Tagesarchiv für den 9. April 2010

Labbadias Befreiungsschlag

9. April 2010

Es war ein Triumph für den HSV, dieser 3:1-Sieg im Viertelfinale der Europa League bei Standard Lüttich. Und es war auch ganz persönlich ein Triumph für den Trainer. Für Bruno Labbadia war in der Nacht nach dem Spiel die Zeit der Abrechnung gekommen. Alles das, was er in den zurückliegenden Wochen in sich hatte rein fressen müssen, weil die Ergebnisse und die Leistungen seiner Mannschaft nicht mehr gestimmt hatten, das musste nun raus. Labbadias Befreiungsschlag. Er fuhr ordentlich auf, keine Frage. Er sagte solche wohlklingenden Sätze wie diesen: „Man hatte in letzter Zeit das Gefühl, dass wir auf Platz 18 der Liga stehen. Keiner hat gemerkt, dass wir das Viertelfinale der Europa League erreicht haben. Eigentlich müsste ich sagen: Die größte Krisenmannschaft Deutschlands steht im Halbfinale – so werden wir dargestellt.“ Harter Tobak.

Hoffentlich rächt sich dieser Vorstoß nicht schon am Sonntag. Wenn der HSV in Bochum verlieren sollte, dann könnte Bruno Labbadia von seinen eigenen Sätzen ganz leicht überholt werden. Vorerst kann er diesen Triumph genießen, keine Frage, denn der HSV lieferte in Lüttich eine taktische Meisterleistung ab. Die von dem vorher oft so glücklosen Trainer angeordnet worden war. Kompliment der Mannschaft, Kompliment Bruno Labbadia. Der nach dem Sieg festgestellt hatte „Die Mannschaft hat das grandios gemacht. Sie hat das umgesetzt, was wir uns vorgenommen haben. Wir haben den Ball laufen lassen, abgezockt gespielt, taktisch die Räume zugestellt – ein sehr gelungener Auftritt mit tollen Toren.“
Frage: „Wie war dieser Leistungsaufschwung möglich?“

Warum nicht immer so, HSV? Diese Frage könnten die Fans erneut stellen, denn schon nach dem Hinspiel gegen Lüttich hatten alle erhofft, dass der HSV gegen Hannover 96 ähnlich gut spielen würde – und dann kam eine solche Minusleistung dabei heraus, die es schon seit vielen, vielen Jahren nicht mehr (in der Form) gegeben hatte. Der Trainer aber rechtfertigt das letzte Auftreten seiner Mannschaft in der Bundesliga wie folgt: „Dass wir nicht konstant solche Leistungen abrufen können, ist doch klar. Es werden ja gar nicht die Gründe berücksichtigt, die zu diesen Schwankungen geführt haben. Was mussten wir in der Vergangenheit alles durchmachen, wenn ich die lange Verletztenliste betrachte?“

Das Rückspiel in Lüttich war auch für Labbadia von immenser Wichtigkeit. Hätte er verloren, wäre die Kritik an ihm noch viel heftiger geworden, als sie ohnehin schon ist. Er kommentierte diese Kritik nach dem Sieg in Lüttich: „In letzter Zeit hatte man ja den Eindruck, dass der Trainer ein Blinder ist. Ich stehe im Halbfinale, letztes Jahr stand ich mit Leverkusen im DFB-Pokal-Finale. Das treibt mich an. Ich werde mich dem Druck nicht beugen und weiter vorangehen. Die Situation ist für mich neu, aber ich nehme viel davon mit.“ Er steht im Halbfinale. Gut zu wissen. Aber sicher auch ein triftiger Grund, dem Trainer zu gratulieren. Er dürfte sich Luft verschafft haben. Und genau deshalb genießt er die nächsten Stunden auch ganz sicher. Von dem Druck, der auf ihm lastete, hat er sich (erst einmal) befreit. Er sagt zu dieser Belastung: „Alles das, was an Druck von außerhalb läuft, ist unschön. Leider springen auch unsere eigenen Leute, die Fans, drauf. Das ist das Enttäuschende, weil wir ein sehr gutes Zusammenspiel zwischen unseren Fans und der Mannschaft hatten.“

Es war ihm deutlich anzumerken, dass er diese Sätze, diese Einschätzung dringend loswerden wollte. Ich weiß nur nicht, wie sie „draußen“ ankommen werden. Und auch „drinnen“, denn das sei auch noch einmal zur Erinnerung (auch des Trainers) geschrieben: Seit Wochen zählt Bernd Hoffmann schon die sieglosen Bundesliga-Auftritte seiner Mannschaft, seines HSV, laut mit. „19 Spiele, fünf Siege“, hieße es vor Wochen aus dem Munde des HSV-Chefs. Inzwischen musste er schon vorzählen: „21 Spiele, fünf Siege.“ Und in Bochum? Herr Hoffmann hat sicher nicht nur deswegen laut gezählt, weil er damit den Statistikern unter uns auf die Sprünge helfen wollte, sondern wohl auch deshalb (so deutet ich es jedenfalls), weil er mit dieser für den HSV sehr mageren Bilanz nicht so unbedingt zufrieden war . . .

Der HSV, auch das sei noch einmal kurz in Erinnerung gerufen, hatte nach dem letzten Spieltag der vergangenen Saison Platz fünf inne. Fünf. Und der HSV hat seinem neuen Trainer zu Saisonbeginn eine neue Mannschaft zur Verfügung gestellt, die außer Ivica Olic kaum einen anderen namhaften Spieler verloren hatte, die aber dafür mit Verstärkungen, die über 30 Millionen Euro gekostet haben, aufgeforstet worden war. Natürlich habe ich nicht vergessen, dass der HSV von einer unheimlichen Verletzungsmisere heimgesucht worden war, aber trotz dieser Misere stand der HSV zur Winterpause noch in Reichweite der Tabellenspitze. Und trotz dieser riesigen Misere hatte der HSV in der Herbstserie teilweise grandiosen Fußball gespielt, stand sogar sechs Mal auf Platz eins. Wie konnte das trotz dieser Misere überhaupt geschehen? Und wieso gab es in diesem Jahr diesen Absturz, obwohl fast alle Spieler wieder dabei sind?

Selbstverständlich sind nicht alle einst verletzten Stammspieler schon wieder bei 100 Prozent. Und natürlich ist darin auch ein Grund zu sehen, warum es nicht so lief, wie von vielen (Fans, Vorstand, Trainer und Mannschaft) erhofft – vielleicht auch erwartet. Aber dass eine ersatzgeschwächte HSV-Elf lange Zeit oben, ganz oben, dran war, und nun eine namhaftere Elf eben oben nicht mehr dran ist, das sollte doch jedem, auch dem Trainer zu denken geben. Oder liege ich damit so falsch?

Es sind nicht nur die Verletzungen, die den HSV 2010 zurückgeworfen haben, ganz sicher. Und ebenso sicher ist auch, dass es Fehler gegeben hat. Ich habe bereits vor Wochen über diese Fehler geschrieben, werde das nicht mehr wiederholen. Ich setze meine Hoffnungen nur noch in den Vorstand um Bernd Hoffmann, der diese Saison nach dem 12. Mai ganz genau analysieren wird. Dann steht auch fest, wo der HSV tatsächlich gelandet ist. Auf Platz 18, so wie zurzeit von Bruno Labbadia (Achtung: Sarkasmus!) gefühlt? Platz zehn? Oder Platz sechs? Oder doch noch besser? Auch das noch einmal zur Erinnerung: Stagnation, Mittelmaß oder gar Rückschritt wird ein Bernd Hoffmann nicht dulden – und auch nicht ohne Aktionen (Sanktionen?) von seiner Seite aus hinnehmen.

Noch einmal kurz zurück zum HSV-Auftritt in Lüttich. Über den glanzvollen fußballerischen Auftritt, der die Handschrift von Bruno Labbadia trug, ist genug geschrieben worden. Was mich zudem begeisterte: Das 3:1-Tor von Paolo Guerrero. Nicht der Treffer an sich, sondern das, was danach stattgefunden hat. Einer der ersten Gratulanten des Peruaners war David Jarolim. Der Kapitän herzte und „knuddelte“ ihn, dann rief er mit einer mächtigen und rudernden Armbewegung alle Teamkollegen zu Mitfeirn zu sich – und alle kamen. Das war ebenfalls großartig und auch bemerkenswert. Mehr Teamgeist geht nicht.

Guerrero jedenfalls hat es mächtig gefreut, wie er selbst bekannte: „Eine tolle Geste, die mir bewiesen hat, dass die Kollegen zu mir halten, dass sie mich unterstützen und dass sie mir auch vertrauen. Wir hatten uns nach dem schlechten Hannover-Spiel zusammengesetzt und gesagt, dass wir enger zusammenrücken müssen – und das ist nun geschehen.“ Und jeder konnte es sehen. Damit aber hat der HSV nur noch einmal mehr gezeigt, was er leisten kann, wenn er will. Am Sonntag in Bochum muss es ganz einfach eine Wiederholung dieser guten Lüttich-Vorstellung geben, wenn die Labbadia-Mannschaft nicht (ein weiteres Mal) unglaubwürdig werden will. Und von einem Abschenken eines guten Bundesliga-Platzes, so wie es hier schon gelegentlich diskutiert wurde, halte ich nun überhaupt nichts. Der HSV sollte nicht nur in der Liga Gas geben, er muss es (in meinen Augen) sogar, denn diese Mannschaft wurde einst so zusammengestellt, damit sie auf so vielen Hochzeiten wie nur möglich tanzen kann. Der HSV steht in Sachen Etat in der Bundesliga an zweiter oder dritter Stelle, damit erwartet werden, dass er sowohl in der Liga als auch in der Europa League gute und beste Leistungen abruft, abrufen kann.

Übrigens: Der HSV wird gegen die DFB-Bestrafung (fünf Spiele gesperrt) von Paolo Guerrero Widerspruch einlegen. Und: Über eine mögliche Vertragsverlängerung des Peruaners in Hamburg sagte Bernd Hoffmann: „Wir bündeln jetzt alle Kräfte für die verbleibenden fünf Wochen und die Ziele, die wir erreichen können und wollen. Bis dahin ruhen die Gespräche auch die mit Paolo Guerrero. Es gilt dann für uns, das Gesamtpaket zu bewerten.“ Der Stürmer sagt zu diesem ewigen Thema: „Ich fühle mich im Verein und in der Stadt sehr wohl, ich würde sehr gerne dort bleiben, wo mich die Menschen mögen . . .“

Und um in Sachen Reglement auch das noch abzurunden: Mögliche Triumphe des deutschen Rekordmeisters Bayern München und des HSV im Europapokal hätten nur in Ausnahmefällen Einfluss auf die Startplätze der Bundesliga für die europäischen Wettbewerbe in der kommenden Saison, schreibt der Sport-Informationsdienst. Weiter: Sollten die Bayern die Champions League gewinnen, bekäme die Bundesliga nur dann einen weiteren Platz in der Königsklasse, wenn der Bundesliga-Spitzenreiter noch auf den vierten Platz abrutschen sollte. Wahrscheinlicher ist momentan die Variante, dass die Bundesliga im Falle eines Europa-League-Triumphes des HSV in diesem Wettbewerb einen zusätzlichen Startplatz erhält. Das wäre dann der Fall, wenn der HSV noch aus den ersten sechs Plätzen rausfallen würde.

17.12 Uhr