

Die Zeugnisse – Teil eins

10. Mai 2010

Der gesamten Saison würde ich, wenn ich an die Schulnoten denke, eine Note von vier bis fünf geben. Guter Start, am Ende wieder, wie immer, mit leeren Händen in die Sommerpause. Ich hasse ja Sommerpausen, das muss ich zugeben, und die meisten von Euch werden es spätestens am Sonnabend oder einen Sonnabend weiter – erfahren, wenn sie um 15.30 Uhr vor dem Fernseher sitzen . . . Und nichts. Nun gut, diesmal sorgte die Weltmeisterschaft in Südafrika für eine gewisse „Verkürzung“, aber ich befürchte ja, dass wir Deutschen davon nicht so sehr viel erleben werden – von unserer Mannschaft. Ich erwarte jedenfalls nichts. Ist vielleicht auch besser, mit solchen Gefühlen in diese WM zu starten – und dann darauf hoffen, dass eventuell doch noch etwas – oder ein wenig – laufen wird.

Bevor ich zum HSV komme, möchte ich generell noch etwas zu dieser nun abgelaufenen Spielzeit sagen. Die Bayern sind verdient Meister geworden, denn sie haben sich nach durchwachsenem Start großartig gefangen. Schalke 04 hat zwar keinen sonderlich schönen Fußball gespielt, aber immer konstant. Auf die Magath-Truppe konnte man sich verlassen, die funktionierte meistens wie ein Uhrwerk – deswegen geht der zweite Platz auch in Ordnung. Meine Anerkennung, vor der Saison hätte ich das den Schalkern niemals zugetraut.

Platz drei an die norddeutschen Nachbarn – auch davor muss man den Hut ziehen. Werder schien im Wettrennen mit dem HSV hoffnungslos abgeschlagen, und zog dann doch noch grandios vorbei. Ihr könnt sagen was Ihr wollt, in Bremen gibt es Kontinuität, da haben nur einige wenige Herren etwas zu sagen, sie alle kennen das Geschäft schon seit vielen Jahrzehnten, sie kommen vom Fach – das zahlt sich Jahr für Jahr aus. Bremen ist da ähnlich wie München, da sitzen Experten am Tisch, die Ahnung haben, die auch ihren Verein im Herzen tragen, die schon deswegen etwas bewegen wollen. Auch an die Weser (m)ein Kompliment, da muss man mal fair sein.

Wolfsburg hatte ich im Jahr eins nach Magath nicht so tief fallend erwartet, Dortmund genau so, wie sie jetzt mit Platz fünf stehen. Mainz 05 ist eine große Überraschung für mich, aber der Karnevalsverein leistet echt sehr gute Arbeit. Ich mag den Herrn Tuchel (der Trainer) zwar nicht sonderlich, weil er mir ein wenig zu großspurig an der Linie auftritt, aber ich erkenne an, dass der den Klub und sein Team bestens im Griff hat. Kompliment dem Verein (um Präsident Harald Strutz), dass er das Wagnis mit dem A-Jugendtrainer eingegangen ist. Wenn ich mir vorstelle, so etwas würde auch in Hamburg . . . Nein, ich kann es mir nicht vorstellen, die Vorstellung ist abgebrochen und schon wieder verworfen.

Hoffenheim mit dem Professor ist auch eine Überraschung, aber eine sehr negative, denn ich hätte diesen tiefen Fall nicht für möglich gehalten. Der Klub des Milliardärs ein Fast-Absteiger, das ist schon ein dickes Ding. Aber es ging ja noch einmal gut. Trotz einer längeren Durststrecke. Aber davon kennen wir Hamburger ja auch einiges.

Zur Abstiegssituation: Ich hatte mich auf Freiburg und Hannover 96 festgelegt, muss ich sagen. Beide Mannschaften haben in Hamburg Grotten-Kicks abgeliefert, wenn ich das als Hamburger einmal etwas hochnäsig sagen darf, denn der HSV hat sich diesem Niveau ja auch oft genug sehr gut angepasst. Weil Hannover drin geblieben ist, entschuldige ich mich auch bei den Niedersachsen, die ich hier, nach dem ermauerten 0:0, „vernichtet“ habe. Wenn ich das jetzt rückblickend betrachte, so war dieser eine Punkt für 96 doch Gold wert – sorry, sorry, sorry an die Leine.

Dass es den VfL Bochum noch erwischt hat, mag für den Westen ein wenig tragisch sein, aber ich kann damit leben. Weil ich mich noch gut an das 0:1 in Hamburg, als der VfL hier gewann, erinnern kann. Nach dem Sieg tönte der neue VfL-Trainer Heiko Herrlich so herum, als hätte hier gerade Real Madrid ein unwichtiges Spiel absolviert und gewonnen. Der hatte, einige werden sich bestimmt erinnern, ein anderes Spiel gesehen als wir alle. Deswegen behaupte ich: Hätte der VfL Herrlich etwas früher entlassen, dann hätte es sicher noch etwas werden können mit dem Klassenerhalt.

So, nun zum Schlusslicht. Ich gebe es zu: Für mich war Hertha BSC vor der Saison ein ganz heiße Abstiegskandidat. Weil die Berliner so blauäugig waren, die Spitzenkräfte Pantelic, Simunic und Voronin nicht adäquat zu ersetzen. Welch ein Luxus. Und welch eine Verkennung der Umstände? Jeder sah das auf die Berliner zukommen, was da passierte, aber keiner schritt ein. Grob fahrlässig wurde da gehandelt. Aber vielleicht gab es nicht einen müden Euro mehr in der BSC-Kasse – wer weiß? Ich kann mich noch an eine Abstiegssituation vor mehr als einem Jahrzehnt erinnern: Nürnberg dümpelte zu Jahreswende ganz unten herum, der FC St. Pauli stand besser. Und obwohl die Clubberer strikte Auflagen hatten, kaum oder kein Geld mehr auszugeben, wurden zur Pause noch etliche Spieler verpflichtet. Es reichte, wenn auch knapp. St. Pauli stieg ab, Nürnberg blieb drin. Und bekam später, weil die Auflagen nicht eingehalten worden waren, eine Geldstrafe. Wie lächerlich. Aber das hätten die Berliner vielleicht auch zur Winterpause noch tun müssen.

Glückwunsch bei der Gelegenheit, dass der HSV-Nachbar St. Pauli wieder ganz oben ist. Eine tolle Leistung, ich hätte vor Saisonbeginn keinen Euro auf den Kiez-Klub gesetzt. Aber das hat der Zweitliga-Zweite, so sehe ich das, in erster Linie seinem Trainer zu verdanken. Holger Stanislawski ist ein Super-Coach, der wird noch eine große Trainer-Karriere hinlegen – wird vielleicht sogar eines Tages zum HSV zurückkehren, wer weiß es schon? Der Mann hat jedenfalls alles, was einen erfolgreichen Trainer auszeichnet.

Wobei ich beim HSV bin. Heute möchte ich die Zeugnisse für die Defensive verteilen.

Frank Rost: Note zwei.
Der Routinier spielte eine ganz hervorragende Saison, gehörte stets zu den Leistungsträgern des HSV. Ich habe es kürzlich schon einmal geschrieben: Elf Rosts, und der HSV würde in der Champions League spielen. Dass er mehrfach in der Saison Tacheles sprach, finde ich absolut gut, denn sonst hat es ja keiner gemacht. Und irgendwie muss eine Mannschaft ja mal einen Hilferuf senden können, und Rost hat sich eben für seine Art entschieden.

Wolfgang Hesl: Note drei.
Der Ersatzmann hat sich eindeutig verbessert in dieser Saison, worauf das auch immer zurückzuführen ist. Mir wäre nie bange gewesen, wenn sich Hesl statt Rost zwischen die HSV-Pfosten hätte stellen müssen, denn im Training und in vier Europa-League-Spielen hat er mich überzeugt.

Guy Demel: Note fünf.
Das war in dieser Saison gar nichts, das war eher oftmals unglaublich. Der „Giiiiiiiiieeeee“ schien manchmal von allen guten Geistern verlassen, er deckte schlecht, er hatte null Raum-Gefühl, er ging kaum mal gefährlich nach vorne, und wenn er dort aufkreuzte, dann schlug er geradezu groteske Flanken in den Strafraum. Für mich unfassbar, und ganz sicher auch für viele von Euch.

Jerome Boateng: Note vier.
Er kann deutlich mehr, keine Frage. Ob er sein gesamtes Können in Zukunft in Manchester abrufen wird? Ich habe da meine Zweifel. Ein gewisses Phlegma war unverkennbar, das muss er dringend ablegen, wenn er ein ganz Großer werden will. Oft spielt er lässig und nachlässig, oft unterschätzt er den Gegner (oder er überschätzt sich), und wenn er das tat, wurde es meistens brandgefährlich vor dem HSV-Tor. Nein, Boateng wird deutlich zulegen müssen, wenn er den sicher sehr guten Start ins Profi-Leben erfolgreich fortsetzen will.

David Rozehnal: Note fünf.
Oft spielte er gewiss nicht schlechter als sein allseits beliebter und anerkannter Nebenmann Mathijsen, aber immer dann, wenn es ein Unglück im HSV-Strafraum gab, war der Tscheche daran beteiligt. Er zog das Unglück magisch an. Hätte es diese Zwischenfälle nicht gegeben, dann hätte er auch bei einer Note drei landen können.

Joris Mathijsen: Note vier.
Mister Zuverlässig patzte ungewohnt oft in dieser Saison. Fast so oft wie Rozehnal. Dazu wirkte der Niederländer überspielt, oft sehr langsam und nicht gewandt genug im Eins-gegen-eins-Duell. Auf die WM von Mathijsen bin ich gespannt, äußerst gespannt sogar, ich habe meine leichten Zweifel, ob er Stammspieler der Niederlande wird. Und wenn ja, ob er die WM dann auch tatsächlich als Stammspieler beenden wird.

Dennis Aogo: Note drei.
Der kommende Nationalspieler hatte zwar auch den einen oder anderen Aussetzer oder Durchhänger, aber in den meisten Spielen bot er für mich eine solide Leistung. Er wird noch eine große Karriere machen, davon bin ich restlos überzeugt, denn er hat ein Auge für die Defensive und für die Offensive, er ist schnell, trickreich und technisch gut am Ball, und er kann auch flanken – wenn das auch nicht immer alle gesehen haben, denn oftmals blieben seine Eingaben auch schon am ersten Mann des Gegners hängen.

Tomas Rincon: Note drei.
Oftmals musste er hinten rechts aushelfen, und das tat der Südamerikaner bis auf den Start auf der ungeliebten Position auch zufriedenstellend. Der 22-Jährige zeigte auf jeden Fall immer eine hervorragende Einstellung, er gab alles für das Team, er zerriss sich, er ging vorbildlich zur Sache – auch wenn es spielerisch ein wenig haperte. Dennoch ist dieser Tomas Rincon für mich einer der wenigen Pluspunkte in dieser HSV-Saison.

Bastian Reinhardt: keine Note.
Kam nur zu einem Kurzeinsatz, aber der war umjubelt. Weil ihn die Fans schätzen, mögen und lieben, denn er ist immer auf dem Teppich geblieben, ist ein Vorzeige-Profi zum Anfassen. Davon hätte der HSV mehr haben müssen.

Collin Benjamin: keine Note.
Was für Reinhardt gilt, das gilt auch für den Allrounder. Kämpfte sich nach dem Kreuzbandriss wieder an das Team heran, kam aber nicht mehr zum Einsatz. Ob das nächste Saison noch etwas wird? Ganz sicher werden ihm viele, viele HSV-Fans die Daumen drücken.

So, die Vergabe der Saison-Zeugnisse wird morgen fortgesetzt, dann gibt es die Noten für das Mittelfeld.

Bei der Gelegenheit möchte ich noch an die bereits erwähnten Sommer-Geschichten erinnern. Wer eine gute HSV-Geschichte oder auch etwas über seine Erlebnisse mit dem HSV schreiben kann, der ist hiermit nun aufgefordert (und gebeten), das zu tun. Ich würde mich freuen, viele von Euch werden sich freuen. Die Idee dazu kam von HK Hans, ich finde sie immer noch klasse – aber bis jetzt gab es nur Absichtserklärungen (von einigen Matz-abbern), aber noch keine Eingänge. Ihr könnt Eure Geschichten an die Internet-Adresse des Matz-ab-Gewinnspiels schicken.

Auf jeden Fall wollen wir mit Matz ab durch den Sommer gehen. Wenn es Aktuelles vom HSV gibt, dann wird das hier an dieser Stelle präsentiert, ansonsten gibt es Geschichten, Geschichtchen und einiges aus dem Nähkästchen. Und während der WM wird natürlich auch der aktuelle Fußball im Blickpunkt stehen, es ist einiges angedacht. Unter anderem wird mein Kollege Alexander Laux, der in Südafrika ist, eine kleine Kolumne schreiben. Apropos Kolumne: Auch Bastian Reinhardt hat mir versprochen, dass er sein Versprechen (abgegeben beim ersten Matz-ab-Treffen in der Raute) einhalten wird. Obwohl er inzwischen ein gefragter Mann in Sachen Kolumnen ist.

Kurz noch zu einem Ehemaligen des HSV. Manfred Kaltz wird vom kommenden Montag bis zum folgenden Mittwoch eine Fußballschule in Hamburg einrichten. Fußballer zwischen sechs und 14 Jahren sind gefragt. Wer mit „Manni“ Kaltz (und dem Hockey-Denkmal Büdi Blunck!) trainieren möchte, sollte sich unter
info@mannikaltz.de
anmelden. Trainiert wird auf der Anlage des HTHC an der Barmbeker Straße, geboten wird, neben dem Fußball, Trikots und Verpflegung, die drei Tage kosten 119 Euro.

So, nun ist erst einmal Schluss für heute. Sollte etwas bei dem Treffen Vorstand/Aufsichtsrat passieren, so würde ich noch einmal „kurz auf Sendung“ gehen.

Ich möchte aber schon jetzt nicht versäumen, mich bei jedem von Euch für die Treue, für das Mitmachen und auch für die vielen aufmunternden Worte, die ich in diesen Tagen erhalten habe (es war überwältigend, ehrlich!), zu bedanken. Klasse, einfach nur großartig – ich bin gerührt. Und keine Angst, selbstverständlich geht es weiter mit „Matz ab“ – versprochen, nach fast einem Jahr kann und darf  ja noch nicht Schluss sein.

18.15 Uhr