Tagesarchiv für den 8. April 2010

Halbfinale! Ein Klasse-Sieg!

8. April 2010

Der HSV hat es geschafft! Jawoll! Super! Der HSV hat die Hölle von Lüttich mit einer absoluten Klasse-Leistung gemeistert, hat beim belgischen Meister Standard Lüttich souverän mit 3:1 gewonnen und steht zum zweiten Male in Folge im Halbfinale der Europa League. Es geht nun nach England, denn Fulham schaltete etwas überraschend den VfL Wolfsburg aus. Dickes Kompliment aber an die Hamburger, das war der HSV, wie ihn jeder Fan sehen will: Konzentriert, engagiert, willensstark, einsatzstark, fußballerisch hervorragend und mit der richtige Portion Leidenschaft. Der Traum vom Finale im eigenen Stadion am 12. Mai darf weiter geträumt werden.

Die erste Überraschung gab es bereits vor dem Anpfiff. Piotr Trochowski oder Tunay Torun? Robert Tesche! Auf die Idee sind nur herzlich wenige gekommen, aber Bruno Labbadia hatte diesen Geistesblitz. Weil Tesche kopfballstark ist. Kann man so sehen, die Entscheidung war okay – ja noch mehr, die Entscheidung war richtig. Der HSV war, wie zuletzt beim Spiel in Anderlecht, dominierend, kontrollierte das Spiel scheinbar mit einer vorher niemals geahnten oder gedachten Leichtigkeit. Von einem Sturmlauf der Belgier nichts zu sehen, nicht einmal einen Hauch davon war erkennbar. Und dann nützt auch kein Hexenkessel, denn bei aller guten oder auch hervorragenden Stimmung auf den Rängen – Fußball gespielt werden muss ja auch ein bisschen, und da hatte Standard nicht so viel zu bieten.

Auffällig beim HSV von Beginn an: David Jarolim holte und erkämpfte sich unheimlich viele Bälle, und vorne bewegte sich Mladen Petric ganz ausgezeichnet. Er lief viel (!), bewegte sich schnell, hielt klug die Bälle und störte die Standard-Abwehrspieler bei ihren Versuchen, das Spiel aufzubauen. Und eine solche Leistung wurde dann auch sofort belohnt. Ze Roberto eroberte sich auf der Linksaußen-Position einen Ball, seine Flanke wurde abgefälscht, deswegen hatte Standard-Torwart Bolat große Schwierigkeiten, die Kugel abzufangen, er kam nicht an den Ball – aber Petric. Der köpfte aus vier Metern mühelos ein (19.). Sein viertes Tor in diesem Europa-League-Wettbewerb.

Auffällig weiterhin beim HSV: Jonathan Pitroipa lief sich bei seinen Dribblings oft fest. Der Wirbelwind hatte im Hinspiel das Spiel seines Lebens abgeliefert, das hatten die Belgier nicht vergessen, sie doppelten ihn ständig. Und wenn „Piet“ nicht gedoppelt wurde, dann wurde er kurzerhand umgetreten. Da waren schon einige robuste Belgier unterwegs, die dem Mann aus Burkina Faso mit Härte den Schneid abkaufen wollten (und wohl auch sollten). Unübersehbar auch, dass Dennis Aogo in der Anfangsphase einige Schwächen im Duell Mann gegen Mann offenbarte. Aber er fing sich bald und gab sich dann kaum noch eine Blöße. Gut von ihm auf jeden Fall diesmal die Standards, da war kein „Rohrkrepierer“ dabei – oder doch; einer.

Standard Lüttich hatte aber zunächst kaum einmal gefährliche Situationen vor dem HSV-Tor zu bieten. Und erst in der 29. Minute gab es die erste richtig gute Möglichkeit für die Belgier. Nach einem Freistoß, fast bin ich gewillt, natürlich anzufügen, kam Mbokani völlig frei zum Kopfball (aus acht Metern), aber Frank Rost hielt. Diese Art der Warnung aber wurde auf Hamburger Seite nicht richtig wahrgenommen. Sekunden später erneut ein Freistoß auf der halbrechten Seite. Pocognoli brachte den Ball in den HSV-Strafraum, und dort köpfte De Camargo aus drei Metern ein. Aus dem Gedränge heraus, und obwohl Jerome Boateng, Guy Demel und Ruud van Nistelrooy dabei waren, diesen Kopfball zu verhindern. Ich denke, es war van Nistelrooy, der den Torschützen aus dem Augen gelassen hatte, aber: Erstens war der Freistoß, angeblich von Ze Roberto verursacht, keiner, und zweitens standen bei diesem 1:1 gleich drei Belgier im Abseits – auch und sehr wohl De Camargo. Da hatte das portugiesische Schiedsrichtergespann schön geschlafen (32.).

War es nach dem 0:1 im Hexenkessel merklich leiser geworden, so war es nun mit einem Male – selbstverständlich – wieder sehr laut. Allerdings: Die fantastischen HSV-Fans waren immer zu hören, sie machten ständig Alarm. Bravo! Erst recht natürlich nach dem zweiten Petric-Tor. Was für ein Treffer! Weltklasse! Alles spricht von Lionel Messi, aber von diesem Petric-Tor wird ganz sicher auch rauf und runter gesprochen werden – und zwar in ganz Europa. Mindestens. Linksflanke von Aogo, der sich kraftvoll behauptet hatte, und in der Mitte lag plötzlich Mladen Petric wie einst Uwe Seeler in der Luft: Mit dem Rücken zum Tor, mit dem Rücken zum Rasen – und dann dieser Fallrückzieher. Ein sensationelles Tor. Und was machte Petric? Der jubelte keineswegs euphorisch, er lief eher in sich gekehrt zu Aogo, um sich für die Flanke zu bedanken. So kann Mann einen Weltklasse-Treffer natürlich auch feiern.

Danach war es im Hexenkessel wieder ein wenig leiser, aber einige Zuschauer, ich will nicht von Fans reden, drehten völlig durch. Erst wurde der Torrichter von einem Feuerzeug am Kopf getroffen, dann segelten Frank Rost diese Dinger ebenfalls in lockerer Folge um die Ohren. Unmöglich. Das werden ganz sicher sehr, sehr teure Feuerzeuge für den belgischen Meister Standard Lüttich. Bevor der Torrichter getroffen wurde, hatte schon Boateng bei einer Behandlung außerhalb des Rasens ein fliegendes Feuerzeug aufgesammelt, aber da nahm noch niemand davon Notiz.

In der Nachspielzeit ging es dann noch einmal richtig hoch her – im HSV-Strafraum. Nach einem Freistoß! Frank Rost stieg mit Victor Ramos zum Luftduell auf, beide landeten recht unsanft aufeinander – und begannen eine kleine Rangelei. Rost wurde im Anschluss daran von De Camargo umgeschubst, doch Gelb gab es nur für den Keeper und für Ramos. Obwohl der Torrichter die Tätlichkeit des Standard-Kapitäns De Camargo hätte sehen müssen. Wozu stehen diese „Artisten“ eigentlich dort, wenn sie dann doch nichts erkennen? Unfassbar.

Ein Wort noch zu Schiedsrichter Proenca. Ich hatte den Eindruck, dass er einen leichten Hang zur Heimmannschaft hatte. Klasse aber war eine Aktion von ihm, die zwar gegen den HSV ging, die er aber genau richtig machte: Robert Tesche hatte gefoult, der Unparteiische ließ Vorteil gelten – und zeigte dem Hamburger über zwei Minuten später (bei der ersten Spielunterbrechung) die Gelbe Karte.

In der zweiten Halbzeit kamen noch Paolo Guerrero für den angeschlagenen Petric (66.), zudem Trochowski für Pitroipa (76.) und Marcus Berg (vergab noch eine fast Hundertprozentige) für van Nistelrooy. Drei Ein- und Auswechslungen für die Statistiker. Der HSV war im zweiten Durchgang stets Herr der Lage, er hielt den Ball, ließ ihn lange durch die eigenen Reihen laufen, das sah teilweise aus wie im Training. Und es war auf jeden Fall auch eine absolute Klasse-Leistung der Labbadia-Mannschaft.

Beim HSV war Mladen Petric mit seinen Toren der herausragende Mann. Eine Klasse-Leistung zeigte auch David Jarolim, der viele Pässe der Belgier erahnte, der zudem auch enorm viel lief, die Bälle hielt und klug verteilte. Gute Noten haben sich die beiden Innenverteidiger Boateng und Joris Mathijsen verdient, beide spielten sicher und solide. Rechts bot Guy Demel eine ansprechende Leistung, es scheint wieder bergauf mit ihm zu gehen. Tesche erfüllte seine Aufgabe absolut zufrieden stellend, und Ze Roberto hatte diesmal mehr Licht als Schatten zu bieten. Vorne ackerte van Nistelrooy wie zuletzt sehr emsig, ging weite Wege (zurück), strahlte aber keine Torgefahr aus. Eben genau deswegen, weil er so viel lief?

Zum Schluss wurde teilweise Hacke, Spitze, eins, zwei, drei gespielt, absolut souverän. Und die Fans sangen dazu: „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins.“ Ein wunderschöner HSV-Abend in Lüttich. Auch für Paolo Guerrero, der in der vierten Minute der Nachspielzeit noch das 3:1 erzielt. Auch eine unglaubliche Geschichte: Erst der Tiefpunkt mit dem Flaschenwurf, dann die Vorverurteilungen und die echten Strafen, nun dieses Tor! Solche Geschichten schreibt nur der Fußball. Und sollte, auch wenn ich damit nun etwas Wasser in den Wein kippe, denjenigen HSV-Fans zu denken geben, die wegen Guerrero, diesem Paolo Guerrero nicht mehr ins Stadion kommen wollten. Sollten alle noch einmal überdenken.

23.12 Uhr

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