Tagesarchiv für den 23. April 2010

Schon wird ein neues Fass aufgemacht . . .

23. April 2010

Als sich nach dem Fulham-Spiel Minuten vor Mitternacht Bruno Labbadia und Bernd Hoffmann in den Katakomben der Arena begegneten, da klopfte der Vereins-Chef seinem Trainer einige Male auf den Rücken. So in der Art: „Wird schon . . .“ Wird ja auch. Der HSV muss ja im Rückspiel beim FC Fulham ja nicht unbedingt verlieren. „Da können sie nicht mit Mann und Maus verteidigen und nur das Spiel zerstören, da müssen sie auch etwas für ein Tor tun – das ist unsere Chance“, sagt zum Beispiel „Basti“ Reinhardt. Hier bei „Matz ab“ sehen mir ganz einfach zu viele HSV-Fans SCHWARZ! Muss ich ganz ehrlich sagen. Es handelt sich dabei tatsächlich um HSV-Fans. Weshalb aber diese selbstzerstörerische Skepsis? Warum sollte der HSV auf der Insel denn kein Tor schießen? Und dort nicht ein 1:1 schaffen? Weil der FC Fulham eine solche Über-Mannschaft hat? Die müssen, sie kommen nicht drum herum, in der eigenen Hütte schön mitspielen, und dann wird man sehen, was sich daraus für den HSV entwickeln kann. Also, Kopf hoch und etwas optimistischer in Richtung „Operation Rathausmarkt“ blicken. Bislang hat der HSV in der Europa League auswärts immer das gespielt, was er spielen musste. Ist es nicht so?

Natürlich ist nicht alles Gold, was glänzt im Spiel des HSV. Manchmal wird sogar mir SCHWARZ vor Augen, wenn man dieses Mittelmaß, diese stümperhaften Unzulänglichkeiten und diese vielen amateurhaften Fehler sieht. Nicht von der Hand zu weisen ist jedoch, dass sich die Mannschaft gegen Fulham sehr um ein gutes Spiel bemüht hat. Und genau das wollte ich mit meinem Bericht anerkennen. Einige von Euch haben mir deshalb tüchtig um die Ohren gegeben, einige wiederum haben mich (angerufen) und aufgemuntert. Die Wahrheit liegt wohl – wie so oft – in der Mitte. Ich werde aber von meinem Fulham-Spielbericht kein einziges Wort zurücknehmen, ich stehe dazu, dass ich dieses Spiel genau so gesehen habe, wie ich es hier niedergeschrieben habe. Auch wenn mir schon unterstellt wurde, dass ich nichts gesehen habe – oder auch nur ein anderes Spiel. Bei der Gelegenheit: Das „Matz-ab“-Video zum Hoffenheim-Spiel ist ironisch gemeint. Und ich war in Wahrheit nicht beim Spiel Fortuna Langelohe 3. gegen West-Eimsbüttel 4. Ich war schon in der Arena. Sonst könnte mich mein Chef (Claus Strunz) doch sofort fristlos feuern . . .

Was ich hier schon oft betont habe, weil es mich ehrlich sehr erstaunt, das ist die Tatsache, dass HSV-Fans sehr wohl sehr, sehr hart mit ihrem Lieblings-Verein ins Gericht gehen, wenn die Resultate nicht stimmen. Davon zeugt auch diese Nacht bei „Matz ab“. Das ist teilweise noch härter als das, was tags darauf in den Boulevard-Zeitungen steht. Und, noch einmal ehrlich: An dieser schonungslose Kritik, die manchmal auch über jede Grenze geht, muss ich mich erst noch gewöhnen, obwohl es „Matz ab“ ja schon seit dem 7. August 2009 gibt. Aber, wie heißt es doch immer so schön? Auch ein „alter Sack“ wie ich kann jeden Tag dazulernen. Ich bemühe mich jedenfalls darum.

Was Bruno Labbadia denn aus dem Spiel gegen Fulham Positives ziehen würde, so wurde der Trainer gefragt. Die Antwort: „Dass die Engländer großen Respekt vor uns hatten, und dass sie kaum Torchancen hatten.“ Was gefehlt hat? „Die Durchschlagskraft im Spiel eins gegen eins. Und das Spiel in die Spitze war nicht zwingend genug.“

Natürlich ist mir nicht entgangen, dass der HSV in Hamburg zuletzt kein Tor erzielen konnte. Gegen zehn Hannoveraner gab es in einem Grottenkick ein 0:0, dann folgte ein peinliches 0:1 gegen Mainz 05 – und nun das. Da ist es doch klar, dass es einige Diskussionen um den Verein, um die Mannschaft und auch um den Trainer gibt. Das weiß selbstverständlich auch Bernd Hoffmann, der bei Sky gefragt wurde, was er denn nach diesem 0:0 für Schlagzeilen erwarte? Der Boss ganz salopp: „Keine Ahnung, was unsere Freunde an der einen oder anderen Stelle sagen oder schreiben. Ich erwarte jetzt, dass sich alle auf das Hoffenheim-Spiel konzentrieren, und danach haben wir quasi in Fulham ein Endspiel um das Endspiel. Und darauf werden alle Kräfte konzentriert, das wird im gesamten Umfeld so sein. Wir wissen alle, dass wir mit diesem Finale am 12. Mai in unserem Stadion eine historische Chance haben, darauf werden sich nun alle fokussieren.“

Auf der Tribüne in Hamburg saßen auch Joachim Löw, Hansi Flick und Andreas Köpke. Der Bundestrainer wird ja schon seit Wochen als möglicher Kandidat auf das HSV-Trainer-Amt gehandelt – zur neuen Saison. Stört es den jetzigen HSV-Coach? Labbadia: „Das ist eine absolute Respektlosigkeit, wenn einen Tag vor einem Europa-League-Halbfinale danach gefragt wird, ob es stimmen würde, dass sich Bernd Hoffmann und Löw in Hamburg treffen würden. Das ist schade, denn man spürt es ja immer wieder in allen Bereichen. Wir können die Situation nicht ändern, wir versuchen es von der Mannschaft fern zu halten, und das müssen wir auch weiterhin tun – wir können die Dinge ja nicht beeinflussen.“

Auf die Frage, ob Labbadia denn den uneingeschränkten Rückhalt des Vorstandes spüren würde, antwortete der Trainer ausweichend: „Ich bin ganz normal in der Planung drin, wir treffen uns mit Spielern, planen die neue Saison – mehr kann ich dazu nicht sagen.“ Die Hoffnung auf das Finale ist immer noch vorhanden, auch die Hoffnung, doch noch Platz sechs in der Bundesliga zu schaffen, um auch so den internationalen Startplatz für die neue Saison abzusichern. „Wenn wir diese Überzeugung nicht hätten . . .“, sagt Labbadia und bricht kurz ab, um dann anzufügen: „Was mir ein bisschen zu kurz kommt ist, dass ist die Freude. Ich versuche es den Spielern immer wieder zu sagen, dass es ein Geschenk ist, in einem solchen Halbfinale zu stehen.“ Und einen ganz kernigen Satz hatte der Trainer schon nach dem Spiel über seine Lippen kommen lassen: Ich habe das Vertrauen in die Mannschaft, dass sie den Finaleinzug im Rückspiel mit einer couragierten Leistung klarmacht.“

Am Sonntag geht es aber erst einmal in Sinsheim gegen Hoffheim um Bundesliga-Punkte. Labbadia über den Gegner: „Es wird nicht einfach für uns, ähnlich wie zuletzt bei unserem Sieg in Bochum, denn der Gegner konnte sich eine Woche lang auf uns vorbereiten. Hoffenheim hat eine sehr ausgewogene Mannschaft, die mehr Potenzial hat, als der Tabellenstand es besagt, die werden gegen uns Vollgas geben. Und wir werden erst einmal sehen müssen, mit welcher Mannschaft wir dort auflaufen können.“ Denn es gibt einige verletzte und angeschlagene Spieler. Guy Demel (Knie), Ruud van Nistelrooy (Hüftbeugemuskulatur) und Ze Roberto (Wade) sind erste Kandidaten, die ausfallen könnten. Eljero Elia hat sich eine Zerrung zugezogen und fällt auf jeden Fall aus, wie natürlich auch immer noch Marcell Jansen.

Ein dickes Fragezeichen steht auch noch hinter Mladen Petric – trotz seiner „Wunderheilung“. Die übrigens noch für einigen Ärger sorgen dürfte – innerhalb des Teams, denn der Trainer äußerte sich kritisch gegenüber Petric. Zum Thema „Wunderheilung“ befand Bruno Labbadia: „Manchmal gibt es die. Aber die Schlagzeilen waren nicht sehr schön, und dazu hat Mladen beigetragen.“ Oha! Das klingt nach neuem HSV-Zoff. Zumal Petric dazu auch schon Stellung bezog: „Ich kann es nicht nachvollziehen, dass deswegen nun ein Fass aufgemacht werden muss. Diese ganze Thematik geht mir auf den Wecker . . .“ das wiederum ist nachvollziehbar. Zumal sich Petric selbst tröstete, als er befand: „Na ja, in drei Wochen ist endlich Ruhe.“ Was man durchaus so oder so interpretieren kann. Oder auch ganz anders? Labbadia aber wäre eigentlich gut beraten, wenn er schnell wieder einen Deckel auf dieses Fass machen würde, denn wenn nun auch Petric schmollen sollte, dann fehlt dem Trainer der wichtigste Torschütze und zugleich sein bester Stürmer. Es ist, so kommt es mir schon länger vor, ein Tanz des Trainers auf der Rasierklinge. Und schon am Sonntag steht der nächste Tanz bevor . . .

Schlusswort von Bernd Hoffmann: „Abgerechnet wird hier am 8. oder 12. Mai, dann ziehen wir einen Strich unter diese Saison. Bis dahin aber haben wir in der Europa League und in der Bundesliga noch jede Chance. Noch einmal: Wir reden hier davon, dass wir zum zweiten Mal in Folge im Europapokal-Halbfinale stehen, da kann ich jetzt nicht erkennen, warum wir nun Depressionen ausrufen sollten.“ Genau. Die Hoffnung (auf Besserung) stirbt zuletzt. Auch wenn der HSV in diesem Jahr in der Bundesliga nur schwerlich zu ertragen ist. Aber, auch dafür gibt es Trost, denn wie sagte es Bruno Labbadia schon so oft in der Vergangenheit: „Wir wussten, dass es in der Rückrunde schwer für uns werden würde.“ Um noch einmal ganz, ganz ehrlich zu sein: Ich wusste es nicht. Ich hatte gedacht, dass es steil bergauf gehen würde mit dem HSV. Aber wer ein ganz anderes Spiel sieht, dem sei sicherlich auch eine solche Meinung zugestanden. Oder?

17.32 Uhr