Tagesarchiv für den 12. April 2010

Die Kritik am “großen Ze”

12. April 2010

„Er nähert sich langsam wieder seiner Bestform.“ Das hat mein Kollege Marcus Scholz in der Einzelkritik über Ze Roberto nach dem 2:1-Sieg in Bochum geschrieben. Auch ich hatte den Brasilianer gut gesehen, aber leider teilten viele „Matz-abber“ meine Ansicht nicht. Denjenigen, die Ze Roberto eine gute Leistung absprachen, tut er noch lange nicht genug. Das mag ja auch stimmen, dennoch bin ich der Ansicht, dass es seit einigen Tagen wieder stetig bergauf geht mit dem „großen Ze“.

Zugegeben: Die spektakulären Dinge, die er zu Beginn der Hinrunde zeigte, die ihn in meinen Augen zum besten Hamburger Spieler der ersten Halbserie werden ließen, die hat er noch nicht wieder drauf, aber dennoch spielt er gut. Oder auf jeden Fall solide. Ein Kollege von mir formulierte es während einer Trainingseinheit in der vergangenen Woche einmal so: „Ich glaube, Ze hat wieder mehr Lust auf den HSV bekommen.“ Auch da könnte durchaus etwas dran sein.

Für mich ist Ze Roberto deswegen gut und so besonders wertvoll, weil er Dinge beherrscht, die kaum ein anderer dieser HSV-Mannschaft kann. Er ist fast immer anspielbereit, er verteidigt den Ball durch und mit seiner brillanten Technik, er läuft sich geschickt frei wie „Schmidtchen Schleicher“, er kann auf engstem Raum eins, zwei, drei Leute aussteigen lassen, und er spielt den Ball in den meisten Fällen auch sauber ab. Für mich ist auch auffällig, wie er immer dann in die Bresche springt, wenn die Nebenleute nicht mehr wissen, wohin sie mit dem Ball sollen. Oft kommt dann in allerletzter Sekunde ein Verlegenheitsabspiel auf Ze Roberto, und der soll es dann richten. Oft macht er es dann auch noch. In den ersten Monaten dieses Jahres hat er allerdings viel zu oft in die Breite gespielt, nun, und das ist ganz auffällig geworden, spielt er die Kugel auch einmal steil, schickt er seine Mitspieler mit klugen Pässen in die Gasse. Vielleicht fehlt ihm auch nur ein Tor, um in Sachen Selbstvertrauen wieder bei 100 Prozent zu sein.

Es ist, wie gesagt, in diesem Jahr kaum ein spektakuläres „Ding“ in seinem Spiel, aber das was er macht, das hat fast immer Hand und Fuß. Und, was ganz entscheidend ist, er macht genau das, was gemacht werden muss. Er ist ein absoluter Instinkt-Fußballer, der sich zu 99 Prozent immer für das Richtige entscheidet. Ganz nebenbei hat er zuletzt in Lüttich zwei der drei Tore vorbereitet, und er hat auch den 2:1-Siegtreffer in Bochum vorgelegt – egal, ob nun van Nistelrooy oder ein Bochumer der Schütze war (wir wissen ja, wer es war!). Und auch in dieser letzten Szene hat er erkannt, was zu machen ist. Ein anderer Mitspieler hinter oder neben Piotr Trochowski hätte vielleicht nur zugeschaut, was der deutsche Nationalspieler mit der Kugel nun vor hat, aber Ze Roberto überholte „Troche“ und bot ihm damit eine weitere Möglichkeit an, den Ball abzuspielen. Das war perfekter Fußball.

Wer aber darauf hofft, dass Ze Roberto nun wieder so auftrumpft, wie zu Beginn dieser Saison, der wird wohl vergeblich darauf warten. Von Mitte November bis fast Ende Februar hat der 35-jährige Brasilianer verletzungsbedingt gefehlt, und eine solche lange Pause ist besonders einem solchen Alter nicht so mir nichts dir nichts zu verkraften. Mit anderen Worten: Ze Roberto läuft seiner besten körperlichen Konstitution immer noch hinterher – und das wird sich wohl auch bis zum Ende dieser Spielzeit nicht ändern, oder auch nur kaum ändern. Dennoch behaupte ich: Ein Ze Roberto ist selbst mit nur 70, 80 oder 90 Prozent ein immens wichtiger Bestandteil dieser Mannschaft, er ist für mich unverzichtbar. An die nächste Saison, wenn der HSV dann eventuell ohne ihn spielen müsste (trotz noch laufenden Vertrags trägt sich Ze ja mit Abwanderungsgedanken), mag ich noch gar nicht denken.

Ein anderes Thema: Paolo Guerrero. Wenn ich das richtig mitbekommen habe, dann wurde bei „Sky“ im Anschluss an diesen Spieltag auch über den Flaschenwurf des Peruaners diskutiert. Und, wenn ich auch das dann richtig geschnallt haben sollte, dann haben die Experten ihn fast alle in Schutz genommen. Aus meiner Sicht kann ich nur sagen: „Das ist auch gut so!“

Deswegen kann ich auch nachvollziehen, dass der HSV Widerspruch gegen die Fünf-Spiele-Sperre des HSV-Sünders eingelegt hat. Mein Freund Peter, ein Freund der Nationalmannschaft, hat mir aus dem Westen der Republik einen, nein seinen Grund für eine Begnadigung genannt: „Alle Fußball-Verbände dieser Welt gehen gegen Rassismus vor, sie schmiedeten und schmieden immer noch die besten Werbetexte für die absolute Gleichheit auf dem Fußballplatz. Und nun hat ein Zuschauer einen Spieler derart hässlich beleidigt, dass es zu einem solchen Eklat kam. Der Spieler hat sich in meinen Augen nur gewehrt. Und jeder sollte sich einmal hinterfragen, wie er wohl reagieren würde, wenn er von einem wildfremden Menschen plötzlich mit Hurensohn beschimpft werden würde. Was dann? Die Ruhe bewahren? Herzlichen Glückwunsch, wenn man das kann, aber in der Regel würde es doch ähnlich laufen wie im Fall Guererro. Ich plädiere jedenfalls eindeutig für eine geringere Strafe. Und ich wäre auch dafür, dass der pöbelnde Zuschauer rechtlich belangt wird – anders kann das in meinen Augen gar nicht laufen.“ Peter fügte dann noch hinzu: „Ich bin beruflich oft in Südamerika unterwegs, ich weiß, dass das Wort Hurensohn dort die schlimmste Beleidigung ist, die man einem Menschen nur antun kann.“

Ich bin voll Deiner Meinung, Peter, und nun hoffen wir, dass sich das DFB-Sportgericht dem auch anschließen wird. Allein mir fehlt der Glaube.

Ein anderes Thema ist in diesen Tagen Ruud Van Nistelrooy. Er soll in die „Box“, aber dort taucht er viel zu selten auf. Weil er andere Dinge auf dem Rasen verrichten soll – und muss. Ich habe „Van the man“ auch wieder in Bochum oft in der eigenen Hälfte „herumturnen“ sehen, weit hinter dem Anstoßkreis sogar. Immerhin hat er es aber doch noch einige Male bis in den VfL-Strafraum (der „Box“) geschafft, und so fiel ja dann auch der Siegtreffer in der 88. Minute. Zur neuen Saison sollte sich der HSV überlegen, wie er mit diesem „Problem“ umgehen will. Ich teile durchaus die Einstellung vieler, dass sich van Nistelrooy besser nur in der Spitze bewegen sollte. Ansonsten büßt er durch seine langen Läufe viel, viel Kraft und Kondition ein, was dazu führen könnte, dass er das Tor nicht mehr trifft – weil die Konzentration flöten gegangen ist.

Aber das ist auch ein Frage des Systems, das der HSV spielt: Zwei Sechser, zwei Außenspieler, zwei Spitzen. Van Nistelrooy schlüpft, ob gewollt oder ungewollt, ein wenig in die verwaiste Position der „Zehn“, er schleppt Bälle nach vorne, er behauptet die Bälle gekonnt, und er verteilt sie (gelegentlich) auch an die Mitspieler. Diese „Zehn“ aber gibt es schon lange nicht mehr, die ist schon seit geraumer Zeit auf viele Schultern verteilt – nicht nur beim HSV. Wohl auch deshalb, weil es „den“ Zehner, so wie er einst von Günter Netzer oder auch von Wolfgang Overath interpretiert wurde, im heutigen Fußball kaum noch gibt. Und: Dass Ruud van Nistelrooy von einigen von Euch als „egoistischer Torjäger“ eingestuft wurde, das mag wohl zutreffen, aber jeder Trainer der Welt würde das auch so sagen – und seinen Stürmer gewähren lassen. Sonst wäre er (van Nistelrooy) ganz sicher nicht eine solche „Granate“ unter den Welttorjägern geworden.

Übrigens, ganz am Rande: Beim HSV war heute zwar Ruhetag, aber auf dem Rasen am Volkspark ging es trotzdem rund. Paolo Guerrero und Tomas Rincon trainierten – und auch der FC Augsburg, der sich auf das Spiel am Millerntor vorbereitete. Hat wohl der ehemalige HSV-(Ausleih-)Spieler Marcel Ndjeng vermittelt.

18.49 Uhr