Tagesarchiv für den 5. April 2010

Guerrero bittet um Entschuldigung

5. April 2010

Er saß in seinem Sessel wie ein Häufchen Elend. So drückte es Supporters-Boss Ralf Bednarek aus – und traf damit voll ins Schwarze. Paolo Guerrero musste am Tag danach noch einmal in die Nordbank-Arena kommen, um die „Affäre Flaschenwurf“ aufzuarbeiten. Mit ihm saßen Katja Kraus, Bernd Hoffmann und Oliver Scheel, also der komplette Vorstand, am Tisch, dazu auch Kapitän David Jarolim und Bednarek. Besondere Umstände erfordern eben auch besondere Maßnahmen.
Dass Guerrero wie ein „Häufchen Elend“ in seinem Sessel hockte, kam nicht ganz unerwartet. Seine Aktion hatte bundesweit für Aufsehen und teilweise auch für Empörung gesorgt. Guerreros Worte: „Ich möchte mich zuerst bei der Person entschuldigen, die ich mit der Flasche getroffen habe. Es tut mir leid. Es ist total schlecht, was ich gemacht habe, ich weiß, dass ich damit kein Vorbild für die Jugend bin, das ist kein Thema. Ich entschuldige mich auch bei allen HSV-Fans, bei meinen Mannschaftskollegen, bei den Trainern und dem Vorstand.“

Guerrero ist vor dem Wurf von dem Fan (oder den Fans?) bepöbelt worden. Das reizte den Südamerikaner zuerst zu einem Wortgefecht, dann flog die Flasche. Mit dem Fan will sich Paolo Guerrero möglichst noch in dieser Woche treffen, um seine Entschuldigung persönlich an den Mann zu bringen. Es ist dem Peruaner abzunehmen, dass er es ernst meint.

Dass es eine Strafe von Seiten des Vereins geben musste, war Guerrero natürlich klar – er hat und wird sie auch klaglos akzeptieren: „Ich weiß, was ich falsch gemacht habe.“ Vom HSV wird es eine saftige Geldstrafe geben. Und zwar die höchste, die der Klub jemals gegen einen seiner Spieler verhängt hat. Eine Summe zwischen 50 000 und 100 000 Euro ist vorstellbar. Dazu wird er an einigen Fan-Aktionen teilnehmen (müssen), und es kann natürlich noch eine Sperre durch DFB/DFL geben. Von einem Rauswurf seines Stürmers sah der HSV aber ab. Bernd Hoffmann erklärte: „Guerreros Verhalten ist in keiner Weise zu akzeptieren, unser Fans, unser Publikum ist das Rückgrad unserer Unterstützung und die Lebensversicherung unseres Vereins. Und egal, was da verbal geäußert wird, die Reaktion von Paolo Guerrero ist absolut inakzeptabel für uns.“ Nach internen Diskussionen kam der HSV dann dazu, keine Sperre und keinen Rauswurf als Strafe zu verhängen. Hoffmann: „Es ist natürlich eine Verfehlung, aber die Tatsache, dass er diesen Fehler glaubhaft einsieht, haben uns dazu veranlasst, ihm eine zweite Chance zu geben. Es war, das gebe ich zu, eine extrem schwierige Entscheidung für uns. Paolo hat diese zweite Chance aber unserer Meinung nach verdient, denn in den vier Jahren, in denen er nun hier ist, ist er in dieser Art nie auffällig geworden.“

Kapitän David Jarolim zu dieser Situation: „Das kann man nicht entschuldigen, was passiert ist, aber die Mannschaft steht hinter Paolo. Es war eine emotionale Reaktion von ihm, es kam leider alles raus aus ihm – dann kann so etwas passieren. Es darf nicht, aber es kann.“ Der Tscheche sagt weiter: „Paolos Reaktion war schlecht, aber man hat das ja schon bei anderen Spielern erlebt, von denen vorher auch niemand geglaubt hatte, dass sie sich zu einer solchen Aktion hinreißen lassen würden.“ Einen Satz in Richtung Fans verlor Jarolim auch: „Wir brauchen sie, wir wollen doch gemeinsam mit ihnen für unsere Ziele kämpfen.“ Bernd Hoffmann zu diesem Thema: „Die Zuschauer haben natürlich das recht, ihren Unmut über eine möglicherweise schwache Leistung zu äußern, da gibt es überhaupt keine Diskussion. Und das was es an Unmutsäußerungen bislang in dieser Saison gegeben hat, das war alles im Rahmen, da ist auch nichts eskaliert.“

Für die Fans sagte Ralf Bednarek: „Natürlich war das eine schlimme Geschichte, das ist nun einmal Tatsache, aber wichtig ist, dass es von Paolo ein wirklich glaubhafte Entschuldigung gegeben hat. Er hat sich in der Nacht danach mit diesem Vorfall auseinander gesetzt, und die Entschuldigung ist meiner Meinung nach der entscheidende Schritt.“ Der Supporters-Chef weiter: „Wenn sich nun beide Seiten zu einer Entschuldigung treffen, dann müssen wir auch in der Lage sein, innerhalb der HSV-Familie, um es einmal so blumig auszudrücken, in der Lage sein, wieder zusammen zu finden. Dazu haben wir in den letzten Jahren doch alle viel zu gut zusammengehalten, ich erinnere da nur an die Fast-Abstiegs-Saison mit der „Jetzt-erst-recht“-Kampagne – und dazu müssen wir wieder zurück finden.“

Am Dienstag wird es wohl eine Reaktion aus Frankfurt (DFB/DFL) geben, und dann werden sich die Wellen wahrscheinlich auch bald wieder glätten. Zumal es ja auch noch – so ganz nebenbei – um Fußball geht. Und da hat der HSV sicherlich Glück im Unglück, dass sich nun alles (oder viel) auf den „Fall Guerrero“ fokussiert – und die desolate Leistung beim 0:0 gegen Hannover fast zu einer Nebensächlichkeit verkümmert. Was ich für fatal halte, denn über diese Minus-Leistung sollte sehr wohl noch das eine oder andere Wort verloren werden.

Ehrliche und nachdenkenswerte Worte hatte schon David Jarolim unmittelbar nach dem Grottenkick verloren, indem er zugab: „Wenn wir ein solches Spiel nicht gewinnen, welches wollen wir dann noch gewinnen? Dann weiß ich auch nicht mehr. Für uns das alles nur noch bitter. Gegen eine Mannschaft, die sich nur hinten rein stellt, sich in die Hose scheißt, gewinnen wir nicht. Wir sind zu dumm. Das ist ein bitterer Rückschlag für uns.“

Torwart Frank Rost gab zu Protokoll: „Der Ärger über das Spiel ist größer als über das, was danach kam. Letzteres würde ich auch nicht überbewerten, das wird aufgebauscht. Spieler kriegen Golfbälle und was weiß ich nicht alles an den Kopf geworfen, das gehört im Fußball dazu – auch wenn es das nicht sollte. Wir müssen der Realität ins Gesicht blicken. Paolo macht das ja nicht, weil ihn ein Zuschauer lobt und erzählt, dass er der Beste ist. Da werden schon deftige Sachen gesagt worden sein, wie auch Mannschaftskameraden bestätigt haben. Und dann trifft da südamerikanisches auf norddeutsches Temperament.“ Und Rost weiter: „Paolo hatte etwas in der Hand, hat ganz gut geworfen. Die New York Yankees würden ihn sofort verpflichten . . .“ Zu diesem Kommentar gab es von Bernd Hoffmann auch noch einen Satz: „Um das ganz klar zu sagen: Es ist in der Einordnung nicht richtig, was Frank Rost gesagt hat, und es dient auch nicht dazu, die Sache zu entschärfen.“

Um auch noch einmal den Trainer zu Worte kommen zu lassen, hier das Statement zum Spiel von Bruno Labbadia: „Wir sind das Spiel von der ersten Minute gut angegangen, hatten eine gute Einstellung gewählt. Uns war klar, dass wir den Gegner hinten reindrängen würden, und war auch klar, dass das funktionieren würde. Wir haben keine einzige Torchance für Hannover zugelassen, wir haben Konter von 96 vermieden, indem wir gut nachgepresst haben. Wir hatten auch die eine oder andere Torchance in der ersten Halbzeit, aber leider ist uns kein Tor gelungen.“ Weiter befand der HSV-Coach: „Umso länger das Spiel dauerte, umso tiefer hat sich Hannover natürlich hinten reingestellt. Was uns da ein Stück weit natürlich gefehlt hat, dass wir über die Standardsituationen noch gefährlicher kamen, weil wir da einfach viele Möglichkeiten hatten. Wir haben auch versucht, das Spiel breit zu machen, haben dann auch mit der Einwechslung von Robert Tesche, ihn auf hinten rechts zu stellen, noch mal offensiver zu werden, aber wir konnten uns einfach nicht entscheidend durchsetzen. Trotzdem muss man unterscheiden, wie das Spiel wahrgenommen wird, und was die Mannschaft investiert hat. Die Mannschaft hat sehr, sehr viel investiert – das ist gut gewesen. Es war auch Bewegung da, aber, wie gesagt, wir konnten uns vorne nicht durchsetzen. Ansonsten, klar, wir sind enttäuscht, dass wir es nicht geschafft haben, ein Tor zu machen. Und von dem her ist es ein Stück schade, dass wir das nicht mitnehmen konnten, was wir uns in der Europa League uns ein bisschen erarbeitet hatten.“

Auch Bernd Hoffmann hatte noch eine Meinung zur 0:0-Enttäuschung: „Ich bin nicht zufrieden mit dem Spiel, aber wir müssen mit dem 0:0 leben und jetzt alle Kräfte bündeln.“ Zur Wirkung der Aussprache vor dem Lüttich-Hinspiel, befand der HSV-Boss: „Wir können jetzt nicht jeden Tag ein Fazit ziehen und alles zwischenbilanzieren. Wir werden die Situation im späten Mai zusammenfassend analysieren.“

Wie bereits mehrfach von mir angemerkt – jetzt noch einmal: Bernd Hoffmann steht nicht für eine Rückentwicklung, auch nicht für Stagnation und auch nicht für Mittelmaß. Abgerechnet wird (von ihm) am 13. Mai 2010. Darauf sollten wir uns alle freuen.

Was ich noch kurz zum Hannover-Spiel sagen möchte: Jeder beim HSV wusste, dass es ein Spiel auf ein Tor geben würde. Jeder. Warum aber dann Tunay Torun, der schnell ist und meistens den direkten Weg zum Tor sucht, in der Startelf stand, ist mir schleierhaft. Muss ich so krass sagen. Die Räume waren eng und wurden immer enger, da war Kreativität gefragt. Gegen diese Maurer von 96 war – nach meiner Meinung – jeder Spieler willkommen, der etwas mit der Kugel anzufangen versteht – sprich der dribbeln kann. Ich will den Namen, den ich in der Anfangsformation vermisst habe, nun nicht noch einmal wiederholen, weil der ja auch mein Informant sein soll (es ist alles so lachhaft!), aber dieser Spieler wäre eine Alternative gewesen. Und Ende.

Fast jedenfalls. Noch ein Wort zu Torun: Ich will, wie mir hier schon unterstellt wurde, keineswegs „fertigmachen“. Im Gegenteil: Ich freue mich, wenn er überzeugende Spiele abliefert. Was er zurzeit aber nicht macht. Und deswegen wäre es meiner Meinung nach besser, wenn er sich durch gute Leistungen im Training anbieten würde. Nun aber, bei seinem Negativlauf, erntet er viele Pfiffe, nehmen die Skeptiker von Tag zu Tag zu – und deshalb tut er mir ganz einfach leid, der junge Mann. Es ließe sich auf jeden Fall vermeiden, aber das ist ein (zu) langes Thema – ich habe ja bereits wieder ein Buch geschrieben. Sorry.

Zum Schluss noch ein ganz kurzer Schwenk zu 96. Wie die Niedersachsen sich über dieses 0:0 gefreut haben, war schon sehr, sehr merkwürdig. Da wird gejubelt, obwohl der Verein absteigt – unfassbar. In Hannover kriegt das wahrscheinlich gar keiner mit, was sich bei 96 tut – beziehungsweise nicht tut. Einst waren die „Roten“ ein Angstgegner für den HSV, und nun wird schon gejubelt, wenn es nach einer wahrlich unterirdischen Leistung ein 0:0 in Hamburg gibt. Oh, Hannover 96, wie tief bist du gesunken!

Aber das soll nicht unser Thema sein, in Hamburg gibt es genügend große und riesige Rätsel um den HSV herum, die auf Lösungen warten. Packen wir es an.

18.30 Uhr