Tagesarchiv für den 4. April 2010

. . . der werfe den ersten Stein

4. April 2010

Diese Szene wird in die Bundesliga-Geschichte eingehen. In die der Fernsehsender. In jedem Bundesliga-Rückblick wird Paolo Guerrero noch in 50 Jahren diese Flasche werfen, und in jedem Rückblick wird auch der einzige Treffer des Tages zu sehen sein. Eine Flasche, ein Wurf – ein Eklat. Nach diesem 0:0-Kick gegen Hannover 96, für mich eines der schlechtesten HSV-Spiele aller Zeiten, sprach kaum noch einer vom fußballerischen Versagen der Beteiligten, sondern nur noch von Paolo Guerrero und seinem Ausraster, dem Flaschenwurf.

Wie weit darf ein Profi gehen?

Wir sollten nun alle einmal die Luft anhalten, tief durchatmen – und dann in aller Ruhe analysieren. Erst einmal hat der Fan etwas gerufen, was ganz sicher nicht fair war, im Gegenteil, es dürfte sehr unfein gewesen sein, was er verbal in Richtung der HSV-Profi losgeworden ist. Der Mann wollte seinem Unmut freien Lauf verschaffen. Im Profi-Sport heißt es so schön begleitend: Ein Fan darf das, denn er hat Eintritt bezahlt. Und im Volkspark nehmen sich dieses Recht auch die “Schnittchen-Fans” heraus. Seit Jahren schon, da gibt es keine vornehme hanseatische Zurückhaltung mehr.

Alles ganz normal? Für Hamburg, und wohl nicht nur für Hamburg, völlig normal. Siehe der Vorfall von einst, siehe Atouba mit dem Stinkefinger.

Aber: Muss ein jeder Profi auch ein so dickes Fell haben, um über solche Pöbel-Attacken erhaben zu sein? Schön wäre es ja, aber es gibt ihn auch in diesem Fall nicht, den idealen Profi. Bruno Labbadia warb nach dem Spiel und dem Vorfall um Verständnis für Guerrero und sprach davon, dass Südamerikaner in solchen Fällen ein ganz anderes Temperament entwickeln als wir Europäer.

Das ist wohl richtig. Kurios war nur, dass Joris Mathijsen, der in der betreffenden Szene genau neben Guerrero gegangen war, ebenso aufgebracht war wie sein Teamkollege aus Peru. Der Niederländer wäre wohl am liebsten sofort über die Barriere gehüpft, um diesem „Fan“ die Meinung zu sagen – oder auch auf etwas andere Art „etwas näher zu bringen“. Zum Glück gab es Betreuer, die dies verhinderten.

Welche Strafe gibt es nun für Paolo Guerrero? „Das war sein letzter Einsatz für den HSV“, hörte ich von unzähligen Fans auf dem Heimweg. Gemach, gemach. Ich wäre für eine saftige Geldstrafe, für eine nette Entschuldigung bei dem Fan, der sich allerdings auch entschuldigen müsste – und dann müssten wir alle abwarten, ob sich die Deutsche Fußball-Liga zu einer Sperre durchringen wird. Zu vermuten ist es ja – leider.

Leider? Leider sage ich deshalb, weil Paolo Guerrero ein echt netter Kerl ist. Wir von den Medien lernen einen Profi im täglichen Miteinander ja von einer etwas anderen Seite kennen. Mal gibt es schwierige Charaktere, meistens aber sind es Kumpeltypen, kleine Schlitzohren die wunderbar in diese Welt passen, und dazu gibt es auch viele ganz, ganz nette Kerle. So wie der nette Junge von nebenan. Letzterer Gruppe gehört Guerrero an. Der Mann ist nett, er ist nie aggressiv, nie laut, nie böse, lacht oft verschmitzt. Ganz, ganz ehrlich: Ich habe Paolo Guerrero noch nie link und nie bösartig erlebt, auch nie ausrastend. Und wenn er nun einmal so richtig ausgerastet ist, dann liegt es erstens daran, dass er sehr gereizt wurde (mehr als das „übliche Maß“), und zweitens auch daran, dass er und seine Teamkollegen nach einem Katastrophen-Spiel von über 50 000 HSV-Fans ausgepfiffen worden waren. So etwas geht an die Nerven. Für ihn kam es besonders dick: Nach so langer Pause endlich einmal wieder 45 Minuten spielen, und dann mit einem solchen Resultat. Guerrero hätte der Held werden können, wenn er seine Groß-Chance genutzt hätte, aber er wurde es nicht. Vielleicht hatte er bei seiner Einwechslung davon geträumt, und dann kam alles ganz anders, viel, viel schlimmer. Bei seinem Abgang diese Pöbeleien . . .

Ganz klar: Ich habe Verständnis für Paolo Guerrero. Das sage ich deutlich, dazu stehe ich auch. Auch ein Profi ist nur ein Mensch: Wer jetzt den Stab über Guerrero bricht, der sollte sich einmal in die Situation des Peruaners versetzen. Wer lässt sich schon gerne auf dem Niveau „unterste Schublade“ bepöbeln? Du? Du, der jetzt den Rauswurf von Paolo Guerrero forderst? Wenn Du das aushältst, dann Gratulation. Aber nicht alle haben Nerven wie Drahtseile. Ich zum Beispiel wäre an Paolo Guerreros Stelle wohl auch durchgedreht, gebe ich ehrlich zu. Und glaube mir, so stark wie Du, der es ignoriert – oder der lächelt – wenn er bepöbelt wird, sind lange nicht alle. Irgendwann ist das Maß voll, und bei Paolo Guerrero war das an diesem Ostersonntag der Fall. Das ist Fakt.

Wobei ich eines auch nicht möchte: diese Aktion verharmlosen. Was dort mit Guererro und er Flasche passiert ist, darf ganz einfach nicht passieren. Diese Flasche hätte eventuell auch ein kleines Kind treffen können. Oder auch für großen Schaden (Augen?) sorgen können. Und deshalb muss es auch ganz sicher eine Bestrafung für den Peruaner geben – nur nicht die Höchststrafe; ich lehne den Rauswurf ab, total ab.

. . . der werfe den ersten Stein!

23.38 Uhr

Erbärmlich!

4. April 2010

Nur der HSV! Egal wie! Das war Folter-Fußball der besten Güte, das grenzte an Leistungsverweigerung, aber es ist Realität. Der HSV schaffte gegen zehn Spieler von Hannover 96 ein 0:0. Kümmerlicher und erbärmlicher geht es nicht mehr! Wann passiert in Hamburg endlich etwas? Aufwachen, HSV, sonst gibt es am Donnerstag in Lüttich das nächste böse Erwachen! Was läuft da noch zwischen Mannschaft und Trainer? In meinen Augen geht da nichts mehr. Diese 90 Minuten vom Ostersonntag waren ein einziger Offenbarungseid. Mehr Fußball zum Abgewöhnen geht ja gar nicht! Dass dieser HSV, der ja einmal um die Meisterschaft gespielt und gekämpft hat, der sogar sechs Mal in dieser Saison auf Platz eins stand,einen so schrecklichen Fußball spielen kann, ist für mich vorher unvorstellbar gewesen, aber es geht immer noch eine Nummer schlechter. Wo endet dieser Absturz noch? Und wann? Das ist die einzige Frage, die sich aus einem solchen Dilemma, aus einem solchen Desaster ergibt. Jetzt sollte es endlich und wirklich einmal eine Aussprache unter allen beteiligten geben!

Aufwachen, HSV!

Es handelte sich bei diesem Kick tatsächlich um ein Erstliga-Spiel. Nun gut, Hannover 96 ist im Moment auf Abschiedstournee und mit Sicherheit demnächst zweitklassig, und der HSV? Na ja, der HSV spielte wie der HSV. Vor der Wende. Nicht die als die Mauer fiel. Ich meinte die Wende, die es vor dem Lüttich-Spiel gegeben hatte. Hatte. 20 Minuten richtig guten Tempo-Fußball, und zum Schluss ein 2:1-Sieg. So sollte es weitergehen. Sollte. Was die ersten 45 Minuten im Volkspark anging, fragte ich mich tatsächlich, in welchem Film ich hier sitze!? Erstliga-Fußball? Das war wieder einmal nur schlimm. Obwohl schlimm noch untertrieben ist. Das war erbärmlich, unterirdisch, blamabel. Und unfassbar. Was will dieser HSV eigentlich erreichen? Die Konkurrenz rückt immer näher, und der HSV zeigt eine solche Begeisterung, brennt ein solches Feuer ab, zeigt Engagement, Leidenschaft und brillanten Fußball – als ginge es darum, Platz zehn zu sichern!

Selten einmal gab es zur Halbzeitpause so wütende Kommentare der Zuschauer. Mir flogen allerhand Sätze um die Ohren. Ein Mann um die 60 fragte mich, in welchem Verhältnis Bruno Labbadia zu Tunay Torun steht? Keine Ahnung. Und unsere „Eiche“ hatte bemerkt, dass sich Ze Roberto (noch der beste Hamburger) alle 30 Sekunden die Fußballstiefel neu zu schnürte. . . Das ist ja auch ganz okay, denn mit offenen Stiefeln kann man doch nicht spielen. Fußballerisch gab es keine Frage, alle Fans waren in dieser Hinsicht restlos bedient. Und so richtig Fußball wurde ja auch gar nicht gespielt, es fand jedenfalls nicht ganz so viel Erwähnenswertes statt. Ein Lattenschuss von Aogo. Ende. Ansonsten Krampf ohne Ende. Anti-Fußball bis zum Abwinken.

Die ersten Pfiffe gab es allerdings erst in der 42. Minute. Da soll einer mal sagen, dass die Hamburger keine Geduld hätten. Die können schon viel vertragen. Dass es aber Pfiffe zur Pause gab, hätten allen Beteiligten zu denken geben können. Können. War aber nicht. Und die Pfiffe zum Wiederbeginn? Wem galten die? Ruud van Nistelrooy war draußen geblieben, für ihn kam Paolo Guerrero. Und Lotto King Karl begründete die Auswechslung damit, dass „Van the man“ angeschlagen sei. Da verstummten dann die Pfiffe. . .

Aber das Spiel wurde kaum besser. Das Halbzeitdonnerwetter von Bruno Labbadia hatte seine Wirkung wohl ein wenig verfehlt. Wenn es ein Donnerwetterchen überhaupt gegeben hat. Keine Ahnung. Ich weiß nur, dass es nach 45 Minuten auch keine Umstellungen gegeben hatte. Hannover 96 stand mit Mann und Maus hinten drin, und der HSV wartete mit der Viererkette Tomas Rincon, Jerome Boateng, Joris Mathijsen und Dennis Aogo auf das, was da aus Richtung Niedersachsen kommen sollte. Da kam zwar fast nichts, aber der HSV konnte ja auch nicht alles nach vorne werfen, denn dann würden ja die Räume vor dem 96-Strafraum zu eng. Und: Vor der Viererkette warteten auch die beiden „Sechser“ auf ganz Hannover. Und neben den „Sechsern“ warteten Tunas Torun und Jonathan Pitroipa darauf, dass ihnen etwas gelingt. Torun wartete vergeblich. Leider. Und ich muss ehrlich gestehen: Der junge Mann tut mir leid. Weil ihn sein Trainer durch das Fegefeuer schickt. Torun gelingt derzeit nicht viel, aber der Coach stellt ihn immer wieder auf. Dass es Pfiffe gegen Torun gibt, ist normal. Dass dem kleinen Türken damit kein Gefallen getan wird, finde ich auch ganz normal. Aber es ist ja wie es ist . . .

In der 59. Minute flog Hannovers Stajner mit Gelb-Rot vom Platz. Eine halbe Stunde mit elf gegen zehn. „Wir woll’n euch kämpfen seh’n“, skandierte der Norden. Immerhin schon der 77. Minute. Kurz zuvor waren Piotr Trochowski und Robert Tesche für
Rincon und Torun gekommen.

Wenn ich gesehen habe, wie Frank Rost wirbelte, um an einen Ball zu kommen, damit er einen Abstoß nach vorne befördern kann – der Keeper zeigte Leben. Der raste auf den Balljungen zu und machte schnell, schnell, schnell. Aber die anderen zehn HSV-Spieler? Überfordert. Hilflos. Katastrophal!

Passend dazu: Pinto trat gegen Mathijsen nach, der Schiedsrichter (Sippel, nur der Vollständigkeit halber), der so klasse war wie dieser Kick, sah nichts – und Mathijsen rannte den 96-Spieler Sekunden danach um – Gelb in der 88. Minute.

Schon während der Schlussphase gab es ein zu Herzen gehendes Pfeifkonzert. Der Tiefpunkt einer Saison, die auf dem schlechtesten Wege ist, total verkorkst zu enden.

Aufwachen, HSV, und zwar blitzartig!

PS: Eigentlich wollte ich diesen Artikel gar nicht erst verfassen, denn der HSV hat ja auch nichts gemacht – aber ich wollte meinen Chef denn doch nicht ganz enttäuschen. Um genau19.38 Uhr verabschiede ich diesen Text – und mich in die Nacht. Unfassbar, was hier geschehen ist. Obwohl ein Kollege beim Gehen noch etwas zum Schmunzeln sagte: “Hauptsache nicht verloren!”

Bleibt noch nachzutragen, dass sich Paolo Guerrero nach dem Schlusspfiff noch eine besondere Entgleisung geleistet hat. Ein Zuschauer am Spielertunnel pflaumte ihn an, Guerrero schmiss eine Wasserflasche nach ihm. Weil wohl auch der Satz gefallen sei: “Geh zurück nach Peru . . .” Ein Zwischenfall, der ganz sicher ein Nachspiel haben wird, eine Sperre für den HSV-Stürmer scheint sicher. Auch das noch!

Die Schande vom Volkspark

4. April 2010

0:0 gegen Hannover 96. Mehr nicht.

19.22 Uhr