Tagesarchiv für den 14. April 2010

Ein Profi(l) für die Nachfolge

14. April 2010

Tag eins nach Jerome Boatengs Abschiedsentscheidung fiel draußen beim Training ziemlich leise aus. „Boa“ kam wie immer zur Einheit, er trainierte ordentlich und schrieb anschließend Autogramme. Seinen Abgang gen Manchester City mochte der Verteidiger nicht kommentieren: „Ich habe nichts zu sagen!“ Dafür wurde hinter den Zäunen wie auch in vielen Eurer Beiträge gesprochen, diskutiert, analysiert – und spekuliert. Boatengs Entscheidung, ob nun sportlich, finanziell oder auch beiderseits begründet ist egal, haben die meisten Fans zähneknirschend hingenommen. Einige prophezeien ihm ein klägliches Scheitern, andere halten seine frühzeitige Vereinswahl VOR der WM sogar für einen wirtschaftlichen Fehler (weil er bei einer guten WM noch viel mehr kassieren und noch viel bessere Klubs bekommen könnte). Heute war aber in vorderster Linie der Tag der Nachfolgespekulationen.

Ich weiß ja, dass viele von Euch dieses Namen-auf-den-Markt-Gewerfe nicht mögen, darum möchte ich mich der Thematik erst einmal sachlich widmen. Ich teile nämlich die Ansicht, dass die HSV-Abwehr ohne Boateng um einen ganz wichtigen, wenn nicht sogar den wichtigsten Stützpfeiler ärmer sein wird. Joris Mathijsen ist ohne seinen deutschen Nebenmann erheblich instabiler. Wohl auch, weil sich beide hervorragend ergänzen. Boatengs Tempo gepaart mit seinen herausragenden Diagonalbällen und dem (meist) geschickten Zweikampfverhalten haben sich seit jeher beruhigend auf Mathijsen ausgewirkt.

Wer könnte diese Rolle nun einnehmen? Beim Blick auf die internen Kandidaten, Bastian Reinhardt und David Rozehnal, komme ich unweigerlich zu einem Kopfschütteln. Mal kann diese Variante vielleicht gut gehen, aber auf Dauer ist sie meines Erachtens ungeeignet. Ups – fast hätte ich Alex Silva vergessen, den der HSV nach Brasilien zum FC Sao Paulo verliehen hat. Ein Freund von mir hat ihn erst kürzlich in Brasilien spielen gesehen und mir von einem guten Auftritt des Innenverteidigers erzählt. Als er von Boatengs Abgang hörte, sagte er spontan zu mir: „Dann müssen sie ja nur Alex Silva wiederholen, der spielt die Rolle vielleicht sogar noch etwas besser, weil konstanter!“

Ich traue meinem Freund zwar eine fußballerische Bewertung zu, habe da aber doch so meine Zweifel. Silva ist in Hamburg ja nicht sportlich gescheitert, sondern vielmehr wegen seines Treibens abseits des Platzes. Da soll der Verteidiger nämlich einige brasilianische Fußballerklischees bestätigt haben, was ihm vom Vorstand sogar fast eine Abmahnung eingebracht hätte. Ob das Tischtuch in diesem Fall zerschnitten ist, kann ich – ehrlich gesagt – nicht sicher sagen. Ich habe aber gehört und ja vor einiger Zeit auch schon mal geschrieben, dass der HSV-Vorstand Silvas Berater beauftragt hat, einen neuen Verein für den kopfballstarken und schnellen Abwehrmann zu finden. Das würde die Personallücke dann allerdings nicht schließen. Aber vielleicht denken die Klubbosse nach der Boateng-Entscheidung noch einmal um. Für diesen Fall sollten sie sich auf den Weg nach Brasilien machen und einfach mal ein offenes Gespräch mit ihrem Spieler führen. Wer weiß, vielleicht hätte sich die Boateng-Problematik dann sogar von selbst erledigt. Andernfalls ist die Scoutingabteilung, allen voran Michael Schröder, gefragt. Das Profil des gesuchten „Boa“-Nachfolgers ist eindeutig und dürfte die Angelegenheit auch für Spielerberater und ihren Drang der Angebotsunterbreitung einfacher machen.

Gesucht wird ein Spieler mit folgenden Eigenschaften:

- Sehr schnell
- Kopfballstark
- Rechtsfüßer
- Möglichst deutschsprachig
- Starkes Zweikampfverhalten
- Möglichst erstligaerfahren
- Charakterlich stabil
- Alter: 20-27 Jahre
- Nicht verletzungsanfällig
- Ablöse: unter fünf Millionen Euro

Dieses Profil dürfte manchen der genannten Typen bereits aus der Kandidatenliste katapultieren. In Sachen Christoph Metzelder glaube ich, dass das Geschwindigkeitsniveau das entscheidende Ausschlusskriterium sein dürfte – von der Verletzungsanfälligkeit ganz zu schweigen. Gladbachs Dante käme da eher in Betracht, zumal die Borussen ja kürzlich erst einen neuen Brasilianer aus Düsseldorf verpflichtet haben. Mats Hummels würde vielleicht auch passen, aber der Dortmunder ist zu teuer. Beim Namen Höwedes hege ich eigentlich erst Zweifel, seitdem ich die Ablösevermutungen kursieren höre. Fünf bis zehn Millionen Euro (was ist das überhaupt für eine Spanne?!?) werden da gehandelt – das ist dann doch etwas happig, finde ich.

Nun gut, dabei belasse ich es vorerst in Sachen Personalspekulation. Vom Training hat mir heute wieder mein Kollege Christian Pletz berichtet. Und zwar, dass ein ziemlich kalter Wind wehte, dass es eine Mini-Hiobsbotschaft gab (schon wieder, wenn er draußen ist) und dass jede Menge Zuschauer da waren.
Vorweg die schlechte Nachricht: Mladen Petric hat die Einheit wegen einer Adduktorenzerrung vorzeitig beendet. Er hatte wegen einer entsprechenden Reizung eigentlich ohnehin nicht mitwirken wollen, stieg aber wegen der sportlichen Bedeutung für die letzten Wochen doch ein – und stapfte schließlich sichtlich frustriert vom überragenden Trainingsrasen. Fürs Wochenende sieht es schlecht aus. Aber noch ist sein Ausfall nicht besiegelt.

Um Ruud van Nistelrooy, der eine Einheit im Kraftraum abspulte, muss sich Bruno Labbadia glücklicherweise keine Sorgen zu machen. Der Niederländer hält sich mit einem Spezialprogramm in Schuss, damit er Woche für Woche trotz seiner vorherigen langen Spielpause mitwirken kann. Marcus Berg bekam einen kleinen Schlag im Training ab, mischte ansonsten aber auffällig munter mit (da könnte sich ein baldiges Tor des Schweden anbahnen…).

Labbadia ließ erst zwei gegen zwei, dann drei gegen drei und später fünf gegen fünf mit Außenanspielern trainieren – intensiv und gut, was auch die Trainingsgäste Otto Addo (beginnt demnächst seine A-Lizenz als Trainer) und Marco Bode (drehte für seine TV-Kindersendung) sahen. Einzig Tunay Torun wirkte aus der Stammelf defensiv etwas „angeschlagen“, leistete sich ebenso wie Paolo Guerrero beim drei gegen drei einige klägliche Abwehrfehler, die prompt zu Gegentoren und zum Unmut der Teamkollegen führten. Und Dennis Aogo hatte beim drei gegen drei einen Minuten-Blackout mit direkter Vorlage für den Gegner und Eigentor, ansonsten war der Linksverteidiger aber wieder auf der Höhe.

Das war es erst einmal von mir. Ich bin gespannt auf weitere Personalvorschläge für die Boateng-Nachfolge.

17:25 Uhr