Tagesarchiv für den 17. April 2010

Jetzt wird es dramatisch

17. April 2010

Pfiffe im Volkspark. 55 292 Zuschauer hatten ein 0:1 gegen den Aufsteiger Mainz 05 erlebt. Ein trauriger Nachmittag, der einmal mehr offenbarte, wie tief dieser HSV gesunken ist. In der Bundesliga pfui, in der Europa Legaue noch hui. Aber wie lange noch? Oder war das die Schonung für Donnerstag? Der HSV ist inzwischen auf Platz sieben angekommen, muss nun also ganz auf den Gewinn der Europa League setzen – oder es geschieht noch ein kleines Fußball-Wunder. Unglaublich, was aus dieser Mannschaft geworden ist, unglaublich. Sie wurde völlig zu recht mit Pfiffen in die Kabine geleitet – quo vadis, HSV?

Völlig verschlafen. Unter diesem Motto stand die erste halbe Stunde des HSV. Null Aggressivität, keine Laufbereitschaft, keine Ideen, kein Schwung – nichts. Unfassbar. Schonung für Fulham? Oder war es das schöne Sommerwetter, die herrliche Sonne? Bei einem solchen Wetter sollte Mann besser an die Elbe fahren, oder im Stadtpark die Eichhörnchen füttern, oder eventuell auch an die Ostsee. Aber gegen Mainz 05 um Bundesliga-Punkte spielen? Eher doch nicht. Der HSV entwickelte das Spiel langsam und schwerfällig, Dennis Aogo zu Joris Mathijsen, Mathijsen zu Guy Demel, Demel zu Mathijsen, der weiter zu Aogo, und der zu Frank Rost. Und der prügelt den Ball dann nach vorne. Und macht damit das, was seine Kollegen schon vor geschätzten 13 Minuten hätten machen können. Oder müssen.

Keine Bewegung, kein Freilaufen und ja keine Verantwortung übernehmen. Mann könnte ja einen Fehler machen. Mainz dagegen frisch, fromm, fröhlich, frei – und absolut frech. Die Spieler des Aufsteigers waren doch so unverschämt, dass sie den HSV schon früh angriffen: Forechecking. In Hamburg. Das macht doch sonst niemand. Wahnsinn. Und Torchancen hatten sie auch noch, die Mainzer. Flanke Schürrle, Kopfball Bance aus fünf Metern – daneben. Den macht er sonst im Schlaf rein. Was für ein Glück für den HSV (16.).

Die Mainzer Führung gab es trotzdem. Bance wurde steil geschickt, Demel hob das Abseits auf – Tor (20.). Und wieder einmal lange Gesichter im Volkspark. Aber dieser Treffer war nur die logische Konsequenz für ein müdes und uninspiriertes Gekicke. Dazu passte es, dass das Wolfsburger 1:0 gegen Werder von vielen Hamburger Fans mit Beifall und Jubel begrüßt wurde. Da können einige wohl nicht eins und eins zusammenzählen. . .

Immerhin: In der 25. Minute gab es den ersten Hamburger Torschuss an diesem wunderschönen Nachmittag. Piotr Trochowski schoss aus 20 Metern überweg. Aber dieser Schuss war so etwas wie ein Weckruf für die Hamburger Mannschaft. Plötzlich zeigte das Labbadia-Team so etwas wie Leben. Es wurde mehr gelaufen, es ging etwas aggressiver in die Zweikämpfe, so dass die Mainzer merkten, dass da auch noch ein Gegner auf dem Rasen steht. Sogar Trochowski grätschte, holte mit einer gewaltigen Sense (aber regelkonform) den Riesen Bance von den Beinen – alle Achtung!

Apropos Trochowski. Für mich der beste Mann des HSV. Spielwitz, unternehmungslustig, willig, immer bemüht. Neben ihm gefiel mir David Jarolim, auch wenn ihm längst nicht alles gelang. Zudem hatte Robert Tesche über rechts einige gute Szenen. Der Rest war aber allerhöchstens Durchschnitt. Und einige bemühten sich um ein noch niedrigeres Niveau. Marcus Berg zum Beispiel. Er hatte die beste Tormöglichkeit, stand allein vor dem Mainzer Schlussmann Müller, der lag schon am Boden, Berg hätte ihn nur umkurven müssen – nur, ich weiß. . . Den geschlenzten Schuss hielt der über den Rasen rutschende Müller dann ohne Schwierigkeiten.

Aber es war nicht nur Berg, der enttäuschte. Ruud van Nistelrooy fand nicht statt, Ze Roberto versteckte sich zu oft und lief immer nur in einem Tempo, er wirkte oft auch lustlos, zudem kam über die rechte Flanke vom kaum einmal nachrückenden Demel nichts. Das war schon erschütternd. Obwohl: Es gab doch einen Lichtblick. In der 38. Minute gab es in der Mainzer Hälfte einen Freistoß für den HSV. 40 Meter vor dem FSV-Tor, halblinke Position. Der ideale Punkt für den HSV, den Ball quer oder gar zurück zu kicken, diesmal aber nicht. Trochowski drosch den Ball doch tatsächlich vor das Mainzer Tor. Wurde zwar keine Chance, aber allein der Versuch zählt für mich, sie lernen doch noch dazu, auch wenn’s auf das Ende der Saison zugeht.

Pfiffe zur Pause.

Als Trochowski von links und mit links flankte, drohte doch tatsächlich das 1:1 (51.). Ein herrlicher Ball, Müller kam nicht dran, aber Tesche köpfte die Kugel aus drei Metern überweg. War schwer zu nehmen, aber er hätte ihn auch reinmachen können.

Pfiffe auch in der 69. Minute. Ein Doppelwechsel mit Pfiff. Sören Bertram und Tunay Torun kamen für David Jarolim und Robert Tesche. Der Trainer wollte ein, nein, zwei Zeichen setzen. Ging aber nach hinten los. Oder besser: Thema knapp verfehlt. Warum nicht einmal Maximilian Beister (und Torun)? Warum Bertram? Was sollte der Junge nach vorne retten? Beister hat zurzeit einen Lauf bei der „Zweiten“, der ist frech, heiß, willig. Und er kommt NICHT!!!! Erst in der 82. Minute kam der Stürmer (für Aogo). Ich hatte Beister spätestens zum Anpfiff der zweiten Halbzeit erwartet. Als Beister kam, war ihm eines anzumerken: Der rennt sich die Lunge aus dem Hals! Der will. Das sah man nicht von allen Hamburgern an diesem herrlichen Sonnen-Nachmittag.

Und Mainz? Die ließen den HSV kommen, standen tief, machten die Räume dicht, taten kaum noch etwas nach vorne. Mussten sie ja auch nicht, denn dem HSV, diesem HSV fiel nicht wirklich viel ein. Im Prinzip gar nichts. Aber ob das noch jemand merkt?

Schlusswort von Lotto King Karl, der über die Pfiffe der Zuschauer sauer war: “Tut mir leid Loide, ich bin auch HSV-Fan, aber diese Pfiffe kotzen mich an . . .”

17.28 Uhr