Tagesarchiv für den 22. April 2010

Keine Panik!

22. April 2010

Schade. Gut gespielt, bravourös gekämpft, alles gegeben bis zum Schlusspfiff, aber nicht gewonnen. Der HSV trennt sich im Halbfinal-Hinspiel der Europa League vom FC Fulham 0:0. Das hört sich nicht besonders gut an, aber es ist nicht unbedingt schlecht. Im Rückspiel würde ein 1:1 genügen. Und warum sollte der HSV gegen diese Engländer, die gewiss keine Spitzen-Mannschaft sind, nicht ein Auswärtstor schaffen? Ich sehe den HSV noch lange nicht draußen, auch wenn es nun natürlich sehr, sehr schwer werden dürfte. Dennoch: Die Operation Rathausmarkt darf weiter vom 12. und vom 13. Mai träumen, keine Panik. Es ist noch alles drin.

Mladen Petric dabei. Nachmittags sprach es sich herum, und alle, wirklich alle waren Feuer und Flamme. Und die, die dann in die Arena kamen, die sahen beim Aufwärmen der Mannschaften einen Mladen Petric, der allein auf dem Rasen „herumturnte“. Der Gag mit Petric? Sollten die Engländer dadurch geschockt sein? Ganz offensichtlich war, dass sich der Kroate nicht „richtig“ erwärmte. Er „daddelte“ mit dem Ball am Fuß, während die anderen Reservisten „ordentlich“ arbeiteten. Aber irgendwie war den Fans auf den Tribünen klar: Eine solche „Wunderheilung“ gibt es eben höchst selten, auch in Hamburg ist das so. Obwohl: Petric kam später tatsächlich (72.). Wie „Kai aus der Kiste“ . . .

Erfreulich für den HSV: Jonathan Pitroipa (statt Robert Tesche) war wieder dabei. Und wie! Wenn es einmal Richtung Fulham-Strafraum „brannte“, dann war er daran beteiligt. Es ist schon kurios: „Piet“ hatten um die Jahreswende in Hamburg niemand mehr auf der Rechnung, und nun hat er sich plötzlich in die Herzen vieler HSV-Fans gedribbelt und gelaufen – so kann es gehen. Und wenn dieser Mann nun noch (über Nacht) schießen lernen würde . . . Dann würde er beim FC Barcelona spielen, oder bei ManU. Schade ist es trotzdem. Ganz grausam wird es immer dann, wenn er nach einem Spurt mit links zum Schuss ansetzt. Achtung Querschläger. Eine größere Streuung gibt es ja gar nicht. Obwohl: In der 71. Minute schoss Pitroipa aus spitzem Winkel, da musste sich Torwart Schwarzer dann schon mächtig strecken – Eckstoß.

Und wo ich gerade beim „mosern“ bin. Immer wenn „Giiiiiieeeeee“ Demel am ball ist, gibt es auch „Giiiieeeeee“-Rufe. Ich frage mich noch immer (und immer wieder): warum? Ein Nachbar klärte mich auf: „Giiiiiieeeeee rufen sie immer dann, wenn sie etwas anfügen wollen. Derart: Giiiiiiieeee- der lernt es niiiiiiiieeeeeee.“ Nämlich das Flanken. Unglaublich, was der „Kerl von einem Baum“ für Bälle zur Mitte bringt! Es ist, ich wiederhole mich gerne: UNGLAUBLICH! Aber gut, auch das gibt es. So wie der gute „Piet“ das Schießen nie lernen wird . . .
Die Engländer standen hinten unheimlich tief. Und sehr diszipliniert. 4:4:2. Das wurde strikt eingehalten. Und die meisten englischen Abwehrspieler so um die zwei Meter. Und der lange Hangeland, der in seinem ersten Leben kanadischer Waldbrandaustreter gewesen sein muss, war sogar drüber. Also über zwei Meter. Sah auf jeden Fall so aus.

Vor der Westtribüne prangte ein riesiges Plakat: „Die beste Möglichkeit, Träume zu verwirklichen, ist aufzuwachen!“ Wie wahr. Die HSV-Profis liefen beim Betreten der Arena genau darauf zu. Sie schienen es begriffen zu haben, denn diesmal zeigten sie Leben. Hinten standen sie sicher, im Mittelfeld gab es viel Bewegung, ganz stark wieder einmal David Jarolim. Und auch Ze Roberto war okay. Bestes Beispiel für seine kleine „Auferstehung“: In der 21. Minute vertändelte er den Ball auf Höhe Mittellinie, setzte aber nach, grätschte sogar gegen gleich zwei Engländer – und holte sich den Ball zurück. Bravo! Und als kleines Sahnehäubchen gab es dazu für den „großen Ze“ ein Abklatschen von Dennis Aogo. Apropos: Aogo spielte für mich sehr, sehr lässig. Er war zweifellos einer der besten Hamburger, wenn nicht sogar der beste, aber er übertrieb es meiner Meinung nach ein wenig mit seiner Lässigkeit. Höhepunkt: In der 28. Minute gab es einen Eckball für den HSV von links. Aogo ging zur Fahne, legte sich den Ball mit seinem linken Fuß (!) zurecht. Mit dem Fuß. Erinnert Ihr Euch (die, die schon so alt sind!) an Günter Netzer? Wenn der einst eine Ecke schoss, dann ging er in die Knie, streichelte die Kugel liebevoll und brachte sie dann zentimetergenau zur Mitte. Das machte Aogo dann allerdings auch, seine Eckstöße waren in Ordnung.

Vielleicht lag seine Lässigkeit ja auch nur darin begründet, dass der Bundestrainer auf der Tribüne saß. Joachim Löw hatte seinen Assi Hansi Flick und auch Torwarttrainer Andreas Köpke mitgebracht. Köpke? Wieso denn Köpke? Für Frank Rost? Falls Rene Adler (Rippenbruch) nicht rechtzeitig bis zur WM fit werden sollte? Ein – wie ich finde – sehr interessantes Gedankenspielchen.

Übrigens: In der 44. Minute gab es sie trotz allem wieder, die Pfiffe. Sie kamen, weil der HSV wieder einmal den Ball wandern ließ. Von links nach rechts und zurück. In der Abwehrreihe. Das dauerte einfach zu lange. Und sah hilflos aus. Und ist auch kein probates Mittel, eine sehr eng stehende Abwehr unter Druck zu setzen, denn dadurch, dass der HSV sich so viel Zeit ließ, konnten sich die beiden Viererketten von Fulham in aller Ruhe wieder formieren. Gut aber war, dass die meisten Fans die Pfeifer durch „HSV“-Rufe überdröhnten. Kompliment an die Ecke im Nord-Westen, Ihr wart tatsächlich hervorragend – echter in „Europapokal“-Form.

Überhaupt: Die zweite Halbzeit wurde von Minute zu Minute stimmungsvoller. Der HSV kam. Und hatte auch Chancen. Nichts Zwingendes, aber immerhin so, dass auch mal einer hätte „reinrutschen“ können. Auffällig dabei Piotr Trochowski, der sich zwar drei haarsträubende Abspielfehler erlaubte, ansonsten sich aber von der besten Seite zeigte. Und seine Schüsse hatten es in sich. Zwar kamen nicht alle auf das Tor, aber da saß schon etwas dahinter. Mein Resümee bei „Troche“: Wenn einer geglaubt hätte, dass der Billstedter nicht mit zur WM fahren würde – mit dieser Partie vor den Augen von Löw hat er alle Unklarheiten beseitigt. Pech nur: Trochowski fällt im Rückspiel aus, er sah in der Nachspielzeit seine dritte Gelbe Karte – Sperre.

Auch wenn es kein HSV-Tor mehr gab, die druckvolle Schlussphase war absolut okay. Oder sogar mehr als das. Der Kampfgeist hat mir imponiert. Nur der Abschluss fehlte. Wieder einmal. Vorne war der HSV einfach zu harmlos. Daran konnte auch Petric nichts ändern. Er war natürlich nicht in bester Verfassung, aber es ehrt ihn, dass er dabei war und es versuchte.

Und zur Sturmflaute: Ich will nicht päpstlicher sein als der Papst, aber Ruud van Nistelrooy ist eben noch lange nicht bei 100 Prozent. Glaubt es mir, ich kenne das aus eigener Erfahrung. Ich hatte auch Beinbruch, Knöchelbruch, Bänderrisse. Nach einer langen Pause war ich zwar in den ersten beiden Spielen „voll“ da, aber fiel danach in ein ganz tiefes Loch. Alles ganz normal, wird jeder, der einmal schwer verletzt war, bestätigen und auch wissen. Sicher hat van Nistelrooy seine „Killer“-Qualitäten, auch gewiss noch bessere als Petric, aber der Niederländer hat sie eben im Moment nicht. Weil er körperlich noch viel, viel aufzuholen hat.

23.01 Uhr

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