Tagesarchiv für den 6. Mai 2010

“Von gestern haben wir gelernt”

6. Mai 2010

Das sah total nach Abschied aus. Als die HSV-Profis am Donnerstag die Arena verließen, hatten sie alle mehr oder weniger große Plastiksäcke in den Händen. Darin waren Fußballstiefel und Trikots, und die sonstigen Utensilien, die jeder Fußballer in der Umkleidekabine hat. All diese Dinge müssen vor dem Europa-League-Finale zwischen Fulham und Atletico Madrid aus den Kabinen entfernt, die Räumlichkeiten müssen absolut clean sein. So verlangt es die Uefa. Ein Spieler, der die Arena von außen betrachtete (und den ich nicht persönlich nennen möchte, falls die Fußball-Union hier mitliest), stellte genervt fest: „Es ist ein Jammer, was die aus unserem schönen Stadion machen, wirklich ein Jammer.“ Alles wird von rechts nach links gedreht, ein unglaublicher Aufwand für nur ein Spiel – aber man gönnt sich ja sonst nichts. Und die Herren der Uefa schon mal gar nicht.

Es wird international in Hamburg, und es wurde auch schon an diesem Tag sehr international. Vier HSV-Profis sind im vorläufiger WM-Kader der deutschen Nationalmannschaft, der nun von Bundestrainer Joachim Löw benannt wurde. Jerome Boateng und Piotr Trochowski waren erwartet worden, Marcell Jansen nicht unbedingt, und sehr überraschend kam dazu die Nominierung von Dennis Aogo. Da kam Freude beim HSV auf. Trainer Ricardo Moniz befand: „Ich freue mich für die Spieler. Es gab natürlich vorher einige Zweifel, ob Dennis Aogo und Piotr Trochowski dazu gehören würden, aber sie haben es geschafft, und dich denke, dass sie es auch verdient haben, sie haben die spezifische Qualität dazu. Aber ich habe auch immer gesagt: Du kannst nicht extrem genug sein, um deine Qualität zu zeigen. Piotr zum Beispiel hat gegen Nürnberg gezeigt, was eine spezifische Kraft ist, das machte mich als Trainer sehr glücklich. So muss das weitergehen, dann macht es den HSV besser – und es macht auch die Spieler besser.“ Mit spezifisch meinte Moniz speziell.

Dass der Interims-Coach des HSV seinen Spieler Trochowski nicht unbedingt auf dem Zettel hatte, überraschte mich ein wenig – aber vielleicht liegt er damit ja noch richtig, denn am 1. Juni gibt Löw seine vier Streichkandidaten bekannt. Fällt dann Trochowski doch noch raus? Oder einer von den beiden Abwehrspielern der linken Seite? Falls es Jansen, der nach dem Riss des Syndesmosebandes noch keine Spielpraxis hat, nicht schaffen sollte, dürfte Aogo auf jeden Fall dabei sein, schafft es aber Jansen doch, dürfte Aogo in den Urlaub fahren. Auf jeden Fall aber hat der ehemalige Freiburger jetzt schon einmal seinen Mallorca-Urlaub abgesagt. Jansen sagte über seinen aktuellen Fitnessstand: „Bis jetzt läuft es nach Plan, ich komme der WM von Tag zu Tag näher.“

Dass es Aogo (23) doch noch geschafft hat, löste Freude bei allen (Hamburgern) aus. Er hat es sich verdient. Löw lobte den U-21-Europameister: „Länderspiel-Erfahrung ist nicht unbedingt das einzige Kriterium, sondern vor allem das Potenzial.“ Dennis Aogo ist neben dem Münchner Holger Badstuber der einzige Spieler, der noch kein A-Länderspiel bestritten hat. Bereits vor zwei Tagen war der HSV-Profi von Löw-Assistent Hansi Flick über die Nominierung informiert worden. Aogo dazu dieser erfreulichen Nachricht: „Am Telefon habe ich versucht, auf cool zu machen, aber hinterher habe ich mich riesig gefreut.“

Am Sonnabend, im letzten Bundesliga-Auftritt der Saison 2009/10, können die vier WM-Aspiranten noch einmal zeigen, was in ihnen steckt. In Bremen, beim „Endspiel“ um die Europa-League-Teilnahme. Der HSV muss gewinnen (und Stuttgart in Hoffenheim verlieren), und dass er das Siegen noch nicht ganz verlernt hat, das bewies er mit dem 4:0 gegen Nürnberg. Moniz: „Wir haben nach dem Aus in Fulham ein unglaubliches Erfolgserlebnis gehabt. Dass man sich nach einem solchen Schlag überwunden hast, dass man mentale Härte gezeigt und ein gutes Spiel gemacht hat, das war schon klasse. Ich finde, dass der HSV immer dominant spielen muss, egal ob man zu Hause oder auswärts spielt, egal wer der Gegner ist. Der HSV muss Torchancen kreieren und dem Publikum alles geben. So müssen wir auch gegen Bremen auftreten, unser dominanter Spielstil muss sich weiterentwickeln.“

Mit dieser Entwicklung aber ist am Sonnabend um 17.20 Uhr schon wieder Schluss. Sommerpause. Am Sonntag trifft sich das gesamte Team noch einmal am Vormittag in der Arena zu einer Abschlussbesprechung, dabei wird jedem Spieler auch sein individueller Trainingsplan für die Wochen des Sommers in die Hand gedrückt.

Beim Training „vor Bremen“ ließ Ricardo Moniz schon einige Varianten üben, wie er bei und gegen Werder gewinnen will. Es herrschte an diesem Donnerstag Leben im HSV-Team, die gesamte Mannschaft scheint aufgewacht und auch willig, 100 Prozent für die eigentlich nur relativ kleine Chance zu geben. Dabei beeindruckte bei dieser Einheit einer, den die HSV-Anhängerschaft vor einigen Wochen noch nicht auf dem Zettel hatte: Jonathan Pitroipa. Er wirbelte über links wie in seinen besten Tagen, und er schoss nach einem herrlichen Solo-Lauf ein traumhaftes Tor gegen Frank Rost. Da gab es viel Beifall von den Trainingskiebitzen. Neben Pitroipa gefiel mir auch Robert Tesche, der einige sehr gute Szenen hatte.

Bis auf Marcell Jansen und Tunay Torun sind beim HSV alle Spieler fit, auch Romeo Castelen und Collin Benjamin mischten am Donnerstag tüchtig mit. Ebenso Eljero Elia, der wohl am Sonnabend im Kader stehen wird. Moniz klärt auf: „Eljero sagt selbst, dass er noch ein wenig ängstlich ist, denn es war nicht nur das Fußgelenk, das verletzt war, sondern auch ein Problem mit den Muskeln. Dennoch glaube ich, dass er einsetzbar sein wird.“

Dass der HSV in der vergangenen Saison in vier Spielen gegen Werder alles andere als gut aussah, ist für Ricardo Moniz kein Alarmzeichen: „Wir haben jetzt eine total neue Situation, gestern ist vorbei, von gestern haben wir gelernt. Ich denke, dass die Mannschaft nicht mehr damit beschäftigt ist – und sollte es dennoch da sein, so ist es mein Auftrag, das wegzunehmen.“ Nichts leichter als das. Moniz scheint keine Angst zu kennen, vor nichts und niemandem. Der Mann ist forsch und packt es an, was allen unglaublich imponiert. Wobei ich gleich hinzufügen möchte: Ich erwarte Ricardo Moniz in der nächsten Saison NICHT als HSV-Trainer, sondern als Trainer von Red Bull Salzburg. Es ist nur so, dass er sich für diese neue Aufgabe, den HSV für 14 Tage zu trainieren, zu 100 Prozent einsetzt, er identifiziert sich mit der Raute. Das haben auch die meisten Trainingskiebitze so erkannt – deswegen erfährt der Niederländer derzeit viel Lob.

Natürlich sah sich Ricardo auch an diesem Tag wieder der Frage ausgesetzt, ob er nicht liebend gerne HSV-Trainer bleiben würde? Seine diplomatische Antwort: „Es liegt nicht an mir. Ich bin nur ein kurzfristig denkender Mensch. Gestern ist vorbei, ich denke nicht an morgen – ich denke nur an heute. Bremen ist wichtig, dann sehen wir weiter.“ Genau.

Wie sehr sich der Interimscoach schon mit seiner Mannschaft identifiziert, zeigt ein Frage nach einer Abendblatt-Geschichte vom Donnerstag. In der hatte Aufsichtsrats-Mitglied Ian Karan (65) nicht gerade uneingeschränkt gute Worte über das HSV-Team gefunden. Moniz kontert: „Seine Worte sind absoluter Unsinn. Die Mannschaft hat einen sehr guten Charakter. Dieser Charakter war unsere Kraft – auch im letzten Jahr. Wir haben beim HSV relativ wenige Naturtalente, Rafael van der Vaart war ein solches, aber alle anderen mussten sich alles hart erarbeiten. Und sie haben alle sehr hart gearbeitet, sie sind fantastische Profis, deswegen kann ich Karans Aussage nicht akzeptieren, sie ist einfach nicht wahr. Man kann sagen, dass wir durch die vielen Verletzungen in eine Spirale gekommen sind, die uns nach unten gezogen hat, aber man kann nicht den Charakter einer Mannschaft kritisieren, wenn es nicht so ist.“ Dann fügte er noch – Klartext sprechend – hinzu: „Ich kann mir durchaus vorstellen, dass es von außen so ausgesehen hat, aber man darf trotzdem so etwas nicht sagen, denn wir standen nun zwei Jahre in Folge im Europapokal-Halbfinale. Das geht sonst gar nicht. Und noch eines: Ich muss die Spieler in Schutz nehmen. Man kann mich kritisieren, aber nicht meine Spieler.“

Hey, da kämpft ein Mann wie die Glucke um ihre Hühnchen. Hoffentlich zeigt die Mannschaft am Sonnabend ebenfalls einen solchen unbändigen Kampfgeist, dann muss sich Werder in Bremen warm anziehen.

PS: Die Bremer Polizei hat mitgeteilt, dass für das Nord-Derby am Sonnabend gefälschte Eintrittskarten im Umlauf sind. Betroffen sind demnach die Stehplätze in der Ost-Kurve. Dadurch könnte es zu Verzögerungen beim Einlass kommen.

19.19 Uhr