Tagesarchiv für den 9. Mai 2010

Katzenjammer

9. Mai 2010

Was für ein trauriger Tag beim HSV. In der Arena im Volkspark brachten die Arbeiter blaue Tafeln an den Aufgängen an, und irgendwie wirkte es so, als wollen sie damit wenigstens etwas Farbe, etwas Buntes ins Spiel bringen. Ansonsten: trostlos. Die Spieler kamen nach und nach aus den Katakomben, aber auch ihre Blicke trugen Trauer. Katzenjammer: Kein Lachen, nicht einmal das kleinste Lächeln – es herrschte eine gedrückte Stimmung wie auf einer Beerdigung. Und das passte ja auch zu diesem Tag danach. Nicht einfach nur „nach Bremen“, sondern nach einer absolut verkorksten Saison. Es ist zu Ende. Jetzt geht es erst am 26. Juni weiter, dann soll, so es der neue Trainer auch befürwortet, das erste Training der neuen Saison anstehen.

Im ersten Stock der Arena tagte an diesem Vormittag übrigens der Vorstand. Katja Kraus, Bernd Hoffmann, Oliver Scheel und Aufsichtsrats-Boss Horst Becker. Es ging um die neue Saison, es ging sicher auch um den neuen Trainer, es ging aber auch um die am Montag anstehende Sitzung des Aufsichtsrates. Dort wird sich die Crew um Hoffmann erklären müssen. Warum, wieso, weshalb es in diesem Jahr so steil bergab ging. Und es präsentiert sich der Hoffnungsträger: Urs Siegenthaler stellt sich den Räten vor, es geht darum, ob er nun doch (s)einen Sitz im Vorstand erhalten wird.

Es ist alles so maßlos traurig. Wie geht es nun weiter? Wer wird Trainer? Welche Spieler bleiben? Wer kommt neu hinzu? Fragen über Fragen. Bei einem internationalen Startplatz wären diese Fragen sicherlich nicht so fordernd geworden, wie sie jetzt allen erscheinen. Alle zucken nur mit den Achseln. Und um es Euch ganz ehrlich zu sagen: Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich mit solchen ungewissen Gedanken in die Sommerpause gegangen bin. Es gibt einfach zu viele Baustellen beim HSV 2010.

Die neueste, die nach dem Werder-Spiel aufgemacht wurde, hatte Frank Rost eröffnet. Der Torwart gab nach dem 1:1 ein Fernseh-Interview und das lief so:

Frage: „Frank Rost, nach gutem Saisonbeginn hat der Hamburger SV die Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb verfehlt und damit sein Saisonziel verpasst. Wo sehen Sie die Gründe für dieses Scheitern?“

Frank Rost: „Wir haben im Verlauf dieser Spielzeit unheimlich viele Baustellen aufgemacht. Das kann so nicht gehen, da gibt es einiges zu klären. Die Chancen zu besseren Ergebnissen waren da, aber wir haben sie nicht genutzt.“

Frage: „Was meinen Sie konkret?“

Rost: „Mit Huub Stevens und Martin Jol sind zuletzt zwei erfahrene Hasen als Trainer von allein gegangen, das spricht doch für sich. Auch in der Entwicklung im zwischenmenschlichen Bereich ist in den vergangenen Wochen und Monaten viel kaputtgegangen. Und sportlich hat man am Ende gesehen, dass es nicht reicht.“

Frage: „Was muss sich beim HSV im Hinblick auf die neue Saison ändern?“

Rost: „Ich wünsche mir, dass es in Hamburg aufhört, dass politische Spielchen gespielt werden. Stattdessen müssen wir mehr an einem Strang ziehen und alle Kräfte bündeln.“

Frage: „Klingt das nicht zu sehr nach abgedroschenen Phrasen?“

Rost: „Egal, wenn wir es beherzigen würden, kämen wir auch einen Schritt weiter. Man sollte aber auch einmal darüber nachdenken, ob wir nicht lieber mehr intern miteinander reden, statt immer den Weg über die Öffentlichkeit zu nehmen und so viel mit der Presse zu sprechen. In dieser Hinsicht ist uns in dieser Saison wirklich nichts erspart geblieben.“

Das ist wieder einmal ein dickes Ding. Dieses Interview wird mit Sicherheit noch ein Nachspiel haben. Das war Bernd Hoffmann anzumerken, als er am Sonntag Stellung bezog: „Wenn er anspricht, dass jeder einen Beitrag dazu geleistet hat, dass die Saison am Ende nicht so erfolgreich war wie sie hätte sein können, dann hat er damit Recht. Und dann hat er auch damit Recht, dass jeder daran beteiligt war. Er hat eine exzellente Saison gespielt, aber das muss jetzt nicht für jeden Satz gelten, den er im Interview oder außerhalb des Spielfeldes geäußert hat. Neben dem Platz hat er auch das eine oder andere Mal daneben gegriffen.“ Ob Hoffmann mit Rost über dieses Interview reden wolle? Der HSV-Chef: „Selbstverständlich. Wir reden ja immer miteinander. Das ist ja das Schöne an diesem Verein.“

Letzteres hatte Rost ja gerade ein wenig (oder auch heftiger) kritisiert, aber jeder hat seine eigene Meinung und darf sie selbstverständlich auch äußern. Wobei es für Frank Rost und seine Offenherzigkeit durchaus brisant werden könnte, den in solchen Fällen gibt es von den Vereins-Oberen schon mal eine kleine (oder saftigere) Geldstrafe. Fortsetzung folgt. Aber, das muss auch gesagt werden, nicht nur Rost fand in Bremen kritische Worte, auch Mladen Petric legte seinen Finger in die Wunde: “Wir haben zuviele Häuptlinge, aber zu wenige Indianer, die einfach marschieren und arbeiten.”

Aber, zurück zur aktuellen Baustelle: Besonders bei den beiden letzten Trainern, die bei Rost Erwähnung fanden (Stevens und Jol), reagierte Bernd Hoffmann äußerst allergisch. Auf die passende Frage eines Kollegen antwortete Hoffmann: „Wenn Sie darunter subsumieren, dass jemand zu seiner schwerkranken Frau zurückgegangen ist, dann können Sie sich auch noch zum Handlanger, aber sonst würde ich Sie bitte, das entsprechend einzuordnen.“ Mit Verlaub, Herr Vorstands-Vorsitzender: Es gibt einige Mitarbeiter in ihrem, in unserem HSV, die gerade von dieser (Hoffmannschen) These nichts wissen wollen. Die sagen vielmehr, dass Stevens’ Abgang aus Hamburg sehr wohl sportliche Gründe hatte. Noch einmal: Das sagen auch HSV-Mitarbeiter. Und: Inzwischen arbeitet Huub Stevens schon lange wieder weit, weit weg von seiner Heimat Rotterdam.

Aber es ist ja wie es ist. Ich für mich habe damals aus dem Stevens-Wechsel meine Schlüsse gezogen, bin damals wie heute aber davon überzeugt, dass der Niederländer nicht deshalb gegangen ist, weil er mit Hoffmann „nicht konnte“. Was bei Martin Jol ein wenig anders lag. Jol hatte zu Beginn des Jahres 2009 einige Anfragen aus Holland und England, er lehnte alles ab. Weil er einen Vertrag mit dem HSV bis 2010 hatte, und weil er sich ganz wohl fühlte in Hamburg. Dann kam der Sommer, dann gab es die ominösen vier Werder-Spiele und den daraus resultierenden Misserfolg – und die Stimmung zwischen Trainer und Vorstand kippte.

Jol hat mir damals gesagt: „Ich lese immer nur in den Zeitungen, dass der HSV mit mir verlängern will, aber vom Verein höre ich nichts.“ Vor dem letzten Spiel in Frankfurt rief dann montags Ajax Amsterdam bei ihm an, wollte am folgenden Mittwoch nach Hamburg kommen, um mit ihm zu verhandeln. Jol rief bei Hoffmann an, unterrichtete von dem Ajax-Vorhaben. Und der Trainer fragte den Vorstands-Vorsitzenden: „Darf ich am Mittwoch mit Ajax verhandeln?“ Er durfte. Hoffmann stellte nur eine Bedingung: „Unterrichte mich von dem Stand der Dinge.“

Ich interpretiere das – noch heute – wie folgt: „Jol hätte wohl  ganz gerne ein Nein von Bernd Hoffmann gehört, aber das kam nicht. Alles Weitere ist bekannt: Ajax bot Jol einen Traum-Vertrag, er ging. Das alles wäre noch zu ertragen gewesen, wenn es dann einen würdigen Jol-Nachfolger gegeben hätte – aber den gab es ja leider nicht . . .
Doch das ist nun auch Schnee von gestern. Jetzt ist vordinglich darauf zu achten, dass sich der HSV für die nächste Saison sportlich wesentlich besser aufstellt. Bleibt Elejro Elia? Bleibt Ze Roberto? Was wird aus Marcus Berg? Was aus David Rozehnal? Bleibt Guy Demel? Und, und, und. Fakt ist: Jerome Boateng wurde heute offiziell vom HSV verabschiedet, „obwohl noch einige kleinere Dinge zu klären sind“ (so Hoffmann). Und die abwanderungswilligen Kandidaten? Ze Roberto „eierte“ bei der Frage, ob er weiter für den HSV spielen wird, total rum. Nichts Genaues weiß er nicht? Er weiß bestimmt, wollte nur nichts sagen. Der letzte Satz aus seinem Munde: „Ich gehe davon aus, dass ich bleibe.“ Das klang aber genau so, als wolle er das Gegenteil verkünden. Wer mich fragt: Ich glaube, dass ich Ze Roberto nicht wieder in Hamburg sehen werde. Ein Bauchgefühl, mehr nicht.

Elia, so denke ich, werden wir alle weiter beim HSV erleben. Wie salopp formulierte es heute noch ein Kollege von mir: „Der hat hier acht gute Spiele in der Hinrunde gemacht, und das war es dann auch.“ Elia müsste sich schon mit einer guten WM in den Vordergrund und in die Kauflisten der großen Vereine spielen, um Hamburg schon in diesem Sommer verlassen zu können. Da er aber in meinen Augen nur Ersatz für die Niederländer ist, dürfte er es schwer haben, einen anderen Klub (der zudem viel Geld bezahlen müsste) zu finden.

Wer bleibt ist Paolo Guerrero. Morgen soll darüber auch der Aufsichtsrat befinden. „Wir sind auf einem guten Weg, ich denke, dass ich bleiben werde – am liebsten für die nächsten drei Jahre“, sagt der Peruaner selbst.

Um noch einmal kurz auf Frank Rost zurück zu kommen. Der Keeper sagte ja unter anderem: „Auch in der Entwicklung im zwischenmenschlichen Bereich ist in den vergangenen Wochen und Monaten viel kaputtgegangen. Und sportlich hat man am Ende gesehen, dass es nicht reicht.“ Die Frage, die ich mir seit dem vergangenen Sonntag stelle, ist die: Was hat eigentlich die Mannschaft, was haben die Führungsspieler getan, um dem drohenden Untergang entgegenzuwirken? Warum ich mir diese Frage seit Sonntag stelle? Beim „Doppelpass“ auf Sport1 fragte Jörg Wontorra zweimal oder dreimal, ob denn die Spieler zu Bernd Hoffmann gekommen wären, um mit ihm über die Missstände im sportlichen Bereich zu sprechen? Beim letzten Mal, nachdem er ein- oder zweimal eine Antwort „verweigerte“ (sie umging), antwortete Bernd Hoffmann mit einem klaren: „Nein.“ Und das ist schwach, wenn es dann tatsächlich so wäre. Warum haben die Spieler geschwiegen? Warum? Sie wussten alle, was da schief läuft, aber sie blieben tatenlos. Für mich ein Rätsel. Denn oft genug gaben sie in Vier-Augen-Gesprächen zu, dass sie durchaus erkannt hatten, wohin der Hase läuft – nämlich in die falsche Richtung.

Aber okay, es ist nun Geschichte. Und es bleibt die absolut vordringlichste Frage: Wer wird neuer HSV-Trainer? Fest steht: Noch einen Flop kann sich der Verein nicht leisten, denn erstens wird es zu teuer, zweitens lacht spätestens dann die gesamte Nation über die drei großen Buchstaben aus Hamburg. Aus Euren Reihen wurde ja vielfach die Frage gestellt, ob Ricardo Moniz doch noch eine Chance hat, Chef-Coach des HSV zu werden? Hoffmann dazu ausweichend: „Er hat noch einen Vertrag bis zum 30. Juni mit uns, mehr möchte und werde ich dazu nicht sagen.“ Immerhin: Bernd Hoffmann stellte sich auch gestern den Fragen der Medien-Vertretern. Das, obwohl er zurzeit die vielleicht schlimmste Phase seiner Amtszeit durchläuft. Ich bitte alle HSV-Fans darum, fair mit Hoffmann und den Entscheidungsträgern umzugehen. Sicher haben sie Fehler gemacht, sicher auch den einen oder anderen ganz schlimmen Fehler – aber wer macht die nicht einmal in seinem Leben? Hoffmann wollte ganz sicher nur das Beste für den HSV, so wie in den Jahren zuvor, diesmal aber klappte es nicht so, wie erhofft, gedacht und geplant. Dass einige Anhänger in ihm den Alleinschuldigen sehen, empfinde ich als ungerecht – sportlich gibt es da sicher den einen oder anderen Mann, der mehr Verantwortung an diesem Misserfolg trägt.

Es spricht auch für Hoffmann, dass er heute noch einmal, ein weiteres Mal, wie folgt resümierte: „Wir haben die sportlichen Ziele in der Bundesliga verfehlt, wir haben uns zum ersten Mal seit Jahren nicht für den Europapokal qualifiziert – das ist ein sportlicher Rückschlag. Wir haben eine gute Europapokal-Saison gespielt, die mit einer riesigen Enttäuschung geendet ist, und jetzt werden wir uns alle mal ein paar Tage in Ruhe besinnen und darüber nachdenken, welchen Beitrag er leisten kann für eine dann erfolgreiche Saison 2010/11.“
Welch ein (gutes) Schlusswort!

17.34 Uhr