Monatsarchiv für April 2010

Ende, aus, vorbei!

29. April 2010

Es hat nicht sollen sein. Der HSV hat alles gegeben, hat eine Stunde lang wie der sichere Finalteilnehmer vom 12. Mai ausgesehen, aber dann brach das Unheil doch noch über ihn herein. Zwei ganz dumme Tore machten aus einer herrlichen HSV-Führung eine 1:2-Niederlage, das Aus in der Europa League, das Ende aller Träume vom Endspiel in der eigenen Arena. Der HSV hat diesmal nicht enttäuscht, der HSV hat mit Herz und Leidenschaft um diese historische Chance gekämpft und gespielt, aber am Ende reichte es dennoch nicht. Diese Niederlage passt zum gesamten Jahr 2010, in dem nichts so richtig laufen will. Es tut weh, es ist wahnsinnig traurig, es ist tragisch. Und es ist müßig, jetzt noch darüber zu reden, ob eine Trainerwechsel vor Wochen noch viel mehr aus dieser nun verkorksten Saison gemacht hätte. Kopf hoch, Hamburg, es geht weiter. In der Saison 2010/11. Dann mit frischem Mut, mit neuem, passenden Trainer und einer Mannschaft, die in jedem Spiel als Einheit auftritt – und nicht erst nach einem Trainerwechsel.

Am 29. April 1910 wurde Erwin Seeler geboren. Zum 100. von „Old Erwin“ gab es aber leider keinen Grund zum Feiern für Hamburg. Obwohl es lange Zeit so ausgesehen hatte.

Dabei begann es nicht gerade vielversprechend. Bereits nach zwei Minuten stand bei etlichen HSV-Fans das Herz fast still: Zamora kreuzte im Hamburger Strafraum allein vor Frank Rost aus. Ein simpler Doppelpass hatte die Abwehr ausgehebelt, wobei Jeroma Boateng auch ein wenig zu lässig, besser noch nachlässig in das Duell mit dem Fulham-Torjäger ging, Rost aber reagierte gleich zweimal sensationell. Er blieb stehen, bewahrte beim ersten Schuss die Ruhe und hechtete dann die Kugel zum ersten Eckstoß für die Engländer. Rost, der Held! Was wäre gewesen, wenn es nach nur 120 Sekunden schon 1:0 für Fulham gestanden hätte? Was?

Nach nur 58 Sekunden hatte sich Boateng schon den Hoch-und-weit-Preis des Abends abgeholt. Am Strafraum stehend drosch er den Ball nur wenig nach vorne, dafür aber in die Höhe. Motto: Nach oben ist keinem Platz eine Grenze gesetzt. So 30 Meter stieg der Ball in die Luft, kam aber ohne Schnee wieder herunter. Offenbarte aber eines: Boateng schien ein wenig nervös zu sein.

Was auch auf einige Kollegen zutraf. Aber nach dem Schock der Anfangsphase legte sich die Nervosität, der HSV kam, der HSV spielte clever, der HSV war leicht Spiel bestimmend. Großartig! Wie hat Ricardo Moniz das nur so schnell hinbekommen? Zwischen Sinsheim (Hoffenheim) und London liegen wahrlich Welten. Alles eine Sache des Kopfes? Ganz sicher auch. Es stand plötzlich eine Mannschaft auf dem Platz, die sich zerriss, die sich untereinander half, die mit Köpfchen spielte.

Überragend für mich David Jarolim, der nicht nur viele Bälle erkämpfte und erlief, sondern die Kugel unglaublich sicher hielt. Hier ein Haken, dort ein Haken, dann den Ball immer (zu 100 Prozent) an den eigenen Mann gebracht – das war eine absolute Klasse-Partie des Kapitäns. Ihm am nächsten kam Jonathan Pitroipa, der immer wieder viel versuchte, der sich ein Herz für Alleingänge fasste, der auf links für Wirbel sorgte. Großartig. Einmal grätschte „Piet“ nach dem Ball und erkämpfte ihn sich in der Manier eines Linksverteidigers. Sogar schießen schien das „Eichhörnchen“ über Nacht gelernt zu haben, denn in der 39. Minute zog er aus halblinker Position aus 20 Metern ab – knapp daneben. Und dann kam die neue Stimmung beim HSV zum Vorschein: Moniz rief Pitroipa ein Lob zu und hielt den Daumen hoch. So baut man Leute auf, so sorgt man für Selbstvertrauen, so sorgt ein Trainer dafür, dass es auch beim nächsten Schussversuch den nötigen Mut dazu gibt. Bravo, Ricardo Moniz, ganz eindeutig dafür von mir ein absolut verdientes Bravo!

Vor diesem Schuss gab es schon jene Szene, die die Herzen der HSV-Fans höher schlagen ließ. Murphy hatte Ze Roberto 29 Meter vor dem Fulham-Tor gefoult, Freistoß. Boateng und Mladen Petric stand am Ball, der Kraote schoss schließlich. Und was für ein englisches Pfund! Sensationell getroffen die Kugel, ein Hammer des Monats, genau in den oberen linken Winkel – einfach nur traumhaft. Von diesem Tor hatte ganz Hamburg vorher geträumt, nun war es da. Die ganze Mannschaft (außer Rost) fiel über den Torschützen her, das war eine Freude, und es war auch eine riesige Freude, es zu sehen.

Danach aber ließ sich der HSV zurückfallen. Mit der „Inter-Taktik“ zum Erfolg? Die Räume wurden dicht gemacht, kein Zentimeter Rasen wurde verschenkt, es ging konzentriert zur Sache. Eine so große Tormöglichkeit, wie es sie nach 120 Sekunden gegeben hatte, wurde Fulham bis zum Seitenwechsel nicht mehr gestattet.

Übrigens: Nach 25 Minuten fragte mich Frau M., ob denn Ruud van Nistelrooy mitspielen würde? Das war nicht böse gemeint, sie hatte ihn nur noch nicht gesehen. Das blieb bis zum Halbzeitpfiff auch so. Etwas fiel auch Dennis Aogo ab, der nicht eine (!) vernünftige Flanke in den Strafraum der Engländer schlug. Aber: Der Verteidiger war erst am Spieltag aus Hamburg nach London geflogen, hatte den Tag zuvor wegen einer Magen-und-Darm-Grippe noch im Krankhaus verbracht. Das ist es aller Ehren wert, dass sich Aogo doch noch aufmachte und mitspielte – denn wer sonst hätte hinten links spielen sollen? Dass ihm vieles misslang – Schwamm drüber. Wir alle wissen, dass er es besser kann.

Ganz hervorragend, das muss an dieser Stelle auch festgehalten werden, wieder einmal die HSV-Fans. 1400 waren sicher dabei, 600 dürften sich noch auf dem Schwarzmarkt ihre Karte ergattert haben. Was sie in Craven Cottage abzogen, war reif für die Champions League. Sie waren immer zu hören, sie gaben in diesem „historischen Spiel“ wieder einmal alles – und mehr. So muss es sein, von Sinsheim ist nichts hängen geblieben, jedenfalls beim harten Kern nicht.

Und wo ich gerade beim Loben bin: Der türkische Schiedsrichter Cakir behielt bewundernswert die Ruhe und zeigte eine Klasse-Leistung. Wo hat die Uefa den so lange versteckt? Er war für diese Partie, in diesem kleinen Hexenkessel genau der richtige Mann.

In der zweiten Halbzeit zwei schnelle Wechsel. Beim HSV ging Robert Tesche, der mir durchaus gefallen hatte, wenn er auch nach vorne kaum zum Zuge gekommen war. Für ihn schickte Moniz den wackeren Kämpfer Tomas Rincon auf den Rasen (56.) – die etwas defensivere Variante. Und Fulham musste den gefährlichen Zamora vom Platz nehmen (58.), der sich trotz einer Achillessehnenverletzung fast eine Stunde durchgebissen hatte. Für ihn kam Dempsey, und mir war ein wenig wohler zu Mute, denn Zamora ist eigentlich immer für ein Tor gut. Diesmal nicht.

Als sich Boateng in der 62. Minute mit einer Harakiri-Aktion an der Eckfahne eine überflüssige Gelbe Karte abgeholt hatte (eingesprungene Beinschere), geriet die Volksseele vollends ins Kochen – und Fulham kam. Und wie. Der HSV wackelte. Und er kassierte den Ausgleich. Wieder einmal ein Pass durch die Mitte. Dort erlief sich Davies den Ball vor Guy Demel, der Engländer ließ den HSV-Abwehrspieler aussteigen und schoss unhaltbar ein (69.). Wieso tut sich in der Abwehrmitte, im Zentrum eine so große Lücke auf, wieso? Zum wiederholten Male. Aus gehabtem Schaden nichts gelernt.

Wahnsinn. Und es kam noch schlimmer. Eckstoß für Fulham, die Kugel segelt in der Mitte an allen vorbei – an fast allen. Der Ball prallt an das linke Bein von Demel, es wird daraus eine Mustervorlage für Gera. Der Ungar schießt mühelos ein – 2:1.

Das Ende? Moniz will es nicht wahrhaben, riskiert alles. Er bringt elf Minuten vor Schluss Paolo Guerrero und nimmt Rincon wieder vom Platz. Eine harte Aktion, aber in einem solchen Spiel absolut richtig. Nun war die offensivere Hamburger Variante wieder auf dem Rasen.

Aber es half alles nichts mehr. Die historische Chance ist verpasst worden. Und eine chaotische Saison wird nun im Tal der Tränen enden. Wieder einmal beste Voraussetzungen gehabt, wieder einmal zum Schluss abgebrochen. Die Hoffnung stirbt zuletzt . . .

23.05 Uhr

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