Tagesarchiv für den 25. April 2010

1:5 – es ist aus, Herr Labbadia!

25. April 2010

Der HSV verkümmert zur Lachnummer der Bundesliga. Wie tief ist der Traditionsklub von der Rothenbaumchaussee inzwischen gesunken, wie tief wollen ihn die Verantwortlichen noch sinken lassen? Mit 1:5 ging die Mannschaft von Trainer Bruno Labbadia gegen Hoffenheim unter, es war ein Debakel, eine Klatsche, eine Demütigung. Dieser Untergang ist eine große Katastrophe, in dieser Verfassung würde der HSV gegen den Abstieg spielen, aber zum Glück wurden 2009 schon genügend Punkte gesammelt. Und: Diese Leistungsverweigerung muss Konsequenzen haben, sie wird meines Erachtens auch Konsequenzen haben. Ich lege mich fest: Donnerstag, beim Europa-League-Halbfinale beim FC Fulham, wird ein anderer Trainer als Bruno Labbadia auf der HSV-Bank sitzen. Ganz sicher hat Labbadia nicht die alleinige Schuld an diesem Absturz, aber er trägt die Hauptlast daran – und er ist schon lange keine Einheit mehr mit der versagenden Truppe. Die Spieler sind fertig mit ihrem Trainer, für ihn geht nicht ein Hamburger Profi mehr durchs Feuer. Es ist aus, Herr Labbadia!

Vor dem Anpfiff teilte Bruno Labbadia den fragenden Medienvertretern mit: „Wir haben keinen Spieler daheim gelassen, um ihn zu schonen. Wenn heute Halbfinale wäre, könnten sie tatsächlich nicht spielen.“ Und deshalb fehlten Tunay Torun, Ruud van Nistelrooy, Ze Roberto und Guy Demel. Das war schon verdammt bitter für den HSV. Und dann war es noch sehr warm in Sinsheim, fast schon Sommer, da soll Mann dann noch Bundesliga spielen. Wo doch das ganz große Ziel erst am Donnerstag auf dem Programm steht: Fulham. Natürlich wird nun jeder Trainer und auch jeder verantwortliche sagen: „Die Spieler haben Fulham nicht aus ihren Hinterköpfen bekommen, die haben mehr an Fulham als an Hoffenheim gedacht.“ Wer kann ihnen das verdenken? Ganz sicher werden es die 2000 HSV-Fans, die zu diesem Spiel nach Sinsheim gereist waren, nicht tun. Die haben ohnehin viel Zeit, und auch viel zu viel Geld . . .

Bereits nach 78 Sekunden war der Keks gegessen: Robert Tesche quer zu Joris Mathijsen, der nach vorn (!) zu Jonathan Pitroipa, der wieder zurück auf Mathijsen. Bis dahin gibt es nichts, aber auch wirklich nichts zu meckern. Da ist der Schlafwagen-Fußball, den der HSV in diesem Jahr spielt. Egal ob es friert oder auch die Sonne scheint. Dann aber dieser Rückpass: Mathijsen hat nur einen Fuß: links. Pitroipa spielte ihm die Kugel auf rechts. Und ein, zwei Meter neben diesen Fuß. Peinlich. Aber es wurde noch peinlicher. Mathijsen will – natürlich – zurück zu Frank Rost spielen, wohin denn sonst? Und als Ibisecvic dazwischenspritzt, nimmt das Unheil seinen Lauf – 1:0 für Hoffenheim. Alles ganz normal. Schließlich muss ein Aufbaugegner auch aufgebaut werden, da hat der HSV doch auch einen Ruf zu verspielen. Bislang hat er das doch immer noch geschafft.

Aber wenn schon denn schon, halbe Sachen kennt ein Hamburger ja nicht. Flanke Beck, Kopfball Ibisevic aus elf Metern, Boateng steht hinter ihm und kommt nicht an die Kugel, Frank Rost auch nicht – 2:0 (11.). Wie eine Schüler-Mannschaft ließ das HSV-Team mit sich machen was Hoffenheim wollte. Unfassbar. Aber dann erst die Antwort des HSV: Zum Beispiel in der 18. Minute. Was für eine herrliche Ballstafette: Boateng quer zu Mathijsen, der quer zu Aogo, der quer zu Dennis Aogo, der zurück zu Mathijsen, der zurück zu Aogo, der nach vorne zu David Jarolim, der zurück zu Aogo – und weg ist der Ball. Wunderschön anzusehen, aber irgendwie auch brotlos, oder? War jedenfalls mein Empfinden. Muss aber auch nicht ganz richtig sein. Was mich an dieser Traum-Kombination störte: Wieso wurde nicht auch noch Rincon rechts mit einbezogen? Schneiden die Kollegen ihren Kameraden?

Nicht von ungefähr dann das 3:0. Eichner setzt sich außen gegen Rincon und Boateng durch, geht auf den ersten Pfosten zu und legt den Ball zurück auf den völlig ungedeckten Obasi – Tor. So spielt man mit Studenten.

Was dazu passt: Kurz darauf lief Jarolim mit dem Ball am Fuß entlang der Mittellinie. Keine Anspielstation. Er lief und lief und lief. Hart bedrängt von Liz Gustavo, der mit seiner Brust an Jarolims Rücken hing, „Jaro“ spürte den Atem des Hoffenheimers. So muss es auch sein, aber die Hamburger kannten nur eine andere Art des Fußballs: Begleitservice. Aber der ganz zarten Art. Körperloser geht es nicht mehr . . . Irgendwie dachte ich an das Abschluss Sonnabend. Da spielte die HSV-Mannschaft Handball. Und ich bin mir ganz sicher, im Handball hätte der HSV diese harmlosen Handballer aus Hoffenheim ganz deutlich besiegt. Was dazu auch passt: 41. Minute, Einwurf für Hamburg auf der Linksaußen-Position. Piotr Trochowski rennt hin, schnappt sich den Ball – aber keiner der Kollegen kommt als Abnehmer. Hilflos zuckt „Troche“ mit den Schultern . . .

Vor dem Spiel hatte Hoffenheims Trainer Ralf Rangnick seine Taktik erläutert: „Wir spielen heute mit eineinhalb Spitzen.“ Die „halbe“ war Obasi. Und der durfte machen was er wollte. Unbehelligt. Und beim HSV warteten die beiden Innenverteidiger Boateng und Mathijsen auf die beiden Hoffenheimer Spitzen! Immerhin: Sekunden nach dem Halbzeitpfiff tauschte Joris Mathijsen sein Trikot mit dem Hoffenheimer Eduardo. Watt mutt, dat mutt, sagt der Hamburger.

Zum Wiederanpfiff ein Tausch auf HSV-Seite. Kommentar des Sky-Reporters: „Es kommt David Rozehnal – halten Sie sich fest – für Marcus Berg.“ Da wird ein Wechsel schon voller Ironie kommentiert. Dabei wollte Labbadia nur die Überzahl im Mittelfeld ausgleichen, was ja auch sein gutes Recht ist: Rincon eine Position nach vorne. Und es half. Robert Tesche knallte den ball aus 32,5 Metern ins Hoffenheimer Netz. Ein „Tor des Monats“ in der 65. Minute. Hoffnung? Überhaupts nicht, würde Kurt Jara sagen, überhaupts nicht. Obasi schießt das 4:1, weil Mathijsen die weltberühmte Hamburger Abseitsfalle aufbauen wollte (72.), und dann das 5:1 von Salihovic, als das gesamte Mittelfeld irgendwo im luftleeren Raum herumtobte (77.), und weil Rozehnal den Hoffenheimer laufen ließ. Der arme Frank Rost! Der schimpfte, der tobte, aber wer hörte ihm noch zu? Da rein, da wieder raus. Die Rote Karte für Tolgay Arslan war zum Schluss ein Witz, da war überhaupt nichts, aber sie passte zu diesem Untergang.

Hoch interessant noch das Halbzeitgespräch zwischen Sky-Moderator Jan Henkel und HSV-Boss Bernd Hoffmann, der bis zu dieser Frage sehr moderat und salopp geantwortet hatte. Die Frage: „Herr Hoffmann, Bruno Labbadia wird auf jeden Fall die Saison als HSV-Trainer beenden?“ Hoffmann: „Also, ich glaube, das ist die allerletzte Frage, mit der ich mich hier unter dem Eindruck dieses Spiels beschäftige . . .“ Henkel: „Das ist keine Antwort.“ Hoffmann: „Sie können daraus machen was Sie wollen. Sie glauben doch nicht, dass ich in der Halbzeit über den Trainer rede, irgendwann ist ja auch Schluss hier . . .“

Hoffentlich, Herr Hoffmann, hoffentlich. Bitte springen Sie über Ihren Schatten. JETZT!

17.33 Uhr