Tagesarchiv für den 21. April 2010

Profis wollen Taten sprechen lassen

21. April 2010

So ein Europa-League-Spiel hat echt etwas Gutes, etwas sehr Gutes sogar. Die Marketing-Experten der Uefa haben wieder ganze Arbeit geleistet. Das Stadion, das „oben ohne“ (ohne Buchstaben aufm Dach) ja eh nicht mehr als Nordbank-Arena zu identifizieren ist, hat gemäß der Vermarktungs-Richtlinien des Wettbewerbs keinerlei HSV-Sponsoringflächen mehr. Das „Stadion Hamburg“ wirkt so auf den ersten Blick zwar etwas steriler und kühler (kann auch an den 6 Grad Außentemperatur liegen), aber im Hinblick auf das morgige Duell gegen den FC Fulham verblassen die üblen Erinnerungen an das klägliche 0:1 gegen Mainz dafür umso besser. Ich möchte es jetzt mal so formulieren: Die Tafel – mit herrlichem Rasen (O-Ton Bernd Hoffmann: „Der sieht aus wie in Wimbledon am ersten Tag!“) – ist angerichtet, jetzt liegt es in den Köpfen, Herzen, Beinen und Füßen der Profis, den großen Traum vom Finale in die Realität umzusetzen.

Die Vorzeichen stehen gar nicht so schlecht. Seit Dienstag weht irgendwie ein anderer Wind rund um und durch den Volkspark. „Halbfinalhinspiel – auf solche Momente wartet jeder Fußballer, manche vergeblich ein ganzes Leben lang“, hat Bruno Labbadia kürzlich gesagt. So ein Finalziel vor Augen schweißt zusammen. Naja, vielleicht formuliere ich es doch noch einmal um. Bei einer solchen Chance vor Augen werden alle negativen Aspekte der Vergangenheit eben doch mal kurz aus dem Alltag und aus den Gedanken vertrieben. „Die meisten aus unserer Mannschaft erinnern sich noch an das vergangene Jahr und das damalige Halbfinale gegen Werder, das nach wie vor Schmerzen und Wut im Bauch verursacht. Solche Erinnerungen spornen uns zusätzlich an. Wir wissen um die Bedeutung dieser zwei Spiele und bereiten uns gezielt darauf vor“, sagte Dennis Aogo auf der heutigen Pressekonferenz.

Dass diese Presskonferenzen mit Trainer UND Spieler ein Pflichttermin sind, die die Vereine laut Uefa-Richtlinien abhalten müssen, ist gut für die Sportjournalisten, denn ansonsten wären sie heute womöglich leer ausgegangen, was die Suche nach Spielerkommentaren betrifft. „Nein“, „nein“ und nochmals „nein“ entgegneten die Herren Profis meinen Kollegen auf dem Weg zum Abschlusstraining, als sie um ein paar Statements gebeten wurden.

Nun könnte ich an dieser Stelle den aufgebrachten Journalisten spielen und mich aufregen, dass die Spieler erst über Wochen so einen Mist zusammenspielen und Theater veranstalten, dann aber plötzlich verstummen, wenn die Berichterstattung geradezu nach Zitaten lechzt. Mache ich aber nicht, denn im Grunde genommen gefällt mir diese offenbar eigens aufgelegte Haltung. Geredet und diskutiert wurde halt schon lange genug (ohne Erfolg), warum also jetzt nicht erst einmal Taten für sich sprechen lassen!? Auf geht’s.

Ein paar kleine „Störfeuer“ gab es auf der Pressekonferenz natürlich trotzdem, die einige von Euch ja auch schon kommentiert haben. Ein Radio-Hamburg-Mann fragte nach einem vermeintlichen Gespräch von Noch-Bundestrainer Joachim Löw mit Bernd Hoffmann. Bruno Labbadia wirkte irritiert: „Geht die Frage an mich?“ „Nein, an den Verein!“, sagte der Reporter. Nun war also Pressesprecher Jörn Wolf gefragt, der ehrlich antwortete: „Ich weiß davon gar nichts!“ Und da Jörn eigentlich immer alles weiß, was seinen Arbeitgeber betrifft, war dieses Thema auch schnell abgehakt. Ich möchte denjenigen von Euch, die diese Frage deplatziert und ungeheuerlich störend fanden, aber eines erwidern: Der Radiomann hat nur seinen Job gemacht. Falls ihm jemand das Löw-Gerücht erzählt hat, im Zweifel vielleicht sogar einer seiner Chefs, dann muss er diese Frage stellen. Das ist sein Job. Und er wird nicht vom HSV bezahlt. Aber ich fand, dass alle Beteiligten damit professionell umgegangen sind.

Eine Portion humorvoller war die Frage meines NDR-90,3-Kollegen Lars Pegelow, der Dennis Aogo in Anlehnung an den jüngsten Kinozoff kess fragte: „Was machen Sie denn heute Abend?“ Aogo wusste sofort, um was es geht, er überlegte erstaunlich lange, als ob er überlegte, den Spaß mitzumachen, es dann aber doch ließ. Aogo: „Ich gehe mit einem Freund Essen und lasse den Abend dann entspannt mit meiner Freundin zusammen ausklingen.“ Zur Erklärung: Die Spieler treffen sich wegen des späten Anstoßzeitpunktes morgen erst am Morgen im Tageshotel, sie können also zuhause schlafen.

Ich wurde heute von einigen Freunden und Bekannten gefragt, was ich für das morgige Duell erwarte. Die Antwort fiel mir ziemlich leicht. Ich erwarte defensiv ausgerichtete Engländer, die wie in den vergangenen Runden gut organisiert sein werden und den HSV überraschen wollen. Bruno Labbadia hat es heute ganz treffend formuliert: „Es kommt auf Kleinigkeiten, auf Details an.“ Das können Tagesform, Standards, individuelle Aussetzer aber eben auch atmosphärische Dinge sein. Labbadia: „Auch unsere Fans können einen fünfprozentigen Unterschied im Hinspiel ausmachen!“ Das sehe ich auch so. Im Optimalfall startet die Mannschaft furios mit einem Torerfolg, zerlegt damit Fulhams Grundausrichtung (bloß kein Gegentor) und entfacht eine Rieseneuphorie auf den Rängen. In einem „Rauschzustand“, der daraus resultieren würde, könnte der HSV dann über sich hinauswachsen. Und genau das ist es, was diese Mannschaft braucht.

Personell hat Bruno Labbadia dank Paolo Guerrero und der Genesung des „Eichhörnchens“ Jonathan Pitroipa wieder etwas mehr Handlungsspielraum. Nach aktuellem Stand erwarte ich beide in der morgigen Anfangself. Pitroipa kann ebenso wie Piotr Trochowski links und rechts offensiv spielen, Guerrero dürfte neben Ruud van Nistelrooy im Angriff starten. Im Abschlusstraining im Stadion wirkte der Holländer zwar wie in den Trainingstagen zuvor etwas zappelig und ballunsicher, aber im Abschluss ist und bleibt er eine Augenweide, eine stetige Torgefahr. Und die wird sich der Coach nicht nehmen lassen.

Genug gesabbelt. Taten und Tore müssen her. Ich lege mich schon mal fest: Es gibt einen 2:0-Sieg. Und „Pit“ wird treffen oder einen Strafstoß herausholen.

17:35 Uhr