Tagesarchiv für den 6. April 2010

Guerrero und kein Ende

6. April 2010

Die Staatsanwaltschaft schaltet sich ein. Natürlich. Bei Mord und Totschlag schaltet sich immer die Staatsanwaltschaft ein. Das „Opfer“ hat zwar nichts in dieser Hinsicht unternommen, es gibt keine Anzeige gegen den Peruaner, aber der Herr Staatsanwalt wird die Ermittlungen aufnehmen. Weil so heißt es im Amts-Deutsch: „Es besteht der Anfangsverdacht einer gefährlichen Körperverletzung.“ Paolo Guerrero hat mit seinem Flaschenwurf nach dem Hannover-Spiel einiges angerichtet, er wurde vorverurteilt und im Geiste von vielen schon vom Hof gejagt, aber das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht. Offenbar noch lange nicht. Es wird noch übel enden – für Guerrero. Erstens weil der Staatsanwalt nun ermittelt, zweitens weil der DFB noch ermittelt, und drittens weil viele empörte HSV-Fans immer noch nicht verzeihen können.

Trainer Bruno Labbadia hat aber schon entschieden, dass Paolo Guerrero weiterhin im Kader des HSV bleiben wird. Fragt sich nur, wie lange noch. Der DFB wartet eine Stellungnahme des HSV-Profis ab, dann wird über eine Sperre entschieden. Es ist müßig darüber nachzudenken, ob Guererro gesperrt wird – und wie lange? Natürlich wird er gesperrt, damit jeder Spieler, der Ähnliches verbocken möchte, abgeschreckt wird. Ich fürchte, dass der gute Paolo gegen Hannover 96 sein letztes Bundesligaspiel dieser Saison bestritten hat. Befürchte schreibe ich deswegen, weil ich ihm diesen Wurf und dieses Durchdrehen schon verziehen habe. Es ist alles menschlich, auch wenn es natürlich niemals hätte passieren dürfen.

Beim Training war Paolo Guerrero natürlich dabei, und ihm war nichts von dem, was nun auf ihn eingestürzt ist, anzumerken. Er gehörte zu jenen Spielern, die bei den Torschussübungen am besten trafen. Und als das Training beendet war, nahm er sogar wieder eine dieser gelb-roten Sinalco-Trinkflaschen in die Hände, um sich zu erfrischen.

Trainer Labbadia bezog danach noch einmal Stellung zu diesem Fall: „Natürlich war es ein klarer Fehler von Paolo, jeder wird auch weiterhin noch Fehler machen – wichtig ist aber, dass wir uns von der Stimmung und von etwaigen Rufen nicht reizen lassen.“ Der HSV-Coach weiter: „Ich habe es schon einmal gesagt, dass längst viele Grenzen überschritten sind, aber damit dürfen wir sie erst recht nicht überschreiten, dieser Vorfall sollte uns eine Lehre sein.“ Labbadia nahm dann Guerrero noch einmal explizit in Schutz: „Er war fast sieben Monate weg, hatte die Probleme mit der Flugangst, er hatte sich extrem auf sein Comeback gefreut. Da sind sicherlich viele Emotionen bei ihm zusammen gekommen, dazu kamen dann noch die Pfiffe und die Rufe der Fans . . . Das ist sicher keine Entschuldigung für sein Tun, wir verurteilen das, aber damit haken wir es auch ab und hoffen, dass dieses Thema auch erledigt ist.“

Abwarten. So wie ich die Lage einschätze, wird der „Fall Guerrero“ diese Stadt noch eine ganze Weile beschäftigen. Leider. Denn es gibt ja auch noch andere Dinge, über die diskutiert werden könnte. Die Krise des HSV zum Beispiel. Vereins-Boss Bernd Hoffman hatte in den vergangenen Wochen immer wieder gezählt, wie viele Spiele und wie viele Siege es für den HSV zuletzt gegeben hatte. Um die Hoffmannschen Zählung fortzusetzen: Es sind nun 21 Spiele und nur fünf Siege. In Worten einundzwanzig und fünf. Ein Jammer.

Bruno Labbadia mit dem Wort Krise konfrontiert: „Wir wissen, dass die Ergebnisse gerade in den letzten Wochen nicht in Ordnung waren. Wenn man aber die Stimmung hier wertet, dann hat man natürlich das Gefühl, dass wir auf einem Abstiegsplatz stehen. Und dass wir nicht zum zweiten Mal seit 27 Jahren international in einem Viertelfinale stehen, und dass wir zum zweiten Male innerhalb von 27 Jahren in ein Halbfinale gehen können. Wie gesagt, dieses Gefühl hat man zurzeit nicht, aber das ist auch nicht unsere Aufgabe. Unsere Aufgabe ist es, am Donnerstag in Lüttich eine Runde weiter zu kommen.“

Die Stimmung beim Training an diesem Dienstag war gut. In meinen Augen sogar endlich einmal sehr gut. Teilweise wurde gelacht und geblödelt – und natürlich ernsthaft gearbeitet. Um noch einmal kurz auf die Torschussübungen zurück zu kommen: Jerome Boateng schoss ein herrliches Tor, traf die Unterkante der Latte, der Ball prallte nach unten und unter das Netz zurück. Und auch der Spieler, der zuletzt nicht in der Startelf stand (und nur eingewechselt wurde) und angeblich mein Informant sein soll, traf mit einem sehenswerten Heber, so dass neben einigen Teamkollegen sogar auch der Trainer Beifall spendete.

Zwei „Altinternationale“ des HSV konnten diese Tore nicht sehen, weil sie im Kraftraum geblieben waren: Ruud van Nistelrooy und Ze Roberto. Vorsichtsmaßnahmen. „Van the man“ hatte gegen Hannover 96 eine leichte Verhärtung im rechten Oberschenkel (aber nicht nur dort, sondern dort am meisten) verspürt und war deswegen zur Pause in der Kabine geblieben. Auch eine Vorsichtsmaßnahme. „Ich habe feste Muskeln gespürt, deswegen war es besser, dass ich nicht mehr gespielt habe, aber in Lüttich werde ich wieder dabei sein“, sagt van Nistelrooy, der zum ersten Mal erlebte, dass die Hamburger Fans ihren HSV schon vor Spielende auspfiffen. Für ihn offenbar nichts Besonderes: „Ich habe vor 90 000 Zuschauern gespielt, die schon nach fünf Minuten begannen, uns auszupfeifen. Natürlich haben die Fans das Recht, uns auszupfeifen. Was wäre das wohl, wenn die da sitzen müssten und dürften nicht pfeifen? Natürlich dürfen die alles machen was sie wollen. Und wir als Spieler müssen damit umgehen. Wenn wir dann ein Tor schießen, hören sie auf mit der Pfeiferei.“

Zur Aktion von Paolo Guerrero befand Ruud van Nistelrooy: „Ich denke, dass beide etwas gemacht haben, Paolo und der Fan. Mehr möchte ich nicht sagen, ich möchte keine Energien daran verschwenden, wir stehen vor einem ganz wichtigen Spiel für den HSV.“ Und zu Lüttich sagte er: „Wir haben hier gegen Standard ein gutes Spiel gemacht, das können wir dort auch.“ Es würde ja passen: In Europa hui, in Deutschland pfui. „In Europa spielen die Gegner mehr mit, sind offener, aber in der Bundesliga kommen Gladbach und Hannover, die stellen sich hinten rein. Dann müssen wir das Spiel machen, aber können keinen Druck machen und keine Chancen kreieren, das ist unser Problem. Wir haben gegen München und Schalke viel besser gespielt, und dann kommen die Vereine, die gegen den Abstieg kämpfen – und es gelingt uns nicht.“ Van Nistelrooy Rezept, um wieder in die Spur zu kommen: „Wir müssen ruhig bleiben. Andere Vereine machen es uns vor. Werder Bremen zu Beispiel hatte einige Spiele verloren, kam dann aber wieder mit Siegen zurück. Das müssen wir auch schaffen.“

Ganz 13 Ballkontakte hatte van Nistelrooy in der ersten Halbzeit gegen Hannover 96. Welch eine Minuszahl. Für ihn ein völlig neues Gefühl. Dabei bemüht er sich immer, viele Bälle zu holen und nach vorne zu bringen. „Wir analysieren, wir hoffen, dass wir es ändern können, aber das wird sicherlich nicht von heute auf morgen zu ändern sein“, sagt der Stürmer und fügt an: „Wir spielen gut von hinten heraus, aber dann fehlt der letzte Pass oder die Flanke. Man kann auch nicht immer in den Fuß spielen, man muss auch in die Tiefe spielen, um hinter die Verteidigung zu kommen. Wir müssen das Spiel breit machen, denn wenn wir es eng machen, dann hat es der Gegner leichter. Und oft machen wir es noch zu eng.“

Oft geht Ruud van Nistelrooy ganz weite Wege (zurück). Er verteidigt das: „Im Moment brauchen wir dort Leute, die den Ball halten, verteidigen und verteilen. Das erwartet der Trainer auch von mir. Aber wenn man dann vor dem Tor ist, dann fehlt . . .“ Er sagt es nicht. Dass dann die Kraft und die Konzentration fehlen. Natürlich ist es so. Es wäre bei jedem anderen Stürmer so, aber bei ihm noch extremer, denn er ist noch nicht bei 100 Prozent. Er sagt: „Das Hinspiel gegen Lüttich war sehr schwer für mich. Da musste ich alles machen: Ball erobern, verteilen, dann vor das Tor kommen, dann bei allen Standards des Gegners zurück in unseren Strafraum – das kostet viel Kraft. Und das habe ich auch Sonntag gegen Hannover gespürt. Aber Donnerstag wird eich wieder dasselbe machen, denn ich habe das Gefühl, dass es im Moment notwendig ist. Es ist wichtig für die Mannschaft, deswegen ist es unwichtig, was es für mich bringt. Ich mache es weiter so.“

Er hat mit allen seinen Vereinen stets die Sonnenseiten der Meisterschaft ausgekostet, denn wo van Nistelrooy war, war immer oben. Nur beim HSV läuft es nun anders. Deswegen fragte ich, ob er nun enttäuscht sei: „Nein, ja. Natürlich erhofft man sich mehr, dass man Zweiter oder Dritter sind und um die Champions League kämpft, oder um Meister zu werden. Aber man kann nicht immer das haben, was man sich wünscht.“ Van Nistelrooy weiter: „Ich habe mich mit vollem Verstand für den HSV entschieden, und dann nehme ich es so wie es kommt, dann kämpfe ich dafür, es zu verbessern. Das habe ich bislang versucht, das werde ich auch weiter machen. Und das ist nicht nur diese Saison so, das werde ich auch weiterhin machen.“

Und damit beginnt Ruud van Nistelrooy auf jeden Fall schon am Donnerstag, beim Viertelfinal-Spiel in Lüttich.

Ein kurzer Gedanke noch schnell zu Frank Rost. Ich habe beim Training etliche Fans gehört, die den Keeper ob seiner Worte zum „Fall Guerrero“ verurteilt haben. Ich möchte einmal zu bedenken geben, dass Rost seit Wochen kaum einmal ein richtiges Erfolgserlebnis hatte. Die anderen Kollegen natürlich auch nicht, aber ihm, der manchmal überehrgeizig ist, flogen die Bälle nur so um die Ohren. Er verzweifelte in manchen Spielen, und er war oft total sauer, wenn er den Rasen verließ. Diesmal blieb er zwar ohne Gegentor, auch deshalb, weil er nicht einen Ball halten musste – aber es gab nur ein enttäuschendes 0:0. Für alle unbefriedigend, für Frank Rost muss es noch mehr sein. Und dann dieser Flaschenwurf. In Rost arbeitete es ohnehin, denn er wollte (wie alle anderen) gewinnen – und dann dieses Ende nach Spielende. Dass er dann in seiner Unzufriedenheit in Sarkasmus verfällt und leicht überzieht, ist in meinen Augen zu verzeihen. Und ich hoffe, dass die meisten von Euch das auch tatsächlich so sehen – und auch verzeihen können.

18.12 Uhr