Tagesarchiv für den 19. April 2010

Im falschen Film

19. April 2010

Sport, Spiel, Spannung – Spaß. Unter diesem Motto stand beim HSV das Training am Montag. Kräfte sammeln war einmal mehr angesagt. Während der Aufwärmphase der Spieler gab es ein Vier-Augen-Gespräch zwischen Bruno Labbadia und Eljero Elia, der zuvor schon leicht mit dem ball trainiert hatte. 20 Minuten dauerte die Trainer-Spieler-Unterhaltung. Als dabei die Mannschaft ihre Runden drehten, rief ein aufgeregter Fan den Profis zu: „Schickt den Labbadia in die Wüste . . .“ Bastian Reinhardt hörte es und entgegnete: „Ruhig da.“ Und dann legte der Abwehrspieler seinen Zeigefinger auf die Lippen. Ruhe ist wohl in der jetzigen Situation der HSV das beste Rezept, um wieder Grund unter die Füße zu bekommen. Es brennt überall. Es brennt so gewaltig, dass es schon Wahnsinn ist. Diese Brände können in meinen Augen ur gelöscht oder eingedämmt werden, wenn es wieder Siege gibt. Ein Erfolg am Donnerstag über den FC Fulham wäre Gold wert und würde auf jeden Fall kurzfristig so manches Defizit übertünchen. Erst einmal jedenfalls.

Gedehnt, gelaufen, gespielt. Fußballtennis stand für 45 Minuten auf dem Programmplan – die Trainer spielten mit. Zum Abschluss der Einheit folgten Torschüsse und Abschlüsse nach Flanken. Wobei Bruno Labbadia sich durch sehr schöne Rechtsflanke für einen Einsatz empfahl (Achtung, nur ein Scherz!). In Sachen Torabschluss konnten Piotr Trochowski, Tunay Torun und Marcus berg besonders gefallen. Jerome Boateng glänzte durch seine Kopfballstärke, lag aber mit seinen Schüssen oft sehr weit daneben – oder, wie „Devildino“ (vielen Dank) es sagte: „Boa hatte eine große Streuung.“

Ruud van Nistelrooy, David Jarolim und Ze Roberto waren nicht auf dem Trainingsplatz, sie trainierten im Kraftraum. Mladen Petric, der mit dem Auto (alles Asche) nach München fuhr, holt sich bei Bayern-Doc Müller-Wohlfahrt eine Spritzenkur für die lädierten Adduktoren ab, und Marcell Jansen ließ in Hamburg Aufnahmen vom Heilungsprozess des Syndesmoseband-Risses machen, um sie zur Analyse nach München zu schicken. So geht es derzeit zu im Lazarett des HSV. Es gibt allerdings auch etwas Erfreuliches: Jonathan Pitroipa war im Training (etwas verspätet) dabei und scheint für das Fulham-Spiel fit zu werden. Er schien auf jeden Fall keine Schmerzen mehr zu verspüren.

Training ist ein Ding, ein anderes ist das fußballerische Chaos, das derzeit herrscht beim HSV. Man könnte denken, dass man im falschen Film ist. Kinoreif, dieser HSV. Da passt fußballerisch nur in geschätzt jedem vierten oder fünften Spiel noch etwas zusammen, aber es wird ein Fass aufgemacht, weil einige Spieler (nur einige?) ein Kino besucht haben. Vor der Saison hatte Bruno Labbadia explizit zum Thema Nachtruhe im Trainingslager oder im Hotel vor dem Spiel gesagt, dass er das nicht kontrollieren würde, denn dazu seien die Spieler alt genug und erfahren genug. Und: Sie müssten selbst wissen, was sie sich zumuten wollen und was sie verantworten können. Zudem haben auch HSV-Profis (jetzt) bestätigt, dass es keine Pflicht (für einen jeden Spieler) ist, sich bei einem Gang vor das Hotel abzumelden. Wozu dann eigentlich dieser Aufstand? Weil es besser gewesen wäre, mit der gesamten Mannschaft zu gehen? Wenn das das Thema wäre, dann kann ich nur sagen: ganz, ganz bitter. Wer hätte dann auf eine solche Idee kommen können, kommen sollen? Frank Rost?

Es ist mir echt zu albern, darüber zu philosophieren. Ihr erinnert Euch an den „Fall Lotto“, zu dem ich hier schon geschrieben habe, dass der HSV eigentlich ganz andere Sorgen haben müsste (und damit auch die Fans des HSV), als sich über ein „es kotzt mich an“ aufzuregen. Genauso verhält es sich mit diesem Kino-Besuch. Lächerlich. Wenn es um Alkohol-Exzesse gegangen wäre, okay, darüber könnte man sich aufregen, aber Kino? Und dann auch noch, wenn Frank Rost mit von der Partie ist? Unglaublich. Wenn einer auf die nötige Disziplin (vor einem Spiel, aber auch sonst) achtet, dann ist es wohl doch Rost, oder?
Aber dieses Kino-Theater passt natürlich auch so wunderbar in die Szenerie. Lenkt es doch von der Hauptsache ab: Fußball. Von jener Sportart, die der HSV im Sommer 2009 noch so wundervoll beherrschte, die er jetzt aber verlernt zu haben scheint. Ich saß heute mit einigen Hamburger Fußball-Größen (überwiegend aus dem Amateurbereich) zusammen, hoffentlich darf ich dabei die Namen Eugen Igel, Horst Kracht, Bernd Kleingarn, Holger Zippel, Bert Ehm, Ingo Heindorf und Jürgen Wähling nennen, die alle über eine riesige Erfahrung verfügen. Die meisten sind auch HSV-Fans, und sie sind total entsetzt darüber, dass der HSV 2010 ein so katastrophales fußballerisches Bild abgibt.

Was mir dabei immer noch nicht in den Kopf will, ist dieses umständliche, zögerliche, stümperhafte und konzeptlose „Aufbauspiel“. Das wird nun Woche für Woche immer und immer wieder geübt, und dann kommt nur ein planloses, hilfloses Ballgeschiebe vor dem eigenen Strafraum dabei heraus. Es ist für mich unerträglich. Mein rat an die Verantwortlichen: Bitte nicht mehr üben oder einstudieren lassen, sondern ansehen. Setzt Euch vor dem Bildschirm, lasst parallel Euer Gestümper laufen – und zeigt nebenan einen x-beliebigen englischen Erst- oder Zweitliga-Verein, wie der rasant und ohne Zeitverlust seinen Angriff vorträgt. Vom Bildschirm könnten, das ist meine Meinung, viel, viel mehr lernen, als diese elenden und nichts bringenden Trockenübungen im Volkspark. Wenn ich nur daran denke, überkommt mich wieder das Grauen.

Aber: Wo will man da anfangen, wo will man da aufhören? Dieser nicht vorhandene Spielaufbau ist ja nur eine von so vielen Baustellen des HSV 2010. Es fehlt offenbar auch am Selbstvertrauen, denn viele Spieler wirken verunsichert. Oft scheint es so, als wollten sie gar nicht erst an den Ball kommen. Und Verantwortung? Sollten doch besser zuerst einmal die Nebenleute übernehmen.

Über den FC Fulham könnte eine fußballerische Trendwende eingeläutet werden – aber dazu müsste der HSV schon mit einem Heimsieg aufwarten. Nur so gewinnt man Selbstbewusstsein zurück. Was mir Hoffnung macht? In Europa hui, in der Liga pfui.

20.37 Uhr