Tagesarchiv für den 27. April 2010

Läuft da etwas mit Fatih Terim?

27. April 2010

Ein neuer Trainer ist auch ein neues Training. So ging es mir durch den Kopf, als ich von meinem Kollegen Christian Pletz die Eindrücke der ersten „echten“ Einheit unter Interimscoach Ricardo Moniz übermittelt bekam. Warum? Ganz einfach: Weil sich dort neben der Nordbank-Arena 23 Mann tummelten. 23, ja, Ihr lest richtig: Mit Ausnahme der verletzten Eljero Elia, Collin Benjamin, Tunay Torun und Romeo Castelen (lief aber seine Runden, will nächste Woche wieder voll einsteigen) waren wirklich alle dabei. Niemand musste zum Mitmachen überredet oder gedrängt werden, alle waren gespannt auf Moniz‘ Auftreten und wollten sich für das Europa-League-Rückspiel am Donnerstag in London empfehlen.

Um die Einheit und das Abschlussspiel möglichst wettkampfgetreu zu gestalten, hatte Moniz aus der Regionalligamannschaft Unterstützung angefordert. Offensivmann Kazior mimte Fulhams Angriffskanten, Groß, Dettmann, Pressel und Co. brachten sich ebenfalls engagiert ein.

Manch ein Fan empfand diese knapp 75-minütige Einheit als „intensivste seit Monaten“. Zu so einem Superlativ, da verlasse ich mich mal auf den Bericht meines Kollegen, möchte ich mich noch nicht hinreißen lassen. Aber dass es strikter und leidenschaftlicher zuging als zuletzt unter Bruno Labbadia, das erklärte auch er mir. Und seitdem ich gestern mit einigen Spielern und Verantwortlichen gesprochen habe, muss ich sagen, dass mir wesentlich wohler ums Herz ist, was den Rest dieser nicht mehr allzu langen Saison betrifft. Der Grund: Moniz ist in der Mannschaft akzeptierter und respektierter, als ich es erwartet hätte. Die Spieler erkennen, dass sie einen vor sich haben, der für den Erfolg dieser Mannschaft alles tut, der Fußball denkt, lebt und auch vorlebt, was auf dem Platz angesagt ist. Lautstark, präzise, manchmal auch etwas flapsig (wie heute nach einem Fehlpass: „Das war einfach nur doof, doof, doof!“).

Unter den Fans, das war auch heute zu erkennen (draußen und in Euren Beiträgen), herrscht nach wie vor eine geteilte Meinung zur Trainerbeurlaubung. Die Mannschaft hat bei vielen Anhängern, auch bei den treuen, jeglichen Kredit verspielt. Joris Mathijsen und Dennis Aogo wurden heute beispielsweise von einem Anhänger verbal attackiert, als sie nach der Einheit für HSV-PR-Zwecke ein Foto in einem neu angelegten Blumenbeet machen ließen. Pressesprecher Jörn Wolf beruhigte die Lage schließlich.

Für den Endspurt dieser Saison müssen sich die Spieler aufgrund vieler ihrer letzten Auftritte auf eine gehörige Portion Skepsis und Kritik ihrer Anhängerschaft einstellen. Im Europapokal wird noch Ausnahmezustand herrschen, weil ALLE das Finale so sehr herbeisehnen, dass selbst einige Hardcorefans ihre Wut und Enttäuschung auf die Herren Profis verdrängen. Wie es aber in der Bundesliga werden soll, falls das Endspiel nicht erreicht wird, mag ich mir atmosphärisch gar nicht vorstellen. Dagegen wäre ein „Trauermarsch“ wohl noch ein freudenerfüllter Festakt.

Aber eines ist doch klar. Nach diesem Frustwochenende und der folgenden Konsequenz in Sachen Trainerwechsel sehe ich keinen Grund, schwarz zu malen. Die Chancen am Donnerstag stehen bei 50:50. Und eines Umstands können sich alle Verantwortlichen sicher sein: Die Profis werden 100 Prozent mehr Leidenschaft an den Tag legen als beim Auftritt in Hoffenheim. Und ihr unvorbelasteter Trainer wird an der Seitenlinie und in der Kabine alles dafür tun, um die Minibruchteile äußerer Eingriffsmöglichkeiten gewinnbringend zu nutzen.

Zu Moniz habe ich heute übrigens einiges gelesen. Auch, dass er angeblich lieber länger in Hamburg bleiben wolle und eventuell bei Red Bull seine Zusage noch einmal zurückziehen möchte. Meine Informationen sind anders. Demnach hat Moniz in Salzburg sehr wohl schon einen Vertrag unterzeichnet und wird dort zur nächsten Saison sein Amt antreten. Wer den 46-Jährigen aber kennt, der weiß, dass das nichts an seiner Einstellung oder an seiner Arbeitsweise in dieser Spielzeit ändern wird. Wer Moniz im Team hat, zählt auf einen 100-Prozentigen. Ganz oder gar nicht – so lautet sein Motto.

Wer nun einen kompletten Personalwechsel in Fulham erwartet, den muss ich an dieser Stelle enttäuschen. Nimmt man das heutige Training als Maßstab, dürften Frank Rost, Guy Demel, Jerome Boateng, Joris Mathijsen, Dennis Aogo, David Jarolim, Zé Roberto, Robert Tesche, Jonathan Pitroipa und ein Duo des Trios Ruud van Nistelrooy/Mladen Petric/Paolo Guerrero die besten Chancen zur Nominierung für die Startelf haben. Piotr Trochowski fehlt Gelb-gesperrt – der Rest muss sich wohl mit einem Platz auf der Tribüne oder Ersatzbank anfreunden.

Nach welchen Bewertungskriterien Moniz für die Startelf aus dem Sturmtrio zwei Profis herauspicken will, ließ sich heute noch nicht erkennen. Mal ließ er Guerrero mit van Nistelrooy üben, mal van Nistelrooy mit Petric und dann wieder Petric mit Guerrero. Mir persönlich gefällt die Version van Nistelrooy/Guerrero am besten. Allerdings weiß ich auch, dass Petric als „Mr. Europa-League“ gefürchtet ist und nicht sonderlich für eine Jokerrolle taugt. Und Guerreros Leistung im Hinspiel war wirklich unterirdisch schlecht, so dass er möglicherweise zunächst zuschauen müssen wird. Van Nistelrooy wird gesetzt sein, sofern sein Körper „grünes Licht“ gibt.

Nach der Rückbetrachtung des Hinspiels gegen passive Londoner könnte es meiner Meinung nach vier offensive Schlüsselfiguren im Duell gegen Fulham geben:

1. Guy Demel. Schafft er es diesmal, wenigstens 30 Prozent seiner Vorstöße sinnvoll zu beenden (das heißt: mit einer brauchbaren Flanke), erhöht sich die Torgefahr immens. Defensiv wird Moniz ihn mit Sicherheit noch verbal „aufmöbeln“.

2. Jonathan Pitroipa. Das Eichhörnchen war schon im Hinspiel einer der Aktivposten. Er ist unbequem als Gegenspieler, muss noch häufiger den Weg in den Strafraum suchen und dort notfalls auch mal fallen, wenn er unsanft angegangen wird. Den Engländern behagt er jedenfalls gar nicht.

3. Ze Roberto: Auch wenn er von der „Sechser-Position“ kommt, so können seine Pässe in die Tiefe den Unterschied ausmachen. Zuletzt wirkte er sehr wechselhaft, war nun sogar angeschlagen. Mit seiner spielerischen Eleganz kommen Engländer auch nur schwerlich zurecht.

4. Ruud van Nistelrooy: Im Hinspiel hing er meist in der Luft, bekam allerdings auch nahezu keinen Ball im Strafraum, sondern ackerte außerhalb der „Box“. Der Niederländer kann sich zielgerichtet für Spiele hochfahren und braucht erfahrungsgemäß wenige Chancen für einen Torerfolg. In England ist er nach wie vor gefürchtet – das kann er mit Argumenten unterfüttern.

Derweil setzen sich hier in Hamburg natürlich die Trainerdiskussionen fort. Wer übernimmt Moniz‘ Rolle zur nächsten Saison. Bernd Hoffmann soll sich mit Jürgen Klinsmann getroffen haben. Bernd Schuster ist im Gespräch. Marcel Koller auch, Jögi Löw nicht zu vergessen. Und – es war vor zwei Wochen schon mal in den Medien – nun wurde mir von drei unabhängigen Quellen zugetragen, dass der ehemalige türkische Nationaltrainer Fatih Terim in der Hansestadt sein soll um mit den Verantwortlichen des HSV zu verhandeln.

Ich muss ehrlich gestehen, dass ich zu wenig über Terim weiß, um mir ein abschließendes Urteil über ihn erlauben zu können. Er gilt als hart und kompromisslos, als gradlinig und taktisch clever. Ich weiß aber nicht, ob der HSV tatsächlich schon so weit ist, um einen neuen Coach innerhalb von wenigen Tagen nach Labbadias Abschied fest für die kommende Spielzeit zu verpflichten. Spricht Terim überhaupt deutsch? Ich warte die nächsten Tage mal gespannt ab.

14:30 Uhr