Tagesarchiv für den 2. Mai 2010

“Wir können tot sein – aber nur einen Tag”

2. Mai 2010

„Wenn ich einen Tag keinen Fußball habe, dann ist das ein verlorener Tag für mich. Abschalten kann ich dann, wenn ich schlafe.“ Der Mann, der diese markigen Worte sagte, steht ständig unter Strom. Er denkt Fußball, er ist Fußball, er lebt Fußball: Ricardo Moniz. Ein Phänomen. Der 45-jährige Niederländer beeindruckt fast alle. Er ist erst eine Woche als Chef-Trainer im Amt, aber sein gesamtes Umfeld ist begeistert. Hat „ganz Hamburg“ auf einen solchen Mann gewartet? Es sieht offenbar so aus. Moniz zieht alle in seinen Bann, er gibt immer 100 Prozent, er lebt es geradezu vorbildlich vor, wie ein Profi zu funktionieren hat. Es scheint jetzt so, als setze Ricardo Moniz nun neue und ganz hohe Maßstäbe an den künftigen HSV-Trainer.

Oder wird Moniz selbst der neue Mann? In der Mannschaft scheint es Strömungen zu geben, die den bisherigen Technik-Coach gerne als Chef sehen würden. Mladen Petric befand nach dem 4:0-Sieg blumig: „Ricardo ist die Steckdose, wir sind der Stecker.“ Weil er immer unter Strom steht, und die Mannschaft es ihm in Zukunft nachmachen möchte?

Moniz nahm den Ball, den Petric ihm zuspielte, mit Freude an. Dennoch wich er bei der Frage, ob er sich den Trainer-Posten beim HSV vorstellen könne, aus: „Im Moment bin ich nur mit der Sache beschäftigt. Natürlich ist das ein Kompliment, natürlich habe ich auch meine Ambitionen, aber da muss man die Emotionen trennen. Ich will den Job hier so gut wie möglich erledigen, und zwar von Spiel zu Spiel – ich lebe von Tag zu Tag. Wenn aber ein Spieler das sagt, dann freut man sich, man bekommt dann ja auch Anerkennung.“ Auf Nachfrage wurde Moniz dann aber doch noch ein ganz kleines bisschen konkreter: „Es wäre natürlich phantastisch, da bin ich ganz ehrlich. Aber ich bin damit nicht beschäftigt. Ich muss da sein für die Mannschaft und den Verein. Herr Hoffmann und Frau Kraus haben mir das Vertrauen ausgesprochen, aber ich möchte jetzt nicht über eine solche Aufgabe sprechen. Es war schwierig genug, die Mannschaft innerhalb von zwei Tagen nach dem Fulham-Spiel auf Nürnberg vorzubereiten, aber wenn Mladen das sagt – das tut natürlich gut.“

Der erste Sieg unter seiner Regie hatte Moniz natürlich auch sehr gut getan. Was wäre wohl passiert, wenn der HSV erneut in einem Heimspiel versagt hätte? Deswegen konnte der Niederländer seine Freude auch kaum verhehlen. Im Gegenteil, alles das, was ihn danach bewegte, sprudelte förmlich aus ihm heraus. So sagte er beispielsweise: „Nach dem Fulham-Spiel waren wir tot. Alles. Es war wirklich extrem. Aber ich habe den Jungs gesagt: Okay, wir können tot sein, aber nur einen Tag. Morgen müssen wir wieder den Schalter umstellen, denn wir haben eine Verpflichtung für das Publikum, und wir sind natürlich immer noch nicht weg. Sie haben mich ein wenig fremd angesehen, aber von diesem Moment an gab es wieder Leben bei uns.“

Kernige Sätze, die aber offenbaren, wie sehr er sich mit seiner neuen Aufgabe identifiziert. Schwärmerisch befand er über das Team: „Man hat gesehen, was ein Körper eigentlich kann, wenn er am Donnerstag spielt und dann am Sonnabend schon wieder. Man kann das, wenn es mental stimmt, und ich habe versucht, die Spieler zu stimulieren. Wobei ich total unwichtig bin. Ich habe gesagt, dass sich die Spieler stimulieren sollen, dass sie sich untereinander stimulieren sollen – das fehlt mir noch zuviel. Aber sie habe es angepackt.“

Sie konnten es mit einer Leichtigkeit, weil Nürnberg an diesem Sonnabend kein Gegner war. Die Franken traten in Hamburg wie ein Schüler-Team an, nicht wie ein kämpfender Abstiegskandidat. Moniz aber sah nur seine Mannschaft und gab zu Protokoll: „Das ist die Art, wie der HSV Fußball spielen muss. Dominant, aber nicht um mehr Ballbesitz zu haben, sondern um Torchancen zu kreieren. Das habe ich ihnen vorgegeben. Und ich habe ihnen gesagt, dass du als Fußballer immer eine Vorbildfunktion hast, dass hier Leute im Stadion sitzen, die viel Geld bezahlen. Und wenn die sehen, dass man trotz aller Trauer und trotz eines mentalen Schlags nach zwei Tagen wieder aufstehen kannst, dann kommst du deiner Vorbildfunktion nach. Die Spieler haben das gut umgesetzt. Und ich finde es auch wichtig, dass die menschlichen Qualitäten auch gleich entwickelt werden.“ Dann atmete er einmal kurz durch und ergänzte: „Wir sind aufgestanden, darüber bin ich sehr froh, wir leben noch immer. Nächste Woche ist Bremen, dann wird es wieder wie letztes Jahr am letzten Spieltag entschieden. Es macht mich glücklich, was hier heute passiert ist.“

Nicht nur ihn. Auch die meisten Zuschauer gingen nach langen Wochen Hamburger Minusleistungen zufrieden(er) nach Hause. Endlich einmal eine eindrucksvolle spielerische Leistung, endlich einmal ein deutlicher Sieg, endlich einmal kaum einen Ausfall in der HSV-Mannschaft. Zum Schluss gab es Applaus, auch wenn das noch keine hundertprozentige Versöhnung war. Moniz erkennt das an: „Wir wissen natürlich, wie unzufrieden die Zuschauer sind, aber das sind sie auch zu recht. Der HSV hat hohe Ansprüche, und wenn da das nicht bringst, bei allen Verletzungen und Problemen die wir hatten, dann wir das eben nicht akzeptiert. Das Endergebnis ist entscheidend, und deswegen besteht diese Unzufriedenheit zu Recht. Aber deswegen habe ich gesagt, dass wir extra für die Fans spielen müssen. Und das war wirklich aus dem Herzen heraus. Wenn du das nicht aus dem Herzen heraus machst, kannst du ein solches Spiel nicht abliefern. Natürlich sind mit diesem 4:0-Sieg nicht alle Frustrationen weg, aber wir konnten im letzten Spiel in Hamburg zeigen, dass wir immer noch nicht weg sind.“

Dass Moniz daran entscheidenden Anteil hat, das wussten sie alle in der Arena. Er wahrscheinlich auch, aber er wollte von Selbstlob absolut nichts wissen, er stapelte wohltuend tief: „Ich habe nichts Besonderes gemacht. Ich habe das gemacht, wofür ich angestellt bin. Ich habe den Spielern gesagt, dass wir auch mental eine gewisse Härte entwickeln müssen. Ich möchte da mal an die vergangene Saison erinnern. Als wir da im Halbfinale gegen Bremen ausgeschieden sind, da haben wir das ein bisschen zu empfindlich aufgenommen. Das finde ich als Profi nicht gut. In diesem Punkt müssen wir uns weiterentwickeln, man muss als Profi auch mentale Härte zeigen. Ich habe den Jungs gesagt, dass Fulham vorbei ist, aber dass sonst noch nichts vorbei ist, dass die Chance auf Europa immer noch besteht, auch wenn es sehr extrem ist. Ich bin da aber auch nicht so wichtig, die Spieler haben sich heute untereinander geholfen, und darüber bin ich sehr glücklich. Wenn so etwas entsteht, dann hat man auch viel mehr Strukturen in der Mannschaft.“ Und, aufgekratzt fügte er an: „Die Mannschaft hat einen Top-Charakter. Den hat sich auch schon in der vergangenen Saison gehabt. Jetzt hoffen wir, dass es am nächsten Sonnabend noch klappt.“

In Bremen. Bittter genug. Werder an sich ist schon schlimm, aber es geht für die Schaaf-Elf ja noch um die Qualifikation zur Champions League. Der HSV bekommt also doch noch ein „echtes“ Endspiel. Die Frage wird nur sein, ob die Kräfte dafür reichen. Aber wie sagte doch Moniz: „Man kann das, wenn es mental stimmt.“ Wie wahr. Es sind doch die letzten 90 Minuten, dafür müsste die mentale Kraft reichen, muss der letzte Hauch von Siegeswillen noch einmal aktiviert werden. Ricardo Moniz wird sein ganzes Können aufbieten müssen, damit das gelingt. Aber wenn es einer in diesen Tagen schaffen kann, dann er.

Übrigens: Stress hin, Stress her, der Interims-Coach wartete in der 74. Minute auf mit einer großen menschlichen Geste auf, als er Bastian Reinhardt nach überstandenem zweimaligen Mittelfußbruch zum ersten Bundesliga-Einsatz dieser Saison verhalf. Der Trainer befand über den Routinier: „Ich habe auf der einen Seite langes sein Leid gesehen. Wenn die anderen Spieler nach Hause gingen, hat er allein im Kraftraum gearbeitet. Auf der anderen Seite aber hat er auch im Training zuletzt ein sehr gutes Niveau gezeigt, auf mich einen Top-Eindruck gemacht. Basti verkörpert einen Top-Profi, er verkörpert den HSV – seine Einwechslung war das Mindeste, was ich für ihn und das Publikum tun konnte. Basti ist fantastisch. Er ist fit, er hat am Ball keine Angst, aber ich denke auch, dass wenn man 32 Jahre alt ist, kann man sich noch weiterentwickeln. Er muss sich bei Ballbesitz noch mehr zeigen – aber heute hat er damit schon begonnen.“ Kleine Ergänzung, Herr Moniz: „Basti“ ist schon zwei Jahre älter. Aber er wird auch mit 34 noch lernfähig sein – er auf jeden Fall.

Noch ein kurzer Blick auf den Doppelpass von „Sport1“. Ich habe die Sendung nur in Auszügen gesehen, aber viele Freunde und Bekannte riefen mich danach an und sagten unisono: „Hoffmann war wieder einmal ganz stark.“ War auch mein Empfinden, habe mir die zwei Stunden aber aufgezeichnet und werde sie mir heute gegen Mitternacht noch ansehen. Die Frage, die ich mir stellte: „Warum soll Hoffmann denn auch nicht stark gewesen sein? Das kann er ja, und zwar exzellent.“ Er wird sich in Zukunft nur etwas zurücknehmen müssen, wird die Verantwortung, vor allem die der sportlichen Seite, auf mehrere Schultern verteilen müssen. Wenn ihm das gelingt, dann wird der HSV auch (falls es in Bremen nicht klappen sollte!) eine Saison ohne Europa überstehen können. Und wer weiß, einige von Euch haben es bereits angesprochen, vielleicht tut ein Neuaufbau ohne Dreifachbelastung (Bundesliga, Pokal und Europa League) mal ganz gut.

In diesem Zusammenhang sei noch gesagt, dass am 10. Mai die nächste Aufsichtsratssitzung stattfinden wird. Mit der Saison-Analyse von Bernd Hoffmann. Und dann sollen und müssen die Herren Räte urteilen, wie sie mit dieser verkorksten Spielzeit leben können. Oder auch nicht?

16.59 Uhr