Monatsarchiv für Mai 2010

Reinhardt ist schon mittendrin

31. Mai 2010

Auf den HSV ist Verlass. Fast kein Tag vergeht, ohne dass es von unseren „Rothosen“ Neuigkeiten gibt. Ja, ja, ich gebe zu, meistens haben die Nachrichten in den vergangenen Tagen an den Nerven der Fans gekratzt. Hier ein Rücktritt, da ein Streit und immer wieder neue Zweifel an Personen oder Verantwortlichkeiten. Aber jetzt, da Bastian Reinhardt als neuer Sportchef im Amt ist, geht es auch wieder positiv voran. Heute wurde der neue Co-Trainer endgültig verpflichtet: Michael Oenning tritt als Assistent von Armin Veh an. Und ich kann Euch schon jetzt versprechen, dass der ehemalige Nürnberger Trainer nicht die letzte Neuverpflichtung bleiben wird.

Ehe ich mich jetzt wieder zahlreichen Vorwürfen ausgesetzt sehe, dass ich in Sachen Reinhardt keine klare Position beziehe, um dann im Nachhinein zu behaupten, ich hätte es eh alles gewusst, möchte ich dem Neuling auf diesem Posten mal einen ganzen Absatz widmen. Natürlich war seine „Beförderung“ vom Profi zum Sportdirektor überraschend, und die Umstände waren ganz sicher auch nicht die besten, aber trotzdem habe ich bei Reinhardt auch nach ein paar Tagen „Amtszeit“ ein sehr gutes Gefühl, und ich möchte Euch auch schildern, warum. Der ehemalige Innenverteidiger nimmt sich seiner neuen Aufgaben und Wirkungsbereiche konsequent an und widmet sich den Aufgaben konzentriert und dennoch nicht zu verbissen. Dass er letztlich – wie alle sportlich Verantwortlichen – an den Resultaten der kommenden Spielzeit gemessen wird, weiß der Newcomer selbst. Aber er lässt sich davon nicht ablenken.

Und eine These möchte ich ohnehin mal aufstellen: Der Job eines Sportchefs ist kein Ausbildungsberuf. Das heißt: Es gibt sicherlich erfahrenere Personen für diesen Job als Reinhardt, aber ob Routine sie besser macht als „unseren“ Lehrling, das sei mal dahin gestellt. Ich habe schon mit so vielen Managern und Sportdirektoren und Vorständen zu tun gehabt, dass ich behaupte, dass es bei der Eignung für so einen Beruf ähnlich ist wie mit der Zusammenstellung eines Kaders: Der Mix macht’s. Reinhardt wird mit Sicherheit Anfängerfehler machen, aber er wird auch frischen Wind in diesen zuletzt verwaisten Bereich bringen. Er wird die Mannschaft in die Pflicht nehmen und zugleich ein sensibles Gespür dafür aufbringen, wann es notwendig ist auch mal Streicheleinheiten verbaler Art zu verpassen. Er wird den Trainer unterstützen, ihn aber zugleich auch kontrollieren und gegebenenfalls auch mal ein kritisches Feedback geben. Und er wird dafür Sorge tragen, dass der Vorstand sich nicht so oft wie zuletzt in die sportlichen Belange einmischt und sich in der Kabine äußert. Genau diese Komponenten sind es, die dem HSV in der gesamten vergangenen Saison gefehlt haben.

Mehr kann und möchte ich noch nicht zur neuen sportlichen Führungsriege sagen. Warum auch? Schließlich gibt es ja noch spannendere Themen, zum Beispiel die Personaldebatten auf Spielerebene. Oha, was habe ich mir mit dem Namen „Marcelo Bordon“ bloß für einen Bärendienst erwiesen…?! Mein Telefon stand heute kaum still. Wie man darüber ernsthaft nachdenken könne, klagten die einen. Was dann mit Joris Mathijsen passiert, fragten die anderen.

Ich hatte fast immer nur die gleiche Antwort parat: Ich weiß es nicht. Von Seiten des HSV wird dieses Personalthema nicht kommentiert, und was auf Schalke im Hause Magath (von dem ich die Infos übrigens ebenso wenig hatte wie von Manni Breuckmann) nach der Verletzung Heiko Westermanns los ist, konnte ich auch nicht in Erfahrung bringen.

Rein gefühlsmäßig würde ich aber sagen, dass Bordon eigentlich nur eine Notfallvariante für Mathijsen sein kann. Das Duo „Matjes“ und Bordon kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Und einige von Euch haben ja auch das Verhältnis Frank Rost/Bordon erwähnt. Ich weiß, dass es da zu Schalker Zeiten mal „Spannungen“ gegeben hat, allerdings sind beide Profis alt und erfahren genug, als dass sie sich nicht auf einer Berufsebene akzeptieren würden.

Da man im Zusammenhang mit dem Brasilianer Bordon ja zwangsläufig immer auch über Mathijsen nachdenken muss, möchte ich an dieser Stelle noch einmal einen kleinen Rückblick tätigen. Ich sage es jetzt mal so, wie es mir eigentlich seit Wochen durch den Kopf geht: Mathijsen war für mich eine der größten Enttäuschungen in dieser abgelaufenen Spielzeit. Und ganz allein an seinem Nebenmann David Rozehnal, der ja nun nicht immer dabei war, hat das mit Sicherheit nicht gelegen.

Ich will aber nicht vermessen sein. Auch Mathijsen ist nur ein Mensch, er wird aus dem Formloch kommen, wahrscheinlich schon bei der WM. Und so wie ich Armin Veh einschätze, wird er dem Niederländer eine Führungsrolle zuschreiben. Ab Mitte Juli wissen wir mehr.

22:00 Uhr

Denkt mal an Bordon

30. Mai 2010

Die HSV-Krise ist immer noch allgegenwärtig, vielleicht ist es sogar so etwas wie ein Fluch. Das habe ich jedenfalls heute spontan gedacht, als ich die Neuigkeiten von der Nationalmannschaft erfahren habe. Kaum tauchte der Schalker Heiko Westermann auf der Kandidatenliste des HSV auf und wurde als potenzieller Nachfolgekandidat für Jerome Boateng in der Innenverteidigung gehandelt, war für ihn das WM-Aus quasi besiegelt. Kahnbeinbruch – damit dürften für den Schalker Kapitän auch die Vorbereitung und der Saisonstart 2010/11 gelaufen sein.

Das von einigen von Euch kürzlich angestimmte „Zwölf kleine Aufsichtsräte“ sollten wir besser auf die DFB-Auswahl anstimmen. Wenn es so weiter geht, braucht Joachim Löw seinen Kader vor dem WM-Start gar nicht mehr zu reduzieren – das geschieht schon von selbst. Was glaubt Ihr eigentlich, was Deutschland in Südafrika reißen kann? Eigentlich sprechen ja alle Vorzeichen gegen eine erfolgreiche Reise des Löw-Teams. Aber da wir uns ja nach dem HSV-Desaster am Saisonende auf eine optimistischere Ausrichtung verständigt hatten, halte ich mich mit sorgenvollen Einschätzungen zurück. Und da es neben dem DFB-Kader ja noch andere mit einigen Verletzungssorgen und Formschwächen gibt, möchte ich mich erst unmittelbar vor Turnierstart mit meiner endgültigen Prognose melden. Bis dahin warte ich natürlich vor allem gespannt ab, was mit unseren Hamburger WM-Fahrern passiert. „Boa“ – ja, bis 30.6. ist er noch HSVer – und Piotr Trochowski bezeichne ich mal als gesetzt. Marcell Jansen und Dennis Aogo müssen sich in den kommenden Tagen unabdingbar machen. Lassen wir uns überraschen.

Nun habe ich aber noch eine Information, die ich gerne mit Euch teilen möchte. Nicht etwa die neuesten Gerüchte in Sachen Stürmersuche. Da kursierte ja zuletzt die Nachricht, Andrej Voronin sei in Hamburg gesichtet worden. Ich will gar nicht behaupten, dass der Ukrainer nicht in der Hansestadt war. Allerdings habe ich bis heute noch keinerlei Information erhalten, dass der frühere Berliner auf dem Wunschzettel des HSV stehen soll. Dafür spräche auch wenig, sofern Neutrainer Armin Veh auf die Angreifer Paolo Guerrero, Mladen Petric und Ruud van Nistelrooy plus eine Ergänzung setzen sollte. Und genau davon gehe ich aus. Zudem würde ich wetten, dass Marcus Berg noch vor dem WM-Ende zu einem englischen Verein verliehen wird. Es soll ja einige Interessenten geben. Ich glaube jedenfalls nicht, dass er zu Saisonbeginn in Hamburg erscheinen wird.

Nun aber zurück zu meiner Information. Nachdem vorgestern ja extrem viel über Höwedes und Westermann diskutiert wurde – inhaltlich meist wertvoll, wie ich fand -, rief mich ein guter Bekannter aus Gelsenkirchen an und erklärte mir, in Hamburg seien alle auf dem Holzweg, was die potenziellen Neuzugänge aus dem Kader der Königsblauen betrifft. Ich erwiderte: Klar, am besten wäre eine Verpflichtung Rafinhas, weil damit die Rechtsverteidigerprobleme prompt behoben wären. Aber dann fiel mir die neue Charakteroffensive ein, und da passt der Brasilianer dann doch nicht.

Mein Bekannter und ich haben dann länger gesprochen und er hat mich wirklich bis zu allerletzt gereizt und versucht auf die richtige Fährte zu bringen, ehe er die Katze dann aus dem Sack gelassen hat. Und das war für mich dann doch eine Überraschung, zumal ich von ihm wirklich zu 100 Prozent immer richtige und zutreffende Infos erhalten habe. Er schwor Stein und Bein, dass sich der HSV nach Marcello Bordon erkundigt hätte.

Wirklich. Kein Scherz. Und soll ich Euch mal etwas sagen? Ich war und bin bis jetzt baff. Nun weiß ich natürlich nicht, ob sich an der Schalker Bereitschaft Bordon abzugeben etwas geändert hat, nachdem sich Westermann so schwer verletzt hat, aber alleine die Vorstellung einer Innenverteidigung Bordon/Joris Mathijsen hat mir so viele Gedanken bereitet, dass ich immer mal wieder den Kopf schütteln muss. Wer – bitteschön – sollte denn dann blitzschnelle Konterstürmer stoppen? Oder gibt es im Sommer vielleicht noch einen ganz großen Knall, bei dem sich „Matjes“ auch noch vom HSV verabschiedet? Ach was, ich mag es mir gar nicht vorstellen.

Ich lass Euch jetzt mal alleine mit diesen Informationen und werde morgen früh lesen, was Euch dazu so einfällt. Zu Khalid Boulahrouz muss ich auch noch kurz etwas sagen. Nämlich, dass ich weiß, dass er sich seit seinem Abschied aus Hamburg ständig nach seinen Ex-Kollegen, seinen Freunden und dem HSV erkundigt hat. Ich möchte sogar behaupten, dass er seinen unrühmlichen Abschied aus Hamburg damals schon mehrfach bereut hat. Vielleicht wäre er ja sogar die kostengünstigste Innenverteidigerlösung. Zumindest wäre es eine Diskussionsgrundlage. 

PS: Ein kleiner Nachtrag noch zum Junggesellenabschied von Thomas Doll. Einige von Euch dachten ja, Doll stehe vor seiner dritten Hochzeit. Das ist aber nicht so. Die Ehe mit Biljana in Zürich wird Dolls zweite Eheschließung. Mit Roberta war der frühere HSV-Trainer nicht verheiratet.

22:50 Uhr

Die große Doll-Fete

30. Mai 2010

Das Länderspiel gegen Ungarn? Das geht in meine Geschichte ein. Es ist das erste seit ganz sicher über 30 Jahren, das ich nicht gesehen habe. Erst am Tag danach die drei Tore. Der Grund für diesen „Ausfall“: ich war unterwegs. Mit Fußballern. Und im Mittelpunkt des Abends stand Thomas Doll. Der frühere HSV-Publikumsliebling, -Spieler und –Trainer feierte in Norderstedt und in Hamburg seinen Jungegesellenabschied. Es wurde eine rauschende Nacht, es wurde eine Super-Sause, es ging bis in den frühen Morgen. Gleich zu Beginn muss ich mal an dickes Kompliment machen: Torsten Walter, die meisten von Euch werden ihn noch als HSV-Manager an der Seite von Präsident Jürgen Hunke kennen, hatte sich die Aufgabe gestellt, diese Fete zu organisieren – und es lief alles perfekt. Kompliment, lieber Torsten, das war ein Meisterwerk. Und eines, was die Beteiligten mit Sicherheit noch lange, lange in Erinnerung behalten werden.

Mit von der Partie waren Dolls-Vater Klaus, viele Freunde des Bräutigams, sein Assistent Ralf „Katze“ Zumdick, Aufsichtsratsmitglied Ronald Wulff und natürlich einige Profi-Fußballer von einst: Andreas Thom, Carsten Kober, Sergej Barbarez, Rodolfo Cardoso und Torwart Andreas Reinke. Begonnen hatte der Abend beim Italiener „Barolo“ in Norderstedt, weiter ging es auf der Großen Freiheit in Susis Show Bar und es endete im East. Überall war es brechend voll, was mir besonders gefiel war die Tatsache, dass sich Chefin „Susi“ persönlich so reizend und aufmerksam um ihre prominenten Gäste kümmerte – das hatte Stil. Und Thomas Doll stand natürlich im Blickpunkt. Er wurde einmal sogar auf die Bühne geholt, wo sich drei in HSV-Klamotten bekleidete Girls erst aufmachten, ihre Trikots zu tauschen – und dann auch dem ehemaligen HSV-Trainer an die Wäsche gingen. Keine Angst, liebe Freund, es ist alles harmlos geblieben, es blieb bei Versuchen, alles war Spaß.

Resümee des „Veranstalters“ Torsten Walter: „Es war eine überragende Nacht, es hat alles gepasst – aber tief enttäuscht war und bin ich darüber, dass einige Doll-Freunde erst unmittelbar vor der Fete abgesagt haben. So etwas gehört sich nicht.“

Stimmt. Aber es trübte bei keinem Teilnehmer die gute Laune. Im Mittelpunkt des Abends stand der Fußball unter dem Motto: Weißt du noch? Thomas Doll, Trainer von Genclerbirligi in Ankara (zehnter Platz mit dem als Abstiegskandidat gestarteten Klub), und ich kamen – natürlich und wie auch immer – noch einmal auf die Uhr-Geschichte zurück. In Kurzform: Doll war zu Lazio Rom gewechselt, ich besuche ihn zum ersten Punktspiel in Italien (0:0 gegen Parma) und er erzählte mir am Tag darauf beim Essen seine ersten römischen Erfahrungen. Zu einigen Sachen sagte er: „Das darfst du aber nicht schreiben.“ Dann schilderte er eine Begebenheit in der Kabine seiner neuen Mannschaft. Die Mitspieler besahen sich seine Armbanduhr – und lachten. Sie fragten auch, ob er diese Uhr im Überraschungs-Ei gefunden hätte? Dabei war Doll so stolz: Von seinem letzten Geld in Hamburg, das er sich bei einer Autogrammstunde im Karstadt-Sporthaus unmittelbar vor einem Abflug nach Rom verdient hatte, hatte er sich diese sehr teure Uhr gekauft, aber es war eben keine Rolex (wie die Kollegen).

Übrigens verriet mir Thomas Doll noch ein römisches Geheimnis: Nachdem er in den ersten beiden Spielzeiten überragend gespielt hatte, gab es Angebote von Inter Mailand und Juventus Turin für ihn. Als Lazio sein Gehalt ein wenig anhob, blieb „Dolly“ in Rom.

Doll sagte mir an diesem Abend auch, dass er von seinem großen Vorbild Andreas Thom sehr viel gelernt hat: „Von ihm habe ich mir einige unglaubliche Tricks und Dinge abgeschaut, er war mein Lehrmeister. Besonders habe ich von ihm gelernt, dass wenn man einen Gegenspieler umdribbelt hat, nicht im Tempo nachlassen darf, sondern im Gegenteil dann erst recht Gas geben muss. Sonst wäre der Andreas früher ganz sicher oft weggegrätscht und auch an den Stöckern getroffen worden – und ich auch.“

Thom und Doll spielten ja einst, Ihr wisst es alle, beim BFC Dynamo Berlin. Der DDR-Rekordmeister galt als Stasi-Klub. Beide, Thom und Doll, erinnerten sich an viele gemeinsame Erlebnisse, große, tolle und schöne, und sie dachten auch an ein legendäres Europapokalspiel in Bremen zurück. Es ging im Landesmeister-Wettbewerb nach einem 3:0-Sieg in Berlin nur noch um das Weiterkommen, aber dann siegte Werder mit 5:0. Über das Spiel sprachen wir weniger, eher über die Begleitumstände. Thom und Doll erinnerten sich an eine Nacht im Bremer Hotel. Natürlich wurden die Dynamo-Spieler bewacht, auf dem Flur saß rund um die Uhr mindestens ein Stasi-Mitarbeiter, der darauf achtete, dass kein Profi sein Zimmer unbemerkt und unbegleitet verlassen konnte. Und vor und hinter dem Hotel lauerten Stasi-Mitarbeiter auf eventuell flüchtende Spieler. Entkommen war praktisch unmöglich. Aber Doll und Thom machten sich auch einen „flüchtenden“ Scherz. Sie verabredeten sich auf dem Flur und beschlossen, unüberhörbar und entschieden „jetzt“ zu sagen. Als sie es getan hatten, sprang der eigentlich still vor sich hin dösende Stasi-Mitarbeiter wie von der Pistole geweckt auf und sondierte die Lage. Thom und Doll lachten sich heimlich ins Fäustchen. Sie lachen noch heute darüber.

Mit Andreas Thom sprach ich auch über meine DDR-Erfahrungen. Er war überrascht. Ich war mit einem ein Jahr alten BMW 2002 über die Grenze, als eine dicke Grenzbeamtin mit einem Schraubenzieher auf mich zukam und mich aufforderte: „Ja, dann schrauben sie mal schön.“ Keinen „guten Tag“ nichts, nur diesen Satz. Ich entgegnete: „Muss ich nicht.“ Sie: „Wieso das denn nicht? Sie müssen ihre Klappen über dem Reserverad abschrauben.“ Ich: „Das habe ich schon in Hamburg erledigt, damit es an der Grenze schneller geht . . .“ Sie ging an den Kofferraum, hob den Deckel an, ließ ihn fallen, hob den Deckel erneut an und sagte voller Sarkasmus: „Das klappert ja alles, ich glaube, sie müssen sich mal wieder ein neue Auto kaufen . . .“ Herrlich, was? In der DDR wurde 18 Jahre auf einen Trabant gewartet, und ich sollte mir nach nur einem Jahr ein neues Auto kaufen. Kommentar Thom: „Davon haben wir ja gar nichts mitbekommen. Wenn wir ins Ausland flogen, ging das immer alles problemlos. Von solchen Problemen, wie du sie jetzt geschildert hast, haben wir niemals etwas mitbekommen.“

Ja, so war das. Wir haben uns aber gegenseitig gestanden: „Niemals hätte ich gedacht, dass ich den Fall der Mauer noch erleben würde. Umso schöner ist es jetzt.“ Dem ist nichts hinzuzufügen. Und ich war froh, dass ich Andreas Thom, der nach seinem Job bei Holstein Kiel (Assi von Falko Götz) wieder in der Nähe von Berlin wohnt, einmal persönlich kennen lernen durfte. Er war in seiner Glanzzeit einer der besten Fußballer Europas. 1990, nach seinem Wechsel von Berlin nach Leverkusen, hielten sich die Bayer-Mannschaft und der HSV zum Trainingslager auf Gran Canaria auf. Wir Hamburger Journalisten hatten natürlich den Auftrag, ein Thom-Interview zu führen, aber daran war zu keiner Sekunde zu denken. Leverkusen hatte Thom so gut versteckt und abgeschirmt, wie es die Stasi auch nicht besser hinbekommen hätte. Das war eine Woche ohne Thom, obwohl man ihn gelegentlich sogar trainieren sah, aber an ein Herankommen war nie zu denken. Dazu Thom: „Ich habe davon auch nichts mitbekommen, aber ich erinnere mich, dass es viel Wirbel um diesen Wechsel gab.“

So, es gab an diesem legendären Abend, Ihr könnt es lesen und sicher nach empfinden, viel zu klönen, und das wurde auch ausreichend getan.

Nachfolger für Moniz?

29. Mai 2010

Einige von Euch haben es ja bemerkt. In meinem Beitrag zum Rücktritt von Sergej Barbarez habe ich versehentlich geschrieben, dass der Posten im Aufsichtsrat bis in den Herbst hinein unbesetzt bleiben wird. Richtig ist aber, dass es erst im neuen Jahr eine Mitgliederversammlung mit dazugehöriger Wahl des Kontrollgremiums geben wird. Also bleiben es bis 2011 elf Räte. Schande auf mein Haupt.

Viele von Euch wollen ja nun wissen, was aus Horst Becker wird. Ich kann es Euch sagen: Ich weiß es nicht. Und ich bin der festen Überzeugung, dass der Aufsichtsratvorsitzende es selbst noch nicht weiß. Eigentlich wollte er sich ja schon in dieser Woche entschieden haben, aber nach den neuen Turbulenzen um Sergej Barbarez’ Rücktritt wird sich Becker erst am 8. Juni auf der nächsten Sitzung der Räte erklären. Ich bin schon jetzt gespannt, ob einige von Euch danach wieder in Anlehnung an ein bekanntes Kinderlied „Zwölf kleine Aufsichtsräte“ anstimmen, die von Woche zu Woche weniger werden.

Mal ehrlich: Ginge es nicht um den HSV, könnten die Geschichten und Geschehnisse in diesem Aufsichtsrat wirklich amüsant sein und als Sommerpausenkomödie durchgehen. Man stelle sich mal folgendes vor: Es gibt im Rat in Abwesenheit von Sergej Barbarez eine Art Vorabstimmung, was Barbarez’ Position als potenzieller Sportchef betrifft. Diese fällt gegen den Bosnier aus. UKE-Chef Jörg Debatin wird beauftragt, Barbarez diese Entscheidung vorab mitzuteilen, um ihn einer offiziellen Wahlniederlage zu entziehen. Und was passiert? Debatin gelingt es offenbar nicht, den Ex-Profi von der Sachlage zu informieren. Wie so etwas geht? Ist mir schleierhaft. Jedenfalls musste Becker die Nachrichtenlage dann kurz vor der entscheidenden Sitzung überbringen. Dankbare Aufgabe…

Ich weiß, ich weiß. Ihr giert nach Neuigkeiten und Nachrichten. Ihr wollt nicht ständig olle Kamellen aufgewärmt haben, sondern möchtet am liebsten täglich exklusive Meldungen. Aber das ist nicht so einfach in diesen Tagen. Beim HSV herrscht eine heikle Sensibilität. Das verstehe ich aber auch, denn derzeit sind explosive Personalentscheidungen ja nicht so selten. Und da möchte sich halt niemand die Zunge verbrennen oder sich möglicherweise selbst ins Abseits manövrieren.

Fangen wir also mit etwas Harmlosen an. Am Montag ist bei den Trainingsplätzen Baubeginn – und damit wird quasi der Startschuss zur neuen Saison abgegeben. Der hervorragend gepflegte Rasen wird mit Flutlichtmasten versehen. Der Grund für den Bau der Flutlichtanlage ist ebenso sinnvoll wie in diesem Fall mit einer Portion Galgenhumor versehen. Ursprünglich sollte das Licht genutzt werden, um in Europapokal-Wochen auch mal zeitmäßig angemessen, also in den Abendstunden im Spätherbst oder Winter, zu trainieren. Auf derartige Einheiten müssen die HSVer aber nun ja bekanntlich mindestens ein Jahr warten.

Weiter geht’s in Sachen Abwehrdiskussion. Heute spuken ja die Namen Heiko Westermann und Benedikt Höwedes durch die Tagesmedien. Beide Schalker Innenverteidiger werden ganz bestimmt nicht in Hamburg landen. Eher erwarte ich, dass Felix Magath seinen Brasilianer Bordon aufs Altenteil abschiebt und Höwedes im internen Ranking aufsteigt. Westermann könnte eher in Frage kommen, sofern die Ablöseförderungen für den Kapitän mit Vertrag bis 2014 nicht in die Höhe schnellen. Mehr als drei Millionen Euro wird der HSV bestimmt nicht zahlen wollen – und können – wenn überhaupt…!?

Vielleicht gibt es ja aber doch auch interne Lösungsmöglichkeiten. Guy Demels Zeiten als Rechtsverteidiger dürften bei einer konsequenten und schonungslosen Analyse der vergangenen Spielzeit gezählt sein. Aber als Nebenmann von Joris Mathijsen könnte ich ihn mir schon vorstellen, zumal er technisch hervorragend bestückt ist. Ob seine Schnelligkeit ausreicht, muss Armin Veh entscheiden.

Daran wird dann wohl aber auch ein neuer Co-Trainer mit arbeiten können. Und diesbezüglich habe ich tatsächlich mal eine Neuigkeit für Euch. Ich habe nämlich erfahren, dass Urs Siegenthaler mitnichten zu 100 Prozent für den DFB auf Achse ist, sondern immer noch die eine oder andere richtungweisende Entscheidung pro HSV mit auf den Weg bringt. Beim Schweizer Nationalverband hat sich Siegenthaler mit einem Auswahltrainer besprochen und möchte diesen Coach als Nachfolger für Ricardo Moniz, also als zweiten Co-Trainer neben Michael Oenning, an die Elbe lotsen. Ich habe gebohrt und nachgehakt, aber den Namen habe ich nicht in Erfahrung bringen können. Vielleicht schaffe ich es ja bis morgen.

17:30 Uhr

Freigabe!

28. Mai 2010

Liebe Matz-abber!

Tut mir unendlich leid, dass Ihr wartet musstet. Zu meiner Entschuldigung muss ich sagen: Ich hatte heute einen und meinen “freien Tag”. Habt Ihr es gemerkt? Ich auch nicht. Trotz allem, obwohl ich von morgens bis abends freigegeben habe, habe ich mich erdreistet, mit Frau M. zum Lotto-Konzert in den Stadtpark zu gehen. Ich weiß, dass ist eigentlich frevelhaft, an einem freien Tag, aber ich habe es einfach gemacht. Sorry dafür.  Wir waren aber auch erst so knapp da, es wurde gerade das allererste Lied gespielt. Damit ich nicht zuviel Zeit vergeude. . .
Aber es war herrlich. Danke Lotto, für diesen wunderbaren und trockenen Abend im Stadtpark. Und, was mich ganz besonders stolz gemacht hat: Lottos herausragender Gitarrist, der Jörn, der war nicht nur nach Lotto der Star des Abends (weil er soooooo super spielte), sondern der war auch Gast beim ersten Matz-ab-Treffen in der Raute. Weil er Matz-abber ist.

Mensch Jörn, Du hast ja was drauf – das war gigantisch! Danke!
Zu meiner großen Schande muss ich gestehen, dass ich mir während “Hamburg meine Perle” Frau M. geschnappt habe, zur S-Bahn Alte Wöhr gehechelt bin, dann in Ohlsdorf in die U 1 umgestiegen – und nun zu Hause bin. Und, was habe ich dort zuerst gemacht?
Ihr habt es erraten:

FREIGEGEBEN.
Natürlich. 48 Damen und Herren haben gewartet, und es war mir eine Freude, sie frei zu geben. Sorry, dass Ihr warten musstet. Und normal erkläre ich das nicht, aber es haben einfach zuviele Leute gewartet, deswegen musste es diesmal sein.

Ich sitze an meinem freien Tag nun noch bis Mitternacht, um frei zu geben, und dann werde ich mit Frau M. ins Bett gehen. Um noch kurz über dieses herrliche und wunderbare und trockene und begeisternde Lotto-Konzert zu sprechen. Allen Matz-abbern schon vorab eine wunderschöne Nacht.

Es grüßt der Dieter

22.45 Uhr

Barbarez Rücktritt ist nur logisch

28. Mai 2010

Und weiter geht’s auf dem Personalkarussell des HSV in dieser Sommerpause. Diesmal hat sich ein altgedienter HSVer selbst aus dem Posten katapultiert. Die meisten von Euch werden es ja schon gehört haben. Die Rede ist von Sergej Barbarez. Die letzten Tage und Wochen, so lässt der Bosnier verlauten, hätten das Fass zum Überlaufen gebracht. Daraufhin hat der ehemalige Stürmer sich offensiv verhalten und seinen sofortigen Rücktritt am Freitagvormittag bekannt gegeben. Sein Platz im Kontrollgremium bleibt bis zur nächsten Mitgliederversammlung im Herbst 2010 leer. Vertraut man den Aussagen der meisten anderen Räte wird Barbarez allerdings keine allzu große Lücke hinterlassen.

Viele von Euch werden jetzt sicherlich wieder mit dem Kopf schütteln und denken: Oh nein, schon wieder ein treuer HSVer von Bord gegangen. Ich persönlich kann den Schritt des Bosniers mehr als nachvollziehen. Auf dieses Kasperletheater, das sich bei HSV in den letzten Wochen abgespielt hat, hatte der Ex-Profi schlichtweg keine Lust mehr. Er, der sich eigentlich schon als sicherer Sportchef fühlen durfte, wird sich nun wohl wieder verstärkt dem Trainerjob widmen. In Bosnien macht er die Fußballlehrerlizenz, es soll sogar schon einige Anfragen geben. Ich bin mir sicher, dass wir „Serge“ irgendwann auch in der Bundesliga als Coach sehen werden.

Was Barbarez zu seinem Rücktritt bewegt hat, lässt sich in einem Schnelldurchlauf bestens erklären. Barbarez galt schon vor mehr als einem Jahr als aussichtsreicher Kandidat für den Posten des Sportchefs. Allerdings vermochte es der Bosnier nicht, nach seiner Wahl in den Aufsichtsrat die Gremiumskollegen von seiner Tauglichkeit zu überzeugen. Daher widmete er sich der Trainerausbildung in seinem Heimatland. Dann, vor ein paar Wochen, geriet er erneut in den Fokus. Horst Becker betrachtete Barbarez als tauglichen Gegenkandidaten zu Nico Hoogma und führte intensive Gespräche mit ihm. Weil sich die Kontrolleure von Hoogma eine Absage einhandelten, war Barbarez plötzlich Kandidat Nummer eins – allerdings nur für einen Teil des Aufsichtsrates. Bei der internen Vorabstimmung wurden Zweifel an Barbarez‘ Tauglichkeit laut, der Bosnier hätte die benötigte Stimmenzahl bei einer Abstimmung nicht erreicht.

So weit, so schlecht, denn Barbarez wurde von diesem Umstand nicht direkt und sofort unterrichtet. Stattdessen nahmen einige Kontrolleure noch einmal Kontakt zu Hoogma auf und handelten sich wiederum eine Absage ein. Barbarez erfuhr davon und war – gelinde gesagt – perplex. Als er dann auch noch von Bastian Reinhardts Nominierung erfuhr, verabschiedete er sich gedanklich von seinem Wunsch, den verwaisten Sportdirektorenposten einzunehmen. Er stimmte im Gremium sogar für Reinhardt, weil dieser „schließlich nichts dafür kann“. Er selbst zog dann heute einen nur nachvollziehbaren Schlussstrich. Offener und ehrlicher Umgang mit einem verdienten HSVer hatte er sich eigentlich anders vorgestellt. Wut und Enttäuschung dürften bleiben.

Ob dieser Schritt nun einen Beitrag zu neuer Ruhe im Verein leisten wird, lasse ich erst einmal unbeantwortet. Ich glaube, dass es noch einige Zeit dauern wird, bis in Hamburg die „Normalität“ Einzug hält. Horst Becker „wackelt“ nach wie vor bedenklich und gilt unter mehreren seiner Ratskollegen umstritten, und in der Anhänger- und Mitgliedschaft herrscht nach wie vor Skepsis, was die neue sportliche Leitung betrifft. Aus Sicht des Vorstandes kann daher nur Geduld erbeten werden. Geduld – und eine innige Hoffnung auf Besserung, Beruhigung und Erfolg. Nicht auszudenken, was hier los ist, falls der HSV nicht erfolgreich in die nächste Saison starten würde.

Aber genau dafür wird ja nun gewerkelt. Ich sage bewusst nicht „gebastelt“, weil mir das ja schon mal als fieses Kindergarten-Gleichnis ausgelegt wurde. Ich meine aber im Grunde genommen dasselbe wie damals. Aktuell geht es für alle Verantwortlichen darum, eine neue Basis für eine neue Stoßrichtung zu gestalten. Das kostet Kraft, das kostet Zeit – und das kostet noch mehr Nerven.
Meine Kollegen vom Abendblatt haben ja in der heutigen Printausgabe noch einmal von einem revolutionären Transferplan geschrieben. Viele von Euch haben sicherlich schon davon gelesen oder gehört: Anstoß hoch drei heißt es. Vereinfacht formuliert sollen Privatinvestoren dazu bewegt werden, sich an Spielertransfers zu beteiligen. Ihr Gegenwert: Bei einem Verkauf des besagten Profis werden die Investoren an den Erlösen beteiligt.

In Deutschland hat es einen solchen Transferdeal noch nicht gegeben. In Südamerika sind solche Geschäfte an der Tagesordnung. Dort gibt es Kicker, deren wirtschaftliche Rechte unter zwei bis zehn Unternehmern aufgeteilt sind. Den größten Streit gibt es in solchen Fällen um das Transferrecht.
Beim HSV wird diese Art Transferkonstrukt immer sehr zurückhaltend thematisiert. Das ist kaum verwunderlich, schließlich glauben schon jetzt einige Fans und Mitglieder, der HSV lebe seit einigen Monaten weit über seine wirtschaftlichen Verhältnisse und versuche mit dieser Art Finanzierungsmodell nur noch weitere Geldquellen zu erschließen.

Als das „Anstoß“-Projekt (die hoch drei steht übrigens für die Anzahl der potenziellen Investoren) vor zwei Jahren schon einmal zur Debatte stand, erzählte mir einer der angesprochenen Unternehmer, dass der Vorstand diese für die Bundesliga kreative Idee intern gut verkauft habe, allerdings einen entscheidenden Faktor dann doch nicht zufriedenstellend beantworten konnte – den des Gegenwertes. Denn letztlich handelt es sich bei der Investition angesichts der Marktumstände und der beteiligten Parteien, vom Verein bis zum Spielerberater, um „Zockergeld“. Um ein ziemlich hohes noch dazu. Und der Einfluss des Investors auf Einsätze, Verkauf oder sonstige Transfermodalitäten des verpflichteten Spielers sind gleich null. „Wer da mitmacht, der muss den HSV schon abgöttisch lieben und dem muss das Geld komplett egal sein“, sagte der damalige Unternehmer zu mir. Ich bin wirklich gespannt, ob sich der eine oder andere hanseatische Kaufmann trotzdem von dem Projekt begeistern lässt.

Zum Abschluss noch ein Hinweis auf die Verlosung der SV Eidelstedt-II-Meistershirts, die Zé Roberto signiert hat. Frau M. hat die Lose gezogen. Die Gewinner sind HSVNils_reloaded und Trainerglück. Herzlichen Glückwunsch. Beide bekommen ihre Shirts nächste Woche per Post.

15:55 Uhr

Becker wehrt sich – “Basti” greift an

27. Mai 2010

Ruhe? Hatte ich etwas von Ruhe geschrieben? Sorry! Stimmt mal wieder nicht. So wie die 90 Prozent, die einstmals 99 Prozent waren. Ihr seid aber auch pingelig. Dann ist eben dieses eine Prozent ausschlaggebend, wenn es mit dem guten Ibrahim Afellay noch in die Hose geht. Geht es aber meines Wissens immer noch nicht, denn Bastian Reinhardt, der neue Sportchef, hat heute bei seinem Vorstellungsgespräch verraten: Afellay steht bei uns im Wort.“ Und was ein echter Hanseat werden will, der steht dann auch zu selbigem. Das ist Tradition in Hamburg. Wo ich gerade dabei bin: Wenn ich in solchen Fällen von 99 oder 90 Prozent schreibe, so ist das keine Sensationsgier, sondern es ist mein Bedürfnis, Euch so schnell wie möglich mit einer Nachricht zu versorgen. Das läuft natürlich auch mal verkehrt. So wie am Montag, als ich von Armin Veh und Bastian Reinhardt gehört hatte. Ich durfte es nur noch nicht schreiben. Das gibt es ja oft. Und als ich es dann schreiben durfte, waren alle anderen schon damit draußen. Pech gehabt. Aber gut, einen „Fall van Nistelrooy“ erlebt Mann in seinem Journalistenleben auch nicht allzu häufig. Meine Lehre daraus: Mann muss auch verlieren können.

PS: Wer jetzt wieder mal vermutet, dass ich natürlich hinterher viel wusste, der darf sich gerne bei mir erkundigen, ich gebe ihm dann den Matz-abber-Namen, dem ich am Nachmittag des montags die beiden Namen Veh und Reinhardt schon mal anvertraute. Wie gesagt, bei Bedarf.

Ansonsten hat sich heute beim HSV nichts in Sachen Neuverpflichtungen getan. Es wird, so wurde mir von vielen Seiten Mut gemacht. Nun gut, es muss ja auch noch nicht sofort, wir haben Trainer und Sportchef nun eingefangen, Spieler werden noch genügend kommen, da habe ich keine Sorge. Zumal es ja auch Beispiele gibt, wie es auch auf der letzten Minute laufen kann: Als 2008 Rafael van der Vaart verkauft wurde, kamen während der laufenden Saison noch Marcell Jansen, Mladen Petric, Alex Silva und Thiago Neves noch hinzu. Muss ja nicht jedes Mal so laufen, könnte aber.

Bevor ich auf Bastian Reinhardt komme, möchte ich noch schnell einige Sätze über Marcell Jansen und zum Aufsichtsrat verlieren. Erst Jansen. Ich war wie vom Schlag getroffen, als er über den HSV und seine Kollegen ablederte. Was will dieser mann damit bezwecken? Seinen Abschied provozieren? Er kann sich damit doch nur unbeliebt machen, wenn nicht bei den Fans, dann bei seiner Mannschaft. Es ist so bitter, warum halten die Jungs nicht einmal ihren Mund?

Ich komme zu Horst Becker. Der Mann an der Spitze des Aufsichtsrates hat ja in den vergangenen Wochen am meisten (von allen zwölf Räten) gelitten. Er hat viel um die Ohren bekommen, er wurde verdammt, in die Wüste geschickt und er ist teilweise richtig vernichtet worden. Er trägt sich deshalb, was schon bekannt ist, mit Rücktrittsgedanken, und viele von Euch werden jetzt vor Freude in die Luft springen, aber ich möchte trotz allem mal (auch wenn ich weiß, dass es vergebliche Liebesmühe ist) die andere Seite beleuchten.

Becker hat ja kürzlich gesagt, dass dieser zwölfköpfige Aufsichtsrat nicht handlungsfähig ist. Der Grund ist, wie er sagt: „Mit zwölf Männern ist schwer zu arbeiten.“ Becker hätte gerne einen kleineren Rat, aber das verhindern (noch) die Satzungen. Er sagt: „Ich bleibe dabei, mit zwölf Leuten ist es schwer, man bekommt nie alle unter einen Hut.“ Dann nennt er den Hauptgrund für seinen Frust als Chef des Aufsichtsrates: „Es gab zuletzt permanent Indiskretionen, es wurde alles, wirklich alles nach draußen getragen. So, als hätte die Presse an unseren Satzungen teilgenommen. Und so geht es natürlich nicht. Das wollte und will ich ansprechen, ich will den Finger in die Wunde legen, auch wenn ich mich damit, das weiß ich sehr wohl, unbeliebt mache.“

Horst Becker ist nicht nur genervt, er ist auch verbittert und enttäuscht, denn: „Ich bin von meinen Aufsichtsratskollegen beauftragt worden, in der und in der Sache nach vorne zu gehen, und als ich das wie abgesprochen gemacht habe, haben mich alle im Regen stehen lassen. Was ist das für eine Art der Zusammenarbeit?“ Das war früher offensichtlich mal besser. Zu Udo Bandows und Jürgen Hunkes Zeiten. Obwohl es auch dort schon einige Indiskretionen gegeben hat. Becker: „Aber noch nie war es so schlimm und so extrem wie heute.“ Auch deswegen denkt er über Konsequenzen nach. In zwei bis drei Wochen gibt es die nächste AR-Sitzung, dann dürfte Tacheles gesprochen werden, denn noch nie waren die Herren Räte so zerstritten, wie in diesen Wochen.

Wie aber sind die Schäden, die zweifellos entstanden sind, noch zu beheben? Horst Becker dazu: „Reparieren kann man das alles mit Erfolg.“ Dann aber fügt er noch hinzu: „Aber auch mit Erfolgen ist das Grundübel nicht zu beseitigen.“ Nämlich diese dauernden Indiskretionen. Das wird nur zu unterbinden sein, wenn dieser Aufsichtsrat neue Köpfe bekommt – und vielleicht auch irgendwann einmal verkleinert wird.

Wobei ich mich über eine ganz besondere Indiskretion dieser Tage schon sehr, über die Maßen gewundert habe: Da spricht Horst Becker mit Felix Magath, und tags darauf steht es im Hamburger Abendblatt. Wer hat da geplaudert? Ja, auch der Kollege, der das geschrieben hat, schweigt. Natürlich. Käme es heraus, wer da geplaudert hat, kann er diese Quelle getrost vergessen. Ich weiß nur so viel: Becker selbst war es nicht, und Magath auch nicht. Aber: So viele Menschen mehr waren kaum eingeweiht von diesem Gespräch. Becker sagt: „Von meiner Seite aus wussten das zwei Menschen, und für die lege ich meine Hände ins Feuer.“ Ich habe auch mit Felix Magath gesprochen, und der sagte auch nur: „Von mir kommt das nicht, welches Interesse hätte ich wohl haben sollen, dass dieses Gespräch öffentlich wird?“ Ja, welches? Das frage ich mich auch? Denn der gute Felix wird nun bestimmt einigen Ärger auf Schalke bekommen . . . Aber vielleicht hilft das ja auch dabei, dass er eines Tages zurückkehren wird nach Hamburg. Zumal er ja, wie „Eiche Nogly“ hier ja aus dem Abendblatt (geschrieben von meinem Kollegen Rainer Grünberg) zitierte, dass Magath an der Elbe ein Haus für sich und seine Familie sucht. Das heißt doch nichts anderes, als dass er eines Tages (der ja noch fern sein kann) noch einmal HSV-Trainer wird, oder? Oder sogar HSV-Vorstandsvorsitzender? Wenn Bernd Hoffmann einmal müde werden sollte?

Oh, wo ich gerade bei dem Thema bin: Wenn ich Ärger mit Euch bekommen habe, weil ich Urs Siegenthaler schon wieder habe abspringen sehen, so muss ich einmal sagen dürfen: Viele von Euch haben Armin Veh und auch Bastian Reinhardt ein schnelles Scheitern vorher gesagt. Nur darauf bezog er sich, mein Blick in die Zukunft. Ich könnte mir vorstellen, dass Siegenthaler eher geht, als Veh oder Reinhardt – weil ich beiden zutraue, dass sie das Schiff wieder flott kriegen.

Wobei ich bei „Basti“ Reinhardt angelangt bin. Der Mann stellte sich am Donnerstag in seiner neuen Funktion den Medien. Und ich glaube alle, die dabei waren, sind in mit den Gedanken in ihre Redaktionen gefahren: „Oha, ein Mitläufer wird der Basti eher nicht, wahrscheinlich ist genau das Gegenteil davon viel richtiger.“ Warten wir es ab. Ich habe aber von Anfang an gesagt, dass ich davon überzeugt bin, dass er seinen Weg gradlinig und ohne große Kompromisse gehen wird. Anschmecker für diese Theorie gefällig?

„Ich bin ein Teamplayer. Ich war und bin weniger auf mich bedacht, sondern eher auf Ergebnisse, das ist auch jetzt so“, sagte der ehemalige Innenverteidiger. Und: „Ich habe beim HSV ein gutes Team, jeder bringt eine Menge Erfahrung mit, sportlich habe ich eine Menge gesehen und erlebt, gut vernetzt bin ich zudem im Verein und in dieser Stadt.“ Reinhardt dann weiter: „Ich habe schon meine Vorstellungen, wie ein solcher Verein wie der HSV funktioniert. Am Ende ist es wichtig, dass es eine Mannschaft gibt, die immer alles gibt. Ich möchte eine Mannschaft haben, die den HSV nach innen und nach außen gut vertritt.“ Da wurde auch noch konkretisiert: „Ich erwarte von den Spielern, dass sich loyal dem Verein gegenüber verhalten.“

Der neue Sportchef erwartet. Wie toll das klingt. Ich bin begeistert, Basti Reinhardt, denn das sind doch durchaus forsche Töne. Ich erkenne da keine Abtastphase, sondern schon den Chef. Bravo! Das macht mir Hoffnung, dass es nun ein wenig straffer wird beim HSV – sportlich gesehen. Reinhardt übers eine Rolle: „Ich habe einige SMSsen bekommen von den Mitspielern, ich kann mir vorstellen, dass einige von ihnen zusammengezuckt sind, als sie vom Sportchef Reinhardt erfuhren.“ Natürlich könnte Bastian Reinhardt nun aus der Schule plaudern, er hat mit Sicherheit einige Dinge in der Kabine gehört, die dem Verein und dem Vorstand wehtun würden. Er sagt aber auch, dass er solche Dinge nie verwenden würde. Reinhardt zu diesem brisanten Thema: „Ich gebe jedem Menschen eine neue Chance, man muss das Ganze jetzt auch erst einmal anlaufen lassen.“ Und: „Die Mannschaft ist immer eine Ansammlung von Individualisten, das weiß ich sehr wohl, aber auch die können eine Mannschaft formen. Sollte das nicht so sein, wird es in dem einen oder anderen Fall Konsequenzen geben. Man muss den Spielern schon aufzeigen, wo ihre Grenzen sind.“

Oha. Das wird bei einigen Herren doch ein Umdenken erfordern. Und damit meine ich nicht nur die Spieler allein.

„Basti“ Reinhardt gibt aber (noch) zu, dass ihm solche Konsequenzen sicherlich nicht leicht fallen würden: „Es wäre schon besser, wenn die Spieler das von allein machen würden.“ Was er dabei oder dafür tun könne, das verriet der Sportchef aber auch gleich: „Der Zusammenhalt muss wieder gestärkt werden, und dafür wird es viele, viel Maßnahmen geben. Ganz dringend ist es für mich, dass die Familie wieder mehr eingebunden wird, es ist in der vergangenen Saison zu wenig mit den Familien gemacht worden, es gab auch keine Mannschaftsabende, was vielleicht auch an den englischen Wochen lag. Nun aber gibt es die Zeit, und deswegen müssen wir etwas tun.“

Bastian Reinhardt wird bei den Spielen nicht im VIP-Bereich sitzen, sondern entweder hinter der Bande am Spielfeldrand stehen, oder auf der Bank beim Trainer sitzen. Das müsse aber Armin Veh entscheiden, wie er das gerne hätte.

Was ihn, Bastian Reinhardt, zu dieser neuen Rolle befähigt? Er antwortet selbstbewusst: „Ich habe mich als Profi immer vorbildlich verhalten, ich kenne die Mannschaft sehr gut, kenne das Umfeld sehr gut, habe eine Menge Erfahrung sammeln können und ich bin ein konsensfähiger Typ, das halte ich nicht für unwichtig.“ Er über sich: „Ich war als Spieler nie so überragend talentiert, ich musste immer hart an mir arbeiten, doch trotz dieser Tatsache habe ich als Späteinsteiger 288 Bundesliga-Spiele gemacht.“

Schlusswort von Reinhardt: „Mittel – und langfristig müssen wir unter die erste drei kommen.“ Und: „Wir müssen in allen Bereichen stabiler werden, gerade mental. Wir haben in den letzten Jahren immer wieder entscheidende Spiele verpasst – und das ärgert mich. Weil ich weiß, dass wir viel mehr Potenzial haben. Aber dafür brauchen wir mehr mentale Härte.“

Am besten klappt das nun mit dem Aufschwung so schnell wie möglich, nicht lang- und auch nicht mittelfristig.

18.14 Uhr

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