Tagesarchiv für den 7. Mai 2010

Der Traum vom Fußball-Wunder

7. Mai 2010

Es war am 30. April 2009. Im Weserstadion zu Bremen lief gerade die 28. Minute des Uefa-Pokal-Halbfinal-Hinspiels zwischen Werder und dem HSV. Flanke von HSV-Abwehrmann Guy Demel, in der Strafraummitte verpasst der Bremer Nationalspieler Fritz den Ball, HSV-Mittelfeldspieler Piotr Trochowski schraubt sich in die Luft und köpft den Ball unhaltbar für den Bremer Torwart Wiese ins Netz. 1:0 für den HSV. Es blieb bei diesem Ergebnis, doch die Träume aller Hamburger erfüllten sich nicht. Für den HSV kam das internationale Ende im Rückspiel im Volkspark. Morgen, am 8. Mai, könnte dem HSV ein 1:0-Sieg in Bremen reichen, um ein weiteres Mal nach Europa zu kommen. Ein Sieg und gleichzeitig die Niederlage des VfB Stuttgart gegen Hoffenheim, das wäre es, das bräuchten die HSV-Anhänger, um ein Gefühl wie Weihnachten, Geburtstag und Ostern auf einmal zu haben. Mach’s noch einmal, „Troche“.

Kopfbälle wurden beim Abschlusstraining im Volkspark auch wieder reichlich geübt. Trainer Ricardo Moniz hatte sich seine Kopfball-Spezialisten vor dem einen Tor, das von Frank Rost bewacht wurde, versammelt und ließ Flanken zur Mitte befördern. Flanke um Flanke segelte in den Strafraum, besonders die Bälle von Dennis Aogo gefielen mir diesmal sehr, sie beschworen immer wieder Gefahr hervor. Schön zu sehen, wie sich die Spieler um die Kugel bemühten, wie sie sich freuten, wenn sie ein Erfolgserlebnis hatten – wie kleine Kinder, wie eine ausgelassene Rasselbande. Die Stimmung ist in der Tat super, schade, schade, dass es nun schon zu Ende ist. Diese HSV-Truppe hätte sich sonst ganz gewiss noch so manchen Sieg geholt und hätte sich auch den internationalen Startplatz beizeiten gesichert.

Nach dem „offiziellen Teil“ des Trainings durften die HSV-Cracks in die Kabine – oder sie blieben aus Jux noch auf dem Rasen. Davon machten viele Spieler Gebrauch. Auf der einen Seite schossen Joris Mathijsen, Bastian Reinhardt, Piotr Trochowski und Jerome Boateng auf das Gehäuse von Rost, auf der anderen Seite wurde eifrig geflankt: Romeo Castelen (von rechts), Dennis Aogo und Eljero Elia zogen die Bälle teilweise wunderschön vor das Tor von Wolfgang Hesl, und in der Mitte bemühten sich Paolo Guerrero, Guy Demel, Tolgay Arslan, Collin Benjamin, Robert Tesche und Marcus Berg. Nicht jeder Schuss war ein Treffer, aber es gab teilweise sehr schöne Tore. Besonders gefiel mir bei diesen Abschlüssen Tesche, der sowohl per Kopf als auch mit dem Fuß sehr gut traf. Und noch einer konnte sich mehrfach hervor tun: Berg. Der Schwede erhielt sogar einmal den spontanen Beifall seines Trainers, der es wohlwollend zur Kenntnis nahm, wie der oftmals gescholtene Stürmer einnetzte. Da war so mancher Strich dabei, der kaum zu sehen war, so voller „Schmackes“ zischte er ins Netz. Mehr davon, Marcus Berg!

Wer mir während des gesamten Trainings sehr gut gefiel, war Eljero Elia. Der Mann muss ja auch, denn er will mit nach Südafrika. Deswegen täte ihm jetzt jede Spielminute doppelt gut. Elia flankte prächtig, und er schoss auch großartig. Ganz offensichtlich war er mit großem Spaß bei der Sache. Das verspricht auch im Hinblick auf Bremen einiges – wenn er dann von der Bank ins Geschehen eingreifen wird. Mehr ist nicht drin für ihn, denn der HSV wird wie folgt auflaufen: Rost – Demel, Boateng, Mathijsen, Aogo – Jarolim, Ze Roberto – Trochowski, Pitroipa – Petric, van Nistelrooy.

Was mir zu diesem Spiel aufgefallen ist: Die Kollegen der Sport Bild haben ja zu jedem Spieltag einen Prominenten, der alle Ergebnisse tippt. Diesmal ist es Uwe Seeler. Der tippt einen 2:1-Sieg seines HSV in Bremen – toll. Das wäre es doch! Aber: „Uns Uwe“ tippt bei Hoffenheim gegen den VfB Stuttgart ein 2:2 – und das wäre es dann doch wieder nicht. Sicher ein Druckfehler, oder?

Und wo ich gerade bei Werder bin: Ich will schnell einmal aus dem ganz kleinen Nähkästchen plaudern. Und dazu ein ganz kleines Quiz: Was ist wohl wahr? Habe ich gemeinsam mit Willi Lemke den New-York-Marathon gelaufen? Habe ich gemeinsam mit Werders Co-Trainer Wolfgang Rolff schon einmal den Brocken bestiegen? Oder war ich gemeinsam mit Werder-Trainer Thomas Schaaf schon einmal in der Mailänder Scala? Eines davon stimmt! Die Antwort findet Ihr unten am Ende dieses Textes.

Schnell noch einmal zum Dauer-Thema HSV-Trainer. Unser „Bob“, ich meine „Dylan1941“, hat ja heute den Namen Christian Gross „rausgehauen“. Das wäre einer, so habe ich Euren Antworten (und Beiträgen) sehr wohl entnommen (die Mehrheit jedenfalls wäre dafür). Abgesehen einmal davon, dass ich das für unmöglich halte, wäre Gross ganz sicher ein guter Mann, vielleicht sogar ein sehr guter. Es hieß aber in HSV-Kreisen immer, dass sich Boss Bernd Hoffmann früher schon um Gross bemüht habe, der aber den Hamburgern abgesagt hätte. Mit dem Argument, er würde sich den HSV nicht zutrauen. Kann ich mir nicht vorstellen, aber ich weiß es nicht besser.

Ich habe auf jeden Fall mit einem Kollegen aus Stuttgart telefoniert, um mir mal die Lage aus seiner Sicht schildern zu lassen. Er sagte mir, dass ihn ein Wechsel von Gross zum HSV keineswegs überraschen würde. Im Gegenteil, er hätte auch schon aus privatem Kreise gehört, dass so etwas möglich sein könnte. Und er bestätigte mir, dass Manager Horst Heldt und der Trainer nicht unbedingt Hand in Hand arbeiten würden. Um es aber noch einmal zusammen zu fassen: Ich glaube nicht daran, dass der nächste HSV-Trainer Christian Gross heißen wird.

Kurz noch zu einem Vorschlag aus Eurer Mitte: Bernd Schuster. Bitte nicht, möchte ich sagen, und ich füge hinzu: Sollte er nächste HSV-Trainer Bernd Schuster heißen, werde ich vorzeitig meine Rente beantragen. Ich sehe jetzt schon die Arme von einigen Mit-Bloggern (keine Matz-abber) in die Höhe schnellen, aber ich denke, es wird nicht soweit kommen. Denn ich traue Bernd Hoffmann viel mehr Weitblick zu – und Urs Siegenthaler natürlich auch. Schuster habe ich als Trainer von Fortuna Köln erlebt, und ich habe ihn als Trainer von Real Madrid genossen – unmöglich, sage ich Euch, unmöglich. Jeder Trainer der am Emirates-Cup (London) beteiligten Vereine hatte eine vorgegebene Zeit, um eine Pressekonferenz zu geben. Alle hielten diese Zeit ein – bis auf Schuster. Der sollte um 15 Uhr erscheinen, kam dann aber doch schon um 16.15 Uhr. Und lümmelte sich dort oben auf dem Podium so anteilnahmslos hin, dass es mehr als provokant war. Zudem habe ich mit einer der größten deutschen Fußball-Größen einmal über Bernd Schuster gesprochen, er gab ihm eine glatte Sechs. Setzen.

So, zur Auflösung des obigen Rätsels: Ich war, tatsächlich, mit Schaaf in der Mailänder Scala. Im Ernst. Und zwar einen Tag vor dem Europapokal-Viertelfinalspiel AC Mailand gegen Werder Bremen. Verteidiger Schaaf war zu diesem Spiel gesperrt, hielt sich mit seiner Frau aber in Mailand auf.. Die mitgereisten Spielerfrauen, dazu Schaaf und auch wir Journalisten wurden von Werder zu einer Stadtrundfahrt eingeladen, und dazu gehörte auch ein Besuch der Scala. Pssssst! Ruhe!! Es wurde gerade geprobt, aber wir durften dennoch vor die Bühne und sogar hinter die Kulissen blicken. Hatte was.

Schaaf wird sich sicher nicht mehr dran erinnern können, und auch ich würde mich freuen, wenn ich mich in zig Jahren nur noch dran erinnern würde, wie der HSV an jenem 8. Mai 2010 doch noch ein kleines, nein, ein großes Fußball-Wunder vollbracht hat, indem er nach Europa stürmte. Vielleicht hilft ja auch einmal, noch einmal eine richtig gute Demel-Flanke dabei.

Nur der HSV!

20.18 Uhr