Tagesarchiv für den 8. Mai 2010

Kein Wunder an der Weser

8. Mai 2010

Schade. Der HSV hat es doch nicht mehr gepackt, Europa muss ein Jahr lang auf Hamburg verzichten. Zwar gab es in Bremen ein 1:1, doch da Stuttgart ebenfalls Remis in Hoffenheim spielte, waren alle HSV-Anstrengungen vergebens. Nicht verloren, nicht vorgeführt worden zu sein, das mag ein Trost für etliche HSV-Anhänger sein, aber es bleibt aus Hamburger Sicht dennoch bei einer insgesamt enttäuschenden Saison. Bleibt zu hoffen, dass die Verantwortlichen, und zwar alle, ihre Lehren aus dieser verkorksten Spielzeit möglichst schnell ziehen, damit es in der nächsten Spielzeit wieder bergauf geht mit dem HSV – und nicht weiter bergab. Das Spiel in Bremen war ein Spiegelbild dieser Saison: Der HSV begann gut, der HSV spielte teilweise gut, teilweise auch viel zu brav mit, doch es wurden wieder einmal gute und beste Tormöglichkeiten ausgelassen. Insgesamt ging die HSV-Mannschaft an der Weser auch ein bisschen zu wenig Risiko, aber es lähmte wohl die Angst vor dem „Angstgegner“, und eventuell haben sie auch wohl selbst nicht mehr so richtig an ihre Chance geglaubt.
Auf geht’s, HSV, jetzt gilt es, einen neuen und einen besseren Anlauf zu nehmen. Dass Ihr es könnt, das habt Ihr auch mit dem 1:1 beim Tabellendritten in Bremen bewiesen.
Es ist ein Jammer, dass diese Saison nun vorbei ist. Der HSV zeigte sich in Bremen mit dem Anpfiff motiviert und engagiert, alle Spieler waren viel in Bewegung, alle waren konzentriert bei der Sache und hielten sich strikt an der taktischen Marschroute, die ihnen Ricardo Moniz mit in dieses Spiel gegeben hatte. Auch wenn es einige User nicht hören wollen, ich wiederhole mich trotzdem: Vier Wochen eher mit Moniz an der Spitze, und der HSV wäre mit Leichtigkeit nach Europa spaziert. Den Spielern ist deutlich anzumerken, dass sie mehr Selbstbewusstsein haben, dass sie auch wieder mit mehr Spaß bei der Sache sind. Doch leider kommt das alles zu spät.

Die ersten Tormöglichkeiten an der Weser hatte der HSV. Zweimal Ruud van Nistelrooy. Hätte der Niederländer einmal den Ball besser stoppen können, wäre das 0:1 wohl unvermeidbar gewesen, aber die Kugel sprang ihm zu weit und zu hoch vom Fuß, so dass Frings noch eingreifen konnte. Erst nach 20 Minuten kam Werder etwas besser ins Spiel, doch von einem Vorteil konnte kaum die Rede sein. Die HSV-Defensive stand sehr sicher, im Mittelfeld wurden enorm weite Wege bewältigt, und im Angriff strahlte van Nistelrooy zu jeder Sekunde Gefahr aus. Es hieß zwar 0:0 zur Pause, aber die ersten 45 Minuten waren keineswegs langweilig. Zumal die Stimmung auf den Rängen prächtig war, der Anhang des HSV schien in Sachen Schlachtgesängen die Überhand zu haben, obwohl nicht alles, was da aus der Hamburger Ecke kam, druckreif war.

Die Pluspunkte des HSV: Beide Innenverteidiger, Jerome Boateng und Joris Mathijsen, hatten alles bestens im Griff. Gut war zudem, dass die Bremer Standards bis auf den Pizarro-Kopfball (44.) an den Pfosten kaum einmal gefährlich wurden, die langen Bremer wurden bei Eckstößen und Freistößen bestens bewacht, wobei mir in Halbzeit eins besonders Boateng gefiel. Im zweiten Durchgang, als Werder dann wesentlich druckvoller spielte, war dann aber von der Hamburger Souveränität im Defensivzentrum nicht mehr ganz so viel zu sehen. Sie wackelte einige Male, die Abwehr, aber sie kippte nicht vollends.  Was auch an Frank Rost lag, denn der Torwart bot erneut eine hervorragende Partie – so hielt er das ganze vergangene Jahr. Hätten alle HSV-Profis zu funktioniert wie Rost, der HSV müsste jetzt nicht trauern . . .

Rechts in der Viererkette bot Guy Demel den Fans wieder einmal Licht und Schatten, aber ich hatte den Eindruck, dass er dabei mehr Licht offenbarte. Über seine Seite kam von den Bremern herzlich wenig, da hätte links Dennis Aogo doch ein wenig mehr zu tun, löste die ihm gestellten Defensiv-Aufgaben aber mit sehr viel Schneid. Nach vorne ging bei beiden Außenverteidigern aber kaum etwas, wenn es über die Flügel offensiv wurde, dann hatte Demel leicht Vorteile.

Im Mittelfeld war David Jarolim von der ersten Sekunde an in seinem Element, der Tscheche war überall zu finden, erlief sich viele Bälle und scheute keinen Zweikampf, ging dorthin, wo es weh tat. Ze Roberto hatte einen guten Beginn, war dann aber phasenweise nicht mehr zu sehen. War er am Ball, machte er durchaus gute Sachen, aber insgesamt ist das nicht der „große Ze“, den die Hamburger noch zu Beginn dieser Saison kennen und lieben gelernt hatten.

Von den beiden Mittelfeldspielern, die über die Flügel die Musik machen sollten, war Jonathan Pitroipa der aktivere. Piotr Trochowski hatte ganz offensichtlich die Order mit in dieses Spiel bekommen, die Defensive nicht zu vernachlässige, dementsprechend hielt sich der Nationalspieler mehr um die Mittellinie herum auf. Ohne dort ab- oder aufzufallen, er setzte sich ein, und er brachte die meisten Bälle auch an den richtigen Mann. Pitroipa war enorm unternehmungslustig, aber im Abschluss zeigte er einmal mehr eine katastrophale Leistung. Bei allem Mut zum Dribbling, bei aller Spritzigkeit im Sprinten – er wird es nicht mehr lernen. Dazu zeigte er beim 1:0 der Bremer auch, dass er defensiv ebenfalls Schwächen hat. Als Frings ihm den Ball innen vorbei auf Fritz passte, hätte er diesen Ball abfangen müssen. Das erwartet ein Laie von einem Profi, aber auch eine solche Situation zieht sich schon wie ein roter Faden durch die Saison. Den Rückpass von Fritz nutzte Pizarro per Hacke zum Bremer Tor (59.), neben dem Peruaner stand Mathijsen, er stand daneben und nicht vor ihm.

Der HSV-Angriff blieb über 90 Minuten mehr oder weniger harmlos. Von Mladen Petric war nichts zu sehen, van Nistelrooy hatte die Chancen, tat dafür aber auch einiges, der Niederländer war viel unterwegs. Schade nur, dass er nicht mehr den „Killerinstinkt“ hat, der ihn einst während seiner gesamten Karriere begleitete. Besonders weh tat dabei die Chance, die er in der 65. Minute ausließ, als er frei vor Torwart Wiese auftauchte, den Ball aus sieben Metern mit voller Wucht Richtung Tor drosch, aber der Keeper wehrte prächtig ab.

In der 73. Minute (zu spät?) ging Moniz, der während der 90 Minuten lang am Rand alles gegeben hatte (er muss heiser sein), dann doch noch Risiko. Er wechselte Aogo aus, brachte Eljero Elia. Die „Rakete“ führte sich zwar mit zwei misslungenen Hackentricks nicht besonders gut ein, aber er war danach doch eine Belebung. Und als Ruud van Nistelrooy dann doch noch sein Tor machte, schien ein HSV-Sieg nicht unmöglich. Der Ball lief vor diesem Treffer herrlich von Mann zu Mann: Pitroipa zu Ze Roberto, der hatte endlich einmal den Mut, in den Strafraum einzudringen, Rückpass auf van Nistelrooy, tolles Tor aus elf Metern (82.). Hamburger Hoffnung?

Werder hatte nicht mehr viel zuzusetzen, schien mir am Ende der Kraft zu sein. Aber der HSV schaffte es auch nicht mehr, das 2:1 zu erzielen. Immer wieder stand Wiese im Weg. Doch selbst ein Sieg hätte dem HSV ja nicht geholfen – es ist vorbei, die Saison 2009/10 ist Geschichte, der HSV muss zumindest ein Jahr lang auf Europa verzichten. Schade, es wäre weit mehr drin gewesen – ja, es hätte wesentlich mehr drin sein müssen. Mit dieser Mannschaft nicht in den internationalen Rängen zu landen, das ist schon ein großes Kunststück.

Ein Wort noch an alle HSV-Fans: Ihr seid super, Ihr seid klasse, Ihr habt eine großartige Saison abgeliefert, an Euch hat es nicht gelegen. Kompliment, ein ehrlich gemeintes Kompliment an Euch. Wie Ihr Euch für den HSV eingesetzt habt, was Ihr alles tut für Euren Verein, das ist sensationell. Es gibt keine besseren Fans in Deutschland, da bin ich mir sicher. Und deswegen solltet Ihr jetzt auch nicht hadern, nicht jammern und erst recht nicht weinen, sondern Euch schon jetzt auf die nächste Spielzeit freuen. Wenn dann das Engagement der Mannschaft mit dem von Euch mithalten kann, dann ist der HSV im Sommer 2011 auch wieder international dabei. Nochmals Glückwunsch für Eure fantastische Saison-Leistung – und bitte nicht mehr weinen. Ich glaube, die Tränen sind vor Wochen berechtigter und angebrachter gewesen.
Nur der HSV!

17.54 Uhr