Monatsarchiv für April 2010

Geben Sie alles, Dr. Krohn!

28. April 2010

Vom Chaos ins Europa-League-Finale. Davon träumt ganz Hamburg. Und im Rest der Republik wird dazu geschmunzelt, gescherzt und gelacht. Über den HSV. Folgende Falschmeldung landete in meinem Computer, ich möchte sie Euch nicht vorenthalten. Bitte schmunzeln, auf keinen Fall aber ärgern:

Hamburg (dpa) – Sensationelle Neubesetzung beim HSV: Wie HSV-Chef Hoffmann auf einer Pressekonferenz heute Mittag mitteilte, werden die beiden Trainer-Urgesteine Dettmar Cramer und Udo Lattek bis zum Saisonende das Training leiten. Der 85-jährige Cramer und der 75-jährige Udo Lattek führten u. a. Bayern München in den 70er und 80er Jahren zu mehreren Meisterschaften und Europapokalsiegen. HSV-Vorstands-Chef Bernd Hoffmann: „Wir stehen mit Dettmar Cramer und Udo Lattek bereits seit Wochen in engstem Kontakt. Beide haben die nötige Lebenserfahrung, die wir jetzt beim HSV brauchen. Ich bin überzeugt, dass wir mit dieser Verpflichtung eine zukunftsfähige Entscheidung getroffen haben. Mit Dettmar und Udo werden wir in das Europa-League-Finale kommen und auch den sechsten Platz in der Liga erreichen.“ Hoffmann betonte vor zahlreichen Medienvertretern, dass er sich auch eine längerfristige Verpflichtung für die kommenden Jahre vorstellen könne. Dettmar Cramer und Udo Lattek werden bereits am Donnerstag in Fulham auf der Bank sitzen. dpa hal yyzz n1 aer

Nehmt es bitte mit Humor, die Lage ist ernst genug. Um schnell auf mein vom „Athener“ kritisiertes Video hinzuweisen: Es sollte keine Beschwerde sein, ich wollte lediglich mein Erstaunen zum Ausdruck bringen, dass mehr über den neuen Trainer als über Fulham philosophiert wird. Und ich wollte Eure blick für die Realität schärfen: Der HSV steht auf Rang sieben in der Bundesliga, der HSV kämpft am Donnerstag um das Überleben in Europa, der HSV ist im Vergleich zu vielen wirklichen Top-Klubs arm wie eine Kirchenmaus. Da dürfte eigentlich jeder und jedem klar sein, dass hier kein Wenger, kein Mourinho und auch kein Hiddink anheuern wird. Und kein Ronaldo, kein Ballack und kein Rooney.

Natürlich habe ich auch einen Trainer-Namen eingebracht: Terim. Weil ich aus vielen Ecken gehört hatte, auch von einigen „Matz-abbern“, dass Terim erstens nach Hamburg geflogen, und zweitens schon in der Stadt sein soll. Und da ich von einigen „Informanten“ dringend ermahnt worden bin, das nicht als lächerlich abzutun, habe ich mich an Ruud van Nistelrooy erinnert. Damals, Ihr erinnert Euch, rief mich „Eiche Nogly“ an und sagte: „Was läuft da mit van Nistelrooy? Erkundige dich mal beim HSV.“ Ich musste innerlich lachen, raffte mich dann aber doch auf – und es kam tatsächlich zu diesem Sensations-Transfer. Deswegen nun mein „Fall Terim“.

Ich habe ja auch absolut nichts gegen Spekulationen, aber eben nicht nur. Denn Fulham halte ich für absolut „überlebensnotwendig“. Zumal das Thema Trainer noch gar keines sein kann. Kann! Denn welcher Könner bindet sich jetzt an den HSV, obwohl noch gar nicht feststeht, ob es in der nächsten Saison wieder nach Europa geht? Jeder Coach, der einen guten und großen Ruf hat, der will international dabei sein. Und wenn schon nicht in der Champions League, dann bitte in der Europa League.

Übrigens: Ein guter, nein, einer meiner besten Freund (kein Kollege!) behauptet felsenfest, am Dienstag Markus Babbel auf dem Hamburger Flughafen gesehen zu haben. Abends. Er flog ab aus dem B-Bereich, also ins Ausland. Nun reimte sich mein Freund folgende Geschichte zusammen: „Babbel war hier, um mal auszuloten, ob er nicht mit seinem Lehrmeister Gerard Houllier, bei dem er einst in Liverpool kickte, zum HSV kommen können. Babbel als Assi von Chef Houllier.“ Schöne Geschichte, aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass da auch nur ein Hauch von Wahrheit dran ist.

Zum Spiel: Ich, der Pessimist, bin durchaus optimistisch. Dank Ricardo Moniz. Der ist Vollblut-Fußballer und Vollblut-Trainer. Und er kommt, das ist immer noch ganz erstaunlich für mich, sehr gut bei allen (!) Spielern an. Er wird ihnen den Hintern aufreißen. Vorher, währenddessen, nachher. Ganz sicher. Da gibt es keine Komplimente für NICHTS. Der Mann spricht die Wahrheit, und zwar schonungslos. Und sie alle, egal wer es ist und wie sie heißen, werden parieren. Und laufen, kämpfen, reinhauen!

Was mich auch optimistisch stimmt: Der HSV ist mit einer großen Delegation in London, die Stimmung ist heiter-optimistisch und locker-flockig. Dazu diese großartige moralische Unterstützung: Viele Aufsichtsräte sind dabei, dazu der Vorstand und sogar die diesmal nicht spielberechtigten Profis Bastian Reinhardt und Piotr Trochowski (Er wird mir in dieser so schweren Partie sehr fehlen! Gebe ich zu). Und außerdem zwei, nein, drei große Altmeister: Caspar Memering, Peter „Eiche“ Nogly (der wahre!) und Dr. Peter Krohn, der unvergleichliche HSV-Präsident. Der sagte bei der Ankunft in England (Wetter heiter bis wolkig) voller Vorfreude: „Dass ich mit dabei bin, bringt der Mannschaft vielleicht Glück, ich war zuletzt im Jahre 2000 mit dem HSV auf Reisen – damals siegte das Team überraschend 3.1 bei Juventus Turin.“ Lieber Dr. Krohn, ein 2:1 würde mir, würde uns allen schon reichen, sogar ein 1:1 – wenn dann die Engländer erst in der Nachspielzeit den Ausgleich erzielt hätten – und Abpfiff. Wegen der Herzinfarkt-Gefahr.
Geben Sie alles, Dr. Krohn!

Übrigens: Ich sprach am Vormittag mit Lotto King Karl. Der äußerte sich auch in Sachen „neuer Trainer“. Lotto sagte: „Wir alle sollten erst einmal abwarten, wie diese Saison endet. Endet sie noch versöhnlich mit vier HSV-Siegen, dann sollten alle bedenken, auch Ricardo Moniz eine Chance auf den Posten des Chef-Trainers einzuräumen.“ Ganz egal, ob der HSV dann den Coach aus dem Vertrag bei Red Bull Salzburg herauskaufen müsste – oder auch nicht. Da sind doch schon ganz andere Trainer aus ihren Verträgen herausgekauft worden, oder?

18.51 Uhr

Läuft da etwas mit Fatih Terim?

27. April 2010

Ein neuer Trainer ist auch ein neues Training. So ging es mir durch den Kopf, als ich von meinem Kollegen Christian Pletz die Eindrücke der ersten „echten“ Einheit unter Interimscoach Ricardo Moniz übermittelt bekam. Warum? Ganz einfach: Weil sich dort neben der Nordbank-Arena 23 Mann tummelten. 23, ja, Ihr lest richtig: Mit Ausnahme der verletzten Eljero Elia, Collin Benjamin, Tunay Torun und Romeo Castelen (lief aber seine Runden, will nächste Woche wieder voll einsteigen) waren wirklich alle dabei. Niemand musste zum Mitmachen überredet oder gedrängt werden, alle waren gespannt auf Moniz‘ Auftreten und wollten sich für das Europa-League-Rückspiel am Donnerstag in London empfehlen.

Um die Einheit und das Abschlussspiel möglichst wettkampfgetreu zu gestalten, hatte Moniz aus der Regionalligamannschaft Unterstützung angefordert. Offensivmann Kazior mimte Fulhams Angriffskanten, Groß, Dettmann, Pressel und Co. brachten sich ebenfalls engagiert ein.

Manch ein Fan empfand diese knapp 75-minütige Einheit als „intensivste seit Monaten“. Zu so einem Superlativ, da verlasse ich mich mal auf den Bericht meines Kollegen, möchte ich mich noch nicht hinreißen lassen. Aber dass es strikter und leidenschaftlicher zuging als zuletzt unter Bruno Labbadia, das erklärte auch er mir. Und seitdem ich gestern mit einigen Spielern und Verantwortlichen gesprochen habe, muss ich sagen, dass mir wesentlich wohler ums Herz ist, was den Rest dieser nicht mehr allzu langen Saison betrifft. Der Grund: Moniz ist in der Mannschaft akzeptierter und respektierter, als ich es erwartet hätte. Die Spieler erkennen, dass sie einen vor sich haben, der für den Erfolg dieser Mannschaft alles tut, der Fußball denkt, lebt und auch vorlebt, was auf dem Platz angesagt ist. Lautstark, präzise, manchmal auch etwas flapsig (wie heute nach einem Fehlpass: „Das war einfach nur doof, doof, doof!“).

Unter den Fans, das war auch heute zu erkennen (draußen und in Euren Beiträgen), herrscht nach wie vor eine geteilte Meinung zur Trainerbeurlaubung. Die Mannschaft hat bei vielen Anhängern, auch bei den treuen, jeglichen Kredit verspielt. Joris Mathijsen und Dennis Aogo wurden heute beispielsweise von einem Anhänger verbal attackiert, als sie nach der Einheit für HSV-PR-Zwecke ein Foto in einem neu angelegten Blumenbeet machen ließen. Pressesprecher Jörn Wolf beruhigte die Lage schließlich.

Für den Endspurt dieser Saison müssen sich die Spieler aufgrund vieler ihrer letzten Auftritte auf eine gehörige Portion Skepsis und Kritik ihrer Anhängerschaft einstellen. Im Europapokal wird noch Ausnahmezustand herrschen, weil ALLE das Finale so sehr herbeisehnen, dass selbst einige Hardcorefans ihre Wut und Enttäuschung auf die Herren Profis verdrängen. Wie es aber in der Bundesliga werden soll, falls das Endspiel nicht erreicht wird, mag ich mir atmosphärisch gar nicht vorstellen. Dagegen wäre ein „Trauermarsch“ wohl noch ein freudenerfüllter Festakt.

Aber eines ist doch klar. Nach diesem Frustwochenende und der folgenden Konsequenz in Sachen Trainerwechsel sehe ich keinen Grund, schwarz zu malen. Die Chancen am Donnerstag stehen bei 50:50. Und eines Umstands können sich alle Verantwortlichen sicher sein: Die Profis werden 100 Prozent mehr Leidenschaft an den Tag legen als beim Auftritt in Hoffenheim. Und ihr unvorbelasteter Trainer wird an der Seitenlinie und in der Kabine alles dafür tun, um die Minibruchteile äußerer Eingriffsmöglichkeiten gewinnbringend zu nutzen.

Zu Moniz habe ich heute übrigens einiges gelesen. Auch, dass er angeblich lieber länger in Hamburg bleiben wolle und eventuell bei Red Bull seine Zusage noch einmal zurückziehen möchte. Meine Informationen sind anders. Demnach hat Moniz in Salzburg sehr wohl schon einen Vertrag unterzeichnet und wird dort zur nächsten Saison sein Amt antreten. Wer den 46-Jährigen aber kennt, der weiß, dass das nichts an seiner Einstellung oder an seiner Arbeitsweise in dieser Spielzeit ändern wird. Wer Moniz im Team hat, zählt auf einen 100-Prozentigen. Ganz oder gar nicht – so lautet sein Motto.

Wer nun einen kompletten Personalwechsel in Fulham erwartet, den muss ich an dieser Stelle enttäuschen. Nimmt man das heutige Training als Maßstab, dürften Frank Rost, Guy Demel, Jerome Boateng, Joris Mathijsen, Dennis Aogo, David Jarolim, Zé Roberto, Robert Tesche, Jonathan Pitroipa und ein Duo des Trios Ruud van Nistelrooy/Mladen Petric/Paolo Guerrero die besten Chancen zur Nominierung für die Startelf haben. Piotr Trochowski fehlt Gelb-gesperrt – der Rest muss sich wohl mit einem Platz auf der Tribüne oder Ersatzbank anfreunden.

Nach welchen Bewertungskriterien Moniz für die Startelf aus dem Sturmtrio zwei Profis herauspicken will, ließ sich heute noch nicht erkennen. Mal ließ er Guerrero mit van Nistelrooy üben, mal van Nistelrooy mit Petric und dann wieder Petric mit Guerrero. Mir persönlich gefällt die Version van Nistelrooy/Guerrero am besten. Allerdings weiß ich auch, dass Petric als „Mr. Europa-League“ gefürchtet ist und nicht sonderlich für eine Jokerrolle taugt. Und Guerreros Leistung im Hinspiel war wirklich unterirdisch schlecht, so dass er möglicherweise zunächst zuschauen müssen wird. Van Nistelrooy wird gesetzt sein, sofern sein Körper „grünes Licht“ gibt.

Nach der Rückbetrachtung des Hinspiels gegen passive Londoner könnte es meiner Meinung nach vier offensive Schlüsselfiguren im Duell gegen Fulham geben:

1. Guy Demel. Schafft er es diesmal, wenigstens 30 Prozent seiner Vorstöße sinnvoll zu beenden (das heißt: mit einer brauchbaren Flanke), erhöht sich die Torgefahr immens. Defensiv wird Moniz ihn mit Sicherheit noch verbal „aufmöbeln“.

2. Jonathan Pitroipa. Das Eichhörnchen war schon im Hinspiel einer der Aktivposten. Er ist unbequem als Gegenspieler, muss noch häufiger den Weg in den Strafraum suchen und dort notfalls auch mal fallen, wenn er unsanft angegangen wird. Den Engländern behagt er jedenfalls gar nicht.

3. Ze Roberto: Auch wenn er von der „Sechser-Position“ kommt, so können seine Pässe in die Tiefe den Unterschied ausmachen. Zuletzt wirkte er sehr wechselhaft, war nun sogar angeschlagen. Mit seiner spielerischen Eleganz kommen Engländer auch nur schwerlich zurecht.

4. Ruud van Nistelrooy: Im Hinspiel hing er meist in der Luft, bekam allerdings auch nahezu keinen Ball im Strafraum, sondern ackerte außerhalb der „Box“. Der Niederländer kann sich zielgerichtet für Spiele hochfahren und braucht erfahrungsgemäß wenige Chancen für einen Torerfolg. In England ist er nach wie vor gefürchtet – das kann er mit Argumenten unterfüttern.

Derweil setzen sich hier in Hamburg natürlich die Trainerdiskussionen fort. Wer übernimmt Moniz‘ Rolle zur nächsten Saison. Bernd Hoffmann soll sich mit Jürgen Klinsmann getroffen haben. Bernd Schuster ist im Gespräch. Marcel Koller auch, Jögi Löw nicht zu vergessen. Und – es war vor zwei Wochen schon mal in den Medien – nun wurde mir von drei unabhängigen Quellen zugetragen, dass der ehemalige türkische Nationaltrainer Fatih Terim in der Hansestadt sein soll um mit den Verantwortlichen des HSV zu verhandeln.

Ich muss ehrlich gestehen, dass ich zu wenig über Terim weiß, um mir ein abschließendes Urteil über ihn erlauben zu können. Er gilt als hart und kompromisslos, als gradlinig und taktisch clever. Ich weiß aber nicht, ob der HSV tatsächlich schon so weit ist, um einen neuen Coach innerhalb von wenigen Tagen nach Labbadias Abschied fest für die kommende Spielzeit zu verpflichten. Spricht Terim überhaupt deutsch? Ich warte die nächsten Tage mal gespannt ab.

14:30 Uhr

Das Alibi der Mannschaft ist jetzt weg

26. April 2010

Es war 10.14 Uhr, als sich die Tür vom Mannschaftstrakt in Richtung Parkplatz noch einmal öffnete und ein Lockenkopf namens Ricardo Moniz heraustrat und in Richtung Trainingsrasen joggte. Die meisten Fans vor der Nordbank-Arena wussten zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sie soeben den neuen Coach der Profis an sich vorbeiflitzen sehen hatten. Die Spieler wussten es. Sie hatten die Nachricht vom Vorstand zuvor in der Umkleide übermittelt bekommen.

Während sich also ein Großteil der Reporterschar mit Kameras und Mikros vor dem Eingang zur Buseinfahrt versammelte, hielt der Hoffentlich-Vier-Spiele-Trainer seine erste Einheit mit acht Reservisten und Ergänzungen fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit ab. Moniz, der auch in diesem Blog schon wegen seiner Leidenschaft, seines mitunter sehr harten Umgangstons und seiner fachlichen Qualität thematisiert wurde, machte alles wie immer. Nein, das stimmt doch nicht ganz: FAST wie immer. Er stellte Hütchen auf, ließ Paolo Guerrero, David Rozehnal, Marcus Berg, Tolgay Arslan, Bastian Reinhardt, Henrik Dettmann, Tom Mickel und Miroslav Stepanek Passübungen machen, während sich Frank Rost und Wolfgang Hesl mit Torwart-Trainer Claus Reitmaier aufwärmten. Anschließend folgten Passübungen in Spielform – mit lauten und unmissverständlichen Anweisungen des Vollblutfußballers Moniz -, Abschlussübungen und ein intensives Fünf-gegen-Fünf-Abschlussspiel, bei dem der neue Interimscheftrainer (er wechselt nach der Saison zu Red Bull Salzburg) immer wieder als verbaler Antreiber und Korrektor auftrat. Anschließend sammelte er die Hütchen wieder allesamt ein und wurde mit seinen Spielern durch den Nebeneingang des Stadions in die Kabine „geschleust“.

Was nun anders war im Vergleich zu sonst? Ganz einfach: Moniz machte beim Abschlussspiel nicht mit. Unter Bruno Labbadia hatte er fast täglich mitgekickt, war immer als einer der emotionalsten, lautstärksten und aggressivsten Zweikämpfer aufgetreten. Diesmal beobachtete er seine sonstigen „Mitspieler“ nur, lobte und kritisierte sie. Und war beim abschließenden Elfmeterschießen auch für das eine oder andere Lächeln zu begeistern. Bis Donnerstag, das weiß Moniz genau, gilt es noch einiges aufholen – vor allem im Bereich Spaß und Leidenschaft.

Dass es überhaupt zur Inthronisierung Moniz‘ gekommen war, hatte sich in der Nacht von Sonntag auf Montag entwickelt. Vorstandschef Bernd Hoffmann war mit seinen Mitstreitern alle Wenn und Abers, Hättes und Könntes durchgegangen. Oberste Priorität aller Überlegungen: Wie kann die Wahrscheinlichkeit erhöht werden, im Halbfinalrückspiel in Fulham zu bestehen und es als Sieger zu beenden? „Nach einem Gespräch mit den Trainern sind wir dann heute Morgen zur Entscheidung gelangt“, sagte Hoffmann. Er sprach von einem „alternativlosen Weg“, von einem „einstimmigen Ergebnis bei der Vorstandsentscheidung“.

Kurz und stark verkürzt zusammengefasst lässt sich die Entscheidung der sofortigen Beurlaubung Labbadias so beschreiben: Labbadias Abgang war das i-Tüpfelchen eines in sich komplett zerstörten Verhältnisses zwischen Team und Coach. Mit der Beurlaubung wurde den Profis das große Alibi genommen, das einige von ihnen zuletzt immer wieder bemüht hatten, extern und intern. Moniz gilt als optimales Mittel zum Zweck. Er kennt die Mannschaft, die Probleme, kennt Fulham und ist intern anerkannt. Er strotzt vor „Feuer“ und Tatendrang, ließ sich trotz seines seit mehreren Wochen feststehenden Wechsels nach Österreich nie hängen. „Er soll die paar Prozentpunkte wecken, die zuletzt etwas verschüttgegangen sind“, sagte Hoffmann mit sorgenvoller Miene.

Die Bundesligasaison ist gelaufen, nun setzen alle Beteiligten alle Hoffnungen in das Rückspiel in London. Danach, beziehungsweise nach dieser Saison, wird es eine schonungslose Analyse der Bosse geben. Und mancher aktueller Stammspieler wird sich möglicherweise einer Verabschiedung aus charakterlichen Gründen ausgesetzt sehen. Abwarten.

Moniz selbst präsentierte sich am ersten Tag seines 16-Tage-Cheftrainer-Engagements nach 71 Trainingsminuten konzentriert. Er sprach von einem „dramatischen Tag“ und führte weiter aus: „Ich bin mit Bruno und Eddy Sözer emotional sehr verbunden und schätze sie als Mensch und Trainer.“ Einen Vorwurf Labbadias habe es für Moniz‘ Amtsübernahme nicht gegeben. „Ich bin überzeugt von dieser Lösung, sonst hätte ich es nicht gemacht“, sagte der Niederländer, der es als seine Pflicht sieht, „den Spielern Leidenschaft zu vermitteln und nun mit ihnen gemeinsam den Knopf zu drücken“. Auf geht’s, kann man da nur sagen.

Zu Bruno Labbadia ist eigentlich schon alles gesagt worden. Ich habe mir trotzdem noch einmal die Mühe gemacht, wie früher nach Trainerentlassungen einen abschließenden Kommentar zu schreiben, um das Kapitel endgültig abzuhaken:

Es musste so kommen, keine Frage. Diese Trainer-Entlassung war überfällig, denn der HSV hat sich unter der Regie von Bruno Labbadia zurückentwickelt. Trotz der Tatsache, dass erneut das Halbfinale der Europa League erreicht worden ist. Fakt ist: Der HSV stürzt in der Tabelle im Gegensatz zum Vorjahr, als Platz fünf erreicht wurde, dramatisch ab.

Dabei war der Start des HSV mit seinem neuen Trainer im Sommer 2009 grandios. Hamburg stürmte die Tabellenspitze. Und weckte Begehrlichkeiten, sorgte für große Träume der Fans. Dann gab es die vielen Verletzten, die den HSV dramatisch schwächten, und dennoch: Als es in die Winterpause ging, sah alles noch gut aus. Nicht mehr so blendend wie im Herbst, aber alle hatten das Gefühl: Hier geht noch etwas.
Ging ja auch. Nur in die falsche Richtung. Vier Siege in der Bundesliga-Rückrunde, das ist blamabel, peinlich, für jeden Fan entsetzlich. Der HSV hat die zweit- oder drittteuerste Mannschaft der Liga, trotz aller Verletzungen hätte mit dieser namentlich super besetzten Truppe mehr erreicht werden können – vielleicht sogar müssen?

Bruno Labbadia hat sich in diesem Jahr immer hinter den Widrigkeiten des Herbstes versteckt: „Wir wissen ja, woran es liegt, wir wussten, dass es 2010 schwer für uns werden würde.“ Die Frage aber hat niemand gestellt: Wieso wusste es der HSV, dass es schlechter laufen würde?
Es lief vor allen Dingen deswegen schlecht, weil das Verhältnis Mannschaft/Trainer schon Richtung Jahresende immer schlechter geworden war, weil das Verhältnis schließlich total zerrüttet war. Wer es als Trainer im Laufe eines Dreivierteljahres schafft, sich mit Spielern wie Ze Roberto, Frank Rost, Mladen Petric, David Jarolim, Dennis Aogo, Piotr Trochowski, Jerome Boateng „auseinander zu leben“ (oder besser: zu verkrachen), der darf sich nicht beschweren, dass eine solche Mannschaft nicht mehr funktioniert, dass dermaßen vor den Kopf gestoßene Spieler nicht mehr für ihren Vorgesetzten durchs Feuer gehen.

Bruno Labbadia wollte sich stets korrekt verhalten, er ist unbeirrt seinen Weg gegangen. Das mag in den meisten Fällen klug sein (besonders im Profi-Sport) – zum HSV hat es nicht gepasst. Der Trainer hat es nicht mitbekommen, wie sehr er sich Tag für Tag von der Mannschaft entfernt hat. Das war keine Einheit mehr, das waren zwei Gruppen: hier Labbadia, dort die Mannschaft. Ein solches Gebilde kann in der Wirtschaft eventuell funktionieren, im Sport muss das zum Misserfolg führen. Ich habe menschliche Gesten des Trainers vermisst, dass er einmal einen Spieler in den Arm nimmt, um ein Einzelgespräch zu führen – so etwas gab es nicht. Ich jedenfalls habe es nie gesehen.

Dabei hat der Trainer viel gesprochen. Unendlich viel sogar. So viel, dass es den Spielern zu den Ohren heraus kam (Tatsache, nicht erfunden!). Was andere Trainer in Jahrzehnten zu wenig gesprochen haben, hat Bruno Labbadia alles in ein, zwei Monaten aufgeholt. Und er hat für die nächsten Jahre vorgelegt. Für mich sein Kardinalfehler. Über das Trainingsprogramm ließe sich vortrefflich streiten – aber jeder Coach hat seine eigene Philosophie. Für mich, und ich weiß, dass es viele, viele Kollegen gab, die es ganz genauso sahen, war dieses Training viel zu lasch. Ich kann es vergleichen, denn seit dem Stabwechsel von Ristic auf Happel habe ich das HSV-Training verfolgt – weicher war es nie. Und ich werde niemals den Tag vergessen, als „Benno Hafas“, ein eifriger Trainingsbesucher, hier bei „Matz ab“ die Frage stellte: „Wann übt der HSV eigentlich mal Kondition? Laufen die ganz geheim durch den Volkspark? Oder was und wann machen die etwas, ohne dass wir Fans es sehen?“ Treffender hätte es niemand formulieren können.

Pech für den HSV: Er steht nun vor einem riesigen Scherbenhaufen. Und er muss nun wieder einmal von vorne beginnen, etwas Vernünftiges und Erfolgsversprechendes aufzubauen. Das kann wieder dauern. Meine große Hoffnung aber heißt Urs Siegenthaler. Dieser Mann ist ein absoluter Fachmann, ihm vertraue ich, dass er in Hamburg in Bestzeit etwas auf die Beine stellt. Alle HSV-Fans sollten diese Hoffnung übernehmen – mehr bleibt im Moment nicht.

PS: Eine personelle Hiobsbotschaft gab es heute übrigens auch noch. Tunay Toruns Knieverletzung aus dem Freitagtraining entpuppte sich als Kreuzbandriss. Damit fällt der Offensivspieler mindestens ein halbes Jahr lang aus. Bitter. Ich wünsche auf diesem Wege gute Besserung!

15:22 Uhr

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