Monatsarchiv für April 2010

Schon wird ein neues Fass aufgemacht . . .

23. April 2010

Als sich nach dem Fulham-Spiel Minuten vor Mitternacht Bruno Labbadia und Bernd Hoffmann in den Katakomben der Arena begegneten, da klopfte der Vereins-Chef seinem Trainer einige Male auf den Rücken. So in der Art: „Wird schon . . .“ Wird ja auch. Der HSV muss ja im Rückspiel beim FC Fulham ja nicht unbedingt verlieren. „Da können sie nicht mit Mann und Maus verteidigen und nur das Spiel zerstören, da müssen sie auch etwas für ein Tor tun – das ist unsere Chance“, sagt zum Beispiel „Basti“ Reinhardt. Hier bei „Matz ab“ sehen mir ganz einfach zu viele HSV-Fans SCHWARZ! Muss ich ganz ehrlich sagen. Es handelt sich dabei tatsächlich um HSV-Fans. Weshalb aber diese selbstzerstörerische Skepsis? Warum sollte der HSV auf der Insel denn kein Tor schießen? Und dort nicht ein 1:1 schaffen? Weil der FC Fulham eine solche Über-Mannschaft hat? Die müssen, sie kommen nicht drum herum, in der eigenen Hütte schön mitspielen, und dann wird man sehen, was sich daraus für den HSV entwickeln kann. Also, Kopf hoch und etwas optimistischer in Richtung „Operation Rathausmarkt“ blicken. Bislang hat der HSV in der Europa League auswärts immer das gespielt, was er spielen musste. Ist es nicht so?

Natürlich ist nicht alles Gold, was glänzt im Spiel des HSV. Manchmal wird sogar mir SCHWARZ vor Augen, wenn man dieses Mittelmaß, diese stümperhaften Unzulänglichkeiten und diese vielen amateurhaften Fehler sieht. Nicht von der Hand zu weisen ist jedoch, dass sich die Mannschaft gegen Fulham sehr um ein gutes Spiel bemüht hat. Und genau das wollte ich mit meinem Bericht anerkennen. Einige von Euch haben mir deshalb tüchtig um die Ohren gegeben, einige wiederum haben mich (angerufen) und aufgemuntert. Die Wahrheit liegt wohl – wie so oft – in der Mitte. Ich werde aber von meinem Fulham-Spielbericht kein einziges Wort zurücknehmen, ich stehe dazu, dass ich dieses Spiel genau so gesehen habe, wie ich es hier niedergeschrieben habe. Auch wenn mir schon unterstellt wurde, dass ich nichts gesehen habe – oder auch nur ein anderes Spiel. Bei der Gelegenheit: Das „Matz-ab“-Video zum Hoffenheim-Spiel ist ironisch gemeint. Und ich war in Wahrheit nicht beim Spiel Fortuna Langelohe 3. gegen West-Eimsbüttel 4. Ich war schon in der Arena. Sonst könnte mich mein Chef (Claus Strunz) doch sofort fristlos feuern . . .

Was ich hier schon oft betont habe, weil es mich ehrlich sehr erstaunt, das ist die Tatsache, dass HSV-Fans sehr wohl sehr, sehr hart mit ihrem Lieblings-Verein ins Gericht gehen, wenn die Resultate nicht stimmen. Davon zeugt auch diese Nacht bei „Matz ab“. Das ist teilweise noch härter als das, was tags darauf in den Boulevard-Zeitungen steht. Und, noch einmal ehrlich: An dieser schonungslose Kritik, die manchmal auch über jede Grenze geht, muss ich mich erst noch gewöhnen, obwohl es „Matz ab“ ja schon seit dem 7. August 2009 gibt. Aber, wie heißt es doch immer so schön? Auch ein „alter Sack“ wie ich kann jeden Tag dazulernen. Ich bemühe mich jedenfalls darum.

Was Bruno Labbadia denn aus dem Spiel gegen Fulham Positives ziehen würde, so wurde der Trainer gefragt. Die Antwort: „Dass die Engländer großen Respekt vor uns hatten, und dass sie kaum Torchancen hatten.“ Was gefehlt hat? „Die Durchschlagskraft im Spiel eins gegen eins. Und das Spiel in die Spitze war nicht zwingend genug.“

Natürlich ist mir nicht entgangen, dass der HSV in Hamburg zuletzt kein Tor erzielen konnte. Gegen zehn Hannoveraner gab es in einem Grottenkick ein 0:0, dann folgte ein peinliches 0:1 gegen Mainz 05 – und nun das. Da ist es doch klar, dass es einige Diskussionen um den Verein, um die Mannschaft und auch um den Trainer gibt. Das weiß selbstverständlich auch Bernd Hoffmann, der bei Sky gefragt wurde, was er denn nach diesem 0:0 für Schlagzeilen erwarte? Der Boss ganz salopp: „Keine Ahnung, was unsere Freunde an der einen oder anderen Stelle sagen oder schreiben. Ich erwarte jetzt, dass sich alle auf das Hoffenheim-Spiel konzentrieren, und danach haben wir quasi in Fulham ein Endspiel um das Endspiel. Und darauf werden alle Kräfte konzentriert, das wird im gesamten Umfeld so sein. Wir wissen alle, dass wir mit diesem Finale am 12. Mai in unserem Stadion eine historische Chance haben, darauf werden sich nun alle fokussieren.“

Auf der Tribüne in Hamburg saßen auch Joachim Löw, Hansi Flick und Andreas Köpke. Der Bundestrainer wird ja schon seit Wochen als möglicher Kandidat auf das HSV-Trainer-Amt gehandelt – zur neuen Saison. Stört es den jetzigen HSV-Coach? Labbadia: „Das ist eine absolute Respektlosigkeit, wenn einen Tag vor einem Europa-League-Halbfinale danach gefragt wird, ob es stimmen würde, dass sich Bernd Hoffmann und Löw in Hamburg treffen würden. Das ist schade, denn man spürt es ja immer wieder in allen Bereichen. Wir können die Situation nicht ändern, wir versuchen es von der Mannschaft fern zu halten, und das müssen wir auch weiterhin tun – wir können die Dinge ja nicht beeinflussen.“

Auf die Frage, ob Labbadia denn den uneingeschränkten Rückhalt des Vorstandes spüren würde, antwortete der Trainer ausweichend: „Ich bin ganz normal in der Planung drin, wir treffen uns mit Spielern, planen die neue Saison – mehr kann ich dazu nicht sagen.“ Die Hoffnung auf das Finale ist immer noch vorhanden, auch die Hoffnung, doch noch Platz sechs in der Bundesliga zu schaffen, um auch so den internationalen Startplatz für die neue Saison abzusichern. „Wenn wir diese Überzeugung nicht hätten . . .“, sagt Labbadia und bricht kurz ab, um dann anzufügen: „Was mir ein bisschen zu kurz kommt ist, dass ist die Freude. Ich versuche es den Spielern immer wieder zu sagen, dass es ein Geschenk ist, in einem solchen Halbfinale zu stehen.“ Und einen ganz kernigen Satz hatte der Trainer schon nach dem Spiel über seine Lippen kommen lassen: Ich habe das Vertrauen in die Mannschaft, dass sie den Finaleinzug im Rückspiel mit einer couragierten Leistung klarmacht.“

Am Sonntag geht es aber erst einmal in Sinsheim gegen Hoffheim um Bundesliga-Punkte. Labbadia über den Gegner: „Es wird nicht einfach für uns, ähnlich wie zuletzt bei unserem Sieg in Bochum, denn der Gegner konnte sich eine Woche lang auf uns vorbereiten. Hoffenheim hat eine sehr ausgewogene Mannschaft, die mehr Potenzial hat, als der Tabellenstand es besagt, die werden gegen uns Vollgas geben. Und wir werden erst einmal sehen müssen, mit welcher Mannschaft wir dort auflaufen können.“ Denn es gibt einige verletzte und angeschlagene Spieler. Guy Demel (Knie), Ruud van Nistelrooy (Hüftbeugemuskulatur) und Ze Roberto (Wade) sind erste Kandidaten, die ausfallen könnten. Eljero Elia hat sich eine Zerrung zugezogen und fällt auf jeden Fall aus, wie natürlich auch immer noch Marcell Jansen.

Ein dickes Fragezeichen steht auch noch hinter Mladen Petric – trotz seiner „Wunderheilung“. Die übrigens noch für einigen Ärger sorgen dürfte – innerhalb des Teams, denn der Trainer äußerte sich kritisch gegenüber Petric. Zum Thema „Wunderheilung“ befand Bruno Labbadia: „Manchmal gibt es die. Aber die Schlagzeilen waren nicht sehr schön, und dazu hat Mladen beigetragen.“ Oha! Das klingt nach neuem HSV-Zoff. Zumal Petric dazu auch schon Stellung bezog: „Ich kann es nicht nachvollziehen, dass deswegen nun ein Fass aufgemacht werden muss. Diese ganze Thematik geht mir auf den Wecker . . .“ das wiederum ist nachvollziehbar. Zumal sich Petric selbst tröstete, als er befand: „Na ja, in drei Wochen ist endlich Ruhe.“ Was man durchaus so oder so interpretieren kann. Oder auch ganz anders? Labbadia aber wäre eigentlich gut beraten, wenn er schnell wieder einen Deckel auf dieses Fass machen würde, denn wenn nun auch Petric schmollen sollte, dann fehlt dem Trainer der wichtigste Torschütze und zugleich sein bester Stürmer. Es ist, so kommt es mir schon länger vor, ein Tanz des Trainers auf der Rasierklinge. Und schon am Sonntag steht der nächste Tanz bevor . . .

Schlusswort von Bernd Hoffmann: „Abgerechnet wird hier am 8. oder 12. Mai, dann ziehen wir einen Strich unter diese Saison. Bis dahin aber haben wir in der Europa League und in der Bundesliga noch jede Chance. Noch einmal: Wir reden hier davon, dass wir zum zweiten Mal in Folge im Europapokal-Halbfinale stehen, da kann ich jetzt nicht erkennen, warum wir nun Depressionen ausrufen sollten.“ Genau. Die Hoffnung (auf Besserung) stirbt zuletzt. Auch wenn der HSV in diesem Jahr in der Bundesliga nur schwerlich zu ertragen ist. Aber, auch dafür gibt es Trost, denn wie sagte es Bruno Labbadia schon so oft in der Vergangenheit: „Wir wussten, dass es in der Rückrunde schwer für uns werden würde.“ Um noch einmal ganz, ganz ehrlich zu sein: Ich wusste es nicht. Ich hatte gedacht, dass es steil bergauf gehen würde mit dem HSV. Aber wer ein ganz anderes Spiel sieht, dem sei sicherlich auch eine solche Meinung zugestanden. Oder?

17.32 Uhr

Keine Panik!

22. April 2010

Schade. Gut gespielt, bravourös gekämpft, alles gegeben bis zum Schlusspfiff, aber nicht gewonnen. Der HSV trennt sich im Halbfinal-Hinspiel der Europa League vom FC Fulham 0:0. Das hört sich nicht besonders gut an, aber es ist nicht unbedingt schlecht. Im Rückspiel würde ein 1:1 genügen. Und warum sollte der HSV gegen diese Engländer, die gewiss keine Spitzen-Mannschaft sind, nicht ein Auswärtstor schaffen? Ich sehe den HSV noch lange nicht draußen, auch wenn es nun natürlich sehr, sehr schwer werden dürfte. Dennoch: Die Operation Rathausmarkt darf weiter vom 12. und vom 13. Mai träumen, keine Panik. Es ist noch alles drin.

Mladen Petric dabei. Nachmittags sprach es sich herum, und alle, wirklich alle waren Feuer und Flamme. Und die, die dann in die Arena kamen, die sahen beim Aufwärmen der Mannschaften einen Mladen Petric, der allein auf dem Rasen „herumturnte“. Der Gag mit Petric? Sollten die Engländer dadurch geschockt sein? Ganz offensichtlich war, dass sich der Kroate nicht „richtig“ erwärmte. Er „daddelte“ mit dem Ball am Fuß, während die anderen Reservisten „ordentlich“ arbeiteten. Aber irgendwie war den Fans auf den Tribünen klar: Eine solche „Wunderheilung“ gibt es eben höchst selten, auch in Hamburg ist das so. Obwohl: Petric kam später tatsächlich (72.). Wie „Kai aus der Kiste“ . . .

Erfreulich für den HSV: Jonathan Pitroipa (statt Robert Tesche) war wieder dabei. Und wie! Wenn es einmal Richtung Fulham-Strafraum „brannte“, dann war er daran beteiligt. Es ist schon kurios: „Piet“ hatten um die Jahreswende in Hamburg niemand mehr auf der Rechnung, und nun hat er sich plötzlich in die Herzen vieler HSV-Fans gedribbelt und gelaufen – so kann es gehen. Und wenn dieser Mann nun noch (über Nacht) schießen lernen würde . . . Dann würde er beim FC Barcelona spielen, oder bei ManU. Schade ist es trotzdem. Ganz grausam wird es immer dann, wenn er nach einem Spurt mit links zum Schuss ansetzt. Achtung Querschläger. Eine größere Streuung gibt es ja gar nicht. Obwohl: In der 71. Minute schoss Pitroipa aus spitzem Winkel, da musste sich Torwart Schwarzer dann schon mächtig strecken – Eckstoß.

Und wo ich gerade beim „mosern“ bin. Immer wenn „Giiiiiieeeeee“ Demel am ball ist, gibt es auch „Giiiieeeeee“-Rufe. Ich frage mich noch immer (und immer wieder): warum? Ein Nachbar klärte mich auf: „Giiiiiieeeeee rufen sie immer dann, wenn sie etwas anfügen wollen. Derart: Giiiiiiieeee- der lernt es niiiiiiiieeeeeee.“ Nämlich das Flanken. Unglaublich, was der „Kerl von einem Baum“ für Bälle zur Mitte bringt! Es ist, ich wiederhole mich gerne: UNGLAUBLICH! Aber gut, auch das gibt es. So wie der gute „Piet“ das Schießen nie lernen wird . . .
Die Engländer standen hinten unheimlich tief. Und sehr diszipliniert. 4:4:2. Das wurde strikt eingehalten. Und die meisten englischen Abwehrspieler so um die zwei Meter. Und der lange Hangeland, der in seinem ersten Leben kanadischer Waldbrandaustreter gewesen sein muss, war sogar drüber. Also über zwei Meter. Sah auf jeden Fall so aus.

Vor der Westtribüne prangte ein riesiges Plakat: „Die beste Möglichkeit, Träume zu verwirklichen, ist aufzuwachen!“ Wie wahr. Die HSV-Profis liefen beim Betreten der Arena genau darauf zu. Sie schienen es begriffen zu haben, denn diesmal zeigten sie Leben. Hinten standen sie sicher, im Mittelfeld gab es viel Bewegung, ganz stark wieder einmal David Jarolim. Und auch Ze Roberto war okay. Bestes Beispiel für seine kleine „Auferstehung“: In der 21. Minute vertändelte er den Ball auf Höhe Mittellinie, setzte aber nach, grätschte sogar gegen gleich zwei Engländer – und holte sich den Ball zurück. Bravo! Und als kleines Sahnehäubchen gab es dazu für den „großen Ze“ ein Abklatschen von Dennis Aogo. Apropos: Aogo spielte für mich sehr, sehr lässig. Er war zweifellos einer der besten Hamburger, wenn nicht sogar der beste, aber er übertrieb es meiner Meinung nach ein wenig mit seiner Lässigkeit. Höhepunkt: In der 28. Minute gab es einen Eckball für den HSV von links. Aogo ging zur Fahne, legte sich den Ball mit seinem linken Fuß (!) zurecht. Mit dem Fuß. Erinnert Ihr Euch (die, die schon so alt sind!) an Günter Netzer? Wenn der einst eine Ecke schoss, dann ging er in die Knie, streichelte die Kugel liebevoll und brachte sie dann zentimetergenau zur Mitte. Das machte Aogo dann allerdings auch, seine Eckstöße waren in Ordnung.

Vielleicht lag seine Lässigkeit ja auch nur darin begründet, dass der Bundestrainer auf der Tribüne saß. Joachim Löw hatte seinen Assi Hansi Flick und auch Torwarttrainer Andreas Köpke mitgebracht. Köpke? Wieso denn Köpke? Für Frank Rost? Falls Rene Adler (Rippenbruch) nicht rechtzeitig bis zur WM fit werden sollte? Ein – wie ich finde – sehr interessantes Gedankenspielchen.

Übrigens: In der 44. Minute gab es sie trotz allem wieder, die Pfiffe. Sie kamen, weil der HSV wieder einmal den Ball wandern ließ. Von links nach rechts und zurück. In der Abwehrreihe. Das dauerte einfach zu lange. Und sah hilflos aus. Und ist auch kein probates Mittel, eine sehr eng stehende Abwehr unter Druck zu setzen, denn dadurch, dass der HSV sich so viel Zeit ließ, konnten sich die beiden Viererketten von Fulham in aller Ruhe wieder formieren. Gut aber war, dass die meisten Fans die Pfeifer durch „HSV“-Rufe überdröhnten. Kompliment an die Ecke im Nord-Westen, Ihr wart tatsächlich hervorragend – echter in „Europapokal“-Form.

Überhaupt: Die zweite Halbzeit wurde von Minute zu Minute stimmungsvoller. Der HSV kam. Und hatte auch Chancen. Nichts Zwingendes, aber immerhin so, dass auch mal einer hätte „reinrutschen“ können. Auffällig dabei Piotr Trochowski, der sich zwar drei haarsträubende Abspielfehler erlaubte, ansonsten sich aber von der besten Seite zeigte. Und seine Schüsse hatten es in sich. Zwar kamen nicht alle auf das Tor, aber da saß schon etwas dahinter. Mein Resümee bei „Troche“: Wenn einer geglaubt hätte, dass der Billstedter nicht mit zur WM fahren würde – mit dieser Partie vor den Augen von Löw hat er alle Unklarheiten beseitigt. Pech nur: Trochowski fällt im Rückspiel aus, er sah in der Nachspielzeit seine dritte Gelbe Karte – Sperre.

Auch wenn es kein HSV-Tor mehr gab, die druckvolle Schlussphase war absolut okay. Oder sogar mehr als das. Der Kampfgeist hat mir imponiert. Nur der Abschluss fehlte. Wieder einmal. Vorne war der HSV einfach zu harmlos. Daran konnte auch Petric nichts ändern. Er war natürlich nicht in bester Verfassung, aber es ehrt ihn, dass er dabei war und es versuchte.

Und zur Sturmflaute: Ich will nicht päpstlicher sein als der Papst, aber Ruud van Nistelrooy ist eben noch lange nicht bei 100 Prozent. Glaubt es mir, ich kenne das aus eigener Erfahrung. Ich hatte auch Beinbruch, Knöchelbruch, Bänderrisse. Nach einer langen Pause war ich zwar in den ersten beiden Spielen „voll“ da, aber fiel danach in ein ganz tiefes Loch. Alles ganz normal, wird jeder, der einmal schwer verletzt war, bestätigen und auch wissen. Sicher hat van Nistelrooy seine „Killer“-Qualitäten, auch gewiss noch bessere als Petric, aber der Niederländer hat sie eben im Moment nicht. Weil er körperlich noch viel, viel aufzuholen hat.

23.01 Uhr

Das “Wunder” Petric

22. April 2010

Die Spannung steigt. Es ist im Blog zu sehen und förmlich zu spüren. Klasse. Die Katastrophen-Stimmung vorbei, vorerst jedenfalls, jetzt steht die freudige Erwartung an erster Stelle, schließlich geht es um ein Europa-League-Halbfinale! So etwas (Einmaliges) hat zwar der HSV jedes Jahr (kleiner Scherz am Rande) – aber welche Klubs in Europa können das schon von sich behaupten? Kompliment, wie in den letzten Stunden vor dem Anpfiff (fast) alle nun zusammenrücken und an einem Strang ziehen. Großartig sind in diesem Zusammenhang die Aktionen der Supporters. Ich würde fast sagen: einzigartig! Die „Operation Rathausmarkt“ ist eine super Idee, die Aufkleber und die T-Shirts ebenfalls, das heutige Treffen auf dem Rathausmarkt ist ein tolles Zeichen für den Kampfgeist, den auch Fans entwickeln – traumhaft! Ich hoffe, dass Ihr alle mit einem HSV-Sieg belohnt werdet. Zu diesem Wunsch passt ja auch bestens, dass – oh Wunder – Mladen Petric plötzlich gesund ist (jedenfalls halbwegs) und im Kader für das Fulham-Spiel steht. Ob der Torjäger von Beginn an spielen wird, ist noch offen, aber allein seine Rückkehr ist ein kleines Wunder. Auch ein medizinisches, denn er hat ganz offenbar ja einen Muskelriss in Rekordzeit überstanden. Egal, ich will auch nicht wissen wie, mir ist nun aber viel, viel wohler ums Herz, weil er mit von der Partie ist. Weil er ein „Killer“ ist, wenn es um Torchancen geht. Wittert er eine Möglichkeit, ist er auch zur Stelle, er ist da wie keiner – auch Ruud van Nistelrooy kommt da noch nicht wieder mit.

Verbunden mit dem (mit meinem) Hoffnungsträger Petric hoffe ich zugleich auf zwei „Altmeister“ im Team des HSV: Ze Roberto und van Nistelrooy. Beide konnten zuletzt kaum oder gar keinen Einfluss auf das Spiel des HSV nehmen, dabei wären sie durchaus in der Lage, eine dominierende Rolle in diesem Team auszufüllen. Irgendwie aber bekommen sie keinen Fuß mehr vor dem anderen. Deswegen wird es in meinen Augen Zeit, dass sie beißen, kämpfen und wollen. Dass sie zeigen, was sie tatsächlich drauf haben. Dass sie sich auch dagegen wehren, in einem mittelmäßigen HSV-Team unterzugehen. Wenn dieser Wille auf den Tribünen erkennbar ist, dann wäre ich schon zufrieden. Zuletzt aber hatte ich diesen Eindruck nicht – sie ergaben sich ihrem Schicksal. Aber: Ihr guter, ihr überragender Name im Welt-Fußball steht auf dem Spiel, daran sollten sie denken – wenn es heute um 21.05 Uhr losgeht.

Dazu passt noch eine weitere gute Nachricht: Marcell Jansen beginnt wieder mit dem Training. Vier Wochen nach seinem Bänderriss darf er nun wieder in den Kraftraum – es geht wieder bergauf. In einer Woche könnte der Nationalspieler schon wieder ins Mannschaftstraining einsteigen, spätestens aber in eineinhalb Wochen dürfte es soweit sein. In der Schlussphase könnte Jansen noch einmal ein ganz wichtiger Faktor für den HSV werden (ich vermisse ihn sehr – fast wie keinen anderen) – und nebenbei geht es ja auch noch um seine (eine) WM-Fahrkarte. Die ja auch Eljero Elia noch nicht abgeschrieben hat. Der Niederländer dürfte noch einen Tick eher fit sein als Marcell Jansen, könnte eventuell schon im nächsten (und letzten) Heimspiel der Saison, gegen den 1. FC Nürnberg, wieder mit von der Partie sein.

Nicht mehr mit von der Partie ist in der nächsten Saison Torwarttrainer Claus Reitmaier. Der 46-jährige ehemalige Bundesliga-Torwart (u. a. KSC) hat die Mitteilung erhalten, dass er am Saisonende gehen darf. Ich weiß von den Trainings-Beobachtungen, dass einige Fans und auch einige meiner Kollegen nicht besonders traurig sein werden ob dieser Nachricht, ich bin es aber durchaus. Etwas jedenfalls, denn Reitmaier hat in meinen Augen kein schlechtes Training gemacht. Im Vergleich mit allen anderen Torwarttrainern des HSV schneidet er bei mir sogar als Nummer eins ab. Okay, ein Sepp Maier ist er nicht, aber der ist in meinen Augen auch der Überflieger aller Torwarttrainer – die Konkurrenz von Reitmaier aber, die jetzt in der Bundesliga arbeitet, ist (wahrscheinlich) nicht besser. Ich bin gespannt, wer diese Lücke nun schließen soll und wird. Richard Golz?

Eine Lücke, die kaum einer bemerkt hat, bleibt auch in der neuen Spielzeit weiter offen: Macauley Chrisantus wird auch in der kommenden Saison für den Zweitliga-Klub (so er denn drin bleibt) stürmen. Der 19-jährige U-17-Weltmeister aus Nigeria absolvierte in dieser Saison 22 Spiele für Karlsruhe und schoss dabei drei Tore.

So, nun hoffe ich, dass ich Euch ein paar Minuten nach dem heutigen Abpfiff im Volkspark mit einer Sieges-Nachricht eine gute Nacht wünschen kann. Denjenigen, die schon auf dem Rathausmarkt ihren Platz für den 13. Mai „vorgewärmt“ haben, möchte ich noch einmal meine Hochachtung aussprechen – einmalig! Ihr werdet alles geben, das ist klar. Wenn jetzt auch noch alle anderen mitziehen, wenn sie an die einmalige Chance (12. Mai!) denken und als 12. Mann kämpfen wollen, dann müsste es doch eigentlich klappen – mit einem Sieg.
Gebt alles! Für den HSV und für die „Operation Rathausmarkt“.

Nur der HSV!

PS: Danke für die vielen Nachfragen zu meiner Gesundheit (Muskelbündelriss). Ich werde heute in der Arena sein, immer noch etwas humpelnd, aber ich zeige Flagge. Natürlich tut es noch weh, ich habe Schmerzen beim Gehen, selbst beim Schlafen (im Umdrehen), aber es wird schon. Bitter ist nur, dass ich jetzt so lange gegen keinen Ball mehr treten darf, das tut am meisten weh . . .

18.20 Uhr

Profis wollen Taten sprechen lassen

21. April 2010

So ein Europa-League-Spiel hat echt etwas Gutes, etwas sehr Gutes sogar. Die Marketing-Experten der Uefa haben wieder ganze Arbeit geleistet. Das Stadion, das „oben ohne“ (ohne Buchstaben aufm Dach) ja eh nicht mehr als Nordbank-Arena zu identifizieren ist, hat gemäß der Vermarktungs-Richtlinien des Wettbewerbs keinerlei HSV-Sponsoringflächen mehr. Das „Stadion Hamburg“ wirkt so auf den ersten Blick zwar etwas steriler und kühler (kann auch an den 6 Grad Außentemperatur liegen), aber im Hinblick auf das morgige Duell gegen den FC Fulham verblassen die üblen Erinnerungen an das klägliche 0:1 gegen Mainz dafür umso besser. Ich möchte es jetzt mal so formulieren: Die Tafel – mit herrlichem Rasen (O-Ton Bernd Hoffmann: „Der sieht aus wie in Wimbledon am ersten Tag!“) – ist angerichtet, jetzt liegt es in den Köpfen, Herzen, Beinen und Füßen der Profis, den großen Traum vom Finale in die Realität umzusetzen.

Die Vorzeichen stehen gar nicht so schlecht. Seit Dienstag weht irgendwie ein anderer Wind rund um und durch den Volkspark. „Halbfinalhinspiel – auf solche Momente wartet jeder Fußballer, manche vergeblich ein ganzes Leben lang“, hat Bruno Labbadia kürzlich gesagt. So ein Finalziel vor Augen schweißt zusammen. Naja, vielleicht formuliere ich es doch noch einmal um. Bei einer solchen Chance vor Augen werden alle negativen Aspekte der Vergangenheit eben doch mal kurz aus dem Alltag und aus den Gedanken vertrieben. „Die meisten aus unserer Mannschaft erinnern sich noch an das vergangene Jahr und das damalige Halbfinale gegen Werder, das nach wie vor Schmerzen und Wut im Bauch verursacht. Solche Erinnerungen spornen uns zusätzlich an. Wir wissen um die Bedeutung dieser zwei Spiele und bereiten uns gezielt darauf vor“, sagte Dennis Aogo auf der heutigen Pressekonferenz.

Dass diese Presskonferenzen mit Trainer UND Spieler ein Pflichttermin sind, die die Vereine laut Uefa-Richtlinien abhalten müssen, ist gut für die Sportjournalisten, denn ansonsten wären sie heute womöglich leer ausgegangen, was die Suche nach Spielerkommentaren betrifft. „Nein“, „nein“ und nochmals „nein“ entgegneten die Herren Profis meinen Kollegen auf dem Weg zum Abschlusstraining, als sie um ein paar Statements gebeten wurden.

Nun könnte ich an dieser Stelle den aufgebrachten Journalisten spielen und mich aufregen, dass die Spieler erst über Wochen so einen Mist zusammenspielen und Theater veranstalten, dann aber plötzlich verstummen, wenn die Berichterstattung geradezu nach Zitaten lechzt. Mache ich aber nicht, denn im Grunde genommen gefällt mir diese offenbar eigens aufgelegte Haltung. Geredet und diskutiert wurde halt schon lange genug (ohne Erfolg), warum also jetzt nicht erst einmal Taten für sich sprechen lassen!? Auf geht’s.

Ein paar kleine „Störfeuer“ gab es auf der Pressekonferenz natürlich trotzdem, die einige von Euch ja auch schon kommentiert haben. Ein Radio-Hamburg-Mann fragte nach einem vermeintlichen Gespräch von Noch-Bundestrainer Joachim Löw mit Bernd Hoffmann. Bruno Labbadia wirkte irritiert: „Geht die Frage an mich?“ „Nein, an den Verein!“, sagte der Reporter. Nun war also Pressesprecher Jörn Wolf gefragt, der ehrlich antwortete: „Ich weiß davon gar nichts!“ Und da Jörn eigentlich immer alles weiß, was seinen Arbeitgeber betrifft, war dieses Thema auch schnell abgehakt. Ich möchte denjenigen von Euch, die diese Frage deplatziert und ungeheuerlich störend fanden, aber eines erwidern: Der Radiomann hat nur seinen Job gemacht. Falls ihm jemand das Löw-Gerücht erzählt hat, im Zweifel vielleicht sogar einer seiner Chefs, dann muss er diese Frage stellen. Das ist sein Job. Und er wird nicht vom HSV bezahlt. Aber ich fand, dass alle Beteiligten damit professionell umgegangen sind.

Eine Portion humorvoller war die Frage meines NDR-90,3-Kollegen Lars Pegelow, der Dennis Aogo in Anlehnung an den jüngsten Kinozoff kess fragte: „Was machen Sie denn heute Abend?“ Aogo wusste sofort, um was es geht, er überlegte erstaunlich lange, als ob er überlegte, den Spaß mitzumachen, es dann aber doch ließ. Aogo: „Ich gehe mit einem Freund Essen und lasse den Abend dann entspannt mit meiner Freundin zusammen ausklingen.“ Zur Erklärung: Die Spieler treffen sich wegen des späten Anstoßzeitpunktes morgen erst am Morgen im Tageshotel, sie können also zuhause schlafen.

Ich wurde heute von einigen Freunden und Bekannten gefragt, was ich für das morgige Duell erwarte. Die Antwort fiel mir ziemlich leicht. Ich erwarte defensiv ausgerichtete Engländer, die wie in den vergangenen Runden gut organisiert sein werden und den HSV überraschen wollen. Bruno Labbadia hat es heute ganz treffend formuliert: „Es kommt auf Kleinigkeiten, auf Details an.“ Das können Tagesform, Standards, individuelle Aussetzer aber eben auch atmosphärische Dinge sein. Labbadia: „Auch unsere Fans können einen fünfprozentigen Unterschied im Hinspiel ausmachen!“ Das sehe ich auch so. Im Optimalfall startet die Mannschaft furios mit einem Torerfolg, zerlegt damit Fulhams Grundausrichtung (bloß kein Gegentor) und entfacht eine Rieseneuphorie auf den Rängen. In einem „Rauschzustand“, der daraus resultieren würde, könnte der HSV dann über sich hinauswachsen. Und genau das ist es, was diese Mannschaft braucht.

Personell hat Bruno Labbadia dank Paolo Guerrero und der Genesung des „Eichhörnchens“ Jonathan Pitroipa wieder etwas mehr Handlungsspielraum. Nach aktuellem Stand erwarte ich beide in der morgigen Anfangself. Pitroipa kann ebenso wie Piotr Trochowski links und rechts offensiv spielen, Guerrero dürfte neben Ruud van Nistelrooy im Angriff starten. Im Abschlusstraining im Stadion wirkte der Holländer zwar wie in den Trainingstagen zuvor etwas zappelig und ballunsicher, aber im Abschluss ist und bleibt er eine Augenweide, eine stetige Torgefahr. Und die wird sich der Coach nicht nehmen lassen.

Genug gesabbelt. Taten und Tore müssen her. Ich lege mich schon mal fest: Es gibt einen 2:0-Sieg. Und „Pit“ wird treffen oder einen Strafstoß herausholen.

17:35 Uhr

Leidenschaftlich wie lange nicht mehr!

20. April 2010

Fast hätte er sich verpieselt. Mein Kollege Christian Pletz war heute wieder beim Training. Seine Ankunft beschrieb er mir so: „Ich kam etwas zu spät auf dem Parkplatz an und ging in Richtung Trainingsplätze, als mir plötzlich Jerome Boateng entgegen kam, allerdings in Richtung Kabine. Da habe ich gedacht: Oh nein, nicht schon wieder ein Ausfall, dann setzen mich die Matz-abber wegen meines Seuchenvogeldaseins bald in einen Flieger nach Neuseeland – ohne Rückflugticket.“ Glücklicherweise entpuppte sich Boatengs Ausflug gen Kabine um fünf nach zehn als Leibchen-Hol-Aktion, so dass sich auch die Sorgenfalten meines Kollegen in Wohlgefallen auflösen durften und er sich eben nicht verpieselte.

Draußen war es heute mal richtig ungemütlich. Das galt zum einen für die Witterungsbedingungen (fünf bis acht Grad, Nieselregen, kalte Windböen), zum anderen auch für das wirklich beherzte Treiben auf dem Rasen. Mein Kollege schilderte mir, dass er so eine leidenschaftlich und engagiert geführte Einheit seit Monaten nicht gesehen habe. Das macht doch Mut für Donnerstag. Beim Multi-Tor-Spiel, bei dem zwei Mannschaften mit schnellen Ballkontakten auf relativ engem Feld in viele Zweikämpfe und knifflige Situationen geraten, gab es bereits einiges auf die Stöcker. David Jarolim schien heute der Dauerleidtragende zu sein. So oft wie er unsanft zu Boden ging, dürfte er den Greenkeepern wertvolle Tipps zum Zustand des Grüns geben können. Trainer Bruno Labbadia, der ja in den vergangenen Wochen in Sachen Körpersprache auch nicht unbedingt immer die beste Figur abgab, wirkte ebenso konzentriert wie entflammt. Nur Zé Roberto schien sich nicht gänzlich von seinem Trance-Zustand der jüngsten Vergangenheit erholt zu haben – aber noch sind ja zwei Tage!

Einen Spieler soll ich heute besonders hervorheben, weil er im Fortlauf der Einheit – auch beim Abschlussspiel ging es sehr, sehr hart und energisch zu – eine Bewerbung in eigener Sache abgab: Tunay Torun. Vielleicht ist es sogar so, dass dem Nachwuchsmann so intensiv geführte Spiele gelegener kommen als technisch hochklassige der Marke „körperfrei“ oder „zweikampffrei“. Für mich ist Torun nur dann konkurrenzfähig in dieser Mannschaft, wenn er als – entschuldigt den Ausdruck – „Kampfschwein“ ackert und läuft und arbeitet und tut. Heute gab es für ihn auch einen Mini-Rückschlag in Form eines lupenreinen Tunnels von David Jarolim. Torun schickte einen Fluch in den wolkenverhangenen Aschehimmel und legte fortan noch einen Gang zu. Zur eigenen Belohnung schoss er ein Tor und dürfte in Labbadias Planspielen wieder eine Rolle spielen. Anders als Jonathan Pitroipa, der doch sehr unauffällig war, hinterließ Torun nämlich Spuren.

Ich bin wirklich gespannt, wie der Trainer den Angriff am Donnerstag besetzen wird. Wen schickt er neben seinem gesetzten Torjäger Ruud van Nistelrooy ein? Marcus Berg oder Paolo Guerrero? Nimmt man die jüngste Leistung Bergs als Maßstab, dürfte der in der Liga gesperrte Peruaner den Vorzug erhalten. Ich kann mir vorstellen, dass Labbadia selbst noch nicht genau weiß, welche Maßnahme er ergreifen wird. Ich bin übrigens genauso gespannt, wie die Fans Guerrero empfangen werden. Schließlich wäre es sein erster Heimauftritt nach dem Büchsen- bzw. Trinkflaschenwurf.

Guerrero und seine Kollegen hoffen auf einen Zusammenhalt, untereinander, miteinander, füreinander. Co-Trainer Eddy Sözer formulierte heute sogar einen entsprechenden Appell: „Wir haben alle das gleiche Ziel. Keiner muss sich unterordnen, aber alle sollten sich einordnen!“ So sehe ich das auch. Ungeachtet aller Probleme, Sorgen und Kritikpunkte müssen nun alle an einem Strang ziehen. Klar, denn jetzt geht es ans Eingemachte, da müssen die Streitigkeiten, die internen Scharmützel und Intrigen, die Kinderkabbeleien und mitunter peinlichen Geschehnisse mal für ein paar Tage aus den Gedanken und Gesprächen gestrichen werden. Und wenn ich ganz ehrlich bin, müssten sie danach so schnell auch gar nicht wieder hervorgekramt werden. Dafür ist in der Schlussabrechnung dieser Saison noch genügend Zeit. Und warum sollte der HSV nach einem guten Hinspiel gegen Reise-strapazierte Engländer in der neuen „Jägerrolle“ in der Liga nicht auch noch einmal angreifen. Nicht für einen Trainer, nicht für einzelne Spieler, sondern für einen Verein und für treue (und leider ziemlich Frust-geplagte) Fans.

Ich hoffe, dass sich auch die Anhänger am Donnerstag noch einmal „hochfahren“ können, wie Thomas Doll es einst immer so treffend formuliert hat. Ihr werdet selbst merken, wie schwer es ist, die negativen Erinnerungen und Ergebnisse der vergangenen Wochen auszublenden, den Tunnelblick zu aktivieren und dieses eine Europa-League-Spiel so zu behandeln, als wäre es DAS Finale. So und nur so kann Fulham angegangen werden.

Ein Bekannter, der viele Kontakte nach England pflegt, sagte mir, er habe gehört, dass Fulham beim HSV die rechte Abwehrseite als Schwachpunkt erkannt habe und entsprechend darauf ausgerichtet sei. Guy Demels Position also. Wer den Rechtsverteidiger in den vergangenen Partien, nein, eigentlich sogar Monaten genau beobachtet hat, der kann diesen Eindruck wohl bestätigen. Ich weiß gar nicht so richtig, woran es bei Demel liegt. Er bringt körperlich alles mit, konnte auch schon mal flanken (übt dies aber viel zu selten nach den normalen Einheiten für sich), strotzte vor Selbstvertrauen und Zielstrebigkeit (über seine Seite), aber momentan fällt er nur durch Stellungsfehler, halbherziges Tempo in der Rückwärtsbewegung in entscheidenden Situationen und durch klägliche Angriffsaktionen auf.

Ich denke, dass Labbadia gegen Fulham sogar mit dem Gedanken spielt, Tomas Rincon rechts hinten einzusetzen, auch wenn der Venezolaner mindestens ebenso viele Defizite als Rechtsverteidiger mitbringt, weil das einfach nicht seine angestammte Rolle ist. Dafür ist Rincon bissiger, hartnäckiger in der Zweikampfführung und offenbar auch robuster in Sachen Psyche.

So, das soll es erst einmal mit den Analysen, Deutungen und Prognosen gewesen sein. Ich muss gestehen, dass auch bei mir das Kribbeln eingesetzt hat. Halbfinale (und nicht gegen Werder oder Wolfsburg!) – da kommt Vorfreude gepaart mit Sorgen, Hoffnungen und allerlei Wunschdenken auf. Wem geht es nicht so…?

14:25 Uhr

Im falschen Film

19. April 2010

Sport, Spiel, Spannung – Spaß. Unter diesem Motto stand beim HSV das Training am Montag. Kräfte sammeln war einmal mehr angesagt. Während der Aufwärmphase der Spieler gab es ein Vier-Augen-Gespräch zwischen Bruno Labbadia und Eljero Elia, der zuvor schon leicht mit dem ball trainiert hatte. 20 Minuten dauerte die Trainer-Spieler-Unterhaltung. Als dabei die Mannschaft ihre Runden drehten, rief ein aufgeregter Fan den Profis zu: „Schickt den Labbadia in die Wüste . . .“ Bastian Reinhardt hörte es und entgegnete: „Ruhig da.“ Und dann legte der Abwehrspieler seinen Zeigefinger auf die Lippen. Ruhe ist wohl in der jetzigen Situation der HSV das beste Rezept, um wieder Grund unter die Füße zu bekommen. Es brennt überall. Es brennt so gewaltig, dass es schon Wahnsinn ist. Diese Brände können in meinen Augen ur gelöscht oder eingedämmt werden, wenn es wieder Siege gibt. Ein Erfolg am Donnerstag über den FC Fulham wäre Gold wert und würde auf jeden Fall kurzfristig so manches Defizit übertünchen. Erst einmal jedenfalls.

Gedehnt, gelaufen, gespielt. Fußballtennis stand für 45 Minuten auf dem Programmplan – die Trainer spielten mit. Zum Abschluss der Einheit folgten Torschüsse und Abschlüsse nach Flanken. Wobei Bruno Labbadia sich durch sehr schöne Rechtsflanke für einen Einsatz empfahl (Achtung, nur ein Scherz!). In Sachen Torabschluss konnten Piotr Trochowski, Tunay Torun und Marcus berg besonders gefallen. Jerome Boateng glänzte durch seine Kopfballstärke, lag aber mit seinen Schüssen oft sehr weit daneben – oder, wie „Devildino“ (vielen Dank) es sagte: „Boa hatte eine große Streuung.“

Ruud van Nistelrooy, David Jarolim und Ze Roberto waren nicht auf dem Trainingsplatz, sie trainierten im Kraftraum. Mladen Petric, der mit dem Auto (alles Asche) nach München fuhr, holt sich bei Bayern-Doc Müller-Wohlfahrt eine Spritzenkur für die lädierten Adduktoren ab, und Marcell Jansen ließ in Hamburg Aufnahmen vom Heilungsprozess des Syndesmoseband-Risses machen, um sie zur Analyse nach München zu schicken. So geht es derzeit zu im Lazarett des HSV. Es gibt allerdings auch etwas Erfreuliches: Jonathan Pitroipa war im Training (etwas verspätet) dabei und scheint für das Fulham-Spiel fit zu werden. Er schien auf jeden Fall keine Schmerzen mehr zu verspüren.

Training ist ein Ding, ein anderes ist das fußballerische Chaos, das derzeit herrscht beim HSV. Man könnte denken, dass man im falschen Film ist. Kinoreif, dieser HSV. Da passt fußballerisch nur in geschätzt jedem vierten oder fünften Spiel noch etwas zusammen, aber es wird ein Fass aufgemacht, weil einige Spieler (nur einige?) ein Kino besucht haben. Vor der Saison hatte Bruno Labbadia explizit zum Thema Nachtruhe im Trainingslager oder im Hotel vor dem Spiel gesagt, dass er das nicht kontrollieren würde, denn dazu seien die Spieler alt genug und erfahren genug. Und: Sie müssten selbst wissen, was sie sich zumuten wollen und was sie verantworten können. Zudem haben auch HSV-Profis (jetzt) bestätigt, dass es keine Pflicht (für einen jeden Spieler) ist, sich bei einem Gang vor das Hotel abzumelden. Wozu dann eigentlich dieser Aufstand? Weil es besser gewesen wäre, mit der gesamten Mannschaft zu gehen? Wenn das das Thema wäre, dann kann ich nur sagen: ganz, ganz bitter. Wer hätte dann auf eine solche Idee kommen können, kommen sollen? Frank Rost?

Es ist mir echt zu albern, darüber zu philosophieren. Ihr erinnert Euch an den „Fall Lotto“, zu dem ich hier schon geschrieben habe, dass der HSV eigentlich ganz andere Sorgen haben müsste (und damit auch die Fans des HSV), als sich über ein „es kotzt mich an“ aufzuregen. Genauso verhält es sich mit diesem Kino-Besuch. Lächerlich. Wenn es um Alkohol-Exzesse gegangen wäre, okay, darüber könnte man sich aufregen, aber Kino? Und dann auch noch, wenn Frank Rost mit von der Partie ist? Unglaublich. Wenn einer auf die nötige Disziplin (vor einem Spiel, aber auch sonst) achtet, dann ist es wohl doch Rost, oder?
Aber dieses Kino-Theater passt natürlich auch so wunderbar in die Szenerie. Lenkt es doch von der Hauptsache ab: Fußball. Von jener Sportart, die der HSV im Sommer 2009 noch so wundervoll beherrschte, die er jetzt aber verlernt zu haben scheint. Ich saß heute mit einigen Hamburger Fußball-Größen (überwiegend aus dem Amateurbereich) zusammen, hoffentlich darf ich dabei die Namen Eugen Igel, Horst Kracht, Bernd Kleingarn, Holger Zippel, Bert Ehm, Ingo Heindorf und Jürgen Wähling nennen, die alle über eine riesige Erfahrung verfügen. Die meisten sind auch HSV-Fans, und sie sind total entsetzt darüber, dass der HSV 2010 ein so katastrophales fußballerisches Bild abgibt.

Was mir dabei immer noch nicht in den Kopf will, ist dieses umständliche, zögerliche, stümperhafte und konzeptlose „Aufbauspiel“. Das wird nun Woche für Woche immer und immer wieder geübt, und dann kommt nur ein planloses, hilfloses Ballgeschiebe vor dem eigenen Strafraum dabei heraus. Es ist für mich unerträglich. Mein rat an die Verantwortlichen: Bitte nicht mehr üben oder einstudieren lassen, sondern ansehen. Setzt Euch vor dem Bildschirm, lasst parallel Euer Gestümper laufen – und zeigt nebenan einen x-beliebigen englischen Erst- oder Zweitliga-Verein, wie der rasant und ohne Zeitverlust seinen Angriff vorträgt. Vom Bildschirm könnten, das ist meine Meinung, viel, viel mehr lernen, als diese elenden und nichts bringenden Trockenübungen im Volkspark. Wenn ich nur daran denke, überkommt mich wieder das Grauen.

Aber: Wo will man da anfangen, wo will man da aufhören? Dieser nicht vorhandene Spielaufbau ist ja nur eine von so vielen Baustellen des HSV 2010. Es fehlt offenbar auch am Selbstvertrauen, denn viele Spieler wirken verunsichert. Oft scheint es so, als wollten sie gar nicht erst an den Ball kommen. Und Verantwortung? Sollten doch besser zuerst einmal die Nebenleute übernehmen.

Über den FC Fulham könnte eine fußballerische Trendwende eingeläutet werden – aber dazu müsste der HSV schon mit einem Heimsieg aufwarten. Nur so gewinnt man Selbstbewusstsein zurück. Was mir Hoffnung macht? In Europa hui, in der Liga pfui.

20.37 Uhr

Lotto ist unschuldig!

18. April 2010

Es ist ein Novum bei „Matz ab“, aber es muss sein: Die „Sache Lotto“ brennt mir unter den Nägeln, ich kann da nun keine Nacht mehr drüber schlafen. Ich muss etwas klar stellen, was schief gelaufen ist. Und was eigentlich schon behoben schien, denn in meinem letzten Bericht „Viel erzählt, nichts gesagt“, hatte ich am Ende deutlich herausgestellt, dass Lotto unschuldig ist. Ganz klar: Er hat nicht einen HSV-Fan beleidigt, er hat keinem einzigen HSV-Fan auf den Schlips getreten, er hat nur in eigener Sache kämpfen wollen. Ich wiederhole: In eigener Sache. Seine Worte sind dann nur im immer lauter werdenden Pfeifkonzert untergegangen.

Zum Glück gibt es die Technik. Mir liegt die Abmoderation des Mainz-Spiels von Dirk Böge (NDR-Moderator) und Lotto King Karl vor, ich schreibe sie nun Wort für Wort ab. Damit Ihr sehen könnt, was Lotto wirklich gesagt hat. Und damit die Pöbeleien gegen meinen Freund und unseren Kult-Sänger ein Ende haben:

Dirk Böge sagte unmittelbar nach dem Schlusspfiff: „Ja, Leute, dazu gibt es nichts mehr zu sagen.“ Dann Lotto: „Was ich abgefahren finde ist das: Respekt vor allen HSV-Fans, die Ihre Mannschaft angefeuert haben. Ich bin auch HSV-Fan.“ Dirk Böge unterbricht: „Sogar ein sehr großer.“ Lotto weiter: „So was kotzt mich an, dass man das jetzt abmoderieren soll, und dann beim Finale der Europa League, wenn wir es schaffen, nicht moderieren darf. Das finde ich unglaublich, und das erfahren wir dann aus der Zeitung. Das ist finde ich echt arm. Das ist die Überleitung, wir sehen uns am Donnerstag wieder. Respekt vor Euch, Leute, kommt gut nach Hause – was soll man sagen?“ Dirk Böge dazu dann auch noch. Einmal: „Respekt Leute, große Leistung von Euch, wir sehen uns am Donnerstag gegen Fulham wieder.“

Das ist der genaue Wortlaut, mehr ist nicht gesagt worden, es gibt also überhaupt keinen Grund, auf Lotto (und Dirk Böge) wütend, sauer oder sonst etwas zu sein. Nichts, aber auch nichts ist gegen Euch Fans gesagt worden. Bitte, bitte haltet Euch deshalb mit Beleidigungen oder Pöbeleien zurück, sonst könnte es passieren, was nicht passieren darf (in meinen Augen jedenfalls). . .

Und im Ernst: Der HSV, die Mannschaft und vor allem Ihr Fans – alle haben doch im Moment ganz andere Sorgen, als nun (fälschlich) über Lotto herzufallen.

Und um noch eine Berichtigung hinterher zu schicken: Beim letzten Gewinnspiel ist mir offenbar (zum zweiten Mal!) ein Fehler unterlaufen. Dafür entschuldige ich mich, es tut mir leid. Ich fragte nach einem HSV-Spiel in Mainz, das am 28. 7. 2003 stattgefunden haben sollte. Ihr habt es herausgefunden, dass dieses Spiel aber erst am 28. 8. 2003 stattgefunden hat. Es handelte sich dabei aber nicht um ein Bundesliga-Spiel, sondern um das Ligapokal-Finale gegen Borussia Dortmund (4:2). Weil einige dieses Spiel nicht gefunden hatten (einige aber sehr wohl!), ließen wir alle Antworten, auch wenn es nur eine (Christof Babatz) gegeben hatte. Aus diesem Topf der eingegangenen Lösungen wurden wie immer zwei Gewinner gezogen, es sind:

Sabine Grimm (zwei Eintrittskarten) und
Tobias Roggel aus Borchen in der Nähe von Paderborn. Herzlichen Glückwunsch. Frau Grimm war mit Töchterchen Sophie beim Mainz-Spiel (sorry dafür!), und das Trikot an Herrn Roggel ist auf dem Postweg in den Westen. Und das neue Gewinnspiel wird am Montag veröffentlicht, dazu dann auch wieder das zu gewinnende Trikot.

Bei der Gelegenheit sei noch einmal daran erinnert sein, dass bei „Matz ab“ im Sommer Eure persönliche „Sommergeschichte“ veröffentlicht werden. Bitte schickt diese Geschichte an die Internet-Adresse des Gewinnspiels, bitte aber stets mit dem Hinweis: „Sommergeschichte“. Ich werde aber demnächst noch einmal genauer auf diese Sache eingehen.

22.55 Uhr

Viel erzählt, nichts gesagt

18. April 2010

„Eine Erklärung für diese Leistung haben wir auch einen Tag danach noch nicht. Es war insgesamt eine enttäuschende Leistung, die sich bei den beiden Spielen zuvor, in Lüttich und in Bochum, so nicht angedeutet hat.“ Das waren die ersten Sätze, die HSV-Boss Bernd Hoffmann am Tag danach über die 0:1-Blamage seiner Mannschaft gegen Mainz 05 verlor. Aber dabei blieb es nicht. Hoffmann stellte sich. Und die Enttäuschung über diese miese Vorstellung des HSV war ihm immer noch deutlich anzumerken. Ernüchtert bezog er Stellung, aber irgendwie wirkte auch das Osterfest immer noch kräftig nach, denn: Bernd Hoffmann eierte kräftig herum. Er sagte: „„Ziel vor der Saison war das Erreichen eines Europapokal-Qualifikationsplatzes, das können wir jetzt in der Bundesliga nicht mehr aus eigener Kraft erreichen, das ist in der Europa League anders, deswegen müssen wir uns auf das Spiel am Donnerstag ganz besonders konzentrieren. Zumindest da haben wir es noch selber in der Hand.“ Hoffmann – der Optimist.

Er gab dann auch zu: „Platz sieben in der Bundesliga ist enttäuschend, da müssen wir gar nicht drum herum reden, das ist nicht das, was wir erwartet und auch angestrebt haben, aber es sind ja zwei Wettbewerbe, in denen wir spielen. In der Bundesliga ist das enttäuschend, in der Europa League haben wir noch alle Chancen.“

Um das brisante Thema Trainer und Trainer-Zukunft redete Bernd Hoffmann dann immer wieder kräftig und nach allen Regeln der Kunst herum. Die Fragen der versammelten Medien-Vertreter prasselten auf ihn ein, aber Hoffmann, in seinem weißen Hemd sommerlich-leger gekleidet, setzte stets elegant und leicht lächelnd zu einem verbalen Slalom an. Welche Konsequenzen sehen Sie für die Zukunft, Herr Hoffmann? Bernd Hoffmann wörtlich: „Also, Konsequenzen jetzt aktuell bis zum Donnerstag, und am Donnerstag haben wir ein wichtiges Spiel in der Europa League im eigenen und ausverkauftem Haus, und da bin ich mir sicher, dass die Mannschaft die richtige Reaktion zeigt.“ Weniger kann man mit diesen Sätzen nicht sagen, Respekt! Ich habe mir mein Band (des Aufnahmegeräts) mehrfach angehört, ich habe tatsächlich keine einziges Wort von Hoffmann weggelassen, nicht einmal ein Komma. Er hat es wirklich so gesagt. Nur deuten kann ich es immer noch nicht, aber das liegt vielleicht auch an mir und meiner Begriffsstutzigkeit.

Herr Hoffmann, glauben Sie, dass noch alles in Ordnung ist zwischen Mannschaft und Trainer? Bernd Hoffmann: „Also, die beiden Spiele in Lüttich und Bochum haben gezeigt, dass die Mannschaft die Möglichkeit hat, solche Spiele zu gewinnen. Diese Möglichkeit gab es auch am Sonnabend gegen Mainz, das aber hat funktioniert, deswegen ist es umso wichtiger, dass wir am Donnerstag die Möglichkeit nutzen.“ Auch diese Antwort wieder knapp daneben, wenn auch nur ganz, ganz knapp.

Dann diese Frage: Die Chemie zwischen Mannschaft und Trainer, stimmt die noch? Hoffmann: „Da kann ich mich nur daran orientieren, was ich auf dem Platz sehen. Und da war gerade das Spiel in Lüttich das beste Beispiel dafür, dass die Mannschaft exzellent funktioniert. Mit der Qualität, mit der Einstellung, mit der Leistung werden wir auch gegen Fulham erfolgreich sein.“ Er fügte noch hinzu: „Das Gesicht in der Bundesliga können wir nicht schönreden, das war nicht erfreulich in den letzten Wochen, umso wichtiger ist es, dass wir am Donnerstag unser Europapokal-Gesicht zeigen werden.“

Würde es dem HSV helfen, wenn der Trainer nicht mehr Bruno Labbadia hieße? Bernd Hoffmann zuckt mit den Schultern, wirkt ratlos, zögert ein, zwei Sekunden: „Diese Frage verstehe ich nicht.“ Nachfrage: Würde ein sofortiger Trainerwechsel helfen? Hoffmann: „Also, ich glaube, dass die Mannschaft schon exzellente Spiele gezeigt hat, dieser Trainer hat die Mannschaft ins Europapokal-Halbfinale geführt, wir gehen davon aus, dass er sie nicht nur ins Finale führt, sondern dass wir auch insgesamt noch ein Saisonende finden werden, da habe ich eine gute Hoffnung.“

Aber Herr Hoffmann, was ist mit dem Trainer? Hoffmann: „Unser Saisonziel können wir durch drei erfolgreiche Spiele in der Europa League erreichen, und das hat nichts, aber auch gar nichts mit dem Trainer zu tun.“ Und, Herr Hoffmann. zweifeln Sie am Trainer? Hoffmann: „Wir haben am Donnerstag ein extrem wichtiges Spiel vor der Brust, und bei den anderen Dingen – da drehen Sie mir ohnehin die Worte im Munde herum.“ Herr Hoffmann, sehen Sie denn eine Weiterentwicklung dieser Mannschaft?
Bernd Hoffmann: „Wenn wir die Europa League gewinnen, ist es die erfolgreichste Saison, die der Verein ist 1987 gespielt hat – seit 1983.“ Noch einmal nachgefragt, Herr Hoffmann, sehen Sie eine Weiterentwicklung? Bernd Hoffmann: „Wichtig ist, dass die Mannschaft in der letzten Saisonphase die richtige Reaktion zeigt. Und die richtige Entwicklung in diesen letzten paar Wochen nimmt. Dann sage ich, dass sich die Mannschaft weiterentwickelt hat. Weil: Schwächere Saisonverläufe am Ende heraus, das hatten wir in den letzten Jahren schon häufiger, jetzt gilt es, ein Ziel zu erreichen. Das ist uns in den letzten Jahren nicht gelungen, aber die Möglichkeit haben wir jetzt.“

Also ein Sieg in der Europa League würde demnach vieles kaschieren? Hoffmann: „Es kaschiert nichts, sondern es ist das größte Ziel, das dieser Verein in den letzten 25 Jahren erreichen kann.“ Nächste Frage: Herr Hoffmann. haben Sie nicht auch das Gefühl, dass die Spieler im Europapokal die gewisse Eigenmotivation haben, diesen Reiz, den Sie als Vorstandsvorsitzender auch verspüren, aber in der Bundesliga die Mannschaft dem Trainer dann überhaupt nicht folgt? Bernd Hoffmann: „ Ich verspüre diesen Reiz, wenn ich, so wie gestern, auf diese Arena zufahre: Volles Stadion, Rasen wie in Wimbledon, und so ein herrlicher Frühlingstag – die Motivationslage der Spieler kann ich mir dann aber nicht erklären.“

Letzte Frage an Bernd Hoffmann: Sie setzen also ganz auf die Karte Europa League-Titelgewinn? Der HSV-Chef: „Im Moment ist es so, dass wir den Sieg in der Europa League noch erreichen können, dazu bedarf es dreier exzellenter Spiele. Und in der Bundesliga würden uns selbst drei exzellente Spiele nicht reichen, wenn die Konkurrenz nicht mitspielen würde. Von daher sind unsere Möglichkeiten in der Europa League ganz klar besser.“

Natürlich. Wer gegen zehn Hannoveraner auf eigenem Eis ein 0:0 erkämpft, wer gegen Mainz 05, die bis dato schwächste Auswärtsmannschaft der Bundesliga, nur 0:1 verliert, der haut selbstverständlich auch im Halbfinale Fulham raus; und wer Fulham eliminiert, der fegt natürlich auch Atletico Madrid und erst recht den FC Liverpool weg. Motto: Wo steht das Klavier?

Was ich mich während des Mainz-Spiels gefragt habe: Wie denkt wohl Ruud van Nistelrooy? In was bin ich hier nur hineingeraten? Natürlich ist der Niederländer weit weg von Bestform, natürlich war er gegen Mainz gar nicht auf dem Rasen – aber er hatte vielleicht irgendwie gehofft, dass er von einer funktionierenden HSV-Mannschaft das eine oder andere Mal mitgerissen würde. Pustekuchen. Seit Jahresbeginn hat hier jeder mit sich selbst am meisten zu tun. Und, vielleicht symptomatisch für dieses Hamburger Team: Ich verließ die Arena am Sonnabend mit einem HSV-„Altinternationalen“. Als wir Männer diskutierten, sagte die Frau auf einmal: „Sie können sagen was sie wollen, für mich ist diese Mannschaft schlecht trainiert. Die Gegner wirken auf mich immer spritziger und lauffreudiger – da kann doch etwas nicht stimmen.“

Mein Empfinden, wenn ich diese Mannschaft vor dem Spiel auf den Rasen gehen sehe: Es ist keine Einheit, nicht im Ansatz erkenne ich eine Einheit. Da will keiner den Nebenmann mitreißen, keiner will helfen, keiner will motivieren. Sie schweigen sich alle an, und zwar 90 Minuten. Oft habe ich schon gedacht: Wenn Frank Rost auf dem Feld mit herum liefe, dann würde es so manches Mal lichterloh brennen. Der würde den Kollegen ganz kräftig in den Hintern treten. Zu erkennen ist das daran, weil Rost schon die Wut (oder das nackte Grausen) packte, als die Herren vor ihm solche Super-Kombinationen, solche Raum gewinnenden Wahnsinns-Ballstafetten ablieferten: Links, Mitte, rechts, rechts, Mitte, links – und zurück zum Torwart. Diese Prozedur kürzte Rost so ab der 30. Minute ab, indem er den Ball wuchtig (und wütend?) nach vorne prügelte. Es war (und ist) ja auch nicht mehr zum Aushalten. Es ist wirklich armselig und absolut hilflos, wie dieser HSV um ein Offensivspiel bemüht ist. Er kann es ganz einfach nicht. Nicht mehr. Alles vorbei.

Übrigens ist Frank Rost nach dieser erneuten Heim-Pleite aus dem Mannschafts-Rat des HSV zurückgetreten. Ein Schritt, der Bände spricht. Das muss man nicht kommentieren, das ist schon für sich ein Kommentar.  Über seine Gründe, siehe www.frank-rost.com.In diesem HSV stimmt nichts mehr, absolut nichts.

Stand jetzt.

Ein Wort schnell noch zum Schluss-Kommentar von Lotto King Karl (nach dem Mainz-Spiel): Lotto hat nicht die pfeifenden Fans kritisiert („Die dürfen pfeifen“), als er sagte „es kotzt mich an“. Es war vielmehr darauf gezielt, dass Lotto bei einer eventuellen Final-Teilnahme des HSV kein Stadionsprecher sein würde. Dieser Job wurde Marek Erhardt übertragen. Höchst ungerecht wie ich meine, denn Lotto holt (gemeinsam mit Carsten Pape) hier seit Jahren die Kastanien aus dem Feuer, und wird dann übergangen, wenn es mal ein Highlight gibt.

Ich wünsche nun allen HSV-Fans so wunderschöne Träume, wie sie der Vorstands-Vorsitzende hat.

17.32 Uhr

Jetzt wird es dramatisch

17. April 2010

Pfiffe im Volkspark. 55 292 Zuschauer hatten ein 0:1 gegen den Aufsteiger Mainz 05 erlebt. Ein trauriger Nachmittag, der einmal mehr offenbarte, wie tief dieser HSV gesunken ist. In der Bundesliga pfui, in der Europa Legaue noch hui. Aber wie lange noch? Oder war das die Schonung für Donnerstag? Der HSV ist inzwischen auf Platz sieben angekommen, muss nun also ganz auf den Gewinn der Europa League setzen – oder es geschieht noch ein kleines Fußball-Wunder. Unglaublich, was aus dieser Mannschaft geworden ist, unglaublich. Sie wurde völlig zu recht mit Pfiffen in die Kabine geleitet – quo vadis, HSV?

Völlig verschlafen. Unter diesem Motto stand die erste halbe Stunde des HSV. Null Aggressivität, keine Laufbereitschaft, keine Ideen, kein Schwung – nichts. Unfassbar. Schonung für Fulham? Oder war es das schöne Sommerwetter, die herrliche Sonne? Bei einem solchen Wetter sollte Mann besser an die Elbe fahren, oder im Stadtpark die Eichhörnchen füttern, oder eventuell auch an die Ostsee. Aber gegen Mainz 05 um Bundesliga-Punkte spielen? Eher doch nicht. Der HSV entwickelte das Spiel langsam und schwerfällig, Dennis Aogo zu Joris Mathijsen, Mathijsen zu Guy Demel, Demel zu Mathijsen, der weiter zu Aogo, und der zu Frank Rost. Und der prügelt den Ball dann nach vorne. Und macht damit das, was seine Kollegen schon vor geschätzten 13 Minuten hätten machen können. Oder müssen.

Keine Bewegung, kein Freilaufen und ja keine Verantwortung übernehmen. Mann könnte ja einen Fehler machen. Mainz dagegen frisch, fromm, fröhlich, frei – und absolut frech. Die Spieler des Aufsteigers waren doch so unverschämt, dass sie den HSV schon früh angriffen: Forechecking. In Hamburg. Das macht doch sonst niemand. Wahnsinn. Und Torchancen hatten sie auch noch, die Mainzer. Flanke Schürrle, Kopfball Bance aus fünf Metern – daneben. Den macht er sonst im Schlaf rein. Was für ein Glück für den HSV (16.).

Die Mainzer Führung gab es trotzdem. Bance wurde steil geschickt, Demel hob das Abseits auf – Tor (20.). Und wieder einmal lange Gesichter im Volkspark. Aber dieser Treffer war nur die logische Konsequenz für ein müdes und uninspiriertes Gekicke. Dazu passte es, dass das Wolfsburger 1:0 gegen Werder von vielen Hamburger Fans mit Beifall und Jubel begrüßt wurde. Da können einige wohl nicht eins und eins zusammenzählen. . .

Immerhin: In der 25. Minute gab es den ersten Hamburger Torschuss an diesem wunderschönen Nachmittag. Piotr Trochowski schoss aus 20 Metern überweg. Aber dieser Schuss war so etwas wie ein Weckruf für die Hamburger Mannschaft. Plötzlich zeigte das Labbadia-Team so etwas wie Leben. Es wurde mehr gelaufen, es ging etwas aggressiver in die Zweikämpfe, so dass die Mainzer merkten, dass da auch noch ein Gegner auf dem Rasen steht. Sogar Trochowski grätschte, holte mit einer gewaltigen Sense (aber regelkonform) den Riesen Bance von den Beinen – alle Achtung!

Apropos Trochowski. Für mich der beste Mann des HSV. Spielwitz, unternehmungslustig, willig, immer bemüht. Neben ihm gefiel mir David Jarolim, auch wenn ihm längst nicht alles gelang. Zudem hatte Robert Tesche über rechts einige gute Szenen. Der Rest war aber allerhöchstens Durchschnitt. Und einige bemühten sich um ein noch niedrigeres Niveau. Marcus Berg zum Beispiel. Er hatte die beste Tormöglichkeit, stand allein vor dem Mainzer Schlussmann Müller, der lag schon am Boden, Berg hätte ihn nur umkurven müssen – nur, ich weiß. . . Den geschlenzten Schuss hielt der über den Rasen rutschende Müller dann ohne Schwierigkeiten.

Aber es war nicht nur Berg, der enttäuschte. Ruud van Nistelrooy fand nicht statt, Ze Roberto versteckte sich zu oft und lief immer nur in einem Tempo, er wirkte oft auch lustlos, zudem kam über die rechte Flanke vom kaum einmal nachrückenden Demel nichts. Das war schon erschütternd. Obwohl: Es gab doch einen Lichtblick. In der 38. Minute gab es in der Mainzer Hälfte einen Freistoß für den HSV. 40 Meter vor dem FSV-Tor, halblinke Position. Der ideale Punkt für den HSV, den Ball quer oder gar zurück zu kicken, diesmal aber nicht. Trochowski drosch den Ball doch tatsächlich vor das Mainzer Tor. Wurde zwar keine Chance, aber allein der Versuch zählt für mich, sie lernen doch noch dazu, auch wenn’s auf das Ende der Saison zugeht.

Pfiffe zur Pause.

Als Trochowski von links und mit links flankte, drohte doch tatsächlich das 1:1 (51.). Ein herrlicher Ball, Müller kam nicht dran, aber Tesche köpfte die Kugel aus drei Metern überweg. War schwer zu nehmen, aber er hätte ihn auch reinmachen können.

Pfiffe auch in der 69. Minute. Ein Doppelwechsel mit Pfiff. Sören Bertram und Tunay Torun kamen für David Jarolim und Robert Tesche. Der Trainer wollte ein, nein, zwei Zeichen setzen. Ging aber nach hinten los. Oder besser: Thema knapp verfehlt. Warum nicht einmal Maximilian Beister (und Torun)? Warum Bertram? Was sollte der Junge nach vorne retten? Beister hat zurzeit einen Lauf bei der „Zweiten“, der ist frech, heiß, willig. Und er kommt NICHT!!!! Erst in der 82. Minute kam der Stürmer (für Aogo). Ich hatte Beister spätestens zum Anpfiff der zweiten Halbzeit erwartet. Als Beister kam, war ihm eines anzumerken: Der rennt sich die Lunge aus dem Hals! Der will. Das sah man nicht von allen Hamburgern an diesem herrlichen Sonnen-Nachmittag.

Und Mainz? Die ließen den HSV kommen, standen tief, machten die Räume dicht, taten kaum noch etwas nach vorne. Mussten sie ja auch nicht, denn dem HSV, diesem HSV fiel nicht wirklich viel ein. Im Prinzip gar nichts. Aber ob das noch jemand merkt?

Schlusswort von Lotto King Karl, der über die Pfiffe der Zuschauer sauer war: “Tut mir leid Loide, ich bin auch HSV-Fan, aber diese Pfiffe kotzen mich an . . .”

17.28 Uhr

« Vorherige Einträge - Nächste Einträge »

In eigener Sache
Pfeil
0  00 : 00 : 00
Tage  Std.  Min.  Sek.