Tagesarchiv für den 1. Mai 2010

Ein Sieg für Moniz

1. Mai 2010

Der Abschied aus dem Volkspark war in Ordnung. 4:0, wie im Hinspiel, gegen den 1. FC Nürnberg, das kann sich sehen lassen. Und der HSV hat am letzten Spieltag noch eine Chance, sich für Europa zu qualifizieren. Hoffenheim muss gegen Stuttgart gewinnen, und der HSV bei Werder Bremen. Nichts ist unmöglich in dieser Liga, und ich habe es in jüngster Vergangenheit schon häufig geschrieben: Die Hoffnung stirbt zuletzt, auch in Hamburg. Eines möchte ich an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich hervorheben: Es war auch ein Sieg für Ricardo Moniz. Kompliment. Dieser Mann einige Wochen eher auf dem Chef-Posten, und es hätte keine Zitterei mehr am letzten Spieltag mehr gegeben, davon bin ich überzeugt, auch wenn ich es nicht belegen kann. Alles wird gut.

Mit dem Anpfiff gab es „Hoffmann-raus“-Rufe. Immer wieder, immer nur für einige Sekunden, aber unüberhörbar. Alle zehn Minuten, vornehmlich aus dem Nord-Westen. Es wurde gerufen und gesungen, alle Variationen. Als diese Rufe auch in der 43. Minute durch die Arena dröhnten, pfiffen viele „normale“ Fans. Sie pfiffen gegen diese Rufe, und sie hatten am Ende auch die höhere Phonzahl, das war bemerkenswert und dürfte dem Klub-Chef sehr, sehr gut getan haben . . .

Zum Fußball, viel wichtiger. Der 1. FC Nürnberg spielte in Hamburg gegen den Abstieg. Wer aber hat’s gesehen? Das war ja eine Schüler-Truppe. So schlecht war im Volkspark in dieser Saison noch keine Mannschaft. Noch keine. Jeder Angriff des HSV brachte Gefahr, von den „Clubberern“ hat sich ja nicht einmal einer richtig gewehrt. Unfassbar. Abstiegskampf einmal ganz anders. Motto: Wer schmeißt denn da mit Watte . . ? Nein, ich muss es noch einmal sagen: unfassbar. Da hat der HSV in der Nacht zum Freitag in England gespielt, verloren, in Europa ausgeschieden, Das hat Kraft gekostet, das hat die Spieler sicher auch mental zurückgeworfen, und dann spielt der 1. FC Nürnberg hier einen solchen Anti-Fußball . . .

Nun gut, für den HSV war das absolut okay. Und für die strapazierten HSV-Fans sicher Balsam für die Seelen. Es waren 53 727 Karten verkauft worden, doch es blieben viele, viele Plätze leer. Protest? Eher wohl nicht, eher war es Frust pur, denn diese Saison geht trotz des 4:0-Sieges doch äußerst enttäuschend zu Ende.

Diejenigen, die diesmal trotz allem gekommen waren, zeigten Flagge. Bravo! Und einige vergessen eben auch schnell, und sie verzeihen ebenso. Das war schon nach zwei Minuten und 30 Sekunden zu hören. Als Guy Demel auf der Rechtsaußen-Position auftauchte, begleiteten die Fans im Norden diesen Vorstoß schon wieder mit „Giiiiiiiiiieeeeee“-Rufen. Das muss Liebe sein, nein, das ist Liebe. Oder? Anders ist es für mich nicht zu erklären, denn Demel war ja am Donnerstag . . . Lassen wir das.

Zumal es diesmal ja auch nichts zu meckern gab. In der zehnten Minute passte David Jarolim zu Piotr Trochowski, der weiter zu Jonathan Pitroipa, und dessen Schuss saß. Unglaublich, aber wahr. „Piet“ hatte das Tor getroffen, und Club-Keeper Schäfer ließ den Ball auch artig passieren. Geschenke erhalten die Freundschaft. Und der Norden sang danach nicht etwas „Hoffmann raus“, sondern: „Pitroipa, oh, oh, Pitroipa, ohohoho.“ Der Beginn einer großartigen Freundschaft? Geht da doch noch was, zwischen dem „Eichhörnchen“ und den HSV-Fans? Schön wäre es ja.

Demels Rückpass wurde von Mladen Petric in der 19. Minute in den linken oberen Winkel befördert, 2:0. Er scheint nur noch Traumtore zu schießen, der Kroate. Und er legte gleich noch einen nach: 25. Minute: Flanke Trochowski, Kopfball Petric, der sich gegen Diekmeier durchsetzen konnte. Apropos Diekmeier: Den hatten ja viele von Euch auf dem Zettel, der sollte letzte Saison schon, wenn es nach Euren Wünschen gegangen wäre, zum HSV gekommen sein. Der hat mich aber wieder einmal nicht überzeugt (obwohl er zweite Halbzeit etwas besser wurde, zugegeben). Was vielleicht an der auf ganzer Linie versagenden Nürnberger Truppe lag.

Nach dem 3:0 sang übrigens der Norden, danach auch die gesamte Arena: „Oh, wie ist das schön!“ Stimmt ja auch, wann hat der HSV mal so viele Tore geschossen? In diesem Jahr war das höchste Ergebnis das 3:3 in Köln. Und vier HSV-Tore gab es in der Hinrunde gegen Dortmund und in Nürnberg. Deswegen: „Oh, wie ist das schön!“

Was wieder einmal nicht auf Marcus Berg zutraf. Der Schwede brachte mich erneut zur Verzweiflung. Habt Ihr auf der Gegenseite Eric-Maxim Choupo-Moting gesehen? Er war der „Einäugige unter den Blinden“ beim Club. Und auf jeden Fall besser als Berg. Warum, so frage ich mich (nicht ernsthaft), hat der HSV nicht Berg statt Choupo ausgeliehen? Und warum (jetzt ernsthaft!) hat der HSV einst an Groningen zehn Millionen überwiesen? Die Niederländer feiern diesen Tag immer noch, die ganze Stadt lässt den HSV jede Woche noch hochleben. Ich plädiere ja auch dafür, dass Groningen eine Partnerstadt von Hamburg wird, warum denn zum Beispiel St. Petersburg? Die haben noch keine Spende vom HSV erhalten. . .

Übrigens: Von allen Gesängen bei diesem Spiel gefiel mir einer am besten: „Hamburger Sport-Verein, wir werden immer bei dir sein . . .“ So soll es doch sein, und nicht anders. Was sich aber einige Anhänger dabei gedacht haben, im Norden (während der zweiten Halbzeit) eine hausinterne Schlägerei zu inszenieren, vermag ich nicht zu ergründen. Auch das ist unfassbar für mich. Wie jede Schlägerei oder jede Gewalt.

Die zweite Halbzeit plätscherte so eben und eben vor sich hin. Die einen konnten nicht, die anderen wollten nicht mehr. Schonung für Werder? Ricardo Moniz nahm in der 61. Minute Petric vom Platz, eine richtige Maßnahme. Um 16.44 Uhr begann schon die Schonung für das Saisonfinale. Zu diesem Zeitpunkt führte Mainz noch 2:0 in Stuttgart, da hätte es ja noch einmal ganz spannend werden können.

Grandios übrigens, wie während des zweiten Durchgangs Bastian Reinhardt beim Aufwärmen gefeiert wurde. Meine Augen wurden feucht! Gebe ich zu. Der Mann hat es verdient, weil er ein Vorbild-Profi ist, und weil er ein Mensch ist. Immer war, immer geblieben. Großartig. Und als er kam, wurde er auch gefeiert. 74. Minute, Reinhardt für Demel – und die Arena kochte! Was für ein Nachmittag! Das war eine wunderbare Versöhnung.

Gefreut habe ich mich für Ruud van Nistelrooy. Der war für Petric gekommen und durfte auch noch ein Tor schießen. Was für eines! Es passte zu diesem Spiel. Dennis Aogo gab den Ball zur Mitte, Pinola trifft die Kugel nicht, „Van the man“ lenkte die Kugel Richtung Tor, an Schäfer vorbei – und auch an Pinola, der auf die Torlinie geeilt war und den nicht sonderlich harten Schuss eigentlich noch hätte erlaufen können. Dass er es nicht schaffte, war typisch für diesen Nürnberger Kick.

Wer übrigens vergeblich auf eine Verabschiedung von Jerome Boateng gewartet hat, dem sei gesagt: Es hat sich bislang kein Verein gemeldet, der den Nationalspieler aus seinem Vertrag kaufen will. Auch Manchester City nicht. Da wäre es ja peinlich gewesen, wenn der HSV seinen Abwehrmann verabschiedet hätte, und später wird festgestellt, dass es ja gar keinen Abnehmer gibt. So kann es laufen.

Ein kurzer Abstecher noch zu meinem vorherigen Bericht: Wenn mir jetzt vorgeworfen wird, dass ich viel zu spät die Wahrheit geschrieben habe, möchte ich nur kurz erwidern, und Ihr habt es alle mehrfach gehört: Bei jedem Kommentar von Bernd Hoffmann, und er hat zuletzt sehr, sehr viele abgegeben, hat er immer einen Satz gesagt: „Wenn wir die Europa League gewinnen, dann haben wir die erfolgreichste Saison seit 1983 gespielt . . .“ Ihr erinnert Euch? Wie hätte ich dann wohl ausgesehen, wenn der HSV die Europa League gewonnen hätte, ich aber alles in Grund und Boden schrieben? Das war erst NACH Fulham möglich, aber da war es meiner Meinung nach unumgänglich. Vielen Dank allen, die mir heute in der Arena persönlich gratuliert haben, die mir auch gedankt haben – das tat gut.

17.28 Uhr