Tagesarchiv für den 7. April 2010

Trochowski oder Torun?

7. April 2010

Spielt Paolo Guererro morgen in Lüttich, oder spielt er nicht? Im Prinzip ja, nur könnte ich mir vorstellen, dass Bruno Labbadia mit dem Sturm-Duo Ruud van Nistelrooy/Mladen Petric beginnen wird. Und wer von den beiden Torjägern dann am schnellsten keine Kraft mehr hat (beide können nicht bei 100 Prozent sein), der dürfte dann wohl den Platz für Guerrero frei machen. Dass der Peruaner überhaupt dabei ist, nervt oder schockt zwar einige HSV-Anhänger, aber für mich ist das ganz logisch, denn: Der HSV hat den Flaschenwerfer vom Volkspark nicht vor die Tür gesetzt, dieses “Urteil ist bereits rechtskräftig”, obwohl es aus allen Ecken (und Kanten) vehemente Forderungen für eine Sperre oder für einen Rausschmiss gab – also gehört Guerrero zur Mannschaft und darf, ganz logisch, auch eingesetzt werden. Wo ist das Problem? Ich erkenne es nicht wirklich. Und wer von Euch, die Ihr alle HSV-Fans seid, möchte denn schon eine Guerrero-Sperre durch die Hintertür? Es geht hier um Profi-Sport. Soll sich der HSV etwa selbst schwächen?

Wäre Guerrero vom HSV gesperrt worden und würde dann der Klub aus der Europa League ausscheiden, dann gäbe es mit Sicherheit auch ein riesiges Geschrei, wieso der HSV so amateurhaft sein konnte, Paolo Guerrero zu sperren. . .

Gespannt bin ich, in einer anderen Sache. Ich frage mich, ob sich der Trainer in einem so eminent wichtigen Spiel dazu entschließen kann, den international erfahrenen Piotr Trochowski von Beginn an zu bringen, und nicht, wie zuletzt, den international doch noch einigermaßen unerfahrenen Tunay Torun. Gegen den, das möchte ich noch einmal betonen, ich überhaupt rein gar nichts habe, im Gegenteil, ich würde mich freuen, wenn dem talentierten Torun der ganz große Durchbruch schon in den nächsten Wochen gelingen würde. Ich will es einmal mit den Worten von Bruno Labbadia formulieren: Ich möchte nicht, dass der Coach sich gegen Tunay Torun entscheidet, sondern ich möchte, dass sich der Trainer für Piotr Trochowski entscheidet. Klingt doch gut, oder?

Hoffentlich wird es auch gut. Zu Trochowski fallen mir da spontan zwei Dinge ein. Ihm wurde von einigen von Euch vorgeworfen, beim Spiel in Mönchengladbach schlecht gewesen zu sein („Gar nicht zu sehen war er“). Meine Frage dazu: Wer vom HSV war in Gladbach schon gut? Wer war zu sehen? Auf diese Antworten bin ich mal gespannt. Und zu dem ewigen Thema, dass sich Trochowski bei den HSV-Trainern Thomas Doll, Huub Stevens, Martin Jol und Bruno Labbadia nicht durchgesetzt habe, hätte ich auch noch einen kleinen Beitrag beizusteuern.

Alle Menschen sind gleich, aber einige sind gleicher. Wer von Euch Fußball gespielt hat, weiß das nur zu genau. In einer Mannschaft gibt es immer einige, die etwas anders sind. Die muss man dann zu nehmen verstehen. Damit die Mannschaft funktioniert, damit sie ein Einheit ist, damit auch tatsächlich alle an einem Strang ziehen und alles auch für den Nebenmann geben.

Aus meiner Erfahrung möchte ich einmal einen solchen Fall schildern: Wir hatten in unserer Mannschaft (Landesliga) einen Mittelstürmer, der schnell mal gemault hat, wenn er keine Bälle bekam. Einige Male zog er sich auch zur Pause die Buffer aus, um uns damit zu sagen: „Mit euch Blinden spiele ich nicht mehr . . .“ Wir brauchten den Stürmer aber dringend, denn wenn alles okay war mit und bei ihm, dann schoss er Tore am Fließband. Eines Tages kam mein Trainer zu mir und sagte: „Lass’ uns mal eine Runde um den Platz drehen.“ Dabei eröffnete er mir, dass ich fortan nicht mehr Libero der Mannschaft war, sondern Linksaußen. Dabei hatte ich nur einen rechten Fuß!

Ich willigte trotzdem ein, denn ich tat es zum Wohle der Mannschaft. Vorne sollte ich dem Stürmer immer dann „Zucker“ geben, wenn er mal wieder maulte und den Kopf hängen ließ. Als unmittelbarer Nebenmann war ich natürlich viel schneller zur Stelle, als wenn ich von hinten nach vorne laufen müsste, um den Zucker zu bringen. Die Umstellung klappte hervorragend. Ich war Stürmer und Psychologe in einem, und ich schoss ebenfalls Tore ohne Ende – denn wenn der „Maulige“ mal schoss und am Torwart scheiterte, dann war ich als Abstauber zur Stelle. Der Trainer hatte also – zum Wohle des Teams – ein glückliches Händchen. Und: Er hatte sich Gedanken gemacht, wie man diese Problem in den Griff bekommt, ohne auf den oft „mauligen“ aber sehr oft auch großartigen Stürmer zu verzichten. Es ist alles eine Frage der Ansprache.

Warum ich das geschrieben habe? Alles eine Frage der Ansprache. Wenn man als HSV einen so hervorragenden Spieler wie Piotr Trochowski in den eigenen Reihen hat und man merkt, dass dieser Spieler seine unzweifelhaft großen Fähigkeiten nicht entsprechend umsetzen kann, dann muss man einen Weg finden, damit er es schafft. Ihr erinnert Euch an den Dienstantritt von Martin Jol? Das war nach der Europameisterschaft 2008. Trochowski hatte kein Spiel für die deutsche Mannschaft bestritten, hatte noch EM-Sonderurlaub. Trotz allem verkündete Jol im Trainingslager in Längenfeld immer wieder: Trochowski ist mein Mann, auf ihn setze ich. Und was passierte? Trochowski spielte die beste Hinrunde als Bundesliga-Profi. Danach allerdings, das werde ich ganz sicher nicht verschweigen, ging es wieder leicht bergab mit ihm, die Stammplatzgarantie war ihm nach nur sechs Monaten wieder genommen worden.

Weil die richtige Ansprache fehlte? Es wird mir beim HSV, und wahrscheinlich ist es auch bei den meisten anderen Mannschaften so, einfach zu viel „gleich gemacht“. Jeder Profi hat zu funktionieren, da machen die Trainer keine Unterschiede. Weil sie überfordert sind? Dass mal der eine oder andere Spieler doch eine besondere Ansprache braucht, das wird kaum oder gar nicht beachtet. Alle Spieler werden „gleich“ behandelt. Wenn ich aber der Trainer von Piotr Trochowski wäre, dann hätte ich erstens seine überragenden Fähigkeiten erkannt, und zweitens würde ich alles dafür tun, dass er diese Fähigkeiten zum Wohle der Mannschaft einsetzt. Ich würde jede Menge Einzelgespräche führen, denn allein die Tatsache, dass sich der Trainer um den Spieler besonders bemüht, gäbe Selbstvertrauen. Jenes Selbstvertrauen – und auch die dazu gehörige Rückendeckung – hatte Trochowski erhalten, als Martin Jol Trainer des HSV geworden war. Leider aber war das nach nur einem halben Jahr wie verflogen. Weil Jol zu enttäuscht über die (ausbleibenden?) Leistungen des Nationalspielers war? Ich weiß es nicht, aber wenn es so gewesen sein sollte, dann hätte er (und auch die anderen Trainer) sich nicht zu schade sein dürfen, um erneut viel durch Gespräche zu bewirken. Denn, ich habe es bereits geschrieben, nicht alle Spieler sind gleich.

Das wird auch Ruud van Nistelrooy wissen, der in seiner Karriere von vielen, vielen (Welt-)Stars umgeben war. Das war bestimmt nicht immer leicht. Für ihn nicht und auch für die jeweiligen Trainer nicht. Und trotz allem ist van Nistelrooy ein ganz normaler Mensch geblieben, der nun versucht, dem angeschlagenen HSV wieder auf die Sprünge zu helfen. Ob es ihm gelingen wird? Ich bin skeptisch, das gebe ich zu, denn noch lange nicht ist der Niederländer in jener körperlichen Verfassung, in der er für Manchester United und Real Madrid reihenweise Tore knipste. Und trotzdem hängt er sich eisern rein. Er will Erfolg, er will auch Erfolg für den HSV. Ich hätte dabei nie gedacht, dass van Nistelrooy schon in dieser Saison so viele Spiele für den HSV schaffen würde. Er selbst gibt zu: „Seit November 2008 hatte ich bis zum Wechsel zum HSV drei Spiele gemacht, nur drei Spiele, aber in den letzten zwei, drei Wochen waren es nun schon neun oder zehn. Das hatte ich mir zwar erträumt, aber ich hatte damit nicht gerechnet. Und deshalb bin ich froh, dass es so gut klappt – bis auf so kleine muskuläre Sachen wie die im Spiel gegen Hannover.“

Im Europa-League-Viertelfinalspiel am Donnerstag (21.05 Uhr) gegen Standard Lüttich ist er wieder dabei. Seine internationale Erfahrung und sein Image in Europa könnten (und sollen) dem HSV helfen, ins Halbfinale vorzudringen. Routine ist in solchen Begegnungen oft eine große Hilfe, ich hoffe darauf, dass Bruno Labbadia darauf setzen wird.

Zum Schluss wage ich einen Tipp, wie die HSV-Mannschaft in Belgien auflaufen könnte, aber ich weiß schon jetzt, dass ich damit ganz sicher keine elf Richtigen haben werde – es ist schon Tradition:

Frank Rost – Guy Demel, Jerome Boateng, Joris Mathijsen, Dennis Aogo – David Jarolim, Ze Roberto – Piotr Trochowski, Jonathan Pitroipa – Ruud van Nistelrooy, Mladen Petric. Allerdings, das gebe ich zu bedenken, steht hinter dem Einsatz von Joris Mathijsen noch ein kleines Fragezeichen, denn der Niederländer leidet noch unter Adduktorenbeschwerden. Und Ze Roberto hat Rücken, dürfte aber dennoch zur Verfügung stehen – wenn sich die Beschwerden nicht noch verschlimmern sollten.

17.48 Uhr